Arthur Hiller – »Ille«, der erste Kapitän
Irgendjemand musste ja vorne stehen. Als Deutschland am 5. April 1908 in Basel sein erstes Länderspiel bestritt, gab es keinen Trainer, keinen Plan und kaum eine Mannschaft, die sich kannte. Es gab Arthur Hiller. Der Mittelläufer vom 1. FC Pforzheim, genannt »Ille«, war der Älteste im Team und wurde der erste Kapitän der Nationalelf. Vier Länderspiele hat er bestritten, gewonnen hat er nur das letzte. Seinen größten Tag aber erlebte er schon 1906, in einem Endspiel, das fünf Minuten vor Schluss verloren ging.
»Der Pforzheimer Spielführer Arthur Hiller, den alle nur ›Ille‹ nannten, war als Mittelläufer ein Leichtgewicht, aber schnell, beweglich und konditionsstark.«
Ein Club im Brötzinger Tal
Arthur Hiller kommt am 3. Oktober 1881 in Pforzheim zur Welt. Die Stadt ist früh dran mit dem Fußball: Der 1. FC Pforzheim wird im April 1896 gegründet, unter den Gründern sind vier Schweizer. Ab 1898 spielt Arthur in der ersten Mannschaft, im Brötzinger Tal. Er ist nicht allein. Sein älterer Bruder Wilhelm, »Hiller I«, verteidigt links. Arthur ist »Hiller II« – so steht es noch Jahrzehnte später in den Aufstellungen.
Und dann gibt es noch einen dritten. Marius, genannt »Bubi«, »Hiller III«, elf Jahre jünger als Arthur. Wikipedia beschreibt, wie der Junge den großen Hillers die Sporttaschen trug, die Schuhe putzte und die Torstangen mit auf den Platz schleppte. Marius wird später selbst Nationalspieler und macht in Argentinien Karriere. War er Arthurs Bruder oder sein Neffe? Ein Libero-Heft von 1992 spricht von »drei Hiller-Brüdern«. Die meisten anderen Quellen, darunter Wikipedia und die Geschichte der Nationalmannschaft, nennen ihn den Neffen. Wir halten uns an die Mehrheit.
Was für ein Spieler war Ille? Ein Leichtgewicht, sagt Libero, aber schnell, beweglich, mit Kondition. Ein anderes Libero-Heft nennt ihn dribbelstark. Mehr Charakterisierung ist nicht überliefert. Über seinen Beruf schweigen die Quellen ganz.
Der große Tag: Ein Endspiel in Nürnberg (Mai 1906)
1906 ist das Jahr des 1. FC Pforzheim. Der Verein wird Gaumeister, Südkreismeister und am 25. April mit einem 5:3 gegen Hanau Süddeutscher Meister. Damit geht es in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, und Arthur Hiller trägt die Kapitänsbinde.
Das Viertelfinale am 6. Mai in Mannheim ist ein Nervenspiel. Gegner ist der Cölner FC 1899, und die Rheinländer führen zur Pause 2:1, nach anfänglicher Führung von 2:0. Libero notiert trocken, die Abwehr um »Bellel« Steudle und die Hiller-Brüder habe sich »überrumpeln lassen«. Dann dreht Gustav Stöhr das Spiel fast allein, Pforzheim gewinnt 4:2 nach Verlängerung. Zwei Wochen später, im Halbfinale in Braunschweig, wird Titelverteidiger Union 92 aus Berlin 4:0 geschlagen, vor gerade einmal 150 Zuschauern.
Das Endspiel steigt am Sonntag, dem 27. Mai 1906, in Nürnberg, auf dem Platz an der Ziegelgasse. 1.100 Zuschauer sind gekommen. Der Gegner heißt VfB Leipzig, schon einmal Deutscher Meister und der Favorit. Die Pforzheimer reisen erst in der Nacht an, mit dem Zug. Das war damals üblich, schreibt Libero: Am Vortag mussten die Spieler noch arbeiten, und eine Übernachtung sparte man sich.
Pforzheim spielt mit Faas im Tor, Steudle und Wilhelm Hiller in der Verteidigung, Arthur Hiller in der Mitte der Läuferreihe. Leipzig ist erwartungsgemäß überlegen. Die Verteidiger und ihr Mittelläufer, so fasst es Wikipedia zusammen, sind »ständig damit beschäftigt, die Vorstöße der Leipziger zu unterbinden«. Nach 15 Minuten führt der VfB. Doch Pforzheim antwortet, Stöhr gleicht aus, und es bleibt lange beim 1:1.
Das Glück ist eine Weile auf Pforzheims Seite. Leipzig bekommt zwei Elfmeter und vergibt beide. Es sieht nach Verlängerung aus. Dann trifft Leipzigs Kapitän Heinrich Riso in der 85. Minute zum 2:1. Die Hillers verlieren ihr einziges Endspiel, und doch gilt die Vizemeisterschaft bis heute als größter Erfolg in der Geschichte des Vereins.
