Georg Wunderlich – der Rechtsaußen mit der Kapitänsbinde
Deutscher Meister wurde er mit der SpVgg Fürth. Nationalspieler wurde er erst, als er wieder beim Turnverein spielte. Georg Wunderlich war Rechtsaußen, geboren in Fürth, und seine Laufbahn führte vom Ronhof über Frankfurt nach Stuttgart und Heilbronn. Fünf Länderspiele bestritt er zwischen 1920 und 1923, gewonnen hat er keines. Sein großer Tag war trotzdem einer zum Feiern: Im Mai 1923 führte er die deutsche Elf in Hamburg als Kapitän aufs Feld, im ersten Spiel gegen Holland seit neun Jahren.
»Der rechte Flügel der Deutschen, Wunderlich–Lücke, ließ gute Arbeit sehen.«
Vom Turnverein zum Meister
Georg Wunderlich kam am 31. Oktober 1893 in Fürth zur Welt. Mit dem Fußball begann er beim TV 1860 Fürth, laut der Fürther Vereinschronik kleeblatt-chronik.de schon 1904. 1910 wechselte er in die Jugend der SpVgg Fürth, 1912 stand er in der ersten Mannschaft.
Dort kam er genau zur rechten Zeit. 1914 spielte sich die Spielvereinigung bis ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Am 31. Mai 1914 ging es in Magdeburg gegen den VfB Leipzig. Wunderlich stürmte rechtsaußen, neben ihm Karl Franz und Julius Hirsch. Das Spiel dauerte ewig: Das Siegtor zum 3:2 fiel laut »Libero« erst in der 153. Minute. Fürth war zum ersten Mal Deutscher Meister.
Dann kam der Krieg. Die Fürther Chronik führt Wunderlich in den Kriegsjahren nur mit wenigen Einsätzen. 1919 wechselte er zurück zum Ortsrivalen TV 1860, für den er bis 1920 spielte. Die kleeblatt-chronik vermerkt dazu trocken: »Georg Wunderlich wurde erst Nationalspieler als er zu 1860 Fürth gewechselt war.«
Der Turner in der Nationalelf
Das erste Länderspiel nach dem Krieg fand am 27. Juni 1920 in Zürich statt. Deutschland verlor 1:4 gegen die Schweiz. Rechtsaußen: Wunderlich vom TV 1860 Fürth. Mit ihm debütierten sechs weitere Spieler, darunter Carl Riegel aus Nürnberg und der Fürther Lony Seiderer.
Im September 1920 spielte er in Wien (2:3), im Mai 1921 in Dresden gegen Österreich (3:3). Danach war Pause. Am Neujahrstag 1923 stand er beim 1:3 in Mailand gegen Italien wieder in der Elf, jetzt als Spieler der Stuttgarter Kickers.
Frankfurt, Sperre, Rückenverletzung
Zwischen Fürth und Stuttgart lag eine Zwischenstation. Ende 1920 musste Wunderlich laut Wikipedia aus beruflichen Gründen nach Frankfurt und schloss sich Helvetia Bockenheim an. Dort geriet er in Schwierigkeiten. Wikipedia schreibt, er sei wegen der Annahme von 800 Kronen vom niederösterreichischen Verband für drei Monate gesperrt worden, ein Verstoß gegen das Amateurstatut. Warum ausgerechnet ein österreichischer Verband und österreichisches Geld im Spiel waren, erklärt die Quelle nicht.
1921 stand er mit Helvetia im Endspiel um die Meisterschaft des Frankfurter Fußballbundes und gewann 2:1 gegen den 1. FC Rödelheim. Der Sieg hatte einen Preis: Bei einem Kopfball wurde er unterlaufen, fiel unglücklich und verletzte sich an der Wirbelsäule. So stand es am 14. Juni 1921 in den Münchner Neuesten Nachrichten.
1922 ging er zu den Stuttgarter Kickers. Die kleeblatt-chronik nennt eine etwas andere Reihenfolge, mit einem zweiten kurzen Abstecher nach Bockenheim 1925/26. Für die süddeutsche Auswahl spielte er mindestens 17-mal. 1923 gewann er mit ihr den Bundespokal, 2:1 im Endspiel gegen Westdeutschland in Frankfurt.
