Heinrich Riso – der Kapitän mit dem zweiten Anlauf
Er schoss im allerersten deutschen Endspiel drei Tore. Drei Jahre später verschoss er im nächsten Finale einen Elfmeter – und machte in der 85. Minute trotzdem das Siegtor. Heinrich Riso, in den Aufstellungen schlicht »Riso I«, war dreizehn Jahre lang eine der Säulen des VfB Leipzig: zwei deutsche Meisterschaften, elf Tore in Endrundenspielen, zwei Länderspiele. Kurios nur: Der Mann, der Endspiele entschied, stand in der Nationalelf in der Abwehr. Und wie sein Leben endete, darüber streiten die Quellen bis heute.
»Die Leipziger hatten mehr vom Spiel, doch Heinrich Riso und Edgar Blüher verschossen je einen Elfmeter. Als viele bereits mit einer Verlängerung rechneten, gelang dem VfB-Kapitän doch noch der verdiente Siegtreffer.«
Ein Leipziger Kaufmann mit Torriecher
Heinrich Riso kam am 30. Juni 1882 in Leipzig zur Welt. Das Nachschlagewerk »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt als ersten Verein die Spielvereinigung des ATV Leipzig 1845, einen Turnverein also. Um 1900 landete er beim VfB Leipzig – die Wikipedia nennt mal 1900, mal 1901. Im Zivilberuf war er Kaufmann.
Der VfB war damals die Macht in Mitteldeutschland. Sieben Gaumeisterschaften in Nordwestsachsen, vier mitteldeutsche Titel, zwei deutsche: Riso war bei allen dabei. Das IFFHS-Heft Libero nennt ihn einen Innenstürmer, der »13 Jahre zu den tragenden Säulen des VfB« gehörte, dazu in Stadt-, Gau- und Verbandsauswahl.
Und er hatte einen Namensvetter. Hans Riso, sieben Jahre jünger, hütete das Tor des Lokalrivalen Wacker. Deshalb die römischen Ziffern: Heinrich ist »Riso I«, Hans »Riso II«. Waren sie Brüder? Libero sagt ja, eine Nationalmannschafts-Chronik auch. Die »Welt« meldete 2003 laut Wikipedia das Gegenteil: »Die Risos waren keine Brüder.« Wir lassen das offen.
1903: Drei Tore im allerersten Finale
Die erste deutsche Endrunde, Frühjahr 1903, war eine Veranstaltung mit Stolperfallen. Im Viertelfinale bei Britannia Berlin schauten 100 Leute zu, Riso traf zum 3:0. Im Halbfinale gegen den Altonaer FC 93 – 6:3 in Leipzig – schoss er zwei Tore. Im anderen Halbfinale hielt ein gefälschtes Telegramm den Karlsruher FV von der Reise nach Leipzig ab. Also stand der DFC Prag kampflos im Finale.
Am 31. Mai 1903 auf der Exerzierweide in Altona sahen gut 2.000 Menschen zu. Zur Pause stand es 1:1. Dann zog Leipzig davon, und Riso traf dreimal: zum 3:1, zum 6:2 und zum 7:2. Minuten hat niemand notiert. Mit je sechs Toren teilte er sich die Krone des Endrunden-Torschützenkönigs mit Kollege Bruno »Stany« Stanischewski. Der VfB war der erste deutsche Meister. Den Titel verteidigen durfte der VfB 1904 dann nicht, wie Libero knapp vermerkt.
Der Stürmer in der Verteidigung
Hier wird es interessant. In den Endspielen 1903, 1906 und 1911 steht Riso im Innensturm. Beim Halbfinale 1907 gegen Freiburg dagegen in der Verteidigung. Der Band von 1939 fasst es trocken zusammen: »Stammposten: Innenstürmer u. Verteidiger.« Einer, der beides konnte.
Genau das brauchte der DFB 1908. Für das erste Länderspiel am 5. April in Basel war Riso laut Wikipedia – die sich auf einen Spiegel-Artikel von 2008 beruft – eingeplant, verletzte sich aber eine Woche vorher. Ernst Jordan sprang ein, Deutschland verlor 3:5, und die Kritik traf vor allem die Abwehr.
Zwei Monate später war Riso dabei. Am 7. Juni 1908 in Wien verteidigte er neben dem erst 18-jährigen Berliner Willy Tänzer. Anlass der Reise war der FIFA-Kongress in Wien. Deutschland führte früh, verlor aber 2:3 – alle fünf Tore fielen laut den österreichischen Statistiken schon vor der Pause. Beim zweiten Einsatz, am 4. April 1909 in Budapest, reichte es zu einem 3:3 vor 9.000 Zuschauern; Riso verteidigte neben Herbert Hirth. Am selben Tag spielte eine zweite deutsche Elf in Karlsruhe gegen die Schweiz. Danach war Schluss mit der Nationalmannschaft.
