Christian Schmidt – der Torwart mit der Kapitänsbinde

Ein Torwart als Kapitän, das ist selten. Ein Debütant als Kapitän, das auch. Christian Schmidt war beides, am 24. April 1910 in Arnheim, und er war gerade 21 Jahre alt. Laut Wikipedia blieb er damit über hundert Jahre der jüngste Spielführer einer deutschen Nationalelf, bis 2014 Julian Draxler kam. Drei Länderspiele hat Schmidt bestritten, alle drei gingen verloren. Über den Menschen verraten die Quellen fast nichts. Umso mehr lohnt der Blick auf seinen großen Nachmittag in Holland.

Christian Schmidts Laufbahn 1888–1917: zwei Berliner Vereine, eine Saison in Stuttgart, drei Länderspiele (Christian Schmidt)
Christian Schmidts Laufbahn 1888–1917: zwei Berliner Vereine, eine Saison in Stuttgart, drei Länderspiele

»Als der Kronprinzen-Pokal 1908/09 eingeführt wurde, erhielten Alfred Mills (BFC Preussen), Hans Groterjahn (Tennis-Club Borussia) und Christian Schmidt (Concordia) den Vorzug.«

— Libero D3 (IFFHS), 1992, über die Konkurrenz des Nationaltorwarts Paul Eichelmann

Ein Berliner zwischen den Pfosten

Christian Schmidt wird am 9. Juni 1888 in Berlin geboren. Ab 1905 steht er beim BTuFC Britannia 1892 im Tor. Titel gewinnt er dort keine, in der Saison 1906/07 entgeht der Verein nur knapp dem Abstieg. 1909 wechselt er zum Berliner FC Concordia in Reinickendorf. Auch das ist kein Spitzenklub: Nach Schmidts erster Saison steigt Concordia in die zweite Klasse ab.

Von Beruf ist er Kaufmann, so steht es im Nationalspieler-Lexikon von 1939. Und in der Berliner Auswahl für den Kronprinzenpokal, den Wettbewerb der Regionalverbände, bekommt er den Vorzug vor Paul Eichelmann, der 1908 zweimal im Tor der Nationalelf stand. Das Libero-Heft von 1992 erwähnt es in seinem Porträt Eichelmanns.

Der große Tag: Kapitän in Arnheim (April 1910)

Für das Spiel in Holland beruft der DFB im April 1910 den 21-jährigen Concordia-Torwart – und macht ihn gleich zum Kapitän. Warum, verraten die Quellen nicht.

Sonntag, 24. April 1910, Arnheim. 10.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist der Engländer John T. Howcroft. Die Holländer haben mit Edgar Chadwick einen englischen Trainer, die Deutschen haben keinen. Vor Schmidt verteidigen Walter Hempel aus Leipzig und der Karlsruher Ernst Hollstein, der wie Schmidt sein erstes Länderspiel macht. Auch Mittelläufer Max Breunig ist neu.

Holland gegen Deutschland 4:2 am 24. April 1910 in Arnheim – Kapitän Schmidt im deutschen Tor (Christian Schmidt)
Holland gegen Deutschland 4:2 am 24. April 1910 in Arnheim – Kapitän Schmidt im deutschen Tor

Es beginnt gut. Eugen Kipp bringt Deutschland in der 23. Minute in Führung, sechs Minuten später gleicht Guus Lutjens für die Holländer aus. Kurz vor der Pause schießt der Kieler Willy Fick das 2:1. Zur Halbzeit führt die Elf des jungen Kapitäns.

Die zweite Halbzeit gehört den Gastgebern. Jan Thomée gleicht in der 73. Minute aus. Neun Minuten später lenkt Walter Hempel den Ball ins eigene Tor, 3:2 für Holland. Drei Minuten vor Schluss trifft Thomée ein zweites Mal. Schmidt muss viermal hinter sich greifen, und es bleibt beim 2:4.

Ob Schmidt an einem der Tore Schuld trug, berichten die geöffneten Quellen nicht. Sie berichten auch sonst nichts über sein Spiel. Was bleibt, ist die Zahl: 21 Jahre, und schon Kapitän.

Späte Berufung, früher Tod

Drei Jahre lang hört man in der Nationalelf nichts von ihm. In Berlin hält er weiter für Brandenburg im Kronprinzenpokal. Im Halbfinale am 12. November 1911 in Hamburg gewinnt Brandenburg 2:1 gegen Norddeutschland, mit Schmidt im Tor. Im Finale ein Vierteljahr später steht dann doch wieder Eichelmann zwischen den Pfosten.

1912 zieht Schmidt nach Stuttgart und hütet das Tor der Stuttgarter Kickers. Es wird seine erfolgreichste Saison. Die Kickers werden Südkreismeister, nur dank des besseren Torverhältnisses vor dem 1. FC Pforzheim, und anschließend Süddeutscher Meister. Es sind Schmidts erste Titel.

Im März 1913 holt ihn auch der DFB zurück. Am 21. März verliert Deutschland in Berlin vor 17.000 Zuschauern 0:3 gegen Englands Amateure. Im April scheiden die Kickers im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft in Frankfurt mit 1:2 gegen den Duisburger SV aus, ohne ihren Torjäger Otto Löble. Am 18. Mai 1913 folgt Schmidts drittes und letztes Länderspiel, ein 1:2 gegen die Schweiz in Freiburg.

Danach wird er nicht mehr berufen. Christian Schmidt stirbt am 19. März 1917 im Ersten Weltkrieg, laut Wikipedia als Soldat. Er wurde 28 Jahre alt. Wo und unter welchen Umständen er starb, ist in den geöffneten Quellen nicht überliefert.

Christian Schmidt auf einen Blick

Geboren: 9.6.1888 in Berlin
Gestorben: 19.3.1917 im Ersten Weltkrieg
Vereine: BTuFC Britannia 1892 (1905–1909), Berliner FC Concordia (1909–1912), Stuttgarter Kickers (1912–1913)
Position: Torwart
Titel: Süddeutscher Meister und Südkreismeister 1913 mit den Stuttgarter Kickers
Bilanz: 3 Länderspiele (1910–1913), davon 1 als Kapitän
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 51 (Debüt 24. April 1910 in Arnheim gegen Holland, als Kapitän)

Quellen

Wikipedia: Christian Schmidt (Fußballspieler, 1888) · Kickersarchiv: Christian Schmidt · DFB-Datencenter · Libero D3 (IFFHS, 1992) · Libero 36 (IFFHS) · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996