Otto Thiel – der junge Kapitän der Preussen

Otto Thiel hatte nicht viel Zeit, und er nutzte sie. Mit 18 lief der Linksaußen des BFC Preussen laut Libero als Kapitän in einem Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft auf. Er wurde zweimal Berliner Meister, stand in zwei Pokalfinals und spielte zweimal für Deutschland, zuletzt beim 16:0 gegen Russland, dem Rekordsieg der Nationalelf. Im Mai 1912 fehlten seiner Elf sechs Minuten zum Halbfinale. Ein gutes Jahr später war Otto Thiel tot. Er wurde 21 Jahre alt.

Otto Thiels Laufbahn beim BFC Preussen · 1909–1913
Otto Thiels Laufbahn beim BFC Preussen · 1909–1913

»Stammposten: Linksaußen / Beruf: Telegraphenassistent. Gestorben: 10. Juli 1913.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Berliner Linksaußen

Otto Willi Thiel wird am 23. November 1891 in Berlin geboren. Von Beruf ist er, so das Lexikon von 1939, Telegraphenassistent. Sein Verein ist der BFC Preussen. Wann er dort anfängt, ist nicht überliefert. In den Aufstellungen taucht er zum ersten Mal im Herbst 1909 auf, da ist er gerade 18.

Und gleich mit einem Tor. Am 14. November 1909 spielt die Berliner Auswahl im Halbfinale des Kronprinzenpokals in Breslau. Nach elf Minuten trifft Thiel zum 1:0. Am Ende gewinnt Berlin 9:1, seine Preussen-Kollegen Rudolf Droz und Edwin Dutton schießen sieben Tore. Im Finale am 10. April 1910 steht Thiel wieder auf Linksaußen, doch Berlin verliert nach 142 Minuten 5:6 gegen den Süden.

In der Saison 1909/10 ist der BFC Preussen in Berlin nicht zu schlagen. In allen 16 Punktspielen bleibt er ungeschlagen und wird Meister, sechs Punkte vor Viktoria 89. Im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft geht es am 17. April 1910 nach Hamburg, gegen Holstein Kiel. Kapitän der Berliner ist laut Libero Otto Thiel, 18 Jahre alt. Sorkale bringt Preussen in Führung, doch Kiel dreht das Spiel. In der 80. Minute geht der verletzte Verteidiger Max Schmidt ins Tor, und Torwart Alfred Mills stürmt mit. »Doch der Schuß ging nach hinten los«, schreibt Libero: Kiel trifft noch zweimal, 4:1.

Nationalspieler mit 20

Im Oktober 1911 trifft Thiel erneut für die Auswahl, diesmal nach drei Minuten zum 1:0 beim 10:0 gegen Nordostdeutschland. Zwei Monate später holt ihn der DFB in die Nationalelf. Am 17. Dezember 1911 spielt er in München gegen Ungarn, auf Linksaußen neben Julius Hirsch. Mit ihm debütieren Hirsch, Willi Knesebeck und Theo Koenen. Vor 8.000 Zuschauern verliert Deutschland 1:4.

Im Februar 1912 steht er im nächsten Pokalfinale, und wieder verliert Brandenburg 5:6 gegen den Süden, gegen Hirsch, Fuchs und Förderer. Dafür klappt es in der Liga. Nach dem Zusammenschluss der Berliner Verbände spielt Preussen zweimal gegen Viktoria 89 um die Meisterschaft und gewinnt beide Spiele 2:1. Preussen ist, wie Libero schreibt, »der erste Meister von Mark Brandenburg«.

Der große Tag: Sechs Minuten fehlen (Mai 1912)

Die Endrunde führt Preussen am 5. Mai 1912 wieder nach Hamburg, wieder auf den Victoria-Platz an der Hoheluft, wieder gegen Holstein Kiel. Und wieder führt laut Libero Otto Thiel die Berliner als Kapitän aufs Feld.

Bei Kiel steht Nationaltorwart Adolf Werner, davor das neue Verteidigerpaar Homeister und Reese, im Sturm Ernst Möller und die Brüder Fick. Die Preussen haben mit Erich Herbst einen neuen Rechtsaußen und mit Konrad Bülte einen Mittelläufer aus Braunschweig. 5.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Paul Schröder aus Mönchengladbach.

In der 30. Minute trifft Robert Krüger zum 1:0 für Preussen. Die Führung hält, lange. Libero beschreibt, wie es dann kam:

»Es schien, als könnten sich die Hauptstädter durchsetzen, da gelang den Kielern in einem furiosen Endspurt noch die Wende.«

— Libero 36 (IFFHS)

In der 84. Minute gleicht Fick aus, drei Minuten später schießt David Binder das 2:1. Preussen ist raus. Holstein Kiel marschiert weiter und wird drei Wochen später Deutscher Meister, mit einem 1:0 im Finale gegen den Karlsruher FV von Julius Hirsch.

Stockholm und das frühe Ende

Im Sommer 1912 fährt Thiel mit zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Am 1. Juli steht er auf Linksaußen, als Deutschland Russland 16:0 schlägt. Gottfried Fuchs schießt zehn Tore, Fritz Förderer vier. Es ist bis heute der Rekordsieg der deutschen Nationalmannschaft. Auf dem Mannschaftsfoto dieses Tages steht Thiel als Vierter von links.

Es ist sein letztes Länderspiel. Nach dem Turnier, heißt es in der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft«, beendeten neun Spieler ihre Laufbahn als »Internationale«, darunter auch Thiel.

Otto Thiel stirbt am 10. Juli 1913 in Berlin. Er ist 21 Jahre alt. Die Todesursache ist nicht überliefert. Der Rasensport druckt am 16. Juli einen Nachruf, die Todesanzeige unterschreibt sein Verein, der BFC Preussen. Später verlegen mehrere Statistikwerke seinen Tod irrtümlich ins Jahr 1915. Das Lexikon von 1939 hat das richtige Datum.

Otto Thiel auf einen Blick

Geboren: 23.11.1891 in Berlin
Gestorben: 10.7.1913 in Berlin
Vereine: BFC Preussen (belegt 1909–1912)
Position: Linksaußen
Titel: Berliner Meister 1910, Brandenburger Meister 1912; Kronprinzenpokal-Finalist 1910 und 1912
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1911–1912); Olympische Spiele 1912
Beruf: Telegraphenassistent
Nationalspieler Nr.: 84 (Debüt 17. Dezember 1911 in München)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Otto Thiel · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1911/12 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996