Henry Müller – der Angriffsverteidiger von der Hoheluft

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg hatte Deutschland zwei Verteidiger namens Müller. So beginnt das Lexikon von 1939 seinen Doppeleintrag. Der eine hieß Josef und spielte in Fürth. Der andere hieß Henry, kam aus Hamburg und war, so das Lexikon, »der Typ des energischen Angriffsverteidigers«. Henry Müller spielte seine ganze Laufbahn für Victoria Hamburg, gewann 1919 mit Norddeutschland den Pokal der Landesverbände und kam zwischen 1921 und 1928 auf neun Länderspiele. Für die norddeutsche Auswahl spielte er 51-mal, so oft wie sonst nur Adolf Jäger.

Henry Müllers Laufbahn · 1914–1930
Henry Müllers Laufbahn · 1914–1930

»Henry Müller war der Typ des energischen Angriffsverteidigers, während der ›Sepp‹ mehr die Sache an sich herankommen ließ.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Hamburger bei Victoria

Alfred Henry Müller wird am 12. August 1896 in Hamburg geboren. In der Saison 1914/15 schafft er laut Wikipedia den Durchbruch beim FC Victoria 1895, dem Verein von der Hoheluft. Im Krieg spielen die Victorianer als Kriegsvereinigung Victoria/88, und als solche werden sie 1919 mit einem 2:0 gegen den Bremer SC norddeutscher Meister. 1920 folgt die Hamburger Meisterschaft.

Hinten bildet Müller mit Ernst Eikhof und Torwart Charly Pohl die Achse des Teams. Wikipedia beschreibt ihn als »großgewachsenen, sachlich-nüchtern agierenden Verteidiger«. Ab März 1921 trainiert der Engländer William Townley die Mannschaft, und in dieser Zeit beginnt Müllers Karriere in der Nationalelf.

Der große Tag: Pokalfinale in Berlin (Juni 1919)

Sein erstes großes Spiel macht Müller aber schon vorher, in der Auswahl. Der Wettbewerb der Landesverbände heißt 1919 noch Kronprinzenpokal, so jedenfalls die Bildunterschrift in »Libero«, bald darauf Bundespokal. Am 29. Mai 1919 steht Müller zum ersten Mal in der norddeutschen Elf, beim Halbfinale gegen Brandenburg auf dem Victoria-Platz. 10.000 Zuschauer sehen ein 5:1. Auf der anderen Seite spielt Arthur Marohn, der zwei Jahre später mit Müller in Budapest debütieren wird.

Zehn Tage danach, am 8. Juni 1919, geht es im Deutschen Stadion in Berlin gegen Süddeutschland. Wieder 10.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Curt von Paquet. Müller bildet mit dem Altonaer Waldemar Gilge das Verteidigerpaar. Vorn stürmen Adolf Jäger, Otto Harder und Walter Lorenz, und sie überrollen den Süden. Nach 32 Minuten steht es 4:0.

Nach der Pause wird es eng. Der Nürnberger Ludwig Philipp trifft zweimal, der Fürther Leonhard Seiderer ebenfalls zweimal. Doch zwischen den Treffern schießt Lorenz das fünfte Tor, und am Ende steht es 5:4. Der Norden gewinnt den Pokal, mit vier Victorianern in der Elf: Pohl, Müller, Walter Krause und Heinrich Mechling.

Für Müller ist es der Beginn einer langen Auswahlkarriere. 1925 gewinnt er mit Norddeutschland noch einmal ein Finale gegen den Süden, 2:1, gegen eine Mannschaft mit Sepp Herberger. Laut »Libero« kommt er auf 51 Spiele für den Norddeutschen Verband, so viele wie Adolf Jäger. Zusammen sind sie die Rekordspieler.

Neun Länderspiele

Das Debüt in der Nationalelf ist unglücklich. Am 5. Juni 1921 spielt eine ersatzgeschwächte deutsche Mannschaft in Budapest, mit sechs Neulingen, weil die Spitzenspieler in der Endrunde um die Meisterschaft gebraucht werden. Ungarn gewinnt 3:0. Wikipedia zitiert aus der Berichterstattung: »Karl Tewes und Henry Müller verhinderten Schlimmeres.«

Besser läuft es im Frühjahr darauf. Am 23. April 1922 gewinnt Deutschland in Wien vor 70.000 Zuschauern 2:0. Müller ist dabei. 1923 wird sein Jahr in der Nationalelf, er spielt gegen Holland, die Schweiz, Schweden und Finnland. Im Spiel gegen Finnland in Dresden unterläuft ihm nach zehn Minuten ein Eigentor, Deutschland verliert 1:2.

Einen Auftritt beschreibt das Lexikon von 1939 genauer. An einem »grauen Novembertag des Jahres 1924« verliert Deutschland in Duisburg 0:1 gegen Italien, und Henry Müller muss für den verletzten Toni Kugler einspringen. Es ist das einzige Mal, dass die beiden Müller gemeinsam in der Nationalelf stehen.

Vier Jahre später wird er noch einmal gerufen. Am 23. September 1928 gewinnt Deutschland in Oslo 2:0 gegen Norwegen. Es ist das erste Spiel unter Reichstrainer Otto Nerz und Müllers letztes.

Nach dem Fußball

Anfang der dreißiger Jahre hört Henry Müller auf und arbeitet in Hamburg als Versicherungsmakler, ein Beruf, den schon das Lexikon von 1939 nennt. Er stirbt am 8. September 1982 in Stade, 86 Jahre alt. Begraben liegt er auf dem Friedhof Ohlsdorf in seiner Geburtsstadt.

Henry Müller auf einen Blick

Geboren: 12.8.1896 in Hamburg
Gestorben: 8.9.1982 in Stade
Vereine: FC Victoria 1895 Hamburg (im Krieg KV Victoria/88)
Position: Linker Verteidiger
Titel: Norddeutscher Meister 1919; Hamburger Meister 1920; Pokalsieger mit Norddeutschland 1919 und 1925
Bilanz: 9 Länderspiele, 0 Tore (1921–1928); 51 Spiele für die norddeutsche Auswahl
Beruf: Versicherungsmakler
Nationalspieler Nr.: 128 (Debüt 5. Juni 1921 in Budapest)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Henry Müller · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero D 6-7, 1993 (IFFHS) · DFB-Datencenter: Henry Müller · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft (2004) · Kicker-Almanach 1996