Max Gablonsky – »Gaberl« und das Tor mit 100 Jahren Verspätung
Max Gablonsky hat ein Länderspieltor geschossen, und 100 Jahre lang wusste es niemand. Am 26. März 1911 traf der Rechtsaußen des FC Bayern in Stuttgart zum 6:2 gegen die Schweiz. In die Statistik kam der Treffer unter einem anderen Namen, Gottfried Fuchs. Erst im September 2011 änderte der DFB die Bücher, auf Betreiben von Gablonskys Sohn und des FC Bayern. Vier Länderspiele hat »Gaberl« bestritten, das erste davon als erster Nationalspieler des FC Bayern überhaupt, im Chaos von Duisburg.
»Allerdings traf er nur einmal und nicht doppelt an diesem Tag, Jahrzehnte lang stand es fälschlich in den Chroniken. Denn 2011 kam heraus, dass ein Tor in Wahrheit Max Gablonsky (Bayern München) gebührte.«
Der Sprinter vom FC Bayern
Max Gablonsky kommt am 1. Januar 1890 in München zur Welt. Mit 19 tritt er dem FC Bayern bei. Gablonsky übernimmt die rechte Außenbahn und gibt sie lange nicht mehr her. Das Bayern-Lexikon nennt ihn den »Dauerbrenner auf dem Rechtsaußen-Posten«.
Seine Waffe ist das Tempo. Laut Wikipedia machte ihn »seine Schnelligkeit« zu einem herausragenden Stürmer, und das ist keine Übertreibung: Gablonsky ist auch Leichtathlet, ein Sprinter. Für die Olympischen Spiele 1912 in Stockholm ist er in der deutschen 4-mal-100-Meter-Staffel vorgesehen. Er verzichtet, weil sein Studium an der Technischen Hochschule vorgeht.
Mit dem FC Bayern gewinnt er gleich in der ersten Saison 1909/10 die Meisterschaft des Ostkreises, also die bayerische und südbayerische. In der Endrunde um die süddeutsche Meisterschaft werden die Münchner Zweiter hinter dem Karlsruher FV. Ein Jahr später wiederholt sich beides. Das Bayern-Lexikon zählt den »National-Rechtsaußen Max Gablonsky« zu den Stars dieser Mannschaft.
Erster Bayer im Nationaltrikot
Zum Nationalspieler wird Gablonsky an einem der merkwürdigsten Tage der deutschen Länderspielgeschichte. Am Pfingstmontag, dem 16. Mai 1910, spielt Deutschland in Duisburg zum ersten Mal gegen Belgien. Tags zuvor war das Endspiel um die Meisterschaft, keiner der Karlsruher und Kieler Endspielspieler kommt. Eine Stunde vor dem Anpfiff sind laut der Chronik der Nationalmannschaft erst sieben Spieler da. Gablonsky gehört wohl zu ihnen, unter den Aushilfen aus dem Publikum nennt ihn keine Quelle. Den Rest holt man von der Tribüne.
Deutschland verliert 0:3. Die Neue Sport Woche findet, die Elf habe »recht und schlecht« gespielt, »mit wenigen Ausnahmen«. Laut Sport1 lobte das Blatt nur Bayern Münchens ersten Nationalspieler, den Rechtsaußen, »der sich durch schöne Läufe und Technik auszeichnete«. Vor der Pause, darin war sich das Publikum einig, hätte er einen Elfmeter bekommen müssen. Er bekam keinen.
Im Herbst 1910 spielt Gablonsky für die süddeutsche Verbandsauswahl im Kronprinzenpokal. Im Halbfinale am 13. November schlägt der Süden Berlin 3:1. Im Finale im Mai 1911 steht dann aber der Karlsruher Karl Wegele auf Rechtsaußen. Wikipedia nennt ihn Gablonskys »großen Konkurrenten«.
Der große Tag: Sechs Tore in Degerloch (März 1911)
Sein zweites Länderspiel bekommt Gablonsky zehn Monate nach Duisburg, und diesmal passt alles. Am 26. März 1911 empfängt Deutschland die Schweiz auf dem Kickers-Platz in Stuttgart-Degerloch. 8.000 Zuschauer sind gekommen, der Belgier Istace pfeift, Kapitän ist der Karlsruher Mittelläufer Max Breunig.
Vorne spielt eine Sturmreihe, die sich sehen lassen kann: Gablonsky rechts außen, daneben die Karlsruher Fritz Förderer und Gottfried Fuchs, dann der Stuttgarter Eugen Kipp und Walter Fischer aus Duisburg. Fuchs gibt an diesem Tag sein Debüt.
