Ernst Poetsch – der Buchdrucker in der Läuferreihe

Er war Buchdruckmeister, und auf dem Platz sorgte er dafür, dass die Reihen standen. Ernst Poetsch spielte fast zwanzig Jahre für Union 92 Berlin, meist als Läufer, am Anfang als Halbstürmer. Drei Länderspiele bestritt er zwischen 1908 und 1910, alle drei als rechter Läufer, gewonnen hat er keines. Dafür stand er mit der Berliner Auswahl zweimal im Endspiel um den Kronprinzenpokal. Das zweite, im April 1910, dauerte 142 Minuten – und ist sein großer Tag, obwohl Berlin es verlor.

Ernst Poetschs Laufbahn: fast zwanzig Jahre Union 92, drei Länderspiele, zwei Pokalfinals mit der Berliner Auswahl. (Ernst Poetsch)
Ernst Poetschs Laufbahn: fast zwanzig Jahre Union 92, drei Länderspiele, zwei Pokalfinals mit der Berliner Auswahl.

»Stammposten: Rechter Läufer, erste 3 Jahre halbl. Stürmer / Beruf: Buchdruckmeister.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Unioner seit Kindertagen

Karl Friedrich Ernst Poetsch wurde am 29. Juni 1883 geboren. Als Heimatort nennt das Nachschlagewerk von 1939 »Brandenburg« – ob die Stadt oder die Provinz gemeint ist, bleibt offen. In den Aufstellungen heißt er mal Poetsch, mal Pötsch.

Laut Wikipedia, die sich auf die Statistiken von Fritz Tauber stützt, trat er schon 1897 dem BTuFC Union 1892 bei, mit 13 oder 14 Jahren, und blieb bis 1916. Union war damals eine der ersten Adressen Berlins und wurde 1905 deutscher Meister. Nur: Poetsch stand im Endspiel nicht in der Mannschaft.

Ein Jahr später war er dabei. Bei der Endrunde 1906 spielte er Mittelläufer. Im Viertelfinale am 29. April 1906 in Altona siegte Union bei Victoria Hamburg 3:1, mit sechs Endrunden-Neulingen, wie das IFFHS-Heft Libero notiert. Im Halbfinale am 20. Mai in Braunschweig war dann Schluss: 0:4 gegen den 1. FC Pforzheim, vor gerade einmal 150 Zuschauern. Sein Gegenüber im Zentrum hieß Arthur Hiller. Zwei Jahre später bildeten die beiden in Wien zusammen die deutsche Läuferreihe.

Die Läuferreihe und das Nationalteam

Poetsch war ein Stammgast der Berliner Stadtauswahl. Laut Wikipedia trug er ihr Trikot 15-mal. Nachweisen lassen sich unter anderem fünf Städtespiele gegen Wien. Das erste, im November 1906 auf der Hohen Warte, endete 1:8 – Poetsch spielte damals noch im Sturm.

Ein Termin fällt auf. Am 5. April 1908 stand er in Mariendorf gegen Wien auf dem Platz, 1:3 vor 5.000 Zuschauern. Am selben Tag bestritt der DFB in Basel sein erstes Länderspiel. Laut Wikipedia fehlten dort sieben eingeplante Spieler, weil Berlin gleichzeitig zwei Städtespiele austrug. Ob Poetsch zu diesen sieben gehörte, sagt keine der Quellen. Möglich wäre es.

Zwei Monate später war er Nationalspieler. Am 7. Juni 1908 in Wien spielte er rechter Läufer neben Hiller und dem Hamburger Hans Weymar. Mit Torwart Eichelmann, Verteidiger Willy Tänzer und Stürmer Hans Schmidt waren vier Berliner dabei. Es wurde ein 2:3, alle Tore fielen laut austriasoccer.at vor der Pause.

Am 4. April 1909 folgte Budapest: 3:3 gegen Ungarn vor 9.000 Zuschauern, mit Poetsch, Camillo Ugi und Paul Hunder als Läuferreihe. Am selben Tag spielte eine zweite deutsche Elf in Karlsruhe gegen die Schweiz. Das dritte und letzte Länderspiel kam am 24. April 1910 in Arnheim, 2:4 gegen die Niederlande vor 10.000 Zuschauern. Neben Poetsch gab dort der Karlsruher Mittelläufer Max Breunig sein Debüt. Für Poetsch war es der Abschied.

