Eduard »Edy« Pendorf – die Institution der Messestadt

Im Frühjahr 1913 hat Eduard Pendorf einen vollen Kalender. Am 6. März bekommt er am Königin-Carola-Gymnasium in Leipzig sein Reifezeugnis. Am 21. März steht er in Berlin in der Nationalelf, gegen Englands Amateure. Am 11. Mai verwandelt er im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft einen Elfmeter, und der VfB Leipzig wird Meister. Er ist 20 Jahre alt. In den Aufstellungen heißt er nur »Edy«, und dabei bleibt es fast zwei Jahrzehnte lang: drei Länderspiele, zwei Endspiele um die Meisterschaft, vier Pokalfinals mit Mitteldeutschland. Die Zeitschrift »Libero« nennt ihn einen der populärsten Spieler Leipzigs aller Zeiten.

»Edy« Pendorfs Laufbahn · 1903–1932
»Edy« Pendorfs Laufbahn · 1903–1932

»Der alles überragende Star der Messestädter war aber der erst 20jährige und bereits sehr populäre ›Edy‹ Pendorf, der nicht nur die Abwehr festigte, sondern auch seinen Angriff unentwegt ankurbelte.«

— Libero 36 (IFFHS) über das Endspiel 1913

Zehn Tore im ersten Spiel

Eduard Pendorf wird am 18. Oktober 1892 in Lehe bei Bremerhaven geboren. Noch vor der Einschulung zieht die Familie nach Leipzig. Mit neun Jahren kickt er, so erzählt es »Libero«, auf den »Bauernwiesen« mit Schülern des Carola-Gymnasiums. Mit elf tritt er dem Plagwitzer FC Normania bei, einem Klub von Thomas- und Handelsschülern. Sein Herz gehört aber dem FC Wacker.

1907 gründet er mit anderen Schülern selbst einen Verein, den Schleußiger FC Olympia. Im ersten Spiel des neuen Klubs gewinnt Olympia 16:0, und laut »Libero« schießt Pendorf davon »allein zehn (!) Tore«. Aus dem Torjäger wird mit den Jahren etwas anderes. »Libero« beschreibt, wie sich »der knorrige, langbeinige, noch jugendliche ›Edy‹« zu einem »wirkungsvollen Mittelläufer« entwickelt. Die Grundlage für seine »eiserne Konstitution« habe er als Leichtathlet gelegt.

Olympia gehört nicht zur Leipziger Elite. Also wechselt Pendorf 1912 zum großen Ortsrivalen, dem VfB Leipzig. Dort stürmt er zunächst, wenn Camillo Ugi den Mittelläufer gibt, und rückt in die Mitte, wenn Ugi fehlt. Im Oktober 1912 holt ihn auch die Auswahl Mitteldeutschlands.

Abitur, Nationalelf, Endrunde

Zwei Wochen nach dem Abitur, am 21. März 1913, debütiert er in der Nationalelf. Deutschland verliert in Berlin-Mariendorf vor 17.000 Zuschauern 0:3 gegen Englands Amateure. Die ganze Läuferreihe besteht aus Neulingen: Otto Jungtow, Pendorf in der Mitte, Otto Völker.

Mit dem VfB läuft es besser. In der Endrunde gewinnt Leipzig am 20. April in Forst 5:0, im Halbfinale am 27. April daheim 3:1 gegen Viktoria 89 Berlin mit Knesebeck, Röpnack und Worpitzky. »Libero« stellt fest, die Leipziger hätten in Pendorf und Paul »Paulsen« Pömpner »zwei neue zentrale Figuren, die bereits das Spiel des VfB prägten«.

Der große Tag: Endspiel in München (Mai 1913)

Das Endspiel steigt am 11. Mai 1913 in München, auf dem Platz des MTV 1879 in Sendling. Gegner ist der Duisburger SV, der im Halbfinale den Titelverteidiger Holstein Kiel ausgeschaltet hat. 5.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist Robert Knab aus Stuttgart.

Es geht schnell. In der 9. Minute gibt es Elfmeter für den VfB, Pendorf tritt an und trifft zum 1:0. Sechs Minuten später erhöht Pömpner auf 2:0. Nach einer Stunde lenkt der Duisburger Kornelius Büscher den Ball ins eigene Tor, 3:0. Heinrich Fischer verkürzt in der 75. Minute, mehr gelingt den Westdeutschen nicht.

