Adalbert Friedrich – »Bert«, der Linksaußen mit dem Decknamen

Im Kicker-Almanach steht er bis heute unter einem Decknamen: »Bert (Adalbert Friedrich)«. Den Namen hat sich ein Leipziger Schüler zugelegt, der Angst vor dem Karzer hatte. Aus dem heimlichen Fußballer wird einer der verlässlichsten Stürmer der Kaiserzeit. Dreimal Deutscher Meister mit dem VfB Leipzig, Torschütze im allerersten Endspiel 1903, dabei in sämtlichen 19 Endrundenspielen seines Vereins bis 1914. Und das, obwohl er als Handlungsreisender die Nächte oft im Zug verbrachte. Für die Nationalelf reicht es zu einem Spiel, dem chaotischsten der frühen Jahre.

Adalbert Friedrichs Lebensweg · 1884–1962 (Adalbert Friedrich)
Adalbert Friedrichs Lebensweg · 1884–1962

»Welch eine Konstitution und Begeisterung setzte dies voraus, von finanziellen Opfern ganz zu schweigen.«

— Libero D3 (IFFHS), 1992, über Friedrichs Nachtfahrten zu den Spielen

Ein Schüler spielt unter falschem Namen

Adalbert Friedrich, in manchen Quellen Adelbert, kommt am 10. Juni 1884 in Leipzig zur Welt. Mit zehn Jahren kickt er in den Klassenmannschaften der Petrischule. 1897, mit 13, tritt er dem VfB Leipzig bei. Heimlich, wie das IFFHS-Magazin Libero schreibt: aus Angst vor der Karzerstrafe. Also spielt der Junge unter einem Pseudonym: »Bert«.

Beim VfB landet er in einer zweiten Mannschaft, die nur aus Schülern besteht, unter dem strengen Übungsleiter R. T. Schöffler. Diese Schülertruppe wird laut Libero später fast geschlossen zur ersten Mannschaft. 1900 steht »Bert« mit 16 Jahren erstmals in der ersten Elf. Neben ihm spielt bald sein älterer Bruder Walter, ein Mittelläufer. In den Aufstellungen heißen sie Friedrich I und Friedrich II.

Linksaußen im Nachtzug

Friedrichs Platz ist der linke Flügel. Libero nennt ihn einen »begabten, vielseitigen und torgefährlichen Linksaußen«. An anderer Stelle bilden er und »Merry« Laessig »eine starke linke Seite«, mit »Karlchen« Uhle auf rechts habe der VfB »zwei sehr gute Flügelstürmer« gehabt.

Leicht macht es ihm der Beruf nicht. Friedrich ist Kaufmann, genauer: Reisender. Geschäftlich ist er oft in Nord- und Westdeutschland unterwegs, vor allem im Rheinland. Um trotzdem zu spielen, verbringt er laut Libero »häufig die Nacht in Eisenbahn-Zügen (3. Klasse)«. Zum Training kommt er selten. Trotzdem verpasst er zwischen 1903 und 1914 als einziger VfB-Spieler kein einziges Endrundenspiel um die Deutsche Meisterschaft. 19 Spiele sind das, mindestens vier Tore laut Wikipedia.

Die Bilanz ist glänzend. Deutscher Meister 1903, 1906 und 1913, Finalist 1911 und 1914, dazu sieben mitteldeutsche Titel. Am 18. April 1909 gewinnt Friedrich mit der Auswahl Mitteldeutschlands den ersten Kronprinzenpokal. Das Siegerfoto zeigt ihn laut Wikipedia als Dritten von rechts.

Der große Tag: Das erste Endspiel (Mai 1903)

Am 31. Mai 1903 wird in Altona erstmals ein Deutscher Meister ermittelt. Gespielt wird auf der Exerzierweide, 2.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Franz Behr aus Altona. Der Gegner des VfB, der Deutsche Fußball-Club Prag, ist ohne Spiel ins Finale gekommen: Der Karlsruher FV war nach einem gefälschten Telegramm nicht zum Halbfinale angereist.

Die Prager beginnen stürmisch. In der 22. Minute führen sie durch Meyer. Nach 31 Minuten gleicht der VfB aus, laut Libero durch Walter Friedrich. Zur Pause steht es 1:1.

