Walter Hempel – »James«, die Zuverlässigkeit in Person
Als Schüler durfte er gar nicht Fußball spielen, also nannte er sich »James«. Aus dem Tarnnamen wurde ein Leipziger Verteidiger, den eine Fachzeitschrift Jahrzehnte später »die Zuverlässigkeit in Person« nannte. Walter Hempel stand im allerersten Länderspiel 1908 in der Abwehr und brachte es bis 1912 auf elf Einsätze, damals eine stolze Zahl. Dabei spielte er nie für einen großen Klub, sondern sein Leben lang für die kleinen Sportfreunde Leipzig. Seinen größten Triumph feierte er in einem Wettbewerb, den es vorher nicht gegeben hatte: im ersten Endspiel um einen deutschen Pokal.
»Daß er dennoch beim 1. Länderspiel, das Deutschland am 5. April 1908 bestritt, als Verteidiger dabei war, spricht für seine außergewöhnlichen Abwehrqualitäten.«
»James« aus der 3. Realschule
Albert Hermann Oskar Walter Hempel kommt am 12. August 1887 in Leipzig zur Welt. Mit zehn Jahren, als Schüler der 3. Realschule, lernt er den Fußball kennen. Seine Lehrer halten nichts davon. Hempel findet einen Ausweg, den das IFFHS-Heft Libero 1992 so überliefert: Er spielt »anfangs unter dem Pseudonym ›James‹«. Ein englischer Name für ein englisches Spiel, das hat eine gewisse Logik.
Im Sommer 1900 wird in Leipzig der FC Sportfreunde gegründet. Hempel ist vom ersten Jahr an dabei. Und er bleibt. Libero schreibt, er gehörte dem Verein an, »den er niemals verließ«. Bis 1923 spielt er für die Sportfreunde, 23 Jahre lang.
Das ist Treue mit Nebenwirkungen. In Leipzig hat der VfB schon 1903 und 1906 die deutsche Meisterschaft geholt, und die Sportfreunde stehen im Schatten von VfB, Wacker, der Spielvereinigung, Eintracht und dem Ballspiel-Club. An eine Endrunde um die mitteldeutsche oder gar die deutsche Meisterschaft ist mit diesem Verein nicht zu denken. 1909/10 retten sich die Sportfreunde erst per Relegation vor dem Abstieg. Hempel muss also anderswo auffallen: in den Auswahlmannschaften. Für den Gau Nordwestsachsen verteidigt er von 1907 bis 1921, für Mitteldeutschland zwischen 1908 und 1911 neunmal.
Der erste Verteidiger
Als der DFB im Frühjahr 1908 seine erste Nationalelf zusammenstellt, ist Hempel gesetzt. Neben ihm soll Heinrich Riso verteidigen, zweifacher Deutscher Meister mit dem VfB Leipzig. Riso verletzt sich eine Woche vor dem Spiel, für ihn rückt der Magdeburger Ernst Jordan nach. In Basel verliert Deutschland am 5. April 1908 mit 3:5, Jordan köpft ein Eigentor, und die Kritik trifft die »Backs« insgesamt. Hempel ist gerade 20 Jahre alt.
Anders als Jordan bekommt er eine zweite Chance, und eine dritte, und noch einige mehr. Im April 1910 steht er wieder in Basel auf dem Platz, diesmal gewinnt Deutschland 3:2. Drei Wochen später in Arnheim erwischt es dann auch ihn: Beim 2:4 gegen Holland unterläuft ihm laut Libero in der 82. Minute ein Eigentor zum 3:2 für die Gastgeber. Die beiden Verteidiger von Basel teilen damit ein zweifelhaftes Schicksal.
1911 ist sein Jahr in der Nationalelf. Fünf Länderspiele bestreitet er, gegen England, zweimal gegen Schweden, gegen Österreich und Ungarn. In Stockholm gewinnt Deutschland 4:2, in Berlin trotzt es den englischen Amateuren ein 2:2 ab. Viel mehr Siege gibt es nicht: Hempels Länderspielbilanz lautet am Ende vier Siege, zwei Remis, fünf Niederlagen.
Wie er spielte, verraten die Quellen nur in groben Strichen. Libero nennt ihn einen »pfiffigen, schnurrbärtigen Leipziger«, der sich »Schritt für Schritt nach oben« gearbeitet habe. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 führt ihn als »1. Verteidiger«, die Olympia-Datenbank Olympedia als rechten Verteidiger. Tore schoss er für Deutschland keine. Das war auch nicht sein Job.
Der große Tag: Der erste Pokal (April 1909)
Zwischen seinem ersten und zweiten Länderspiel liegen zwei Jahre. In diese Lücke fällt Hempels größter Erfolg.
