Hans Weymar – der schöne Hans
Das erste Tor der deutschen Länderspielgeschichte hat Fritz Becker geschossen. Aber der Ball kam von irgendwoher. Er kam, unter anderem, von Hans Weymar, dem linken Läufer vom FC Victoria Hamburg, der ihn am 5. April 1908 in Basel mit einem weiten Schlag auf den rechten Flügel schickte. Weymar bestritt vier Länderspiele und verlor alle vier. In Hamburg nannten sie ihn den »schönen Hans«. Er selbst sorgte dafür, dass man ihn lange für jünger hielt, als er war – sogar der DFB fiel darauf herein.
»Hans Weymar schimpft auf den Apfelwein.«
Vom Dorf bei Schleswig zur Victoria
Hans Adolph Weymar kommt am 1. Februar 1884 in Uelsby zur Welt, einem Dorf bei Schleswig. Er lernt Bankkaufmann. Mit 17 Jahren, 1901, steht er beim FC Victoria 1895 in Hamburg. Der Verein ist in diesen Jahren eine der ersten Adressen im deutschen Fußball. Gegründet von Realschülern und Lehrlingen, spielte er anfangs auf dem Heiligengeistfeld, wo man den Platz vor jedem Spiel erst »bauen« musste. Ab 1907 gibt es einen eigenen Sportplatz an der Hoheluft.
Weymar ist Läufer, und zwar links. In den Aufstellungen heißt er »Hans Weymar II«, denn vorne auf dem linken Flügel stürmt ein Carl Weymar, »Weymar I«. Ob die beiden verwandt waren, verraten die Quellen nicht.
Mit der Victoria gewinnt Weymar laut Wikipedia sechsmal die Hamburger Meisterschaft, die erste 1905 erst im Entscheidungsspiel, 5:4 gegen Germania. Dreimal fährt er mit zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. 1905 und 1906 ist jeweils im Viertelfinale Schluss. 1907 aber wird es ein Rausch: 8:1 gegen den Düsseldorfer FC 99 in Duisburg. Im Halbfinale in Hamburg wartet Viktoria 89 aus Berlin. Das Spiel wird immer ruppiger und steht laut Libero »wiederholt kurz vor einem Spielabbruch«. Victoria verliert 1:4. Weiter kommt der Verein nie.
Der große Tag: Der Pass zum ersten Tor (April 1908)
Als der DFB 1908 seine erste Nationalelf zusammenstellt, sitzt an der Spitze des Spielausschusses Hugo Egon Kubaseck. Er ist zugleich Präsident des FC Victoria. Auf seine Empfehlung, schreibt die Welt, kommt Weymar ins Team. Er ist der einzige Norddeutsche in der Elf und der erste Hamburger im Nationaltrikot. Auf dem berühmten Mannschaftsfoto steht er ganz rechts in der Spielerreihe, neben ihm: Kubaseck im Frack.
Sonntag, 5. April 1908, Basel, Sportplatz Landhof. Eine Schokoladenfabrik hat eine Extra-Tribüne für 700 Menschen bezahlt, Frauen bekommen dort eine Tafel »Lucerna« geschenkt. Wie viele Zuschauer kommen, ist umstritten: Die Statistiker nennen 3.500, der amtliche DFB-Bericht »wohl 5000«. Schiedsrichter ist H. P. Devitte, ein in der Schweiz lebender Engländer. Kapitän der Deutschen ist Arthur Hiller aus Pforzheim, Mittelläufer. Links neben ihm läuft Weymar auf, rechts der Kölner Karl Ludwig.
Nach sechs Minuten passiert es. Fritz Becker hat den Spielzug später genau beschrieben, und Weymar spielt darin eine Hauptrolle.
»Der Ball kam von Verteidiger Hempel zum linken Läufer Weymar; der setzte mit einem weiten Schlag unseren Rechtsaußen Hensel ein. Die Flanke, die Hensel nach schönem Lauf zur Mitte gab, fälschte unser Halbrechter Förderer aus dem Gedränge vor dem Tore zu einem Schuss ab, der knapp vorbeigegangen wäre. Der Schweizer Torwächter glaubte, nicht eingreifen zu müssen, unterschätzte dabei aber meine Schnelligkeit, und ich konnte den Ball gerade noch ins Tor lenken.«
Ein »Bilderbuchtor«, nannte Becker es. Viel mehr Bilderbuch wird es an diesem Tag nicht. Die Schweiz gleicht aus, dann kommen Hagel und Dauerregen, der Landhof wird zum Schlammacker. Ein Eigentor von Verteidiger Jordan bringt die Wende, zur Pause steht es 1:3. Deutschland kämpft sich noch zweimal heran, verliert aber 3:5.
