Paul Kühnle – der zäheste Verteidiger der Kickers

Zwei Länderspiele, zwei Siege. Paul Kühnle, rechter Verteidiger der Stuttgarter Kickers, stand 1910 beim ersten Auswärtssieg in Basel auf dem Platz und 1911 beim 6:2 gegen die Schweiz, auf seinem eigenen Vereinsplatz in Degerloch. Drei Jahre zuvor hatte er als Kapitän die Kickers ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft geführt. Ein Buch von 1930 nennt ihn den zähesten Verteidiger, den der Autor kannte. Und mit sechzig kickte er, wenn es sich ergab, noch mit Dorfbuben auf dem Hof eines Bauern.

Paul Kühnles Lebensweg · 1885–1970 (Paul Kühnle)
Paul Kühnles Lebensweg · 1885–1970

»Kühnle war der zäheste Typ, den ich als Verteidiger kenne. Schläge aus der Drehung waren seine Spezialität; er flog dabei herum wie eine Feder, ohne den Boden mit den Füßen zu berühren.«

— »Deutschlands Beste« (1930), zitiert nach der Gmünder Tagespost, 2008

Ein Stuttgarter bei den Kickers

Paul Kühnle wird am 10. April 1885 in Stuttgart geboren. 1901, mit 16 Jahren, tritt er dem FC Stuttgarter Kickers bei, einem Verein, der erst zwei Jahre alt ist. So erzählt es die Gmünder Tagespost in einem Porträt von 2008. 1902 ist er Ersatzmann der ersten Mannschaft, 1906 Stammspieler: rechter Verteidiger. So steht es auch im Lexikon von 1939, »Stammposten: Rechter Verteidiger«.

Die Kickers aus Degerloch sammeln in diesen Jahren Titel. Laut Wikipedia gewinnt Kühnle mit ihnen die württembergische Meisterschaft 1903 und fünfmal in Folge den Gau Schwaben. In der Saison 1907/08 führt er die Mannschaft als Spielführer, so verzeichnet es die Spielführerliste des Vereins. Und nach Wikipedia übernimmt er, als Trainer Arthur Beier den Verein verlässt, neben dem Kapitänsamt auch noch das Training.

Vier Spiele bis ins Finale

1908 werden die Kickers süddeutscher Meister. Die Endrunde um die deutsche Meisterschaft beginnt mit einem Ärgernis. Der DFB lost ihnen im Viertelfinale ausgerechnet den Titelverteidiger Freiburger FC zu, einen Rivalen aus dem eigenen Südkreis. Am 3. Mai 1908 verlieren die Kickers in Pforzheim 0:1. Doch sie protestieren gegen den Schiedsrichter, und der DFB annulliert das Spiel. Die Freiburger bekommen obendrein einen öffentlichen Verweis und 100 Mark Strafe, weil mehrere ihrer Spieler vorzeitig den Platz verlassen wollten. Die Statistiker der IFFHS schreiben später trocken, der DFB hätte sich den Ärger sparen können, »wenn er vorher nachgedacht und diese unsinnige Paarung vermieden hätte«.

Die Wiederholung am 17. Mai in Karlsruhe gewinnen die Kickers 5:2, Kühnle ist Kapitän. Eine Woche später folgt in Frankfurt ein 5:1 gegen den Duisburger SV. Die Schwaben stehen im Endspiel.

Der große Tag: Das Endspiel von Tempelhof (Juni 1908)

Am 7. Juni 1908 spielen die Kickers auf dem Germania-Platz in Tempelhof gegen Viktoria 89 Berlin um die deutsche Meisterschaft. 4.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Otto Götzel aus Hamburg. Die Kapitäne heißen Paul Hunder für Berlin und Paul Kühnle für Stuttgart. Zwei Jahre später werden beide in Basel in derselben Elf stehen.

Den Kickers fehlen zwei Stützen. Mittelstürmer Otto Löble und Mittelläufer Karl Reich sind laut Libero verletzt; Wikipedia schreibt, Löble habe keine Freistellung vom Militär bekommen. Nach sechs Minuten trifft Willi Worpitzky, den die IFFHS-Chronik den »Brecher« nennt, zum 1:0 für Viktoria. Dabei bleibt es bis tief in die zweite Halbzeit. Die Gmünder Tagespost beschreibt das Spiel so, dass die Schwaben über weite Strecken dominierten, den Ball aber »auch aus bester Position nicht im Tor des Gegners« unterbrachten.

Endspiel 1908 · drei Tore in den letzten sechs Minuten (Paul Kühnle)
Endspiel 1908 · drei Tore in den letzten sechs Minuten

Dann kommen die letzten sechs Minuten. Worpitzky trifft in der 84. Minute erneut, Ahorn verkürzt zwei Minuten später, und in der 89. Minute setzt Helmut Röpnack den Schlusspunkt. 3:1 für Berlin. Libero 36 nennt noch einen Grund: Dem Kickers-Torhüter Hermann Bürkle seien bei den Gegentreffern Schnitzer unterlaufen. Kühnle bleibt Vizemeister. Es ist das einzige Endspiel seiner Laufbahn.

