Alfred Berghausen – von der Tribüne in die Nationalelf
Alfred Berghausen hatte an jenem Pfingstmontag keine Einladung. Der 20-Jährige wollte in seiner Heimatstadt Duisburg ein Länderspiel sehen, Deutschland gegen Belgien, das erste überhaupt zwischen beiden Ländern. Weil der DFB eine Stunde vor Anpfiff erst sieben Spieler beisammen hatte, wurde er aus dem Publikum geholt. So kam der Verteidiger von Preußen Duisburg zu seinem einzigen Länderspiel. Es ging 0:3 verloren. Sport1 nannte es 2020 »das peinlichste deutsche Länderspiel«.
»So einfach war es damals, Nationalspieler zu werden!«
Im Schatten des Spielvereins
Alfred Berghausen wird am 9. Dezember 1889 in Duisburg geboren. Sein Verein, der SC Preußen, ist ein paar Jahre älter als seine Fußballkarriere: Am 12. Juni 1901 gründen ihn 13 junge Männer, Realschüler, und Mitglied werden darf nur, wer den passenden Schulabschluss hat. Ein bürgerlicher, ein bisschen elitärer Club, so beschreibt ihn Wikipedia.
Sportlich stehen die Preußen im Schatten. Das Aushängeschild der Stadt ist der Duisburger Spielverein, der eine westdeutsche Meisterschaft nach der anderen sammelt. Berghausen spielt ab der Saison 1906/07 für die Preußen, als Verteidiger, und er bleibt bis 1923.
Einmal, 1909, sind die Preußen vorne. In der Duisburger A-Klasse der Ruhr enden sie punktgleich mit dem großen Nachbarn, beide 18:2 Punkte. Das Entscheidungsspiel gewinnen die Preußen 2:1. In der Endrunde um die westdeutsche Meisterschaft schlagen sie den FV Kassel 95 mit 8:5 und Dortmund mit 4:1. Im Endspiel am 3. April 1909 gegen den FC München-Gladbach fehlt dann wenig: 2:3 nach Verlängerung. In der neuen Verbandsliga landen die Preußen ein Jahr später auf Platz acht von zehn. Meister wird wieder der Spielverein.
Über Berghausens Spielweise hat niemand etwas aufgeschrieben. Auch sein Beruf ist nicht überliefert.
Der große Tag: Von der Tribüne aufs Feld (Mai 1910)
Der DFB hat für den 16. Mai 1910 das erste Länderspiel gegen Belgien nach Duisburg vergeben. Der Termin ist unglücklich gewählt, um es freundlich zu sagen: Es ist Pfingstmontag, und seit 1903 gehört Pfingsten dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Am Sonntag schlägt der Karlsruher FV in Köln Holstein Kiel mit 1:0 nach Verlängerung. Die eingeplanten Spieler beider Endspielteams sagen ab.
Eine Stunde vor Spielbeginn sind laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« erst sieben Spieler da. Ein DFB-Vertreter fehlt ganz. Also wird im Publikum gesucht, nach Leuten, die Fußball spielen können. In Duisburg ist das nicht schwer. Laut Sport1 rekrutiert der ausrichtende Verein, Berghausens Preußen, »kurzerhand drei zufällig anwesende Spieler von der Tribüne«: Alfred Berghausen, 20, Lothar Budzinski-Kreth, 23, und Christian Schilling, 30, beide vom Spielverein. Die Rivalen stehen plötzlich in einer Mannschaft.
Berghausen verteidigt neben dem Karlsruher Robert Neumaier, hinter ihm steht der Pforzheimer Robert Faas im Tor. Kapitän ist der Freiburger Josef Glaser. 8.000 Zuschauer sehen zu, der Niederländer Herbert James Willing pfeift. Gespielt wird laut DFB-Datencenter nicht bei den Preußen, sondern auf dem Platz des Spielvereins am Grunewald.
Belgien führt zur Pause durch Robert De Veen 1:0. Dann muss Peco Bauwens, der spätere DFB-Präsident, mit einem Muskelriss vom Feld. Schon wieder wird gesucht, schon wieder im Publikum. Diesmal trifft es Andreas Breynck, einen Olympia-Läufer von 1908 – und Berghausens Vereinskameraden bei den Preußen. Ab der 55. Minute spielt er. Erst kurz vor Schluss treffen Louis Saeys und Edmond Van Staceghem zum 0:3. Die Deutschen treffen einmal den Pfosten, ein Tor von Otto Reislant wird wegen Abseits aberkannt.
Die Chronik der Nationalmannschaft nennt das 0:3 »noch schmeichelhaft«. Die Neue Sport Woche findet, die Mannschaft habe »recht und schlecht« gespielt. Ihr eigentlicher Zorn aber gilt dem DFB.
»So etwas von Hilflosigkeit, von Dispositionsunvermögen, ist geradezu fabelhaft.«
Die Blamage hat Folgen. Auf dem nächsten Bundestag in Eisenach wird beschlossen, dass der Spielausschuss auf kurzfristige Einladungen verzichten muss. Das nächste Länderspiel wird im Herbst angesetzt, nicht mehr mitten in der entscheidenden Phase der Vereinssaison. Für Berghausen kommt keine Einladung mehr, weder kurz- noch langfristig.
Zellenleiter
Berghausen spielt weiter für die Preußen, bis 1923. In seiner letzten Saison sind sie Neuling in der Gauliga Niederrhein und werden Fünfter unter 16 Mannschaften.
Was danach aus ihm wird, ist bruchstückhaft überliefert. Am 1. Dezember 1930 tritt Alfred Berghausen in die NSDAP ein, Mitgliedsnummer 386.896. So steht es in der Mitgliederkartei des Bundesarchivs, auf die sich Wikipedia und eine Recherche der Zeit von 2024 stützen. Er wird Zellenleiter. Nach dem aktuellen Forschungsstand ist er damit das erste NSDAP-Mitglied unter den deutschen Nationalspielern und hat den höchsten Parteirang erreicht, den ein Nationalspieler bekleidete. Mehr über seine Tätigkeit ist in den geöffneten Quellen nicht zu finden.
Alfred Berghausen stirbt am 6. September 1954, mit 64 Jahren. Der Ort ist nicht bekannt.
Alfred Berghausen auf einen Blick
Geboren: 9.12.1889 in Duisburg
Gestorben: 6.9.1954 (Ort unbekannt)
Vereine: SC Preußen Duisburg (1906/07–1923)
Position: Verteidiger
Titel: Duisburger Meister 1909 (A-Klasse Ruhr), westdeutscher Vizemeister 1909
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: nicht überliefert
Nationalspieler Nr.: 57 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg gegen Belgien, 0:3)
Quellen
Wikipedia: Alfred Berghausen · Wikipedia: Preußen Duisburg · Wikipedia: Andreas Breynck · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D3 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · Sport1: Das peinlichste Länderspiel · RUND-Magazin · DH/Les Sports+