Dann schlägt die Stunde des jüngeren Bruders. In der 49. Minute trifft Adalbert Friedrich zum 2:1. Eine alte Schilderung des Spiels, die die Chronik des Duisburger Spielvereins wiedergibt, beschreibt einen Eckball: Friedrich habe ihn so raffiniert unter die Latte gesetzt, dass Torhüter Pick den Ball nur noch berühren konnte. Direkte Tore aus Ecken zählten damals nicht, so die Schilderung. Aber Pick war dran, also galt es.

Endspiel 1903: VfB Leipzig gegen DFC Prag 7:2 · Aufstellung Leipzig laut Libero, Bruder Walter markiert (Adalbert Friedrich)
Endspiel 1903: VfB Leipzig gegen DFC Prag 7:2 · Aufstellung Leipzig laut Libero, Bruder Walter markiert

Danach bricht der Damm. Heinrich Riso trifft dreimal, Bruno Stanischewski zweimal, Prag gelingt nur noch ein Tor. 7:2, der VfB Leipzig ist der erste Deutsche Meister. In der Aufstellung des Libero steht Friedrich übrigens halblinks, die alte Schilderung nennt ihn Linksaußen. Und beim 1:1 schreibt sie das Tor dem Läufer Rößler zu, nicht Walter Friedrich. So beschreibt die alte Schilderung das 2:1:

»Der herkulische Linksaußen Bert Friedrich setzte eine so raffiniert unter die Latte, daß Pick den Ball nur berühren konnte, bevor er ins Netz ging.«

— Alte Schilderung des Endspiels 1903, wiedergegeben in der Chronik des Duisburger Spielvereins

Am Ende heißt es dort, auch »die Brüder Friedrich waren hervorragend«.

Ein Länderspiel, ein Chaos

Am 16. Mai 1910 wird Friedrich für das erste Länderspiel gegen Belgien nach Duisburg berufen. Was folgt, gilt als Tiefpunkt der frühen DFB-Geschichte. Am Vortag war das Meisterschaftsendspiel, mehrere Nationalspieler fehlen, Zuschauer werden in die Elf geholt. Friedrich steht auf Linksaußen. Aus seinem Verein ist noch Camillo Ugi dabei, in der Läuferreihe. Belgien gewinnt 0:3. Es bleibt Friedrichs einziges Länderspiel.

Treue bis zum Krieg

Im Verein geht es weiter bergauf. 1911 verliert der VfB das Endspiel in Dresden 1:3 gegen Viktoria 89, 1913 gewinnt er in München 3:1 gegen den Duisburger Spielverein. Am 3. Mai 1914 trifft Friedrich in Königsberg noch einmal, zum 3:1 für Leipzig beim 4:1 gegen Prussia Samland. Sein letztes großes Spiel ist das Endspiel am 31. Mai 1914 in Magdeburg gegen die SpVgg Fürth: 2:3 nach Verlängerung, das Siegtor fällt erst in der 153. Minute.

Dann kommt der Krieg, und Friedrichs Laufbahn endet mit 30 Jahren. Dem VfB bleibt er laut Libero auch nach dem Krieg treu. Adalbert Friedrich stirbt am 4. Juli 1962, so Wikipedia. Das Libero-Heft 36 nennt den 4. Juli 1961.

Adalbert Friedrich auf einen Blick

Geboren: 10.6.1884 in Leipzig
Gestorben: 4.7.1962 (laut Libero 36: 1961)
Spitzname: »Bert« (Pseudonym aus Schülertagen)
Vereine: VfB Leipzig (1897–1914, 1. Mannschaft ab 1900)
Position: Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1903, 1906, 1913; Mitteldeutscher Meister 1903, 1904, 1906, 1907, 1910, 1911, 1913; Kronprinzenpokal 1909
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: Kaufmann (Handlungsreisender)
Nationalspieler Nr.: 63 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg)

Quellen

Wikipedia: Adalbert Friedrich · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1903/04 · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Duisburger Spielverein: Historie 1900–1908 · Duisburger Spielverein: Historie 1908–1918 · Sport1 (Udo Muras): Das peinlichste deutsche Länderspiel · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · Kicker-Almanach 1996