Der große Tag: Kapitän in Hamburg (Mai 1923)
Neun Jahre hatten Deutschland und Holland nicht gegeneinander gespielt. Das letzte Spiel war am 5. April 1914 in Amsterdam gewesen. Für den Mai 1923 verabredeten die Verbände ein Wiedersehen in Deutschland. Der DFB schlug zuerst Leipzig vor, was die Nieuwe Rotterdamsche Courant »nicht besonders freundlich« fand, dann Duisburg, das im besetzten Gebiet lag. Am Ende wurde es Hamburg, der Victoria-Platz an der Hoheluft.
Am 10. Mai 1923 war es so weit. Die Tribüne war schon am ersten Vorverkaufstag ausverkauft, berichtete das Nieuwsblad van het Noorden. Nach dem Bericht der Leidsche Courant kamen fast 30.000 Zuschauer. Darunter waren laut sportgeschiedenis.nl rund tausend Holländer, die dank der deutschen Inflation für umgerechnet einen Gulden auf der Tribüne saßen. Die Zuschauer standen so dicht am Feld, dass Eckbälle und Einwürfe kaum möglich waren.
Kapitän der deutschen Elf war Georg Wunderlich von den Stuttgarter Kickers. Laut Wikipedia ist er bis heute der einzige Kickers-Spieler, der die Nationalmannschaft je als Kapitän anführte. Vor dem Anpfiff tauschte er mit dem holländischen Kapitän Eb van der Kluft die Wimpel. Ein Foto zeigt die beiden mit dem schwedischen Schiedsrichter Artur Björklund. Van der Kluft gewann die Seitenwahl. Um vier Uhr ging es los.
Wunderlich stürmte rechtsaußen, neben ihm Josef Lüke aus Düsseldorf. Der Reporter der Leidsche Courant lobte ausgerechnet diesen rechten Flügel der Gegner. Nach der Pause drängten die Deutschen, laut Courant waren sie »nun überwiegend stärker«. Doch »Schüsse von Lücke und Wunderlich« brachten nichts ein, und der holländische Torwart De Boer hielt alles. Es blieb beim 0:0. Die Deutschen waren besser, so auch die niederländische Rückschau, kamen aber an der holländischen Abwehr nicht vorbei.
»Es freut uns, dass unsere deutschen Sportfreunde auf diese Weise wieder mit den holländischen Fußballern in Kontakt kommen.«
Es war Wunderlichs fünftes und letztes Länderspiel.
Heilbronn, Trainerbank, Partei
1928 wechselte Wunderlich zum VfR Heilbronn, 1931 beendete er dort seine Laufbahn. Danach wurde er Trainer: bei Union Böckingen, ab 1937 beim 1. Göppinger SV, 1942/43 wieder bei Union Böckingen und nach dem Zweiten Weltkrieg beim VfR Heilbronn.
Am 3. Mai 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen. So steht es bei Wikipedia, gestützt auf die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv und einen Bericht der »Zeit« von 2024.
Georg Wunderlich starb im Mai 1963, laut Wikipedia am 23. Mai in Bad Wimpfen. Die kleeblatt-chronik nennt den 27. Mai.
Georg Wunderlich auf einen Blick
Geboren: 31.10.1893 in Fürth
Gestorben: 23.5.1963 in Bad Wimpfen (kleeblatt-chronik: 27.5.1963)
Vereine: TV 1860 Fürth (ab 1904), SpVgg Fürth (1910–1919), TV 1860 Fürth (1919–1920), Helvetia Bockenheim (1920/21, evtl. erneut 1925/26), Stuttgarter Kickers (bis 1928), VfR Heilbronn (1928–1931)
Position: Rechtsaußen
Titel: Deutscher Meister 1914; Bundespokalsieger 1923 (mit Süddeutschland)
Bilanz: 5 Länderspiele, 0 Tore (1920–1923), einmal Kapitän
Beruf: Kaufmann
Trainer: Union Böckingen, 1. Göppinger SV (ab 1937), Union Böckingen (1942/43), VfR Heilbronn (nach 1945)
Nationalspieler Nr.: 114 (Debüt 27. Juni 1920 in Zürich)
Länderspiele
- 27.06.1920 Deutschland – Schweiz 1:4
- 26.09.1920 Deutschland – Österreich 2:3
- 05.05.1921 Deutschland – Österreich 3:3
- 01.01.1923 Deutschland – Italien 1:3
- 10.05.1923 Deutschland – Niederlande 0:0
Quellen
Wikipedia: Georg Wunderlich · kleeblatt-chronik.de: Georg Wunderlich · Leidsche Courant, 11.5.1923, S. 8–9 · sportgeschiedenis.nl: Nederland – Duitsland 1923 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · DFB-Datencenter: Georg Wunderlich · Kicker-Almanach 1996 · Kicker 1959