Helmut Röpnack – die kleine Schießbude von Viktoria 89

Helmut Röpnack war klein, fröhlich und hatte einen gewaltigen Schuss. In Berlin nannten sie ihn die »kleine Schießbude«, weil er so viele Tore schoss. Später stellten sie ihn nach hinten, und er wurde ein Verteidiger, der es hinten nicht aushielt. Zweimal Deutscher Meister mit Viktoria 89, zehn Länderspiele, eines davon als Kapitän. Und an einem Maisonntag 1909 fünf Tore in einem Halbfinale, obwohl seine Mannschaft fast 70 Minuten zu zehnt spielte.

Helmut Röpnacks Lebensweg · 1884–1935 (Helmut Röpnack)
Helmut Röpnacks Lebensweg · 1884–1935

»Der kleine, fröhliche, immer zu Späßen aufgelegte kleine Mann mit dem fürchterlich weiten Schlag und der katzenartigen Behendigkeit war auf den Spielfeldern in der Vorkriegszeit eine populäre Erscheinung gewesen.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Tempelhofer Feld zur Viktoria

Hellmuth Adolph August Röpnack kommt am 23. September 1884 in Läsikow zur Welt, einem Dorf im Kreis Ruppin, heute ein Ortsteil von Wusterhausen/Dosse. Das Lexikon von 1939 und Libero schreiben »Häsikow«. Wann er nach Berlin kommt, verrät keine Quelle. Das Fußball-ABC, so schreibt Libero, lernt er als Schüler auf dem Tempelhofer Feld.

Erst spielt er beim Berliner FC Phönix, dann laut Libero beim FC Fortuna. Im Sommer 1903 wechselt er zum Berliner Thor- und Fußball-Club Viktoria 89. Dort bleibt er bis zum Ersten Weltkrieg. Von Beruf ist er Schriftgießer, er gießt also die Bleilettern für den Buchdruck.

Die kleine Schießbude

Viktoria ist in diesen Jahren die beste Mannschaft Berlins. Röpnack spielt Halbstürmer, meist auf links, neben Mittelstürmer Willi Worpitzky und Otto Dumke. Libero beschreibt ihn als »körperlich klein, flink und katzengewandt«. Er trifft, und zwar ständig. »Bald nannte man ihn die ›kleine Schießbude‹«, heißt es dort, »da er enorm viel Tore erzielte.«

In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ist das gut dokumentiert. 1907 trifft er im Viertelfinale, zweimal im Halbfinale bei Victoria Hamburg und im Endspiel in Mannheim per Elfmeter zum 1:1. Viktoria verliert trotzdem 1:3 gegen den Freiburger FC. Ein Jahr später klappt es: Am 7. Juni 1908 schlägt Viktoria die Stuttgarter Kickers in Tempelhof 3:1. Das letzte Tor, in der 89. Minute, schießt Röpnack. Er ist Deutscher Meister.

Im Frühjahr 1909 folgt eine Serie, die man heute kaum glauben würde. Im Halbfinale des Kronprinzenpokals in Hamburg trifft er für die Berliner Auswahl in der 5., 15. und 22. Minute. In der 25. Minute fliegt er laut Libero vom Platz. Berlin gewinnt trotzdem 4:1. Drei Wochen später, am 13. März 1909, steht er in Oxford in der Nationalelf, halblinks. Das Spiel gegen Englands Amateure endet 0:9, nur Torwart Adolf Werner verhindert Schlimmeres. Im Kronprinzenpokal-Finale im April verliert Berlin 1:3 gegen Mitteldeutschland, Röpnack verwandelt den Elfmeter zum 1:2.

Der große Tag: Fünf Tore gegen Altona (Mai 1909)

Sonntag, 16. Mai 1909, Union-Platz in Mariendorf. Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Viktoria, der Titelverteidiger, empfängt den Altonaer FC von 1893. Bei Altona stürmt Adolf Jäger, der schon Nationalspieler ist und einer der besten deutschen Stürmer werden wird. 2.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist P. C. Mehlkopf aus Duisburg.

Nach fünf Minuten trifft Worpitzky. In der achten Minute gibt es Elfmeter, Röpnack verwandelt. In der 15. Minute trifft er erneut, 3:0. Dann, in der 21. Minute, wird Otto Dumke vom Platz gestellt. Viktoria spielt fast 70 Minuten mit zehn Mann.

Genützt hat das Altona nichts. Röpnack schießt vor der Pause per Elfmeter das 4:0. Nach dem Wechsel erhöht Worpitzky, dann trifft Röpnack in der 56. Minute zum 6:0 und später noch zum 7:0. Die Minuten zweier Röpnack-Tore sind nicht überliefert. Fünf Tore sind es in jedem Fall.