Für den VfB ist es nach 1903 und 1906 der dritte Titel. »Libero« urteilt, gewonnen habe verdient »das Team mit den besseren Individualisten«, und der beste davon sei Pendorf gewesen.

Ein Jahr später steht er wieder im Endspiel, am 31. Mai 1914 in Magdeburg gegen die SpVgg Fürth. Leipzig spielt ab der 42. Minute zu zehnt, weil Paul Michel verletzt ausscheidet. Trotzdem gleicht »der wieder überragende Leipziger Mittelläufer« in der 83. Minute zum 1:1 aus. Es folgt eine Verlängerung ohne Ende, gespielt wird bis zum ersten Tor. In der 153. Minute trifft Fürth. 2:3.

Neun Jahre bis zum nächsten Länderspiel

Dann kommt der Krieg. Danach spielt Pendorf weiter, jetzt mit seinem jüngeren Bruder Hans, genannt »Hansi«, der kurz vor Kriegsbeginn ebenfalls von Olympia zum VfB gewechselt war. Mit dem VfB erreicht er noch die Endrunden 1920, 1925, 1927 und 1930, ins Endspiel kommt er nicht mehr.

Für Mitteldeutschland verliert er 1914 und 1920 zwei Pokalfinals. Am 20. März 1921 klappt es im dritten Anlauf: 4:0 gegen Westdeutschland in Leipzig, Bundespokalsieg. Ein viertes Finale 1927 in Altona geht wieder verloren.

1922, neun Jahre nach dem ersten, folgen seine Länderspiele zwei und drei. Am 26. März in Frankfurt spielt er beim 2:2 gegen die Schweiz Mittelläufer zwischen den Fürthern Hans Lang und Hans Hagen. Am 23. April in Wien verteidigt er beim 2:0-Sieg gegen Österreich, neben Henry Müller aus Hamburg.

Zart war er dabei nicht. »Libero« nennt ihn »leider oft hart zu Werke gehend«, und charakterisiert ihn so:

»Eduard Pendorf, vom Naturell rauh, aber herzlich, war einer der populärsten Spieler Leipzigs aller Zeiten. Er wurde fast zu einer Institution der Messestadt.«

— Libero D 3 (IFFHS), 1992

Bankbeamter, Trainer, Braunschweiger

Laut Wikipedia hört Pendorf 1932 mit 40 Jahren auf. Von Beruf ist er Bankbeamter. Danach arbeitet er als Trainer, auch beim VfB. Zum 1. Januar 1940 wird er, so Wikipedia mit Verweis auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv, in die NSDAP aufgenommen; den Antrag hatte er im Dezember 1939 gestellt.

1947 ist er, laut einem Spielerporträt in »Libero International«, »am Fuße des Leipziger Völkerschlachtdenkmals als Trainer tätig« und hilft dort dem jungen Franz Straube. Dieselbe Quelle nennt ihn »nach dem I. Weltkrieg Leipzigs Fußball-Idol«. Ende der 1940er Jahre verlässt er Leipzig. »Libero« spricht von »politischen Gängeleien«, Wikipedia datiert den Umzug nach Braunschweig auf 1950. Dort arbeitet er als Prokurist bei der Deutschen Bank und trainiert den SV Wacker Braunschweig.

Der Fußball bleibt in der Familie. Sein Sohn Ralph spielt in der Oberliga Nord für Eintracht Braunschweig und den Hamburger SV, Sohn Edy junior für Eintracht Osnabrück.

Eduard Pendorf stirbt am 1. November 1958 in Braunschweig. »Libero« nennt den 3. November.

Eduard Pendorf auf einen Blick

Geboren: 18.10.1892 in Lehe bei Bremerhaven
Gestorben: 1.11.1958 in Braunschweig (andere Angabe: 3.11.1958)
Spitzname: »Edy«
Vereine: Plagwitzer FC Normania, Schleußiger FC Olympia (Mitgründer 1907), VfB Leipzig (1912–1932)
Position: Mittelläufer, auch Innenstürmer und Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1913; Endspiel 1914; Bundespokal-Sieger 1921 mit Mitteldeutschland
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1913–1922)
Beruf: Bankbeamter, später Prokurist der Deutschen Bank
Trainer: u. a. VfB Leipzig, SV Wacker Braunschweig
Nationalspieler Nr.: 97 (Debüt 21. März 1913 in Berlin)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Eduard Pendorf · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Libero International (Sammelband) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1913/14 · DFB-Datencenter: Deutschland – England 0:3 (1913)