Eberhardt Illmer – die erste Null
Vier Länderspiele hatte die deutsche Nationalelf im Frühjahr 1909 hinter sich, und in jedem davon hatte der Torwart den Ball aus dem Netz holen müssen. Fünfmal in Basel, fünfmal in Berlin, dreimal in Wien, neunmal in Oxford. Dann stellte der DFB einen 21-Jährigen aus Straßburg ins Tor, und die Schweizer trafen nicht. Eberhardt Illmer war der erste deutsche Torhüter, der ein Länderspiel ohne Gegentor beendete, und damit auch der Torwart des ersten deutschen Sieges. Es blieb sein einziger Einsatz. Was danach aus ihm wurde, wissen wir nur in Umrissen.
»Der erste deutsche Torhüter, der in einem Länderspiel ohne Gegentreffer blieb.«
Ein Torwart aus dem Reichsland
Hans Eberhardt Illmer kommt am 30. Januar 1888 in Straßburg zur Welt. Die Stadt ist zu dieser Zeit deutsch, Hauptstadt des Reichslands Elsaß-Lothringen, und sie hat eine der ältesten Fußballadressen im Süden: den Straßburger Fußball-Verein. Gegründet 1890 oder 1892 von Schülern und Studenten, süddeutscher Meister im Jahr 1900.
Wann Illmer dort anfängt, ist unklar. Wikipedia nennt 1896, was ihn zum achtjährigen Vereinsmitglied machen würde, und in derselben Quelle an anderer Stelle 1900. Belegt ist, dass er zur Saison 1908/09 in die erste Mannschaft aufrückt. Der SFV ist gerade Meister des Straßburger Verbands geworden und spielt ab 1909 in der obersten süddeutschen Klasse mit. Große Sprünge macht er dort nicht: zweimal Achter, dann 1912 der Abstieg als Neunter.
Mehr steht über den Menschen Illmer nicht in den Quellen. Kein Beruf, kein Spitzname, kein Satz über seine Art zu halten. Das Lexikon der Nationalspieler von 1939, sonst gern gesprächig, gibt ihm vier Zeilen: Geburtstag, Heimatort, Verein, »1 Länderspiel: 1909 Schweiz«.
Der große Tag: Die Null von Karlsruhe (April 1909)
Dass ausgerechnet ein Straßburger ins Tor kommt, hat mit einer Besonderheit des Frühjahrs 1909 zu tun. Der DFB lässt am 4. April zwei Nationalelfen gleichzeitig antreten. Eine Mannschaft aus Berlinern, Nord- und Mitteldeutschen fährt nach Budapest, eine rein süddeutsche empfängt in Karlsruhe die Schweiz. Den Süden vertreten Spieler aus Pforzheim, Karlsruhe, Stuttgart, Freiburg, Fürth, Wiesbaden – und eben aus Straßburg. Die Männer werden per Telegramm herbeordert, Ersatzleute gibt es keine.
Gespielt wird auf dem Platz des Karlsruher FV an der Telegraphenkaserne. Die Zuschauer kommen laut Badischer Presse »zu Fuß, per Rad, mit der Droschke und mit dem Automobil«, per Bahn auch aus Straßburg. Wie viele es sind, darüber gehen die Angaben auseinander: gut 5.000 laut Stadtarchiv, 7.000 laut DFB. Soldaten schauen aus den Kasernenfenstern zu. Der Schirmherr, Prinz Max von Baden, hat sich erkältet und bleibt daheim.
Vor Illmer verteidigen zwei Männer, die ebenfalls ihr erstes Länderspiel machen: Otto Nicodemus aus Wiesbaden und Robert Neumaier vom FC Phönix Karlsruhe. Davor die Läuferreihe mit dem Fürther Karl Burger, Kapitän Josef Glaser und dem Pforzheimer Arthur Hiller. Schiedsrichter ist Albert Sohn aus Frankfurt.
Anpfiff ist gegen halb vier, bei heftigem Wind. Anfangs gibt es Chancen auf beiden Seiten, dann drücken die Deutschen. Der Schweizer Torwart hält »verschiedene Bombenschüsse«, bis Eugen Kipp kurz vor der Pause in einem Gewühl vor dem Tor das 1:0 erzwingt. Die Minute ist bis heute umstritten: Der DFB nennt die 25., das Stadtarchiv die 38. oder 40.
Nach der Pause wird es eng. Die deutschen Stürmer verrennen sich in Dribblings und lassen, so ein zeitgenössischer Bericht, »durch eine geradezu frappierende Schußunsicherheit die allerbesten Chancen aus«. Ein 1:0 ist ein dünnes Polster. Doch hinten steht es. Das Stadtarchiv fasst zusammen: »Doch dank der hervorragenden deutschen Abwehr gelang es der Schweiz im gesamten weiteren Spielverlauf nicht, nennenswerte Torchancen herauszuarbeiten.« Wie viele Bälle Illmer an diesem Nachmittag tatsächlich halten musste, überliefert keine der Quellen. Am Ende steht die Null.
»Die Schweizer jodelten und wir schmetterten unsere Fußballlieder: Unentschieden.«
Abends sitzen rund 60 Gäste im Hotel Friedrichshof beim Festessen, ein Hofopernsänger singt. In Budapest hat die andere deutsche Elf zeitgleich 3:3 gespielt. Der 4. April 1909 bringt dem DFB also gleich zwei Premieren: das erste Unentschieden und den ersten Sieg. Den zweiten hat Eberhardt Illmer festgehalten.
Was danach kam
Ein zweites Länderspiel bekommt Illmer nicht. Im nächsten Spiel gegen die Schweiz, 1910 in Basel, steht Hans Riso aus Leipzig im Tor, danach meist Adolf Werner.
Über die Jahre nach 1912 gibt es nur Hinweise, und auch die stehen im Konjunktiv. Nach Angaben des Statistikers Tauber, die Wikipedia wiedergibt, soll Illmer nach dem Straßburger Abstieg zum FC Phönix-Alemannia nach Karlsruhe gegangen sein und dort bis 1923 gespielt haben. Danach soll er nach Straßburg zurückgekehrt sein, zum FC Donar. Ganz passt das nicht zusammen: Laut der Vereinsgeschichte war Donar schon 1912 mit dem SFV zum Straßburger SV verschmolzen.
Seine Heimatstadt ist da längst eine andere geworden. Nach dem Ersten Weltkrieg fällt das Elsass an Frankreich, aus dem Straßburger SV wird 1920 die Association Sportive de Strasbourg. Ob und wie lange Illmer in Straßburg lebte, verraten die Quellen nicht.
Eberhardt Illmer stirbt am 26. Dezember 1955, so Wikipedia und der DFB. Das Karlsruher Stadtarchiv nennt 1956. Wo er starb, ist nicht bekannt.
Eberhardt Illmer auf einen Blick
Geboren: 30.1.1888 in Straßburg
Gestorben: 26.12.1955 (Stadtarchiv Karlsruhe: 1956), Ort unbekannt
Vereine: Straßburger FV (erste Mannschaft ab 1908/09); laut Tauber danach Phönix-Alemannia Karlsruhe (bis 1923) und FC Donar Straßburg
Position: Torwart
Titel: keine
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Gegentore (1909)
Beruf: nicht überliefert
Nationalspieler Nr.: 38 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3/1992 · Libero International · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Eberhardt Illmer · Wikipedia: AS Straßburg · DFB-Datencenter: Eberhardt Illmer · DFB-Datencenter: Deutschland – Schweiz 1:0 · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster Länderspiel-Sieg · ka-news: Der erste Länderspielsieg vor 100 Jahren