Robert Neumaier – die Ruhe von Phönix

Das Frühjahr 1909 hätte für Robert Neumaier kaum besser laufen können. Anfang April verteidigte er in Karlsruhe, auf dem Platz des großen Lokalrivalen, beim ersten Sieg einer deutschen Nationalelf. Acht Wochen später stand er in Breslau im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, und sein FC Phönix schlug den Titelverteidiger aus Berlin mit 4:2. Neumaier war linker Verteidiger, schmal, elegant und laut seinem Vereinshistoriker die Ruhe selbst. Drei Länderspiele hat er gemacht. Im Kicker-Buch von 1941 galt er noch immer als einer der Besten, die es auf seinem Posten je gegeben hatte.

Robert Neumaiers Weg · Karlsruhe 1885 bis 1959 (Robert Neumaier)
Robert Neumaiers Weg · Karlsruhe 1885 bis 1959

»Sie waren das ideale Verteidigerpaar. Auf der einen Seite der stämmige, etwas robuste Karth, auf der anderen Seite der leichtgewichtige, elegante, über eine große Ruhe und Sicherheit ausstrahlende Neumaier.«

— Thomas Alexander Staisch, »Die Deutschmeister«, 2014 (zitiert nach Wikipedia)

Vom Fidelia-Club zum Phönix

Robert Neumaier kommt am 14. April 1885 in Karlsruhe zur Welt. Sein erster Verein trägt einen Namen, bei dem sich die Quellen nicht ganz einig sind, FC Fidelia oder FC Fidelitas. Als der Club sich 1902 auflöst, wechselt Neumaier mit den Brüdern Fritz und Otto Reiser zum Karlsruher FC Phönix. Das berichtet der Phönix-Historiker Thomas Alexander Staisch.

Phönix, 1894 von jungen Turnern gegründet, steht damals im Schatten des Karlsruher FV. Das ändert sich ab etwa 1905. Hinten bilden Neumaier und Ernst Karth ein Verteidigerpaar, davor dirigiert Mittelläufer Arthur Beier, der zugleich Kapitän und Trainer ist. Karth ist der Stämmige, Neumaier der Leichte. Wikipedia beschreibt ihn als »hager« und »schlank«, er habe durch »Ruhe und Übersicht« und »gutes Stellungsspiel« bestochen.

In der Saison 1908/09 gelingt der Durchbruch. Phönix wird Südkreismeister, erstmals vor dem KFV, und danach Süddeutscher Meister.

Premiere mit Folgen

Mitten in diese Saison fällt Neumaiers erstes Länderspiel. Am 4. April 1909 spielt eine rein süddeutsche Elf auf dem KFV-Platz gegen die Schweiz. Neumaier verteidigt links, rechts neben ihm Otto Nicodemus aus Wiesbaden, im Tor der Straßburger Eberhardt Illmer. Mit ihm und Linksaußen Emil Oberle stehen erstmals zwei Phönix-Spieler in der Nationalelf. Eugen Kipp trifft vor der Pause, danach hält die Abwehr. Das Karlsruher Stadtarchiv schreibt der »hervorragenden deutschen Abwehr« zu, dass die Schweiz nicht mehr zu nennenswerten Chancen kam. 1:0, der erste deutsche Länderspielsieg.

Zwei weitere Länderspiele folgen. Am 16. Mai 1910 in Duisburg verliert Deutschland 0:3 gegen Belgien, am 5. Mai 1912 gewinnt es in St. Gallen 2:1 gegen die Schweiz. Neumaier verteidigt beide Male links.

Der große Tag: Phönix aus der Asche (Mai 1909)

Die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft wird 1909 im K.-o.-System gespielt, jede Runde ein Spiel. Phönix fegt im Viertelfinale in Duisburg den FC Mönchengladbach mit 5:0 vom Platz und im Halbfinale in Frankfurt den SC Erfurt mit 9:1. Neumaier spielt in allen drei Endrundenspielen.

Das Finale findet am 30. Mai 1909 in Breslau statt, auf dem Platz des SC Schlesien. Für die Karlsruher heißt das: eine lange, strapaziöse Anreise quer durchs Reich. Gegner ist Viktoria 89 Berlin, der Titelverteidiger, mit Stürmern wie Willi Worpitzky und Helmut Röpnack. Phönix gilt als Außenseiter. Schiedsrichter ist Gottfried Hinze aus Duisburg, praktischerweise zugleich Präsident des DFB. Er hätte, so Staisch, laut Reglement sogar prüfen müssen, ob die Lederklötzchen unter den Schuhen »exakt 12 Millimeter« maßen. Nur 1.500 Zuschauer sind da.

