Eugen Kipp – der Schütze des ersten Sieges

Vier Länderspiele, vier Niederlagen. So sah die Bilanz der deutschen Nationalelf im April 1909 aus, und die letzte davon war ein 0:9 in Oxford. Dann kam ein Nachmittag in Karlsruhe, ein heftiger Wind, ein Gewühl vor dem Schweizer Tor, und ein Stuttgarter namens Eugen Kipp drückte den Ball über die Linie. 1:0, es blieb dabei. Der erste Sieg. Kipp spielte insgesamt achtzehnmal für Deutschland, öfter als jeder andere vor dem Ersten Weltkrieg, und schoss zehn Tore. Der Krieg nahm ihm dann ein Bein und am Ende das Leben.

Eugen Kipps Weg · Stuttgart-Heslach 1885 bis 1931 (Eugen Kipp)
Eugen Kipps Weg · Stuttgart-Heslach 1885 bis 1931

»Denn: Eugen Kipp ist vor dem Kriege der Idealtyp des Fußballspielers gewesen.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Heslacher in der Karlsvorstadt

Eugen Kipp kommt am 26. Februar 1885 in Heslach zur Welt, einem Stadtteil im Stuttgarter Süden. Mit 16 spielt er beim FC Karlsvorstadt, einem Verein, der sich 1905 in Sportfreunde Stuttgart umbenennt. Dort bleibt er bis 1912 oder 1913, dann wechselt er zu den Stuttgarter Kickers. Im Brotberuf wird er Kanzleisekretär. Das passt zu einem Mann, den eine DFB-Geschichte später »zurückhaltend« und »solide« nennt.

Auf dem Platz war von Zurückhaltung offenbar wenig zu sehen. Das Lexikon von 1939 beschreibt ihn als »einen der schwungvollsten, unternehmungslustigsten und energischsten Fußballer, die auf deutschen Spielfeldern standen«. Den Ball habe er »vollkommen« beherrscht: »der Ball war ihm absolut untertan.« Meist spielte er halblinks, im ersten Länderspiel stürmte er in der Mitte.

In Stuttgart erzählte man sich noch 1939 von einem bestimmten Tor. Es fiel in einem Meisterschaftsspiel gegen den FC Bayern, in dessen Kasten damals Pekarna stand, laut Lexikon »der beste Torwächter des Kontinents«. Kipp bekam den Ball hoch zugespielt, sprang, und jagte ihn »aus unglaublicher Stellung und mit unheimlicher Wucht« ins Netz. Wann genau das war, verrät die Quelle nicht.

Der Mann für die Schweiz

Kipp ist am 5. April 1908 in Basel dabei, beim ersten Länderspiel überhaupt. Zwei Monate später, am 7. Juni 1908 in Wien, führt er die Elf mit 23 Jahren als Kapitän aufs Feld und schießt in der 6. Minute das 1:0 (so DFB und Wiener Presse; ein späteres Libero-Heft nennt die 10.). Österreich gewinnt trotzdem 3:2.

Gegen die Schweiz ist er Stammgast. Das Lexikon von 1939 hält fest, es sei »kein Länderspiel gegen die Schweiz durchgeführt worden«, ohne dass man auf ihn zurückgegriffen hätte. Die Liste bestätigt das: Alle sechs Spiele gegen die Eidgenossen bis 1913 bestreitet Kipp. 1910 in Basel trifft er beim 3:2-Sieg zweimal, das entscheidende Tor fällt fünf Minuten vor Schluss.

Ab dem 24. April 1910 ist er der Rekordnationalspieler des DFB. Er spielt 1912 beim olympischen Turnier in Stockholm und 1913 noch einmal als Kapitän. Seine letzten beiden Länderspiele im Herbst 1913 bestreitet er laut Aufstellung nicht im Sturm, sondern in der Läuferreihe.

Der große Tag: Das goldene Tor von Karlsruhe (April 1909)

Der DFB hat für den 4. April 1909 eine Idee, die heute absurd klingt: zwei Länderspiele am selben Tag. Eine Elf aus Nord- und Mitteldeutschen und Berlinern fährt nach Budapest, eine rein süddeutsche Mannschaft empfängt in Karlsruhe die Schweiz. Die Spieler werden per Telegramm herbeordert. Ersatzleute gibt es keine. Kapitän Josef Glaser aus Freiburg begrüßt seine Mitspieler erst am Vormittag des Spiels.

Gespielt wird im Stadion des Karlsruher FV an der Telegraphenkaserne, mit knapp 10.000 Plätzen eine moderne Anlage. Schirmherr ist Prinz Max von Baden, doch der sagt kurzfristig ab, er hat sich erkältet. Die Zuschauer kommen trotzdem, laut Badischer Presse »zu Fuß, per Rad, mit der Droschke und mit dem Automobil«, aus Pforzheim allein 700. Der DFB zählt 7.000, das Stadtarchiv gut 5.000. Aus den Fenstern der Kaserne schauen Soldaten zu.

