Gustav Hensel – der Mann mit der ersten Flanke

Das erste Tor der deutschen Länderspielgeschichte hat Fritz Becker geschossen. So steht es in jeder Statistik. Aber bevor Becker den Ball über die Linie lenken konnte, musste ihn jemand vor das Schweizer Tor bringen. Das war Gustav Hensel, Rechtsaußen vom Casseler FV 95. Ein Länderspiel, null Tore, eine Vorlage, die es damals noch gar nicht als Statistik gab. Und dann, ein Jahr später, war er weg – zurück ins Weingeschäft.

Gustav Hensels Weg · Kassel 1884 bis Bremen 1933 (Gustav Hensel)
Gustav Hensels Weg · Kassel 1884 bis Bremen 1933

»Die Flanke, die Hensel nach schönem Lauf zur Mitte gab, fälschte unser Halbrechter Förderer aus dem Gedränge vor dem Tore zu einem Schuss ab.«

— Fritz Becker, später erinnert (zitiert im SeMa Seniorenmagazin)

Ein Rechtsaußen aus der Südstadt

Carl Ernst Gustav Hensel kommt am 23. Oktober 1884 in Kassel zur Welt. Kassel schreibt sich damals noch mit C, und der Fußball ist dort ein junges Pflänzchen. 1895 schließen sich der FC Union und ein Teil des FC Hassia zum Casseler FV 95 zusammen, gegründet in einer Gaststätte mit dem schönen Namen »Zur Insel Helgoland«.

Ab 1903 spielt Hensel für diesen Verein. Im selben Jahr tritt der CFV dem DFB bei, und plötzlich gibt es echte Wettbewerbe. Gleich im Jahr darauf wird der Verein erster Meister des Verbandes Casseler Ballspielvereine und darf zur Endrunde um die deutsche Meisterschaft.

Das Abenteuer dauert genau ein Spiel. Am 8. Mai 1904 verliert Kassel in Duisburg mit 3:5 gegen den Duisburger Spielverein, vor 150 Zuschauern. Hensel steht in der Aufstellung. Wer die acht Tore schoss, weiß niemand mehr: Torschützen und Minuten wurden laut der Statistikzeitschrift Libero »für die Nachwelt nicht festgehalten«. Im Duisburger Tor stand übrigens Gottfried Hinze, ein Jahr später DFB-Präsident.

Kleine Ironie am Rande: Das Endspiel dieser Meisterschaft war ausgerechnet in Kassel angesetzt. Es fand nie statt. Der DFB annullierte die ganze Runde nach einem Protest des Karlsruher FV.

Kräftig, schnell und fast vergessen

Was für ein Spieler Hensel war, lässt sich nur in wenigen Strichen zeichnen. Wikipedia nennt ihn einen »kräftigen, schnellen Rechtsaußen«. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 gibt als Stammposten ebenfalls »Rechtsaußen« an. Mehr Adjektive hat die Nachwelt nicht aufbewahrt.

Mit dem Casseler FV gewinnt er 1907 die Bezirksmeisterschaft Hessen und stürmt in der westdeutschen Endrunde bis ins Finale. Dort ist Schluss: Am 24. März 1907 verliert Kassel in Duisburg mit 0:7 gegen den Düsseldorfer FC 99. 1909 folgt noch ein Bezirkstitel.

Laut Wikipedia hätte Hensel wohl schon 1904 zum olympischen Turnier nach St. Louis fahren können, wenn der DFB nicht aus Kostengründen verzichtet hätte. Das ist allerdings eine Vermutung, kein Beleg. Sicher ist: Als der DFB im Februar 1908 endlich beschließt, Länderspiele auszutragen, ist Hensel 23 und im besten Alter.

Der große Tag: Die erste Flanke (April 1908)

Der 5. April 1908 ist ein Sonntag, und in Basel regnet es. Deutschland tritt zu seinem ersten offiziellen Länderspiel an, auf dem Landhof gegen die Schweiz. Viel Vorbereitung gibt es nicht. Die Spieler reisen einzeln an, auf eigene Rechnung, der DFB zahlt 20 Mark Spesen. Die meisten lernen sich erst im Zug oder am Spieltag kennen. Aufgestellt wird nach Landesverbänden: vier Süddeutsche, drei Westdeutsche, zwei Mitteldeutsche, ein Norddeutscher, ein Berliner. Hensel zählt dabei wohl zu den Westdeutschen, denn sein Verein spielt seit 1906 im Rheinisch-Westfälischen Spiel-Verband.