»Im Finale dominierten die Schwaben über weite Strecken, brachten jedoch den Ball auch aus bester Position nicht im Tor des Gegners unter.«

— Gmünder Tagespost, 10. April 2008

Zwei Länderspiele, zwei Siege

Am 3. April 1910 debütiert Kühnle in Basel. Mit ihm in der Abwehr steht Walter Hempel aus Leipzig, im Tor Hans Riso, davor in der Läuferreihe der Kapitän von Tempelhof, Paul Hunder. Deutschland gewinnt 3:2. Eugen Kipp trifft zweimal, Marius Hiller einmal. Es ist der erste Sieg einer deutschen Elf auf fremdem Boden.

Das zweite Länderspiel ist ein Heimspiel im wörtlichen Sinn. Am 26. März 1911 empfängt Deutschland die Schweiz auf dem Kickers-Platz in Degerloch, vor 8.000 Zuschauern. Das Spiel endet 6:2, Fuchs und Förderer treffen je zweimal. Kühnle verteidigt neben dem Karlsruher Ernst Hollstein. In der Presse hieß es danach, zitiert die Gmünder Tagespost: »In der Abwehr glänzten Kühnle und der Karlsruher Hollstein.«

Im Gespräch mit der Gmünder Tagespost erinnerte sich Kühnle 1962, dass es damals keine Vorbereitungslehrgänge gab. Die Spieler lernten sich oft erst am Tag des Länderspiels kennen. Den Fortschritt sah er gelassen: »Das Direktspiel ist heute ausgeprägter, Schnelligkeit und Athletik haben sich enorm gesteigert.«

Einen Titel mit einer Auswahl holt Kühnle doch noch. Am 18. Februar 1912 gewinnt Süddeutschland in Mariendorf das Finale um den Kronprinzenpokal gegen Brandenburg, 6:5, in einer Partie mit elf Toren. Kühnle spielt rechter Verteidiger. 1913 werden die Kickers ein zweites Mal süddeutscher Meister. Noch vor dem Ersten Weltkrieg lässt er die Karriere ausklingen.

Vermessungsrat mit Ball

Beruflich ist Kühnle Bezirksgeometer, später Vermessungsrat. 1939 wechselt er ans Staatliche Vermessungsamt in Schwäbisch Gmünd, dessen Leitung er laut Gmünder Tagespost bei Kriegsende übernimmt und bis Anfang der Fünfzigerjahre behält. Nebenbei schreibt er, so Wikipedia, ab den 1930er-Jahren zahlreiche Abhandlungen über die Theorie des Fußballspiels. Die Kickers vergessen ihn nicht: 1928 erhält er den Wanderpreis des Vereins, laut Gmünder Tagespost »für seine sportliche Leistung und seine menschliche Haltung«.

Sein früherer Lehrling Karl Koch erinnerte sich 2008 an einen genauen Chef, »pingelig darauf bedacht, dass alles genauestens erledigt wurde«. Und an einen Tag in Wißgoldingen. Beim Vermessen eines Bauernhofs spielten zwei Buben mit einem Ball. Kühnle, damals um die sechzig, schnappte sich den Ball und kickte mit. Die Jungen machten Witze über den alten Herrn. Dass er einmal Nationalspieler gewesen war, wussten sie nicht. Kühnle, so Koch, störte das nicht.

Paul Kühnle stirbt am 28. Dezember 1970 in Schwäbisch Gmünd, im Alter von 85 Jahren.

Paul Kühnle auf einen Blick

Geboren: 10.4.1885 in Stuttgart
Gestorben: 28.12.1970 in Schwäbisch Gmünd
Vereine: FC Stuttgarter Kickers (1901/02–1914)
Position: Rechter Verteidiger
Titel: Süddeutscher Meister 1908, 1913; Deutscher Vizemeister 1908; Kronprinzenpokalsieger 1912 (Süddeutschland)
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1910–1911)
Beruf: Bezirksgeometer, Vermessungsrat, Leiter des Vermessungsamts Schwäbisch Gmünd
Trainer: Stuttgarter Kickers (als Spielertrainer, laut Wikipedia)
Nationalspieler Nr.: 46 (Debüt 3. April 1910 in Basel)

Quellen

Gmünder Tagespost, 10.4.2008: »Der zäheste Verteidiger, den ich kenne« · Wikipedia: Paul Kühnle · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1911/12 · Stuttgarter Kickers: Spielführer · Stuttgarter Kickers: Ehrungen · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996