Nach 35 Minuten trifft Fuchs zum 1:0, der DFB schreibt, er habe den Ball »mit der Brust« über die Linie gebracht. Breunig verwandelt einen Elfmeter, zur Pause steht es 2:0. Danach wird es ein Schützenfest: Kipp trifft, Förderer zweimal, die Schweizer kommen durch Weiss und Collet zu zwei Toren. Und ganz am Ende, laut Wikipedia in der 90. Minute, fällt das 6:2.
Wer es geschossen hat, stand 100 Jahre lang falsch in den Büchern. Die Statistiken schrieben Gottfried Fuchs zwei Tore gut. So steht es im Kicker-Almanach, so steht es in den Libero-Heften, und so blieb es, bis Gablonskys Sohn Hans Georg sich dagegen wehrte. Der FC Bayern schreibt in seinem Nachruf auf ihn von einem »vehementen Kampf für die Richtigstellung der Statistik«.
Was den Ausschlag gab, erzählen die Quellen unterschiedlich. Der DFB berichtet von einem Zettel im Nachlass des Vaters, mit der Notiz »6. Tor von mir«. Die englische Wikipedia schreibt, Sohn und Enkel hätten sich auf lokale Archive in Stuttgart berufen. Jedenfalls erkennt der DFB im September 2011 das Tor Max Gablonsky zu. Fuchs verliert eines, und der FC Bayern gewinnt seinen ersten Länderspieltorschützen.
»Wer für ein einziges Tor kämpft, wie es Hans Georg Gablonsky getan hat, der vereint zahlreiche positive Eigenschaften in seiner Person: Fußball-Fanatiker, Familienmensch und Historiker.«
Gablonsky selbst erlebt das nicht mehr. Nach Stuttgart spielt er im Herbst 1911 noch zweimal für Deutschland: am 9. Oktober in Dresden beim 1:2 gegen Österreich und am 29. Oktober in Hamburg beim 1:3 gegen Schweden. Danach ist Schluss mit der Nationalelf.
Baurat in Duisburg
Beim FC Bayern bleibt er bis 1922. Über 500 Spiele soll er für den Verein bestritten haben, schreiben Wikipedia und ein englisches Bayern-Buch übereinstimmend. Dann zieht es ihn beruflich nach Duisburg. Er lässt sich als Baubeamter in Duisburg nieder, Wikipedia nennt ihn Oberbaurat, das Nationalspieler-Lexikon von 1939 Stadtbaurat. Zwei Spielzeiten spielt er noch für den Duisburger Spielverein, 1924 hört er auf. Ausgerechnet in der Stadt, in der er 1910 sein erstes Länderspiel bestritten hatte.
Zum 25-jährigen Bestehen des FC Bayern bekommt Gablonsky die silberne Jubiläums-Ehrennadel. Zum 1. Mai 1933 tritt er in die NSDAP ein, Mitgliedsnummer 2.915.341, so steht es laut Wikipedia in der Mitgliederkartei des Bundesarchivs. Bei einem Luftangriff auf München 1944 verliert er nach Angaben der englischen Wikipedia den größten Teil seiner Habe.
Max Gablonsky stirbt am 16. Juli 1969. Sein Sohn Hans Georg, über 50 Jahre lang Mitglied des FC Bayern, stirbt am 25. Januar 2018 mit 88 Jahren in Mülheim an der Ruhr. Das Tor seines Vaters hat er vorher noch nach Hause geholt.
Max Gablonsky auf einen Blick
Geboren: 1.1.1890 in München
Gestorben: 16.7.1969
Spitzname: »Gaberl«
Vereine: FC Bayern München (1909–1922), Duisburger SpV (1922–1924)
Position: Rechtsaußen
Titel: Ostkreismeister (Bayerischer und Südbayerischer Meister) 1910 und 1911, jeweils süddeutscher Vizemeister
Bilanz: 4 Länderspiele, 1 Tor (1910–1911; das Tor erst seit 2011 amtlich)
Beruf: Baubeamter (Oberbaurat bzw. Stadtbaurat in Duisburg)
Nationalspieler Nr.: 59 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg gegen Belgien, 0:3 – erster Nationalspieler des FC Bayern)
Quellen
Wikipedia: Max Gablonsky · Wikipedia (en): Max Gablonsky · Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1909/10 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D3 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Das Bayern-Lexikon (1999) · Jim Whiting: Bayern Munich · DFB: Schweiz gegen Deutschland – viel Kurioses · DFB: Zum 50. Todestag von Gottfried Fuchs · FC Bayern: Trauer um Hans Georg Gablonsky · FC Bayern: Bayern and Germany · Sport1: Das peinlichste Länderspiel · DFB-Datencenter