Die Deutschen laufen in schwarzen Trikots mit weißen Ärmeln und großem Reichsadler auf. Eine Schokoladenfirma hat eine Extratribüne für 700 Leute gestiftet. Wikipedia spricht von 3.500 Zuschauern, der amtliche DFB-Bericht von »wohl 5000«. Schiedsrichter ist H. P. Devitte, ein in der Schweiz lebender Engländer.

Und schon in der sechsten Minute hat Hensel seinen Moment. Fritz Becker, der Torschütze, hat den Angriff später genau beschrieben: Verteidiger Hempel spielt auf Läufer Weymar, Weymar schickt mit einem weiten Schlag den Rechtsaußen Hensel los. Hensel läuft, flankt, Förderer fälscht ab, der Schweizer Torwart zögert, Becker ist schneller. 1:0 für Deutschland. Becker nannte es ein »Bilderbuchtor«.

Schweiz – Deutschland 5:3, Basel, 5. April 1908 · das 0:1 entstand aus Hensels Flanke (Gustav Hensel)
Schweiz – Deutschland 5:3, Basel, 5. April 1908 · das 0:1 entstand aus Hensels Flanke

Leider hält die Freude nicht lange. Die Schweiz gleicht aus, dann kommen Hagel und Dauerregen, der Boden wird schmierig. Der Magdeburger Verteidiger Ernst Jordan köpft ins eigene Tor, zur Pause steht es 1:3. Förderer und Becker verkürzen nach dem Wechsel zweimal, doch am Ende heißt es 3:5. Die Schuldigen sind schnell gefunden, und Hensel gehört nicht dazu.

»Die Deutschen haben durch ihre Hintermannschaft verloren. Jordan war der schwächste Punkt.«

— Fachblatt Football-Suisse, 9. April 1908 (nach Spiegel einestages)

Für Hensel bleibt es das einzige Länderspiel. Das teilt er mit Baumgarten, Becker, Jordan und Ludwig. Mit Kipp, Förderer und Weymar gehen andere aus dieser Elf weiter, er nicht.

Abschied in den Weinhandel

1909 hört Gustav Hensel auf. Laut Wikipedia zieht er sich zurück, um sich auf seinen Beruf als Weinhändler zu konzentrieren. Das Lexikon von 1939 nennt ihn etwas bescheidener »Weinreisender«. Ein Hamburger Journalist hat die Elf von Basel später so zusammengefasst: »Am Ball waren leidlich austrainierte Schüler, Weinhändler und Dekorateure.« Einer dieser Weinhändler war wohl Hensel.

Was in den folgenden 24 Jahren geschah, verraten die Quellen nicht. Irgendwann zieht er nach Bremen. Dort stirbt Gustav Hensel am 29. August 1933, mit 48 Jahren. Sein Verein ist da längst im SV Kurhessen aufgegangen. Seine Flanke aber steht am Anfang von allem, was danach kam.

Gustav Hensel auf einen Blick

Geboren: 23.10.1884 in Kassel
Gestorben: 29.8.1933 in Bremen
Vereine: Casseler FV 95 (1903–1909)
Position: Rechtsaußen
Titel: Meister des Verbandes Casseler Ballspielvereine 1904; Bezirksmeister Hessen 1907 und 1909; westdeutscher Vizemeister 1907
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1908)
Beruf: Weinhändler bzw. »Weinreisender«
Nationalspieler Nr.: 07 (Debüt 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3/1992 · Libero Nr. 36 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Gustav Hensel · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Wikipedia: SV Kurhessen Kassel · Wikipedia: Westdeutsche Meisterschaft 1906/07 · Wikipedia: Deutsche Meisterschaft 1903/04 · SeMa: Ewig junger Fußballheld