Karl Wegele – der Rechtsaußen, der Flanken rechnete

Karl Wegele ist der Mann, bei dem die alten Chronisten ins Schwärmen geraten. »Schnell und leichtfüßig wie ein Reh sauste der Karle die Linien entlang«, heißt es 1939. Die IFFHS nennt ihn später »Deutschlands ersten ›großen‹ Rechtsaußen«. Und zwei Autoren schreiben 1958, seine Flanken seien »mathematisch genau« gekommen – geschrieben über einen Mann, der tatsächlich Mathematik studiert hatte. Wegele wird 1909 mit dem FC Phönix Karlsruhe Deutscher Meister, spielt 15-mal für Deutschland, fährt 1912 zu den Olympischen Spielen und erzielt 1914 den Ausgleich im letzten Länderspiel vor dem Krieg. Danach unterrichtet er bis 1953 an Karlsruher Schulen, trainiert seinen Verein und muss sich nach 1945 für seine NSDAP-Mitgliedschaft verantworten.

Karl Wegeles Lebensweg · 1887–1960 (Karl Wegele)
Karl Wegeles Lebensweg · 1887–1960

»Schnell und leichtfüßig wie ein Reh sauste der Karle die Linien entlang, und seine Flanken und seine Eckbälle waren stets fabelhaft abgezirkelt.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Schüler bei Phönix

Karl Jacob Wegele kommt am 27. September 1887 in Karlsruhe zur Welt, als Sohn des Kaufmanns Jacob Wegele. Er besucht die Oberrealschule, das heutige Helmholtz-Gymnasium, und macht dort 1906 Abitur. Die Lokalzeitung ka-news hat das Zeugnis ausgegraben: Wegele war bei der Reifeprüfung genau »18 ¾ Jahre« alt, und als Berufswunsch gab er »Ingenieur« an.

Gespielt wird schon lange vorher. Seit 1902 steht Wegele im Kader des FC Phönix, laut Wikipedia mit 16 Jahren bereits in der ersten Mannschaft. Es bleibt sein einziger Verein. Er studiert in Heidelberg und an der Technischen Hochschule Karlsruhe, 1912 besteht er das Staatsexamen für das höhere Lehramt, Hauptfächer Mathematik und Physik. So steht es im Stadtlexikon Karlsruhe, das sich auf seine Personalakte stützt.

Flanken und Rochaden

Was machte den Rechtsaußen aus? Das Lexikon von 1939 versucht eine Antwort, und sie ist erstaunlich modern. Wegele sei »kein Kämpfer« gewesen, er habe sich »gerne dem Nahkampf« entzogen. Aber er besaß »soviel spielerisches Können, daß er nie den Nahkampf brauchte«. Vor Länderspielen habe er am Vorabend stets seine Taktik gepredigt: »Dreieckspiel, mit den Passes den Gegner schneiden, Wechsel zwischen Außen- und Innenstürmer«. Er sei einer der ersten gewesen, die den ständigen Stellungswechsel als beste Methode ansahen, eine Verteidigung zu verwirren.

Auf der anderen Seite des Phönix-Angriffs spielt Emil Oberle, zwei Jahre jünger. Die beiden werden zum Begriff. Kirn und Nathan schreiben 1958, zitiert bei Wikipedia: »Wegele am rechten, Oberle am linken Flügel wurden zu einer Gedankenverbindung. Seine Flanken kamen mathematisch genau.« Die Sportpresse nannte ihn laut ka-news auch »Wiesel« und »Iltis«. Für Kollegen und Chronisten blieb er »der Karle«.

Der große Tag: Deutscher Meister in Breslau (Mai 1909)

Im Frühjahr 1909 wird Phönix süddeutscher Meister und zieht in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft ein. Im Viertelfinale am 2. Mai gewinnen die Karlsruher in Duisburg 5:0 gegen den FC Mönchengladbach. Im Halbfinale am 23. Mai in Frankfurt wird der SC Erfurt mit 9:1 überrollt. Die IFFHS-Chronik erklärt das Spiel über die Flügel: Phönix habe ein »betontes Flügelspiel« praktiziert und in dem 21-jährigen Wegele und dem 19-jährigen Oberle ideale Spieler dafür gehabt, »die dribbelstark und flink waren und zu flanken verstanden«.

Das Endspiel findet am 30. Mai 1909 in Breslau statt, auf dem Sportplatz des SC Schlesien. Gegner ist der Titelverteidiger Viktoria 89 Berlin mit Kapitän Paul Hunder, Willi Knesebeck und dem Innentrio Dumke, Worpitzky, Röpnack. Nur 1.500 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist Gottfried Hinze aus Duisburg.

Berlin trifft zuerst: Worpitzky nach 16 Minuten. Dann dreht Phönix das Spiel. Spielertrainer und Kapitän Arthur Beier gleicht in der 30. Minute aus, Wilhelm Noe trifft vier Minuten später zum 2:1. Nach der Pause erhöhen Hermann Leibold (55.) und noch einmal Noe (65.) auf 4:1. Röpnacks Tor in der 83. Minute ist nur noch Ergebniskosmetik. Wegele schießt kein Tor. Wikipedia schreibt, die Flügelzange Wegele und Oberle sei »auf Dauer durch die Abwehr der Berliner nicht auszuschalten« gewesen.

Endspiel 1909 · Phönix Karlsruhe dreht das Spiel gegen den Titelverteidiger (Karl Wegele)
Endspiel 1909 · Phönix Karlsruhe dreht das Spiel gegen den Titelverteidiger

Die IFFHS-Chronik schließt ihren Bericht mit einem Wortspiel, das sich anbietet: Die Karlsruher »waren wie ein Phönix aus der Asche emporgestiegen und deutscher Meister geworden«. Wegele bekommt dafür, so das Stadtlexikon, den goldenen Phönixring.