Der große Tag: 142 Minuten Mariendorf (April 1910)

Der Kronprinzenpokal war der Wettbewerb der Regionalverbände, jede Landschaft schickte ihre Auswahl. Berlin kam 1909 ins Finale und verlor auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf 1:3 gegen Mitteldeutschland. Poetsch spielte rechter Läufer. Ein Jahr später stand Berlin wieder im Finale, wieder in Mariendorf, wieder mit Poetsch rechts in der Läuferreihe.

Am 10. April 1910 kamen 4.000 Zuschauer auf den Viktoria-Platz, Schiedsrichter war Bartels aus Hannover. Gegner war Süddeutschland mit Namen wie Breunig, Förderer, Kipp und Löble. Willi Worpitzky brachte Berlin in Führung. Dann kippte das Spiel: Breunig per Elfmeter, Wegele, ein Eigentor des Berliner Torwarts Christian Schmidt – zur Pause stand es 1:3. Otto Löble erhöhte auf 1:4.

Was dann kam, verdient das Wort Aufholjagd. Edwin Dutton verkürzte, Worpitzky traf zum 3:4 und per Elfmeter zum 4:4 (die überlieferten Minuten widersprechen sich). Verlängerung. Nach 120 Minuten stand es immer noch 4:4. Also wurde noch einmal verlängert, zweimal zehn Minuten. Fritz Förderer traf zum 4:5, Worpitzky in der 139. Minute zum 5:5 – sein viertes Tor. Nach 140 Minuten wurde weitergespielt bis zur Entscheidung. Die fiel in der 142. Minute, durch Löble. 5:6.

Berlins Elf im Kronprinzenpokal-Finale 1910: Ernst Poetsch als rechter Läufer, Worpitzky mit vier Toren – und doch 5:6 nach 142 Minuten. (Ernst Poetsch)
Berlins Elf im Kronprinzenpokal-Finale 1910: Ernst Poetsch als rechter Läufer, Worpitzky mit vier Toren – und doch 5:6 nach 142 Minuten.

Über Poetschs Anteil an diesem Nachmittag schweigen die Quellen. Sicher ist nur: Er war einer von elf Berlinern, die mehr als zwei Stunden lang einem Rückstand hinterherliefen und ihn zweimal einholten. Vierzehn Tage später spielte er in Arnheim sein letztes Länderspiel.

»Bei den Berlinern spielte sicher Pötsch, unbekannt, wen der vorangekündigten Mannschaft er ersetzte.«

— austriasoccer.at zum Städtespiel Berlin – Wien vom 31. März 1912

Späte Jahre

Mit Union wurde Poetsch 1907/08 Berliner Vizemeister hinter Viktoria 89, von 1910 bis 1912 reichte es dreimal zu Platz drei. Für die Stadtauswahl lief er noch am 31. März 1912 auf, beim 1:1 gegen Wien vor 11.000 Zuschauern in Mariendorf. Die Wikipedia verlegt dieses letzte Auswahlspiel nach Wien – die österreichische Datenbank nennt Berlin. Und sie hält fest, dass Poetsch kurzfristig für einen angekündigten Spieler einsprang. Auch mit 28 Jahren war er noch einer, auf den Berlin zurückgriff.

1916 endete seine Zeit bei Union. Danach verlieren sich die Spuren. Ernst Poetsch starb 1950. Wo und an welchem Tag, ist nicht überliefert.

Ernst Poetsch auf einen Blick

Geboren: 29. Juni 1883 (Heimatort laut 1939: Brandenburg)
Gestorben: 1950, Ort unbekannt
Vereine: BTuFC Union 1892 Berlin (1897–1916)
Position: Läufer (meist rechts), in den ersten Jahren Halbstürmer
Titel: Kronprinzenpokal-Finalist 1909 und 1910 mit Berlin; Berliner Vizemeister 1908
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1908–1910)
Beruf: Buchdruckmeister
Nationalspieler Nr.: 21 (Debüt 7. Juni 1908 in Wien gegen Österreich)

Quellen

Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero Nr. 36 (IFFHS) · Libero Spezial D3, 1992 · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Ernst Poetsch · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · austriasoccer.at: Österreich – Deutschland 1908 · austriasoccer.at: Berlin – Wien 1908 · austriasoccer.at: Berlin – Wien 1912 · austriasoccer.at: Wien – Berlin 1906 · RSSSF: Germany – International Results