Im Herbst 1908 startet der DFB einen neuen Wettbewerb: den Kronprinzenpokal. Nicht Vereine spielen darum, sondern die Auswahlmannschaften der Regionalverbände. Es ist der erste deutschlandweite Pokalwettbewerb überhaupt. Mitteldeutschland, im Finale ausschließlich mit Spielern Leipziger Vereine besetzt, schlägt im Viertelfinale am 1. November 1908 in Braunschweig Westdeutschland 2:0. Im Halbfinale am 21. Februar 1909 in Leipzig wird Nordostdeutschland mit 8:0 überrollt. Hempel spielt beide Male.
Das Endspiel steigt am 18. April 1909 auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf bei Berlin. Gegner ist die Auswahl Berlins, gespickt mit Nationalspielern wie Hantschick, Poetsch, Hunder, Worpitzky und Röpnack. 3.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist Willi Rave aus Hamburg.
Die Leipziger Abwehr mit Hans Riso im Tor und Paul Dietze und Walter Hempel davor hält. Vorne wirbelt Edgar Blüher vom Leipziger BC. Er trifft in der 15. und in der 75. Minute. Röpnack verkürzt per Elfmeter, doch Blüher macht mit seinem dritten Tor alles klar. 3:1 für Mitteldeutschland.
Bemerkenswert ist die Bilanz der Abwehr: In drei Pokalspielen kassiert Mitteldeutschland nur ein einziges Tor, und das per Strafstoß. Hempel stand in allen drei Spielen auf dem Platz. Ein Siegerfoto hat überdauert, es zeigt ihn als Vierten von rechts. Für einen Mann, der mit seinem Verein nie um eine Meisterschaft spielen durfte, ist das der einzige große Titel.
»Die Zuverlässigkeit in Person: Verteidiger Walter Hempel.«
Olympia, 16:0 und ein Spielfeld mit seinem Namen
Sein elftes und letztes Länderspiel bestreitet Hempel bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm. Nach dem Aus gegen Österreich spielt Deutschland in der Trostrunde am 1. Juli gegen Russland. Es wird ein Rekord für die Ewigkeit: 16:0, bis heute der höchste Sieg einer deutschen Nationalmannschaft. Gottfried Fuchs schießt allein zehn Tore. Ganz ernst nehmen muss man das Ergebnis nicht. Die russische Elf bestand laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« vornehmlich aus fußballerisch ungeübten Leichtathleten, und beide Teams hatten am Abend zuvor gemeinsam gefeiert. Für Hempel ist es ein freundlicher Abschied. Nach dem Turnier kommt der Generationswechsel, und er gehört zu denen, deren Zeit als »Internationale« endet.
Bei den Sportfreunden spielt er weiter, bis 1923. Von Beruf ist er Reisender, also Handelsvertreter. 1912 eröffnet sein Verein den Sportpark Connewitz, der bis zu 25.000 Zuschauer fasst. Irgendwann bekommt er einen neuen Namen: »Walter-Hempel-Spielfeld«. Seit wann genau, geht aus den Quellen nicht hervor. Belegt ist der Name für April 1942, als die Sportfreunde dort ihr letztes Spiel austragen, bevor der Platz einer Erweiterung des Gaswerks weichen muss.
Laut der Mitgliederkartei im Bundesarchiv trat Hempel zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei.
Walter Hempel stirbt am 5. Dezember 1939 in Leipzig, 52 Jahre alt. Das Libero-Heft nennt als Todestag den 10. Januar 1940, die übrigen Quellen den Dezember 1939.
Walter Hempel auf einen Blick
Geboren: 12.8.1887 in Leipzig
Gestorben: 5.12.1939 in Leipzig (laut Libero 10.1.1940)
Spitzname: »James« (Pseudonym als Schüler)
Vereine: FC Sportfreunde 1900 Leipzig (1900–1923)
Position: Verteidiger
Titel: Kronprinzenpokal 1909 (mit Mitteldeutschland)
Bilanz: 11 Länderspiele, 0 Tore (1908–1912); Olympiateilnehmer 1912
Beruf: Reisender (Handelsvertreter)
Nationalspieler Nr.: 02 (Debüt 5.4.1908 in Basel gegen die Schweiz)
Quellen
Wikipedia: Walter Hempel · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · Wikipedia: FC Sportfreunde Leipzig · Wikipedia: Olympische Sommerspiele 1912/Fußball/Spiele · Wikipedia: Fußballländerspiel Schweiz – Deutschland 1908 · RSSSF: Walter Hempel – International Appearances · Olympedia: Walter Hempel · Libero D 3 (1992) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Spiegel einestages: Der schwarze Tag von Basel · DFB-Datencenter