Josef Glaser – der Pennäler, der mit geschlossenen Augen Meister wurde
Eigentlich sollte er Pfarrer werden. Stattdessen stand Josef Glaser mit 20 Jahren im Endspiel um die deutsche Meisterschaft, bekam den Ball für einen Elfmeter in die Hand gedrückt, weil sich sonst keiner traute, und schoss den Freiburger FC in Führung. Mit halb geschlossenen Augen, wie er später gern erzählte. Es folgten fünf Länderspiele, vier davon als Kapitän, ein Doktortitel, ein Lehrerleben und ein zweites Leben als Funktionär, das ihn bis zur Weltmeisterschaft 1934 führte. Kaum ein Nationalspieler der ersten Stunde ist so lange im deutschen Fußball geblieben wie »Sepp« Glaser.
»Wenn es einen Doktortitel des Fußballspiels gäbe, dann hätte ihn sich Glaser heute hinzu erworben.«
Vom Orgelbock auf den Fußballplatz
Josef Glaser kommt am 11. Mai 1887 in St. Blasien im südlichen Schwarzwald zur Welt. Mit sechs Jahren verliert er seinen Vater. Die Familie hat für ihn die Theologie vorgesehen. So jedenfalls erzählt es Wikipedia, und die Geschichte ist zu schön, um sie wegzulassen: Der Junge spielt als Organist in der Kirche von Waltershofen, und kaum ist der letzte Akkord verklungen, läuft er zu Fuß die 14 Kilometer nach Freiburg. Zum Fußball.
Entdeckt wird er dort angeblich im Sonntagsanzug, als Unterprimaner beim Kicken. Mitglieder des Freiburger FC sehen ihn und nehmen ihn mit. Ab 1904 spielt er für den FFC. Nebenher hilft er, laut Wikipedia, in Singen und Stockach aus. Drei Vereine gleichzeitig? Damals störte das offenbar niemanden.
Der Freiburger FC ist in diesen Jahren eine besondere Truppe. Viele Studenten, viele spätere Doktoren. Die Statistiker des Fachblatts »Libero« zählen in der Meisterelf von 1907 vier promovierte Spieler und weitere Akademiker und nennen den FFC schlicht »den intelligentesten deutschen Meister aller Zeiten«.
Der große Tag: Augen zu und rein (Mai 1907)
Pfingstsonntag, 19. Mai 1907. Mannheim, der Platz an den Brauereien. 3.000 Zuschauer wollen sehen, ob der Außenseiter aus dem Breisgau die Berliner Viktoria ärgern kann. Die Berliner gelten als klar stärker. Ihr Kapitän, ein linker Läufer namens Paul Hunder, wird zwei Jahre später neben Glaser in Oxford stehen.
Schon vor dem Anpfiff gibt es Theater. Der DFB hatte den Hamburger Otto Eikhof als Schiedsrichter angesetzt. Die Berliner lehnen ihn ab, weil er Mitglied von Victoria Hamburg ist, dem Gegner aus einem skandalumwitterten Halbfinale. Also pfeift ein Herr Bohne aus Bremen.
Glaser, 20 Jahre alt, spielt Mittelstürmer. Nach einer halben Stunde gibt es Elfmeter für Freiburg. Was dann passiert, beschreibt das Nationalspieler-Lexikon von 1939 wie eine kleine Novelle: Alle Freiburger weigern sich, die verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Schließlich spricht der Spielführer ein Machtwort: Der Jüngste muss schießen. Das ist Sepp Glaser.
Er schießt mit halb geschlossenen Augen, »nur von dem einen Gedanken bestimmt: drauf hauen, es wird schon gehen«. Es geht. 1:0 in der 30. Minute. Jahrzehnte später gibt er laut Wikipedia sogar zu, er habe den Ball »gar nicht richtig getroffen«.
Kurz vor der Pause gleicht Viktoria aus, ebenfalls per Elfmeter: Helmut Röpnack trifft in der 43. Minute. Umstritten war die Entscheidung auch, Torhüter Goldberger soll den Ball zu lange gehalten haben. Nach dem Wechsel schlägt dann Philipp Burkart zu, in der 57. und in der 80. Minute. Freiburg gewinnt 3:1.
Es ist das Tor, mit dem der Freiburger FC die »Viktoria«, die Meistertrophäe, erstmals nach Süddeutschland holt. Das Lexikon von 1939 schreibt: »Von diesem Augenblick an ist ›der Sepp‹ aus der deutschen Fußballgeschichte nicht mehr wegzudenken.« Für den FFC ist es, so Wikipedia, der mit Abstand größte Erfolg der Vereinsgeschichte.
Ende 1907 rückt Glaser eine Reihe zurück, auf den Posten des Mittelläufers. Dort ist er in seinem Element. Wikipedia beschreibt seine Spielweise als elegant und technisch, verbunden mit strategischem Blick. Das Lexikon von 1939 lobt schon den Mittelstürmer von 1907 für seine »vollendete Technik, mehr aber noch durch seine wunderbaren Vorlagen«, die das Spiel »immer wieder öffneten«.
Kapitän mit 21: Oxford, Karlsruhe, Duisburg
Am 13. März 1909 steht Glaser in Oxford erstmals in der Nationalmannschaft, gegen die englischen Amateure. Er spielt Mittelläufer und trägt die Kapitänsbinde. Mit 21 Jahren ist er laut Wikipedia der jüngste Spielführer, den die Nationalelf je hatte.