Endspiel 1909 in Breslau: Phönix Karlsruhe dreht nach frühem Rückstand das Spiel (Robert Neumaier)
Endspiel 1909 in Breslau: Phönix Karlsruhe dreht nach frühem Rückstand das Spiel

Es beginnt schlecht. In der 16. Minute köpft Worpitzky die Berliner in Führung. Er verletzt sich allerdings und spielt danach nur angeschlagen weiter. Phönix antwortet mit seinem Kapitän: Beier gleicht in der 30. Minute aus, vier Minuten später bringt Wilhelm Noe die Karlsruher in Führung. Nach der Pause machen Hermann Leibold und noch einmal Noe das 4:1. Röpnacks Tor in der 83. Minute ist nur noch Ergebniskosmetik.

Für Neumaier und Karth ist es ein Nachmittag gegen einen der gefährlichsten Angriffe des Landes. Worpitzky ist in dieser Endrunde mit sieben Toren der beste Schütze, Röpnack hat sechs. Gegen Phönix bleibt es bei einem Tor für jeden. Mit dabei ist auch Otto Dumke, obwohl er im Halbfinale vom Platz geflogen war. Eine Sperre für das nächste Spiel, so erklärt es der Libero, gab es damals noch nicht.

»Nichts schien die Karlsruher aufhalten zu können, sie waren wie ein Phönix aus der Asche emporgestiegen und deutscher Meister geworden.«

— Libero, Heft 36, über das Endspiel 1909

Zu Hause feiert der Verein im Kolosseum, die Stadt schickt Stadtrat Kölsch zum Gratulieren. Es ist die erste Deutsche Meisterschaft für Karlsruhe. Ein Jahr später holt sie der Lokalrivale KFV.

Ruhiger Abschied

Auch 1910 ist Phönix als Titelverteidiger in der Endrunde. Im Viertelfinale gewinnt die Mannschaft 2:1 beim VfB Leipzig, dann kommt das Halbfinale ausgerechnet gegen den KFV. 8.000 Zuschauer drängen sich am 1. Mai 1910 auf den KFV-Platz, so viele wie nie zuvor bei einem Endrundenspiel. Der Libero notiert »eine Vielzahl packender und leidenschaftlich geführter Zweikämpfe«. Phönix verliert 1:2. Es ist Neumaiers letztes Endrundenspiel.

In der Auswahl Süddeutschlands spielt er im Herbst 1909 Viertel- und Halbfinale des Kronprinzenpokals. Im Finale im April 1910, das der Süden nach 142 Minuten gewinnt, verteidigt links sein Vereinskollege Karth.

Ab 1911 steht Neumaier laut Wikipedia nicht mehr regelmäßig in der ersten Mannschaft. Die Meisterelf fällt allmählich auseinander, 1912 fusioniert Phönix mit Alemannia. Beruflich wird Neumaier Revisor beim Verband, das Lexikon von 1939 nennt ihn »Verbandsrevisor«. In Erinnerung blieb er trotzdem. Das Kicker-Buch »Tor für Deutschland« von 1941 zählt ihn laut Wikipedia zu den Besten, »die je auf dem linken Verteidigungsposten der deutschen Elf standen«.

Robert Neumaier stirbt am 13. März 1959 in Karlsruhe, knapp 74 Jahre alt.

Robert Neumaier auf einen Blick

Geboren: 14.4.1885 in Karlsruhe
Gestorben: 13.3.1959 in Karlsruhe
Vereine: FC Fidelia/Fidelitas Karlsruhe, Karlsruher FC Phönix (ab 1902, ab 1912 Phönix-Alemannia)
Position: Linker Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1909, Süddeutscher Meister 1909, Kronprinzenpokal 1910 (Einsätze in Viertel- und Halbfinale)
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1909–1912)
Beruf: Verbandsrevisor
Nationalspieler Nr.: 40 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 · Libero D 3/1992 · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Robert Neumaier · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1908/09 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Stadtlexikon Karlsruhe: FC Phönix · Sportarchiv Karlsruhe: Karlsruher FC Phönix · ka-news: Wie Phönix Karlsruhe Deutschmeister wurde · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster Länderspiel-Sieg