Der große Tag: Siegtor im zweiten Anlauf (Mai 1906)
Das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1906 fand am 27. Mai in Nürnberg statt, auf dem Club-Platz an der Ziegelgasse. 1.100 Zuschauer. Schiedsrichter war Otto Eikhof aus Hamburg, der als Kapitän von Victoria Hamburg in derselben Endrunde noch selbst gespielt hatte. Beide Mannschaften waren über Nacht mit dem Zug angereist, berichtet Libero: Am Vortag mussten die Spieler noch arbeiten, und eine Übernachtung sparte man sich.
Gegner war der 1. FC Pforzheim mit Mittelläufer Arthur Hiller – zwei Jahre später Risos Mitspieler in Wien. Leipzigs Kapitän an diesem Tag: Heinrich Riso, aufgestellt im Innensturm.
Edgar Blüher brachte den VfB in der 15. Minute in Führung, Gustav Stöhr glich in der 26. aus. Dann rannte Leipzig an – und vergab. Riso und Blüher verschossen je einen Elfmeter. Die Minuten sind nicht überliefert, wohl aber das Ergebnis: Es blieb 1:1, lange. Viele rechneten schon mit der Verlängerung.
In der 85. Minute traf der Kapitän. 2:1, Leipzig war zum zweiten Mal Meister. Wer einen Elfmeter verschießt und dann das Siegtor macht, braucht keine weitere Pointe.
Fünf Jahre später gab es fast eine Wiederholung. Im Halbfinale 1911 gegen den Karlsruher FV traf Riso zum 1:0 (39.), der VfB gewann 2:0. Im Finale am 4. Juni 1911 in Dresden, vor 12.000 Zuschauern – damals Endrunden-Rekord –, verkürzte er gegen Viktoria 89 in der 82. Minute auf 1:2. Sechs Minuten später war es 1:3. Elf Endrundentore bis 1911 führen ihn in der ewigen Liste bis 1933 immer noch auf Platz 13.
»Der Innenstürmer Heinrich Riso gehörte 13 Jahre zu den tragenden Säulen des VfB. Der Kaufmann spielte auch in der Stadt-, Gau- und Verbands-Auswahl sowie zweimal im Nationalteam.«
Späte Jahre: Ehrengast – und ein offenes Ende
1912 endete Risos Zeit beim VfB. Was danach kam, ist kaum belegt. Ein Lichtblick: Am 22. Dezember 1957, beim Länderspiel Deutschland – Ungarn in Hannover, saß er laut Wikipedia (nach einem FAZ-Bericht) als Ehrengast des DFB auf der Tribüne. Mit ihm Camillo Ugi, ebenfalls Leipziger – beide hatten beim allerersten Duell der zwei Länder 1909 in Budapest auf dem Platz gestanden.
Beim Lebensende gehen die Quellen auseinander. Die deutsche Wikipedia nennt den 11. Dezember 1964 in Leipzig und belegt das mit einer Meldung im »Sport Magazin« vom Februar 1965. Die englische Wikipedia und eine Leipziger Persönlichkeiten-Seite schreiben dagegen: August 1952, in den USA. Der Ehrengast von 1957 spricht klar für die deutsche Version. Ganz geklärt ist es nicht.
Heinrich Riso auf einen Blick
Geboren: 30. Juni 1882 in Leipzig
Gestorben: 11. Dezember 1964 in Leipzig (laut deutscher Wikipedia; andere Angabe: August 1952 in den USA)
Spitzname: »Riso I« (Unterscheidung von Hans Riso); Wikipedia nennt auch »Heino«
Vereine: SpVgg. des ATV Leipzig 1845, VfB Leipzig (um 1900–1912)
Position: Innenstürmer und Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1903 und 1906; Mitteldeutscher Meister 1903, 1907, 1910, 1911
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1908–1909)
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 19 (Debüt 7. Juni 1908 in Wien gegen Österreich)
Quellen
Libero Nr. 36 (IFFHS), Internet Archive · Libero Spezial D3, 1992 · Libero D 6/7, 1993 · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Wikipedia: Heinrich Riso · Wikipedia: Hans Riso · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Wikipedia (en): Heinrich Riso · austriasoccer.at: Österreich – Deutschland 1908 · RSSSF: Germany – International Results · Nordkurier: Wie der VfB Leipzig erster Deutscher Meister wurde · Leipziger Persönlichkeiten – Sportler