Die Reise beginnt im holländischen Vlissingen, und Glaser hat sie später dem Autor Gerd Krämer geschildert: »Wir trafen uns in Vlissingen, genau zehn Mann.« Der Elfte, der Düsseldorfer Baumgärtner, lebte in England und wartete dort. »Wir zehn Auserwählten dieser zusammen gewürfelten Mannschaft standen uns also in Vlissingen gegenüber, etwas verlegen wie in der ersten Tanzstunde.« DFB-Präsident Gottfried Hinze reiste mit und verteilte jeden Tag »wie ein König« ein Goldstück an jeden Spieler.
Das Spiel selbst ist ein Debakel. 0:9, zur Pause stand es schon 0:5. Glaser erinnert sich: »Die Engländer spielten uns glatt an die Wand und wir sahen mit staunenden Augen zu.« Ohne Torwart Adolf Werner, sagt er, wäre es noch viel schlimmer gekommen.
Zweieinhalb Wochen später folgt die Genugtuung. Am 4. April 1909 spielt eine rein süddeutsche Auswahl in Karlsruhe gegen die Schweiz, wieder mit Glaser als Mittelläufer und Kapitän. Eugen Kipp trifft zum 1:0, es ist der erste Sieg der deutschen Länderspielgeschichte. Nach dem Spiel fällt der Satz vom »Doktortitel des Fußballspiels«. Glaser selbst, so Wikipedia, wollte nie im Mittelpunkt stehen. Das Team galt ihm alles, der Einzelne nichts.
Sein drittes Länderspiel, am 16. Mai 1910 in Duisburg gegen Belgien, ist eine Farce. Das Endspiel um die Meisterschaft war erst am Vortag. Eine Stunde vor Anpfiff sind laut der Chronik »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« erst sieben Spieler da. Der Rest wird im Publikum gesucht. Kapitän Glaser verliert 0:3.
Dann zwei Jahre Pause. 1910 promoviert er, 1912 erhält er laut Wikipedia die Professur. Im Mai 1912 kehrt er zurück: 2:1 in St. Gallen gegen die Schweiz, wieder als Kapitän. Und beim Olympischen Turnier in Stockholm steht er am 1. Juli 1912 in der Elf, die Russland 16:0 schlägt. Rekord bis heute. Es ist sein fünftes und letztes Länderspiel.
»Wir haben gerade durch unsere Niederlage in England viel gelernt. Man erkannte, dass elf Einzelkönner noch lange keine Mannschaft ausmachen.«
Lehrer, Funktionär, Parteimitglied
Für den FFC spielt Glaser bis 1921. Nach dem Ersten Weltkrieg holt er mit Freiburg noch eine Meisterschaft im Kreis Südwest, dann hört er mit 34 auf. Das heißt: Er hört nicht wirklich auf. Das Lexikon von 1939 berichtet, dass er »heute noch als Fünfziger« Sonntag für Sonntag im »weinroten Jersey des FFC« auf dem Platz steht.
Beruflich wird er Lehrer. Olympedia nennt ihn Gymnasiallehrer für Chemie und Sport, die Chronik des FFC verortet ihn am Freiburger Kepler-Gymnasium. Ein Arzt, wie ihn ein IFFHS-Heft als »Dr. med« bezeichnet, war er nach allen anderen Quellen nicht.
Sein zweites Leben spielt in den Verbänden. Er wird Spielausschussvorsitzender des Süddeutschen Verbandes und, als Nachfolger von Julius Keyl, Sportwart des DFB. Von 1927 bis 1936 leitet er den DFB-Spielausschuss. In dieser Rolle begleitet er die Nationalelf 1934 zur Weltmeisterschaft nach Italien, wo sie Dritter wird.
Zum 1. Mai 1937 tritt Glaser der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 4.025.814. Der Historiker Nils Havemann, der seine Personalakte ausgewertet hat, schreibt, Glaser habe im Zuge der Aufnahmewelle von 1937 geglaubt, sich der Partei nicht mehr entziehen zu können. Mehr lässt sich aus den hier zugänglichen Quellen dazu nicht sagen.
Nach dem Krieg ist er wieder da. Von 1949 bis 1964 führt er laut Wikipedia den Südbadischen Fußballverband und den Südbadischen Sportbund, 1964 wird er Ehrenvorsitzender. Der FFC-Chronik zufolge erhält er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, der DFB macht ihn zum Ehrenmitglied. Eine lange Freundschaft verbindet ihn mit Ivo Schricker, dem früheren FIFA-Generalsekretär.
Josef Glaser stirbt am 12. August 1969 in Freiburg, mit 82 Jahren. Seit 1997 trägt eine Sporthalle im Stadtteil Rieselfeld, neben dem Kepler-Gymnasium, seinen Namen: die Sepp-Glaser-Halle.
Josef Glaser auf einen Blick
Geboren: 11.5.1887 in St. Blasien
Gestorben: 12.8.1969 in Freiburg im Breisgau
Spitzname: »Sepp«
Vereine: Freiburger FC (1904–1921)
Position: Mittelstürmer, ab Ende 1907 Mittelläufer
Titel: Deutscher Meister 1907; Meister im Kreis Südwest 1920
Bilanz: 5 Länderspiele, 0 Tore (1909–1912), davon 4 als Kapitän; Olympiateilnehmer 1912
Beruf: Gymnasiallehrer (Chemie, Sport), Professor, Dr.
Nationalspieler Nr.: 28 (Debüt 13. März 1909 in Oxford)
Quellen
Wikipedia: Josef Glaser · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1906/07 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · FFC History: 1907 Deutscher Meister · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster deutscher Länderspiel-Sieg · Olympedia: Josef Glaser · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz