Adolf Gehrts – »Dolph«, der Flügelmann von der Hoheluft
Wer Adolf Gehrts sucht, findet ihn fast immer an derselben Stelle: ganz vorn, ganz rechts, als ersten Namen der Sturmreihe. So steht er in den Aufstellungen von Victoria Hamburg, so steht er in der Nationalelf, so steht er in der Auswahl Norddeutschlands. Zwölf Jahre lang, von 1902 bis 1914, spielte »Dolph« Gehrts für den Klub von der Hoheluft. Zweimal lief er für Deutschland auf, 1908 gegen England und 1910 in Holland, beide Spiele gingen verloren. Seinen schönsten Nachmittag erlebte er am Ende seiner Laufbahn: im Februar 1914, vor 15.000 Menschen im Deutschen Stadion zu Berlin.
»Die Hamburger scheiterten trotz ihrer guten Außenstürmer ›Dolph‹ Gehrts und Carl Weymar immer wieder am Berliner Torhüter Paul Eichelmann.«
Ein Hamburger bei Victoria
Heinrich Adolph Gehrts kommt laut Wikipedia am 30. Oktober 1886 in Hamburg zur Welt. Über seine Familie, seine Schule und seinen Beruf schweigen die Quellen. Selbst das Nachschlagewerk »Die deutschen Nationalspieler« von 1939, das sonst gern Stammposten und Beruf verrät, notiert bei ihm nur zwei Dinge: »Verein: Viktoria Hamburg« und die beiden Länderspiele.
Mit 15 oder 16 Jahren schließt er sich 1902 dem FC Victoria von 1895 an. Der Klub gehört damals zu den stärksten der Stadt. Zwischen 1905 und 1909 gewinnt Victoria fünfmal in Folge die Meisterschaft von Hamburg-Altona, 1913 noch einmal. 1906 und 1907 ist der Klub sogar Norddeutscher Meister. Gehrts ist bei allem dabei.
Mit Victoria lernt er früh die große Bühne kennen, wenn auch meist von der Verliererseite. Im Mai 1905 verliert Victoria das Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft in Tempelhof mit 3:5 gegen den Dresdner SC. Zwei Tore der Dresdner schießt ein gewisser Arno Neumann, drei Jahre später Gehrts' Nebenmann in der Nationalelf. 1906 ist in Altona gegen Union 92 Berlin Schluss, 1907 im Halbfinale gegen Viktoria 89 Berlin, beide Male verlieren die Hamburger 1:3 und 1:4. Das Halbfinale von 1907 gerät so ruppig, dass Schiedsrichter und DFB-Präsident Gottfried Hinze laut Libero mehrmals kurz vor dem Abbruch steht.
Eine Randnotiz aus diesen Spielen: Die Viertelfinals von 1906 und 1907 pfeift ein Mann aus Magdeburg namens Paul Matthes. Auch er wird im April 1908 mit Gehrts in derselben Sturmreihe stehen.
»Dolph« auf dem rechten Flügel
Wie Gehrts spielte, lässt sich nur aus wenigen Zeilen erahnen. Das Statistik-Magazin Libero schreibt über das Spiel gegen Union 1906 von den »guten Außenstürmern« Gehrts und Carl Weymar, an denen es nicht lag. Es lag am Berliner Torwart Paul Eichelmann. Wikipedia macht daraus die »starken Flügelstürmer«. Mehr Zeitgenössisches über seine Spielweise hat sich nicht gefunden.
Am Ostermontag, dem 20. April 1908, trägt Gehrts zum ersten Mal den Adler. Deutschland spielt zum ersten Mal zu Hause, gegen die Amateure aus England, auf dem Viktoria-Platz an der Eisenacher Straße in Berlin-Mariendorf. Anpfiff ist um 16 Uhr, es schneit, rund 6.000 Menschen schauen zu. Gehrts bildet mit Arno Neumann den rechten Flügel, in der Mitte stürmt Fritz Förderer, links Paul Matthes und Willy Baumgärtner. Förderer gleicht per Elfmeter zum 1:1 aus, am Ende steht es 1:5. Der Reporter der »Mariendorfer Zeitung« hat für die Gäste nur Lob übrig: »Bei den Gästen war jeder gleich gut.« Für die Deutschen weniger. Neben Gehrts steht übrigens sein Vereinskamerad Hans Weymar in der Läuferreihe.
