Fritz Förderer – der »Frieder« mit dem ersten Elfmeter

Das Lexikon von 1939 bringt es auf einen Satz: Er verband »spielerische Eleganz mit unerhörter Wucht«. Fritz Förderer, von allen nur »Frieder« genannt, war der Halbrechte des Karlsruher FV, als der KFV das Beste war, was der deutsche Fußball zu bieten hatte. Deutscher Meister 1910, elf Länderspiele, zehn Tore. Er war im allerersten Länderspiel dabei, traf dort und zwei Wochen später gleich wieder, diesmal vom Elfmeterpunkt. Es war der erste Strafstoß, den eine deutsche Nationalmannschaft je verwandelte.

Fritz Förderers Laufbahn · Karlsruhe, Halle, Weimar 1888–1952 (Fritz Förderer)
Fritz Förderers Laufbahn · Karlsruhe, Halle, Weimar 1888–1952

»Das war der Halbrechte Fritz Förderer, der ›Frieder‹, wie ihn selbst die Kleinsten liebevoll und respektvoll nannten.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Mechanikersohn zum Innensturm

Friedrich Förderer kommt am 5. Januar 1888 in Karlsruhe zur Welt, als Sohn eines Mechanikers. Er lernt Elektriker und arbeitet bei den Süddeutschen Telefon- und Telegraphen-Werken. So erzählt es die Biografie seines Vereins.

Wo genau er mit dem Kicken anfing, ist nicht ganz klar. Wikipedia nennt den FC Germania Durlach, der KFV eine Germania in Karlsruhe. Auch das Jahr des Wechsels zum Karlsruher FV schwankt zwischen 1905 und 1908. Fest steht: Im Frühjahr 1908 trägt er schon das KFV-Trikot.

Und was für einen Verein er da erwischt. Der KFV hat einen englischen Trainer, William Townley, und eine Stürmerreihe, die in die Geschichte eingehen wird. In der Mitte »Gotti« Fuchs, links daneben »Juller« Hirsch, rechts Förderer. Die Statistiker der Zeitschrift Libero nennen es schlicht ein »grandioses Innentrio«. Das Lexikon von 1939 meint, aus dieser »Gemeinschaft vollendeter Könner« habe einer noch besonders herausgeragt: durch Schusskraft, explosive Spielweise und Temperament. Gemeint ist der Frieder.

Der große Tag: Der erste Elfmeter (April 1908)

Förderers Länderspielkarriere beginnt im Regen von Basel. Am 5. April 1908 ist er 20 Jahre alt und einer von elf Männern, die sich größtenteils erst am Spieltag kennenlernen. In der sechsten Minute fälscht er eine Flanke von Gustav Hensel so ab, dass Fritz Becker zum 1:0 einschieben kann. In der 52. Minute trifft er selbst, laut Wikipedia nach einem Alleingang über das ganze Feld. Deutschland verliert trotzdem 3:5.

Nur 15 Tage später, am 20. April 1908, steht das erste Heimspiel an. Gegner ist eine englische Amateurauswahl. Die Engländer holen noch im selben Jahr olympisches Gold in London. Gespielt wird in Berlin-Mariendorf, auf dem Viktoria-Platz. Wikipedia zählt 6.000 Zuschauer, eine DFB-Geschichte spricht sogar von einer »Rekordkulisse von über 7.000«. Schiedsrichter ist der Berliner Paul Neumann. Die deutsche Elf ist auf sieben Positionen umgebaut, nur Hiller, Weymar, Baumgärtner und Förderer sind aus Basel übrig.

Nach fünf Minuten führt England durch Harry Stapley. Dann, in der 20. Minute, zeigt Neumann auf den Punkt. Förderer tritt an und verwandelt. 1:1. Es ist der erste Elfmeter in der Länderspielgeschichte des DFB, und er macht Förderer mit zwei Toren zum gemeinsamen Rekordtorschützen, gleichauf mit Becker.

Deutschland – England (Amateure) 1:5, Berlin-Mariendorf, 20. April 1908 · der erste Elfmeter der DFB-Geschichte (Fritz Förderer)
Deutschland – England (Amateure) 1:5, Berlin-Mariendorf, 20. April 1908 · der erste Elfmeter der DFB-Geschichte

Der Gleichstand hält fünf Minuten. Vivian Woodward bringt die Gäste wieder nach vorn, Claude Purnell erhöht kurz vor der Pause. Nach dem Wechsel kontrollieren die Engländer das Spiel. Am Ende steht es 1:5. Die Geschichte der Nationalmannschaft nennt die Niederlage trotzdem »ehrenvoll«, und das ist gegen den späteren Olympiasieger wohl nicht übertrieben. Kurios: Die englische FA hat das Spiel nie als Länderspiel gezählt, für den DFB ist es eins.

»Seine Tricks, seine Ballführung, seine Schüsse rechts wie links, waren Weltklasse.«

— Kirn/Natan (zitiert nach Wikipedia)

Meister, Kapitän, Torschützenkönig

Das Jahr 1910 wird Förderers Jahr. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft schießt er im Viertelfinale gegen den Duisburger SV das einzige Tor. Im Finale am 15. Mai 1910 in Köln gegen Holstein Kiel steht es nach 90 Minuten 0:0. Erst in der 114. Minute verwandelt Max Breunig einen Elfmeter. Der KFV ist Deutscher Meister. Laut Wikipedia ragte Förderer mit Schusskraft, Dribbelkunst und Explosivität aus dieser Meisterelf heraus.

