Otto Hantschick – der Maler in der Abwehr
Otto Hantschick hatte zwei Berufe, und in beiden ging es um den Strich. Im einen zog er Linien mit Pinsel und Feder, im anderen machte er rechts hinten die Linie dicht. Der Berliner war Kunstmaler und rechter Verteidiger von Union 92. Er bestritt zwei Länderspiele, beide gegen Englands Amateure, und beide gingen verloren: 1:5 und 0:9. Das klingt nach einer bitteren Bilanz. Der Lokalreporter aus Mariendorf fand nach dem ersten Spiel trotzdem lobende Worte für die Berliner hinten drin.
»Leider wies die Aufstellung der Deutschen verschiedene Lücken auf, so dass wohl sonst ein günstigeres Resultat für die Schwarz-Weißroten herausgekommen wäre.«
Vom Zeichenbrett zu Union 92
Otto Franz Hantschick kommt am 11. Februar 1884 in Berlin zur Welt. Den Fußball hat er also in der Hauptstadt vor der Tür, aber erst einmal zieht es ihn nach Frankfurt am Main. Dort lässt er sich zum Maler und Zeichner ausbilden. Das Nachschlagewerk »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt auch einen Frankfurter Klub, bei dem er vorher gespielt habe. Im Druck steht »FCl. Frankfurt«, und welcher Verein damit gemeint ist, bleibt offen.
Als Union 92 im Jahr 1905 Deutscher Meister wird, sitzt Hantschick laut Wikipedia noch in Frankfurt. Ab 1906 spielt er dann für den Berliner Thor- und Fußball-Club Union 1892, den Meister von 1905. Ab 1908 hat Union einen eigenen Platz an der Rathausstraße in Mariendorf, im selben Vorort wie der große Rivale Viktoria 89. Und Viktoria ist in diesen Jahren die Nummer eins in Berlin. 1908 wird Union Vizemeister hinter Viktoria und verliert auch das Pokalfinale gegen sie. Von 1910 bis 1912 reicht es dreimal in Folge nur zu Platz drei.
Athlet mit Kopfball
Wie spielte Hantschick? Zeitgenössische Beschreibungen haben sich nicht gefunden. Das Spielerlexikon von Grüne und Knieriem nennt ihn, über Wikipedia zitiert, einen »athletischen Abwehrspieler«, stark durch »Entschlossenheit, Durchschlagskraft und ausgeprägte Kopfballstärke«. Das Foto von 1939 passt dazu: kräftige Schultern, Schnurrbart, die Arme vor der Brust verschränkt. So guckt einer, an dem man nicht gern vorbeiläuft.
Seine Position ist klar belegt. 1939 steht bei ihm »Stammposten: Rechter Verteidiger«. Genau dort stellt ihn der DFB im April 1908 auf, als die Nationalmannschaft zum ersten Mal zu Hause spielt.
Der große Tag: Schnee in Mariendorf (April 1908)
Es ist Ostermontag, der 20. April 1908. Fünfzehn Tage vorher hat Deutschland in Basel sein erstes offizielles Länderspiel bestritten und 3:5 verloren. Jetzt kommen die englischen Amateure nach Berlin. Gespielt wird auf dem Viktoria-Platz an der Eisenacher Straße in Mariendorf, der Heimat des Lokalrivalen. Anpfiff ist um 16 Uhr. Laut Tagesspiegel schneit es, und eine »selten große Zuschauermenge« von 6.000 Leuten steht am Rand. Schiedsrichter ist Paul Neumann aus Deutschland.
Die deutsche Hintermannschaft ist fast komplett Berliner Arbeit. Im Tor steht Hantschicks Vereinskamerad Paul Eichelmann, rechts verteidigt Hantschick, links Paul Fischer von Viktoria 89. Kapitän ist der Pforzheimer Mittelläufer Arthur Hiller.
Nach fünf Minuten trifft Stapley zum 0:1. In der 20. Minute gibt es Elfmeter für Deutschland, und der Karlsruher Fritz Förderer gleicht aus. Viel länger hält der Traum nicht. Vivian Woodward und Claude Purnell drehen das Spiel bis zur Pause auf 1:3. Nach dem Wechsel kontrollieren die Engländer das Spiel, und am Ende steht es 1:5.
Der Reporter der »Mariendorfer Zeitung« sucht die Schuld vor allem weiter vorn. Die Engländer seien »im großen und ganzen« überlegen gewesen, schreibt er, und fast die ganze deutsche Mannschaft habe »sehr mangelhaft« gespielt. Nur die Berliner Verteidigung habe laut Tagesspiegel »hervorragend« gespielt. Fünf Gegentore und trotzdem ein Lob für die Abwehr, das ist selten.
»Im großen und ganzen waren die Engländer (…) den Deutschen überlegen.«
Oxford und das Ende
Knapp ein Jahr später bekommt Hantschick eine zweite Chance, wieder gegen Englands Amateure, diesmal auswärts. Vorher spielt er für die Berliner Auswahl im neuen Kronprinzenpokal, die nach einem Freilos gleich im Halbfinale einsteigt. Am 21. Februar 1909 gewinnen die Berliner in Hamburg 4:1 gegen Norddeutschland. Auf der anderen Seite steht übrigens der Braunschweiger Walter Poppe, sein Mitspieler aus Mariendorf.
Am 13. März 1909 geht es auf dem White House Ground in Oxford gegen England. Hantschick verteidigt neben Erich Massini vom BFC Preussen, im Tor steht Adolf »Adsch« Werner. Es wird ein Debakel: 0:9. Laut Wikipedia notiert Jürgen Bitter dazu ein Urteil des »Daily Telegraph«: Das einzige Hindernis für England sei Adsch Werner gewesen. Für die Verteidiger vor ihm ist das kein Kompliment.
Fünf Wochen später steht Hantschick noch einmal in einem Finale. Im Endspiel des Kronprinzenpokals verliert Berlin am 18. April 1909 auf dem Viktoria-Platz vor 3.000 Zuschauern 1:3 gegen Mitteldeutschland. Danach wird er nicht mehr in die Nationalelf berufen. Bei Union spielt er laut Wikipedia bis 1914.
Was danach kam, verraten die Quellen kaum. Das Buch von 1939 führt ihn als »selbständigen Maler und Zeichner«. Er ist also bei seinem ersten Beruf geblieben. Beim Todesdatum widersprechen sich die Quellen. Der deutsche Wikipedia-Artikel nennt den 19. April 1952 in Berlin und beruft sich auf eine Urkunde. Andere Verzeichnisse, darunter die Wikipedia-Liste der Nationalspieler, nennen den 22. November 1960.
Otto Hantschick auf einen Blick
Geboren: 11.2.1884 in Berlin
Gestorben: laut de.wikipedia 19.4.1952 in Berlin (andere Quellen: 22.11.1960)
Vereine: ein Frankfurter Klub (1939 als »FCl. Frankfurt« genannt), BTuFC Union 1892 Berlin (1906–1914)
Position: rechter Verteidiger
Titel: Berliner Vizemeister 1908, Kronprinzenpokal-Finalist 1909 (mit der Berliner Auswahl)
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1908–1909)
Beruf: Maler und Zeichner (selbständig)
Nationalspieler Nr.: 13 (Debüt 20.4.1908 gegen England Amateure)
Quellen
Die deutschen Nationalspieler (1939) · Otto Hantschick – Wikipedia · Fußballländerspiel Deutschland – England 1908 – Wikipedia · Kronprinzenpokal 1908/09 – Wikipedia · Tagesspiegel: Anstoß in Berlin-Mariendorf (2007) · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · South Oxford History · fussballdaten.de