»Die Leipziger hatten mehr vom Spiel, doch Heinrich Riso und Edgar Blüher verschossen je einen Elfmeter. Als viele bereits mit einer Verlängerung rechneten, gelang dem VfB-Kapitän doch noch der verdiente Siegtreffer.«
Eine kleine Fußnote verbindet diesen Tag mit dem, was zwei Jahre später kommt. Der Schiedsrichter des Endspiels, Otto Eikhof, spielt beim FC Victoria Hamburg, im Viertelfinale stand er noch selbst auf dem Platz. Einer seiner Mitspieler dort in der Läuferreihe: Hans Weymar. Mit ihm steht Hiller 1908 in Basel Schulter an Schulter. Und der Gegner im Viertelfinale, der Cölner FC, ist der Verein von Karl Ludwig, dem dritten Mann dieser Läuferreihe.
Kapitän ohne Mannschaft: die Nationalelf 1908/09
Im Februar 1908 beschließt der DFB, Länderspiele auszutragen. Wenige Wochen später geht es schon nach Basel. Die Spieler werden nach Regionalverbänden ausgewählt, reisen einzeln an und erhalten 20 Mark Spesen. Einen Trainer gibt es nicht. Also fällt die Aufgabe dem Kapitän zu.
»Einen ›Reichstrainer‹ gab es erst ab 1926, also bestimmte Kapitän Arthur Hiller (26) vom 1. FC Pforzheim Taktik und Aufstellung, obwohl er die meisten seiner aus elf Vereinen zusammen gewürfelten Mitspieler nicht kannte.«
Mit 26 Jahren ist Hiller laut Spiegel einestages der älteste Mann in einer Elf, die im Schnitt gerade 21½ Jahre alt ist. Er spielt als Mittelläufer und führt die Mannschaft auf den Landhof. Deutschland geht in Führung und verliert trotzdem 3:5, im Regen, mit einem Eigentor. Zwei Wochen später ist Hiller wieder Kapitän, beim 1:5 gegen Englands Amateure in Berlin. Im Juni in Wien, beim 2:3 gegen Österreich, spielt er noch einmal mit, die Binde trägt nun Eugen Kipp.
Sein viertes und letztes Länderspiel ist das erste, das Deutschland gewinnt. Am 4. April 1909 schlägt in Karlsruhe eine rein süddeutsche Elf die Schweiz mit 1:0, vor 7.000 Zuschauern. Hiller spielt diesmal auf der Außenbahn der Läuferreihe, neben Karl Burger und dem Freiburger Kapitän Josef Glaser. Zeitgleich tritt in Budapest eine zweite deutsche Auswahl gegen Ungarn an. Der DFB berief so auf einen Schlag 22 statt elf Spieler – laut Geschichte der Nationalmannschaft vor allem, um Streit über die Auswahl zu vermeiden. Für Hiller schließt sich damit der Kreis: vier Spiele, drei Niederlagen, ein Sieg zum Abschied.
Späte Jahre
Ganz verschwindet Hiller danach nicht. Am 25. Mai 1911 steht er im Endspiel um den Kronprinzenpokal, dem Wettbewerb der Verbandsauswahlen, als Mittelläufer für Süddeutschland. Auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf wird zweimal verlängert, am Ende gewinnt Norddeutschland 4:2. Wieder ein Finale, wieder knapp verloren.
Da spielt der Neffe schon in der Nationalelf. Marius Hiller debütiert im April 1910 und trifft gleich in der 8. Minute. Ende 1911 zieht er beruflich in die Schweiz, später nach Buenos Aires.
Arthur Hillers Zeit beim 1. FC Pforzheim endet laut Wikipedia 1914. Was er danach tat, verraten die geöffneten Quellen nicht. Er stirbt am 14. August 1941 in seiner Heimatstadt Pforzheim, mit 59 Jahren. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 widmet ihm nur zwei Zeilen: Verein, vier Länderspiele. Dass er der erste Kapitän der Nationalelf war, steht dort nicht. In Pforzheim hat man es nicht vergessen.
Arthur Hiller auf einen Blick
Geboren: 3.10.1881 in Pforzheim
Gestorben: 14.8.1941 in Pforzheim
Spitzname: »Ille«; in Aufstellungen »Hiller II«
Vereine: 1. FC Pforzheim (1898–1914)
Position: Mittelläufer
Titel: Süddeutscher Meister 1906, Deutscher Vizemeister 1906 (als Kapitän), Kronprinzenpokal-Finalist 1911 mit Süddeutschland
Bilanz: 4 Länderspiele, 0 Tore (1908–1909), davon 2 als Kapitän
Beruf: nicht überliefert
Nationalspieler Nr.: 05 (Debüt 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz, als erster Kapitän)
Quellen
Libero 36 (IFFHS) · Libero D3 · Wikipedia: Arthur Hiller · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1905/06 · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Wikipedia: Marius Hiller · Wikipedia: Wilhelm Hiller · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Die Welt: Der schöne Hans aus Hamburg · Spiegel einestages: Der schwarze Tag von Basel · DFB-Datencenter