Zwei Jahre später bekommt er eine zweite Chance. Am 24. April 1910 verliert Deutschland in Arnheim mit 2:4 gegen Holland. Gehrts steht diesmal an zweiter Stelle der Sturmreihe, also wohl halbrechts. Es ist sein letztes Länderspiel.
Seine eigentliche zweite Heimat ist ohnehin eine andere Auswahl: Norddeutschland im Kronprinzenpokal, dem neuen Wettbewerb der Regionalverbände. Gleich im ersten Spiel, am 1. November 1908 in Leipzig, schießt Gehrts beim 5:2 gegen Süddeutschland das letzte Tor. 1911 gewinnt er mit dem Norden das Finale gegen den Süden, nach zweimaliger Verlängerung 4:2 in Mariendorf, auf demselben Platz wie beim Länderspiel 1908.
Der große Tag: Finale im Deutschen Stadion (Februar 1914)
Drei Jahre später steht Norddeutschland wieder im Endspiel. Es ist Sonntag, der 22. Februar 1914. Gespielt wird im Deutschen Stadion in Berlin, und 15.000 Zuschauer kommen. Beim Länderspiel in Mariendorf waren es sechstausend gewesen. Gegner ist Mitteldeutschland, Schiedsrichter Robert Knab aus Stuttgart.
Der Norden tritt mit einem prominenten Sturm an. Gehrts spielt rechts außen, daneben Adolf Jäger aus Altona, in der Mitte Otto »Tull« Harder vom Hamburger FC 1888, dazu Richard Queck aus Braunschweig und Ernst Möller aus Kiel. Gehrts ist mit 27 Jahren inzwischen einer der erfahrenen Männer auf dem Platz.
Harder bringt den Norden in der 32. Minute in Führung. Kurz vor der Pause gleicht Pömpner für Mitteldeutschland aus. Lange steht es 1:1, dann trifft Queck fünf Minuten vor dem Ende zum 2:1. Der Kronprinzenpokal geht zum zweiten Mal an den Norden, und Gehrts hat beide Siege mitgemacht.
Ob Gehrts an den Toren beteiligt war, verraten die Quellen nicht. Es ist wohl sein letzter großer Auftritt: Die Saison 1913/14 ist laut Wikipedia seine letzte bei Victoria.
»Bei den Gästen war jeder gleich gut.«
Späte Jahre
Nach 1914 verliert sich seine Spur. Über Beruf, Familie und die Jahre zwischen den Kriegen haben sich keine Angaben gefunden. Adolf Gehrts stirbt am 10. Januar 1943 in Hamburg, 56 Jahre alt. Das Hamburger Generalregister der Sterbefälle verzeichnet »Gehrts, Heinrich Adolph« mit diesem Datum. Wikipedia schreibt, er sei im Zweiten Weltkrieg in Hamburg-Farmsen »gefallen«. Einen Beleg für diese Umstände nennt der Artikel nicht, das Register gibt keine Todesursache an.
Adolf Gehrts auf einen Blick
Geboren: 30.10.1886 in Hamburg
Gestorben: 10.1.1943 in Hamburg
Spitzname: »Dolph«
Vereine: FC / SC Victoria von 1895 Hamburg (1902–1914)
Position: Außenstürmer, meist rechts
Titel: Norddeutscher Meister 1906 und 1907; Meister von Hamburg-Altona 1905–1909 und 1913; Kronprinzenpokal 1911 und 1914 (mit Norddeutschland)
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1908–1910)
Beruf: nicht bekannt
Nationalspieler Nr.: 16 (Debüt 20.4.1908 gegen England Amateure)
Quellen
Adolf Gehrts – Wikipedia · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero Nr. 36 (IFFHS) · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · Fußballländerspiel Deutschland – England 1908 – Wikipedia · Kronprinzenpokal 1910/11 – Wikipedia · Kronprinzenpokal 1913/14 – Wikipedia · Deutsche Fußballmeisterschaft 1905/06 – Wikipedia · Deutsche Fußballmeisterschaft 1906/07 – Wikipedia · Generalregister Sterbefälle Hamburg 1941–1945 (PDF) · Tagesspiegel: Anstoß in Berlin-Mariendorf (2007)