Karl Burger – das erste Kleeblatt im Nationaltrikot
Als Karl Burger im März 1908 nach Fürth kam, gehörte die Spielvereinigung noch nicht zur deutschen Elite. Sechs Jahre später war sie Deutscher Meister, mit 3.000 Mitgliedern der größte Fußballverein des Landes, und Burger führte die Mannschaft als Kapitän. Dazwischen lagen elf Länderspiele. Das erste, 1909 in Karlsruhe, machte ihn zum ersten Fürther im Nationaltrikot, und es war zugleich der erste Sieg einer deutschen Nationalelf. Das letzte endete 16:0, und Burger schoss dabei sein einziges Länderspieltor. Dabei hatte der Stuttgarter einmal als Torwart angefangen.
»Die Verpflichtung des rasch zum Fußball-Idol im Ronhof gewordenen Karl Burger bedeutete eine enorme Verbesserung der Spielqualität der Kleeblättler.«
Ein Schwabe auf Wanderschaft
Karl Burger kommt am 26. Dezember 1883 in Stuttgart zur Welt. Laut Kleeblatt-Chronik kickt er ab 1896 beim FC Karlsvorstadt, dem Verein, bei dem wenige Jahre später auch Eugen Kipp anfängt. Danach geht es zu den Sportfreunden Stuttgart, und dort steht er zunächst im Tor. Von dort aus arbeitet er sich nach vorn.
1904 verlässt er Stuttgart Richtung Augsburg. Bei welchem Augsburger Verein er spielte, darüber sind sich die Quellen uneins: Die Kleeblatt-Chronik nennt den MTV, Wikipedia den TV 1847, aus dem später Schwaben Augsburg wurde. Am 11. März 1908 tritt er in die SpVgg Fürth ein, Mitgliedsnummer 77.
In Fürth hat er, so die Chronik, »sofort einen Stammplatz, wechselweise in der Läuferreihe oder in der Verteidigung«. Vielseitig ist er immer geblieben. Ein Libero-Porträt nennt ihn einen »Rechtsfüßler«, der »vielseitig einsetzbar war«, und laut Libero International konnte er als Außenläufer, Verteidiger und rechter Halbstürmer spielen. Das DFB-Lexikon lobt seinen »Offensivgeist«.
Das erste Kleeblatt in der Nationalelf
Am 4. April 1909 stellt der DFB für das Spiel gegen die Schweiz eine rein süddeutsche Elf auf. Burger ist dabei, als Außenläufer neben Kapitän Josef Glaser. Die Kleeblatt-Chronik feiert den Tag bis heute: »Der 4. April 1909 – ein historisches Datum in der Vereinsgeschichte der Spielvereinigung Fürth: Zum ersten Mal betrat ein Spieler des Kleeblatts die internationale Fußball-Bühne.« Laut ka-news hatte Burger von allen Spielern die weiteste Anreise nach Karlsruhe. Eugen Kipp, sein alter Mannschaftskamerad aus Stuttgarter Tagen, schießt das einzige Tor. 1:0, der erste deutsche Länderspielsieg.
Zusammen seien die beiden, so das Lexikon der Nationalmannschaft, »kaum zu bremsen« gewesen. Burger spielt 1910 in Basel wieder mit, 1911 wird er Stammspieler. Sechs Länderspiele macht er in diesem Jahr, meist in der Läuferreihe, einmal in Hamburg als Verteidiger. Nach dem 5:5 in Zwolle und dem 2:1 in St. Gallen fährt er 1912 zu den Olympischen Spielen nach Stockholm.
Dort kommt er nur einmal zum Einsatz, am 1. Juli 1912 in der Trostrunde gegen Russland. Deutschland gewinnt 16:0, bis heute der höchste Sieg der Nationalmannschaft. Gottfried Fuchs trifft zehnmal, Fritz Förderer viermal, und Karl Burger einmal. Es ist sein elftes und letztes Länderspiel. Seine Bilanz: sechs Siege, zwei Unentschieden, drei Niederlagen.
Auch in der süddeutschen Auswahl ist Burger gesetzt. Elfmal spielt er zwischen 1908 und 1918 im Kronprinzenpokal. Den gewinnt der Süden 1910 in Berlin nach 142 Minuten und 1912 wieder. Dazwischen, im Finale 1911, fehlt Burger, und der Libero bemerkt trocken: »Ein Jahr später fehlte Karl Burger im Endspiel, und prompt verloren die Süddeutschen diese Trophäe wieder.«
Townleys Kapitän
1911 kommt ein Engländer als Trainer nach Fürth, William Townley. Er macht Burger laut der Geschichte der Nationalmannschaft »sofort zum Kapitän der Kleeblätter«. Um ihn herum wächst eine bunte Mannschaft: der Österreicher Adolf Riebe, der Ungar Frigyes Weicz, der Fürther Karl Franz, die Abwehrspieler Georg Wellhöfer und Hans »Bumbes« Schmidt, dazu Julius Hirsch, der schon 1910 mit dem Karlsruher FV Meister geworden war.
1914 geht alles auf. Fürth wird zum dritten Mal Ostkreismeister, erstmals Süddeutscher Meister und fährt zur Endrunde. Im Viertelfinale in Leipzig steht Burger nur auf dem Papier im Sturm. Der Libero verrät den Trick: Die Fürther hatten ihn »nur nominell als Stürmer aufgeboten, denn er verstärkte die Defensive«. Es reicht zum 2:1. Im Halbfinale gegen den Berliner BC, vor 12.000 Zuschauern im Ronhof, fällt die Entscheidung erst in der 146. Minute. Karl Franz trifft zum 4:3.