Die Spieler machen vorher selbst Werbung. Rechtsaußen Hermann Schweickert erinnerte sich, man sei schon im Sportdress in Pferdedroschken durch die Stadt gefahren worden. Einige Passanten hätten sich »sittlich entrüstet« abgewandt, wegen der nackten Knie.

Anpfiff ist gegen halb vier, bei heftigem Wind. Kipp spielt halblinks, neben ihm Otto Löble von den Stuttgarter Kickers in der Mitte und Fritz Förderer auf halbrechts. Schiedsrichter ist Albert Sohn aus Frankfurt. Die Deutschen drücken, doch der Schweizer Torwart hält mehrere »Bombenschüsse«. Dann, kurz vor der Pause, ist es so weit.

»4 Uhr 20 Minuten. Endlich glückte es Kipp in einem hartnäckigen und aufregenden Nahkampf, den Ball durch das feindliche Tor zu treiben.«

— Badische Landeszeitung, April 1909 (zitiert nach ka-news)

Die Minute ist bis heute umstritten. Der DFB nennt die 25., andere Quellen die 38. oder 40. Die Uhrzeit aus der Zeitung spricht eher für Letzteres.

Deutschland – Schweiz 1:0, Karlsruhe, 4. April 1909 · Kipp erzielt das einzige Tor (Eugen Kipp)
Deutschland – Schweiz 1:0, Karlsruhe, 4. April 1909 · Kipp erzielt das einzige Tor

Nach der Pause lässt die deutsche Elf nach. Die Stürmer verrennen sich in Dribblings, und laut einem Bericht lassen sie »durch eine geradezu frappierende Schußunsicherheit die allerbesten Chancen aus«. Die Abwehr hält. Es bleibt beim 1:0. In Budapest spielt die andere deutsche Elf zeitgleich 3:3.

Es war, glaubt man Schweickert, ein erstaunlich höfliches Spiel. In der Halbzeit blieben die Spieler auf dem Platz, man sprach sich »zum Teil sehr höflich mit ›Sie‹« an. Abends gibt es ein Festessen im Hotel Friedrichshof, ein Hofopernsänger singt, und am Ende treten beide Teams zum Sängerwettstreit an. Schweickerts Urteil: »Die Schweizer jodelten und wir schmetterten unsere Fußballlieder: Unentschieden.« Der Badische Beobachter schließt seinen Bericht mit: »Den Siegern, dem Deutschen Fußballbund, ein kräftiges Hipp, Hipp, Hurrah!«

Ypern und die langen Folgen

Im Sommer 1915 bekommt Kipp den Einberufungsbefehl. Im Oktober 1915 wird er an der Westfront bei Ypern schwer verwundet. Sein rechtes Bein muss oberhalb des Knies amputiert werden, dazu hat er Bajonettstiche in Kiefer und Schulter. Seine Laufbahn ist damit vorbei. Er ist 30 Jahre alt.

Nach dem Krieg versucht er sich laut der Geschichte der Nationalmannschaft als Trainer, »hatte dabei aber nicht allzu viel Glück«. Den Fußball verlässt er trotzdem nicht. Die Sportfreunde machen ihn zum Ehrenspielführer, bei den Kickers ist er 1930 Beisitzer. Mit 18 Länderspielen bleibt er lange die Nummer eins. Erst im Dezember 1924 zieht Adolf Jäger aus Altona gleich. 1929 verleiht ihm der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen die Adlerplakette, damals die höchste Auszeichnung im deutschen Sport. Unter den Fußballern erhält sie neben ihm nur Jäger.

Eugen Kipp stirbt am 4. November 1931 in Stuttgart, mit 46 Jahren, an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzungen. Die Ostdeutsche Morgenpost meldet drei Tage später: »Zehn Tore kommen auf das Konto Eugen Kipps, die in Länderspielen erzielt wurden. Fünf deutsche Ländersiege erlebte er.« Sein Sohn Eugen Kipp junior spielte später ebenfalls viele Jahre für die Stuttgarter Kickers.

Eugen Kipp auf einen Blick

Geboren: 26.2.1885 in Stuttgart-Heslach
Gestorben: 4.11.1931 in Stuttgart (abweichende Angabe: 10.11.1931)
Vereine: FC Karlsvorstadt / Sportfreunde Stuttgart (1901–1912/13), Stuttgarter Kickers (1912/13–1915)
Position: Halblinks, auch Mittelstürmer
Titel: Kronprinzenpokal 1910; Adlerplakette 1929
Bilanz: 18 Länderspiele, 10 Tore (1908–1913), zweimal Kapitän
Beruf: Kanzleisekretär
Nationalspieler Nr.: 09 (Debüt 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3/1992 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Ostdeutsche Morgenpost, 7.11.1931 · RSSSF: Eugen Kipp · Wikipedia: Eugen Kipp senior · Das Kickersarchiv: Eugen Kipp senior · SV Stuttgarter Kickers: 140. Geburtstag · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster Länderspiel-Sieg · ka-news: Der erste Länderspielsieg vor 100 Jahren