Die Kritiker nehmen sich danach die Abwehr vor, vor allem Jordan. Weymar bekommt nach seinem Debüt drei weitere Einladungen. Der Abend wird dann eher feucht. Beim Bankett mit den Schweizern landet Torschütze Becker in Worcestersauce und Senf; die Reinigung seines geliehenen Smokings kostet laut DFB 48 Goldmark. Mancher reist verkatert heim. In der Vereinszeitung der Victoria steht danach der schönste Satz, der je über Weymar gedruckt wurde: »Hans Weymar schimpft auf den Apfelwein.«
Rauchen im Zug, Tennis im Alter
Zwei Wochen später spielt Weymar in Berlin gegen Englands Amateure, 1:5. Im Juni fährt er mit Vereinskamerad Hermann Garrn nach Wien. Garrn erinnerte sich an die Zugfahrt: Nach dem Abschied am Bahnhof »begaben wir uns auf unsere Plätze und fingen an zu rauchen«. Österreich gewinnt 3:2. Danach dauert es mehr als zwei Jahre bis zum vierten und letzten Länderspiel: am 16. Oktober 1910 in Kleve gegen Holland, 1:2. Von diesem Tag stammt das Foto, das ihn bis heute zeigt.
1912 heiratet er, seine Frau stirbt schon 1919. Im Ersten Weltkrieg trifft ihn ein Schrapnell an der Ferse. Die Verletzung beendet seine Laufbahn als Fußballer; 1917 endet laut Wikipedia seine Zeit bei der Victoria. Beruflich wird der Bankkaufmann Geschäftsführer eines Viehgroßhandels auf dem Hamburger Schlachthof, wo er bis zu seinem Tod arbeitet.
Seine zweite sportliche Heimat wird der Harvestehuder Tennis- und Hockey-Club. Jeden Tag, erzählte seine Schwiegertochter Ilse 2008 der Welt, sei er mit der S-Bahn zum HTHC gefahren. Sie beschreibt einen Genussmenschen, der beim Telefonieren erst die Zigarre in den Mund nehmen musste, »sonst kann ich nicht sprechen«. Und einen »sehr großen Frauenfreund«, der dafür »auch bekannt« gewesen sei.
»Er war ein sehr eitler Mensch. Deshalb hat er sich immer jünger gemacht als er war.«
Das hatte Folgen. Viele gratulierten ihm zum 70. Geburtstag, als er 75 wurde. Die Hamburger Morgenpost spottete: »Wenn Sie ihm eine Freude machen wollen, gratulieren Sie ihm zum 65.« Auch der DFB schickte seine Grüße laut Welt stets zum falschen Geburtstag. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 führt ihn tatsächlich mit dem Jahrgang 1886 statt 1884 – vermutlich eine Spätfolge dieser kleinen Eitelkeit.
Am 4. Juli 1959 ist es in Hamburg sehr heiß, laut Schwiegertochter 35 Grad im Schatten. Hans Weymar spielt im HTHC ein Einzel und danach noch ein Doppel. Dabei erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt, 75 Jahre alt.
Hans Weymar auf einen Blick
Geboren: 1.2.1884 in Uelsby (Lexikon 1939: 1886)
Gestorben: 4.7.1959 in Hamburg
Spitzname: »der schöne Hans«
Vereine: FC/SC Victoria 1895 Hamburg (1901–1917)
Position: linker Läufer
Titel: Hamburger Meister (HAFB) 1905, 1906, 1907, 1908, 1909, 1913 (laut Wikipedia); Sykes-Pokal 1907; DM-Halbfinale 1907
Bilanz: 4 Länderspiele, 0 Tore (1908–1910)
Beruf: Bankkaufmann, Geschäftsführer eines Viehgroßhandels
Nationalspieler Nr.: 06 (Debüt 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz)
Quellen
Die Welt: Der schöne Hans aus Hamburg (2008) · Wikipedia: Hans Weymar · Wikipedia: SC Victoria Hamburg · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Libero 36 · Libero D3 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Spiegel einestages: Der schwarze Tag von Basel · Wikimedia Commons: Hans Weymar (1910) · DFB-Datencenter