Der große Tag: 153 Minuten Magdeburg (Mai 1914)
Das Endspiel am 31. Mai 1914 in Magdeburg wird noch länger. Schon die Anreise ist ein Ärgernis: Rund 400 Fürther Anhänger wollen mit, doch die Nürnberger Eisenbahndirektion stellt keine zusätzlichen Waggons bereit. Auf dem Victoria-Platz sehen 6.000 Zuschauer zu. Gegner ist der Titelverteidiger VfB Leipzig, Schiedsrichter Curt von Paquet aus Berlin.
Burger spielt diesmal rechter Verteidiger, neben Wellhöfer, vor Torwart Hermann Polenski. Er ist 30 Jahre alt und der Kapitän. Die Fürther haben nach dem Urteil des Libero ihre »ideale Abwehrformation« beisammen.
Karl Franz bringt Fürth in der 17. Minute in Führung. In der 42. Minute muss Leipzigs Außenläufer Paul Michel verletzt vom Platz, Auswechseln ist nicht erlaubt. Fürth spielt fortan gegen zehn Mann. Doch sieben Minuten vor Schluss gleicht Leipzigs überragender Mittelläufer Eduard »Edy« Pendorf aus.
Verlängerung. Weicz trifft in der 104. Minute zum 2:1, Curt Hesse vier Minuten später zum 2:2. Nach 120 Minuten wird weitergespielt, bis ein Tor fällt. In der 138. Minute fliegt Fürths Hans Schmidt vom Platz, jetzt heißt es zehn gegen zehn, in einem Spiel, das längst länger dauert als anderthalb reguläre Partien.
In der 153. Minute ist es vorbei. Karl Franz, schon der Held des Halbfinals, trifft zum 3:2. Die SpVgg Fürth ist zum ersten Mal Deutscher Meister, elf Jahre nach ihrer Gründung. Ihr Kapitän heißt Karl Burger.
»Lange konnten sich die Fürther darüber nicht freuen, denn bei Kriegsausbruch wurden sechs ihrer Meister als Soldaten eingezogen und Karl Franz fiel bereits im September 1914.«
Auch Sebastian Seidel, Hans Jakob und Frigyes Weicz aus der Meisterelf zählen laut Libero zu den Kriegsopfern.
Trainer, Hotelier, Bürgermeister
Burger bleibt in Fürth. Die Saisonstatistik der Kleeblatt-Chronik führt ihn noch bis 1918/19 in der Mannschaft. Das Libero-Porträt verlegt ihn im Krieg dagegen zurück nach Stuttgart und nach Breslau und Dresden. Im Juni 1919 kehrt er, so die Chronik, nach elf Jahren in die schwäbische Heimat zurück, zu den Sportfreunden. Danach geht er noch einmal auf Wanderschaft, als Spielertrainer in Augsburg, beim SC Breslau 08 und beim Dresdner SC, meist nun als Verteidiger. 1925 ist Schluss.
Als Trainer arbeitet er viele Jahre weiter, vor allem im Ruhrgebiet und in Stuttgart: Germania Bochum, Westfalia Herne, SuS Mengede, SV Castrop 02, SC Dortmund 95, der Meidericher SV, mit dem er 1930/31 laut Wikipedia das Achtelfinale der Meisterschaftsendrunde erreicht, dann die Stuttgarter Kickers, ab 1932 seine Sportfreunde, die SpVgg Feuerbach und der Polizei-SV Stuttgart.
Später lebt er in Waibstadt im heutigen Rhein-Neckar-Kreis. Dort besitzt er ein Hotel, laut Olympedia später auch ein Restaurant und ein Kino. Wikipedia berichtet außerdem, Burger sei von Mai bis August 1945 kommissarischer Bürgermeister der Stadt gewesen. Der dort angegebene Beleg, ein Kino-Wiki-Eintrag, ist nicht mehr abrufbar.
Karl Burger stirbt am 3. Oktober 1959 in Freudenstadt, 75 Jahre alt. Die Kleeblatt-Chronik nennt ihn »in seiner Epoche einer der besten Fußballspieler Deutschlands«. Und als das Lexikon der Nationalspieler 1939 den großen Fürther Mittelläufer Ludwig Leinberger würdigte, fand es nur einen Vergleich: einen Mann, »wie ihn die Geschichte der Spielvereinigung nur noch einmal mit Karl Burger aus der Vorkriegszeit kannte«.
Karl Burger auf einen Blick
Geboren: 26.12.1883 in Stuttgart
Gestorben: 3.10.1959 in Freudenstadt
Spitzname: »Karle« (laut Olympedia)
Vereine: FC Karlsvorstadt, Sportfreunde Stuttgart, Augsburg (MTV bzw. TV 1847), SpVgg Fürth (1908–1919), Sportfreunde Stuttgart (1919–1921), Schwaben Augsburg (1921–1923), SC Breslau 08 (1923/24), Dresdner SC (1924/25)
Position: Außenläufer, auch Verteidiger und Halbstürmer; anfangs Torwart
Titel: Deutscher Meister 1914 (Kapitän), Süddeutscher Meister 1914, Kronprinzenpokal 1910 und 1912
Bilanz: 11 Länderspiele, 1 Tor (1909–1912); Olympiateilnehmer 1912
Beruf: Kaufmann; später Hotel- und Kinobesitzer in Waibstadt
Trainer: u. a. Meidericher SV, Stuttgarter Kickers, Sportfreunde Stuttgart
Nationalspieler Nr.: 41 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Karl Burger · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero 36 · Libero International · Libero D 3/1992 · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Karl Burger (Fußballspieler) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1913/14 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Wikipedia: Olympische Sommerspiele 1912/Fußball · Olympedia: Karl Burger · RSSSF: Karl Burger – International Appearances · ka-news: Der erste Länderspielsieg vor 100 Jahren