In den folgenden Endrunden führt er die Elf als Kapitän an. 1911 schießt er beim 4:0 gegen Tasmania Rixdorf drei Tore. 1912 wird er mit sechs Treffern in drei Spielen Torschützenkönig der Endrunde, doch das Finale in Hamburg geht mit 0:1 gegen Kiel verloren. Fuchs verletzte sich kurz nach Anpfiff am Knie und spielte laut Libero nur noch »als Statist« mit.

In der Nationalelf kommt er seltener zum Zug, als man denkt. Die Chronisten Kirn und Natan vermuten, er sei »oftmals durch die Meisterschaftsbeanspruchungen seines KFV« verhindert gewesen. Und wenn er spielt, trifft er oft: zwei Tore beim 6:2 gegen die Schweiz 1911, eins in Lüttich. Am 24. März 1912 steht er in Zwolle im berühmten »Karlsruher Sturm«, der gegen Holland ein 5:5 erkämpft.

Beim olympischen Turnier in Stockholm folgt der Rekordtag. Am 1. Juli 1912 schlägt Deutschland Russland mit 16:0. Förderer trifft viermal. Das hätte ihn zum alleinigen Rekordtorschützen gemacht, wäre da nicht sein Nebenmann Fuchs gewesen: der schoss zehn. Zwei Tage später gelingt Förderer gegen Ungarn sein zehntes und letztes Länderspieltor.

Beinbruch, Krieg und Halle

1913 bricht er sich in einem Kronprinzenpokalspiel im Nürnberger Zabo das Schienbein. Das genaue Datum geben die Quellen unterschiedlich an. Sein elftes und letztes Länderspiel bestreitet er am 26. Oktober 1913 in Hamburg, 1:4 gegen Dänemark. Im selben Jahr heiratet er in Karlsruhe. Fuchs und Hirsch sollen laut Familienüberlieferung als Gäste dabei gewesen sein.

Im Ersten Weltkrieg ist Förderer Soldat, laut KFV in den Vogesen. Ende 1916 wird er zu den Leuna-Werken bei Merseburg abkommandiert. Seit 3. Januar 1917 ist er Mitglied des Halleschen FC 1896, des späteren VfL. Mit ihm wird er Mitteldeutscher Meister, 1919 sicher, laut KFV auch schon 1917.

Einmal noch spielt er für den alten Verein. 1919 tourt die ungarische Meisterelf von MTK Budapest durch Süddeutschland, letzte Station Karlsruhe. Förderer läuft auf, aber nicht im Sturm, sondern als rechter Verteidiger. »Oft stand Förderer allein gegen die fünf Budapester Stürmer«, erinnert sich das Lexikon von 1939. Der KFV verliert nur 0:1.

In Halle bleibt er bis 1932, als Platzwart, Sportlehrer, zeitweise Trainer und Tennislehrer. Dann zieht er als Trainer durchs Land: Augsburg, Regensburg, Naumburg, Köthen.

Weimar und Buchenwald

Im April 1939 wird Förderer Verwalter der städtischen Sportanlagen in Weimar. Im Juni 1939 bittet die 3. SS-Totenkopfstandarte aus dem nahen Konzentrationslager Buchenwald den Oberbürgermeister, dass Förderer ihre Fußballmannschaft trainiert. Die Stadt genehmigt es. Laut Gedenkstätte Buchenwald trainiert er die SS-Männer zwei Stunden pro Woche. Wie lange, ist nicht bekannt. 1942 tritt er der NSDAP bei.

Seine früheren Sturmpartner hatten da längst ein anderes Schicksal. Hirsch und Fuchs waren Juden und wurden verfolgt. Fuchs emigrierte, Julius Hirsch wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Nach Angaben seines Urenkels hat Förderer nach dem Krieg über die beiden gesprochen und nach ihrem Schicksal gesucht.

Im Februar 1945 stirbt seine Tochter Ingeborg bei einem Bombenangriff auf Weimar. Nach dem Krieg bleibt Förderer Angestellter der Stadt und trainiert die SG Weimar-Ost, die 1948 im Halbfinale der ersten Ostzonenmeisterschaft steht. Als man in Karlsruhe 1952 hört, dass er schwer krank im Krankenhaus liegt, erreichen ihn zahlreiche Hilfspakete mit Lebensmitteln und Medikamenten. Fritz Förderer stirbt am 20. Dezember 1952 in Weimar, kurz vor seinem 65. Geburtstag. Zu seiner Frau soll er immer gesagt haben: »Mein geliebter KFV«.

Fritz Förderer auf einen Blick

Geboren: 5.1.1888 in Karlsruhe
Gestorben: 20.12.1952 in Weimar (abweichende Angaben: 6.12. bzw. 10.12.1952)
Spitzname: »Frieder«
Vereine: FC Germania (Durlach bzw. Karlsruhe), Karlsruher FV (spätestens 1908 bis 1917), VfL Halle 1896 (ab 1917)
Position: Halbrechts
Titel: Deutscher Meister 1910; Vizemeister 1912; Süddeutscher Meister 1910, 1911, 1912; Mitteldeutscher Meister 1919; Kronprinzenpokal 1910, 1912, 1921
Bilanz: 11 Länderspiele, 10 Tore (1908–1913)
Beruf: Elektriker, später Sportlehrer und Sportplatzverwalter
Trainer: u. a. VfL Halle, Schwaben Augsburg, Jahn Regensburg, 1. FC Naumburg, Köthen, SG Weimar-Ost
Nationalspieler Nr.: 08 (Debüt 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3/1992 · Libero Nr. 36 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Fritz Förderer · Wikipedia: Länderspiel Deutschland – England 1908 · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Karlsruher FV: Biografie Fritz Förderer · Gedenkstätte Buchenwald: Nationalspieler und Trainer der Buchenwalder SS · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster Länderspiel-Sieg