»Nichts schien die Karlsruher aufhalten zu können, sie waren wie ein Phönix aus der Asche emporgestiegen und deutscher Meister geworden.«

— Libero 36 (IFFHS) über das Endspiel 1909

Die Titelverteidigung scheitert ein Jahr später ausgerechnet am Lokalrivalen: 1:2 gegen den Karlsruher FV im Halbfinale, vor 8.000 Zuschauern auf dem KFV-Platz.

Fünfzehn Länderspiele, zwei Siege

Am 3. April 1910 debütiert Wegele in Basel, und gleich wird es ein historischer Tag: Deutschland gewinnt 3:2, der erste Auswärtssieg der Geschichte. Eine Woche später steht er im Finale um den Kronprinzenpokal, Süddeutschland gegen Berlin in Mariendorf. Wegele trifft zum 2:1 für den Süden, und das Spiel endet erst nach 142 Minuten mit Otto Löbles Tor zum 6:5.

Wegeles Länderspielbilanz ist eine eigenartige Sache. Er spielt 15-mal, aber nur zwei dieser Spiele gewinnt Deutschland: das in Basel und 1912 ein 2:1 in St. Gallen. Dazu drei Unentschieden und zehn Niederlagen, so die RSSSF-Liste. Darunter sind das 5:5 in Zwolle 1912, mit acht Spielern aus Karlsruhe in der deutschen Elf, und die beiden Olympiaspiele in Stockholm, 1:5 gegen Österreich und 1:3 gegen Ungarn. Das 16:0 gegen Russland dazwischen verpasst Wegele.

Sein erstes Länderspieltor gelingt ihm im November 1913 in Antwerpen, beim 2:6 gegen Belgien. Das zweite ist sein letztes. Am 5. April 1914 spielt Deutschland in Amsterdam gegen Holland, und Wegele erzielt kurz vor Schluss den Ausgleich zum 4:4. Es ist das letzte Länderspiel vor dem Ersten Weltkrieg. Laut Stadtlexikon blieb Wegele bis in die 1990er-Jahre Karlsruher Rekordnationalspieler.

Der Professor und die Akte

Im Krieg dient Wegele im Landwehrinfanterieregiment 109, unter anderem vor Verdun. Er erhält das Eiserne Kreuz beider Klassen und weitere Auszeichnungen. Nach dem Krieg spielt er noch einige Jahre für Phönix. 1922 steht er in der süddeutschen Auswahl, die Norddeutschland schlägt, neben einem Debütanten namens Sepp Herberger. Laut Wikipedia beendet er die Laufbahn mit 35.

Seit 1920 unterrichtet er an der Kantschule, mit dem Titel Professor. Er trainiert die Schulmannschaft, die unter ihm mehrfach Meister wird. Im Karlsruher Eislauf- und Tennisverein gibt er ab 1924 ehrenamtlich Tennisunterricht und gründet 1931 mit seiner Frau Anni eine Juniorenabteilung. Von 1932 bis 1938 ist er Trainer und Vorsitzender des FC Phönix.

Am 1. Mai 1933 tritt Wegele der NSDAP bei, laut Stadtlexikon »wie die Mehrzahl seiner Mitspieler in der Meistermannschaft«. Im Entnazifizierungsverfahren gibt er an, er sei nur eingetreten, um Vereinsvorsitzender bleiben zu können. 1936 wird er auf Drängen seines Direktors Vertrauensmann des NS-Lehrerbunds an der Schule. Das Stadtlexikon hält fest, dass er nie propagandistisch auftrat und nicht als aktiver Nationalsozialist galt. 1939 muss er ein zweites Mal Soldat werden, zuletzt als Hauptmann in Wien.

Im Juni 1946 wird Wegele auf Anordnung der Militärregierung aus dem Schuldienst entlassen. Die Spruchkammer stuft ihn als Mitläufer ein, verhängt aber eine hohe Sühne von 1.200 Reichsmark, weil »ein Mann seines Formats schon durch seine blosse Zugehörigkeit zu Naziorganisationen den Nazismus gefördert« habe. 1949 wird er wieder eingestellt, 1953 geht er als Oberstudienrat in den Ruhestand. Noch einmal, 1946/47, trainiert er Phönix, kann den Niedergang des Vereins aber nicht aufhalten.

Karl Wegele stirbt am 11. November 1960 in Karlsruhe.

Karl Wegele auf einen Blick

Geboren: 27.9.1887 in Karlsruhe
Gestorben: 11.11.1960 in Karlsruhe (andere Quellen: 14.11.1960)
Spitzname: »Karle«; in der Presse auch »Wiesel« und »Iltis«
Vereine: FC Phönix Karlsruhe (ab 1912 Phönix-Alemannia), 1902 bis Anfang der 1920er
Position: Rechtsaußen
Titel: Deutscher Meister 1909; Süddeutscher Meister 1909; Kronprinzenpokalsieger 1910, 1912 (Süddeutschland)
Bilanz: 15 Länderspiele, 2 Tore (1910–1914); Olympiateilnehmer 1912
Beruf: Gymnasiallehrer (Mathematik, Physik), Professor an der Kantschule, zuletzt Oberstudienrat
Trainer: FC Phönix Karlsruhe 1932–1938, 1946–1947
Nationalspieler Nr.: 48 (Debüt 3. April 1910 in Basel)

Quellen

Stadtlexikon Karlsruhe: Karl Jacob Wegele · Wikipedia: Karl Wegele · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1908/09 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · RSSSF: Karl Wegele – International Appearances · Olympedia: Karl Wegele · ka-news: Von Wegele bis Kahn · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996