Walter Borck – das »Baby« im Tor

Mit 16 stand er schon im Tor einer Hamburger Spitzenmannschaft, und die Kollegen nannten ihn »Baby«. Walter Borck wurde später Doktor der Medizin, aber zuerst wurde er Nationalspieler, und zwar in München. Dorthin hatte ihn das Studium geführt, zum MTV München. Im Dezember 1911 spielte die Nationalelf ausgerechnet auf seinem Vereinsplatz, und Borck durfte ins Tor. Ein halbes Jahr zuvor hatte er ein Pokalfinale erlebt, das erst in der 127. Minute entschieden war.

Walter Borcks Laufbahn · 1907–1922 (Walter Borck)
Walter Borcks Laufbahn · 1907–1922

»Stammposten: Torwart / Beruf: Arzt.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Das »Baby« vom HFC 1888

Walter Borck wird am 1. Mai 1891 in Hamburg-Eimsbüttel geboren. 1907, mit 16 Jahren, steht er im Tor des Hamburger FC 1888, eines der Vorgängervereine des Hamburger SV. Weil er so jung ist, nennen sie ihn dort »Baby«. So steht es in der HSV-Chronik »Mit der Raute im Herzen«, auf die sich Wikipedia beruft.

1910 geht er zum Medizinstudium nach München. Dort spielt er für die Fußballabteilung des MTV München von 1879 und bleibt bis 1914. Sein Name taucht in den Quellen in zwei Schreibweisen auf, Borck und Bork. Er selbst unterschrieb, das zeigt das Autogramm im Lexikon von 1939, mit »Dr. Borck«.

Der große Tag: Pokalfinale in zwei Verlängerungen (Mai 1911)

Im Frühjahr 1911 gehört der Student zur Auswahl Süddeutschlands im Kronprinzenpokal. Das Finale gegen Norddeutschland steigt am 25. Mai 1911 auf dem Viktoria-Platz in Berlin-Mariendorf. 3.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Curt von Paquet aus Berlin. Der Norden gilt, so Wikipedia, als »deutlich stärker eingeschätzt«. Er hat mit Adolf Werner den Stammtorwart der Nationalelf und einen Sturm mit Hermann Garrn und Ernst Möller.

Borck muss schon nach drei Minuten hinter sich greifen, Garrn trifft zum 1:0. Dann hält der Süden lange dagegen. In der 59. Minute gleicht Otto Gratzmüller aus, Borcks Vereinskamerad vom MTV. Es bleibt beim 1:1, es geht in die Verlängerung. Nach 102 Minuten bringt Otto Löble den Süden in Führung, doch eine Minute vor Ende der Verlängerung gleicht Martin Laessig aus. 2:2 nach 120 Minuten.

Nun wird ein zweites Mal verlängert, zweimal zehn Minuten. Und jetzt schlägt Ernst Möller zu, in der 125. und in der 127. Minute. 4:2 für den Norden.

Kronprinzenpokal-Finale in Mariendorf, 25. Mai 1911 · Süddeutschland mit Walter Borck im Tor unterliegt nach doppelter Verlängerung 2:4 (Walter Borck)
Kronprinzenpokal-Finale in Mariendorf, 25. Mai 1911 · Süddeutschland mit Walter Borck im Tor unterliegt nach doppelter Verlängerung 2:4

»Nach 120 min. wurde noch ein 2. Mal verlängert (2×10 min.)«

— Libero D3 (IFFHS, 1992) zum Kronprinzenpokal-Finale 1911

Ein halbes Jahr später steht Borck erneut im Süd-Tor, am 12. November 1911 beim 2:1 im Halbfinale in Leipzig gegen Mitteldeutschland. Im Finale 1912 hütet dann ein anderer das Tor.

Ein Länderspiel auf dem eigenen Platz

Am 17. Dezember 1911 empfängt Deutschland Ungarn, und zwar in München, auf dem Platz des MTV. Laut Wikipedia ist es das erste Länderspiel, das in München ausgetragen wird. Im Tor steht nicht Adolf Werner, der 1911 bis dahin alle sechs Länderspiele bestritten hat, sondern Borck. Warum? Wikipedia vermutet zwei Gründe: den Heimvorteil auf dem Vereinsplatz und seine überzeugende Leistung im Pokalfinale. Belege dafür nennt es nicht.

8.000 Zuschauer kommen, Schiedsrichter ist der Österreicher Hugo Meisl. Vor Borck verteidigen Walter Hempel und Theo Koenen, Kapitän ist Camillo Ugi, im Sturm debütiert Julius Hirsch. Die Ungarn sind stärker. Sebestyén trifft in der 24. Minute, Imre Schlosser kurz vor der Pause. Direkt nach Wiederanpfiff verkürzt Willi Worpitzky, doch Bodnár und noch einmal Schlosser machen das 1:4. Schlosser, schreibt Wikipedia, spielte »überragend«.

Es bleibt Borcks einziges Länderspiel. Im nächsten steht wieder Adolf Werner im Tor.

Arzt in Hamburg

Im Ersten Weltkrieg spielt Borck beim Duisburger SpV und beim Schweriner FC 03. Von 1919 an steht er, jetzt als »Dr. Borck«, wieder in Hamburg im Tor, beim Hamburger SV, der inzwischen aus der Fusion hervorgegangen ist. Danach hält er noch für die Reserve und hilft laut Wikipedia 1922 gelegentlich in der ersten Mannschaft aus. In der Hamburger Lokalpresse inseriert er als Facharzt. Wikipedia nennt außerdem die Würzburger Kickers von 1921 bis 1930, allerdings nur mit einem »soll«, und das passt schlecht zu den Hamburger Spuren.

Laut Wikipedia, gestützt auf die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv, trat Borck zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei.

Walter Borck stirbt am 25. Dezember 1948 in Hamburg-Winterhude, 57 Jahre alt.

Walter Borck auf einen Blick

Geboren: 1.5.1891 in Hamburg-Eimsbüttel
Gestorben: 25.12.1948 in Hamburg-Winterhude
Spitzname: »Baby« (beim HFC 1888)
Vereine: HFC 1888 (1907–1910), MTV München 1879 (1910–1914), Duisburger SpV und Schweriner FC 03 (Kriegsjahre), Hamburger SV (1919–1922)
Position: Torwart
Titel: Kronprinzenpokal-Finalist 1911
Bilanz: 1 Länderspiel (1911)
Beruf: Arzt
Nationalspieler Nr.: 80 (Debüt 17. Dezember 1911 in München)

Quellen

Wikipedia: Walter Borck · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996