Halbfinale 1909 gegen Altona · Röpnack mit fünf Toren, Viktoria ab der 21. Minute zu zehnt (Helmut Röpnack)
Halbfinale 1909 gegen Altona · Röpnack mit fünf Toren, Viktoria ab der 21. Minute zu zehnt

Libero spricht von einem »fast sensationell hohen Sieg«. Die Altonaer Abwehr um die Brüder Tangermann sei »machtlos und überfordert« gewesen. Im Endspiel zwei Wochen später in Breslau reicht es nicht zum zweiten Titel: Viktoria verliert 2:4 gegen Phönix Karlsruhe. Das letzte Tor der Berliner, in der 83. Minute, schießt wieder Röpnack. In dieser Endrunde gelingen ihm in zwei Spielen sechs Tore, nur Worpitzky trifft öfter.

»Wie so mancher glänzende Verteidiger startete auch er als Stürmer, als Halbrechter, und nur widerwillig ließ er sich auf den Verteidigerposten versetzen.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Der Verteidiger, der es hinten nicht aushielt

Dann kommt die Wende. Laut Libero setzte nach einigen Jahren seine Torgefährlichkeit aus, »so funktionierte man ihn zum Verteidiger um«. Er selbst war davon nicht begeistert. Das Lexikon von 1939 sagt, er habe sich »nur widerwillig« versetzen lassen. Wenn der eigene Sturm keinen Druck machte, »dann hielt es Röpnack hinten nicht mehr länger aus, und er drang selbst mit in den Angriff vor«.

Die Umstellung zahlt sich aus. Im Halbfinale 1911 gegen Holstein Kiel stabilisiert laut Libero »die Rücknahme des einstigen Halblinken Helmut Röpnack in die Verteidigung« die Abwehr, Viktoria gewinnt 4:0. Am 4. Juni 1911 folgt in Dresden das Endspiel gegen den VfB Leipzig vor 12.000 Zuschauern. Viktoria gewinnt 3:1, Röpnack ist zum zweiten Mal Deutscher Meister, diesmal als Verteidiger.

Als Verteidiger kommt er auch in die Nationalelf zurück, im Herbst 1911 in Dresden gegen Österreich. 1912 spielt er in Zwolle beim 5:5 gegen Holland, in Budapest beim 4:4, bei den Olympischen Spielen in Stockholm gegen Österreich (1:5) und Ungarn (1:3). Gewonnen hat Deutschland in keinem seiner zehn Länderspiele. Bei Viktoria ist er inzwischen Kapitän, Libero führt ihn 1912 und 1913 in dieser Rolle. In seinem letzten Länderspiel, am 23. November 1913 in Antwerpen, trägt er auch in der Nationalelf die Binde. Mit Max Breunig, Gottfried Fuchs, Julius Hirsch und Adolf Jäger in der Mannschaft verliert Deutschland 2:6.

Stilles Ende

Über Röpnacks Leben nach dem Fußball schweigen die Quellen. Laut Wikipedia wurde er Ehrenmitglied seiner Viktoria, und er sorgte durch seine »Fröhlichkeit und Geselligkeit für Zusammenhalt und Atmosphäre« in der Mannschaft. Helmut Röpnack stirbt am 19. August 1935 in Berlin, mit 50 Jahren. Das Lexikon von 1939 widmet ihm einen kleinen Nachruf: »Vor einigen Jahren hat die Berliner ›Viktoria‹ einen ihrer Besten zu Grabe getragen, und die ganze deutsche Fußballgemeinde trauerte.«

Helmut Röpnack auf einen Blick

Geboren: 23.9.1884 in Läsikow (Kreis Ruppin)
Gestorben: 19.8.1935 in Berlin
Spitzname: »kleine Schießbude«
Vereine: BFC Phönix, FC Fortuna Berlin, BTuFC Viktoria 89 (1903–1914)
Position: Halbstürmer, ab etwa 1911 linker Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1908, 1911; Vizemeister 1907, 1909; Berliner Meister 1907, 1908, 1909, 1911, 1913
Bilanz: 10 Länderspiele, 0 Tore (1909–1913), einmal Kapitän
Beruf: Schriftgießer
Nationalspieler Nr.: 31 (Debüt 13. März 1909 in Oxford)

Quellen

Wikipedia: Helmut Röpnack · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1908/09 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1906/07 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · RSSSF: Röpnack – International Appearances · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996