Otto Nicodemus – der Doktor in der Verteidigung

In den Länderspiel-Statistiken steht er mit Titel: »Dr. Nicodemus«. Otto Nicodemus aus Biebrich hatte gerade seine Doktorarbeit in Chemie hinter sich, als der DFB ihn in die Verteidigung der Nationalelf stellte. Es wurde das Spiel des ersten deutschen Sieges, 1:0 gegen die Schweiz, und es blieb sein einziges. Bis heute ist er der einzige Nationalspieler, den der SV Wiesbaden hervorgebracht hat. Sein größter Tag auf dem Platz kam ein Jahr später, in einem Pokalfinale, das erst in der 142. Minute entschieden wurde. Danach machte er Karriere in einem ganz anderen Fach.

Otto Nicodemus' Weg · Biebrich 1886 bis Bad Soden 1966 (Otto Nicodemus)
Otto Nicodemus' Weg · Biebrich 1886 bis Bad Soden 1966

»Geboren: 21. Juni 1886 / Heimatort: Biebrich-Rh. / Vereine: SV. Wiesbaden, Freiburger FC. / Stammposten: Verteidiger / Beruf: Laboratoriumsleiter.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Rhein in die Hörsäle

Heinrich Wilhelm Hermann Otto Nicodemus kommt am 21. Juni 1886 in Biebrich am Rhein zur Welt, heute ein Stadtteil von Wiesbaden. Fußball spielt er beim SV Wiesbaden. Der Verein ist jung: 1899 als Fußballabteilung der Wiesbadener Turngesellschaft entstanden, machen sich die Fußballer 1904 geschlossen selbstständig.

Nebenher studiert Nicodemus Chemie. In Heidelberg lernt er, so erzählt es später sein Hockeyclub, eine zweite Sportart kennen und lieben. 1907 legt er in Freiburg im Breisgau seine Dissertation vor, Titel: Untersuchungen über meta-Amidochinolin und meta-Oxyalkylchinolone. Den Doktortitel führen die Statistiken später auch bei Kapitän Josef Glaser, der laut ka-news allerdings erst 1910 promovierte. Nicodemus hatte seine Dissertation da schon zwei Jahre hinter sich.

Ein Sonntag in Karlsruhe

Am 4. April 1909 schickt der DFB zwei Mannschaften gleichzeitig ins Rennen. Die eine spielt in Budapest, die andere, eine rein süddeutsche Elf, in Karlsruhe gegen die Schweiz. Nicodemus ist rechter Verteidiger, links neben ihm Robert Neumaier vom FC Phönix Karlsruhe, dahinter der Straßburger Torwart Eberhardt Illmer. Alle drei machen ihr erstes Länderspiel.

Eugen Kipp schießt kurz vor der Pause das einzige Tor. Nach dem Seitenwechsel lässt der deutsche Sturm nach, und das knappe 1:0 muss hinten verteidigt werden. Das gelingt. Das Karlsruher Stadtarchiv schreibt später, es sei »dank der hervorragenden deutschen Abwehr« der Schweiz nicht mehr gelungen, »nennenswerte Torchancen herauszuarbeiten«. Erster Sieg, erstes Spiel ohne Gegentor. Für Nicodemus bleibt es beim einen Auftritt im Nationaltrikot.

Der große Tag: 142 Minuten Mariendorf (April 1910)

Im Herbst 1909 beginnt die zweite Runde des Kronprinzenpokals, des Wettbewerbs der Regionalverbände. Süddeutschland schlägt Westdeutschland 3:0 und Mitteldeutschland 6:2. Nicodemus kommt in zwei Spielen zum Einsatz, und eines davon ist das Finale.

Das findet am 10. April 1910 auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf statt, bei Berlin. 4.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Bartels aus Hannover. Nicodemus verteidigt rechts, links spielt diesmal Ernst Karth vom FC Phönix. Aus der Siegerelf von Karlsruhe sind vier Mann wieder dabei: Karl Burger, Fritz Förderer, Otto Löble und Eugen Kipp.

Süddeutschland im Kronprinzenpokal-Finale 1910: Otto Nicodemus als rechter Verteidiger – 6:5 nach 142 Minuten (Otto Nicodemus)
Süddeutschland im Kronprinzenpokal-Finale 1910: Otto Nicodemus als rechter Verteidiger – 6:5 nach 142 Minuten

Berlin geht durch Willi Worpitzky in Führung. Dann dreht der Süden das Spiel, mit einem Elfmeter von Max Breunig, einem Tor von Karl Wegele und einem Eigentor des Berliner Torwarts. Zur Pause steht es 3:1 für die Gäste, Löble erhöht auf 4:1. Für eine Abwehr sollte das reichen.

Es reicht nicht. Berlin kommt zurück, und vor allem kommt Worpitzky zurück. Er trifft zum 3:4 und per Elfmeter zum 4:4. Die Verteidigung um Nicodemus hat an diesem Nachmittag also fünf Gegentore zu verkraften. Nach 90 Minuten steht es unentschieden, nach 120 auch. Es wird ein zweites Mal verlängert, zweimal zehn Minuten. Förderer bringt den Süden wieder in Führung, Worpitzky gleicht in der 139. Minute zum 5:5 aus, sein viertes Tor. Nach 140 Minuten wird weitergespielt, bis einer trifft. Zwei Minuten später ist es Otto Löble. 6:5, Süddeutschland gewinnt den Kronprinzenpokal zum ersten Mal.

»… am 10. April 1910 in Berlin nach einem dramatischen [Kampf und] zweimaliger Verlängerung gegen den Gastgeber den Kronprinzen-Pokal.«

— Libero, Heft D 3, 1992 (Lücke im Scan ergänzt)

Was Nicodemus in diesen 142 Minuten genau tat, überliefert keine Quelle. Sicher ist nur, dass er durchhielt. Auswechslungen gab es nicht.

Chemiker, Hockeyspieler, Sammler

Nach 1910 wird es um den Fußballer Nicodemus still. Das Lexikon von 1939 nennt als zweiten Verein den Freiburger FC, laut Wikipedia in der Saison 1914/15.

Beruflich landet er in Höchst bei Frankfurt, bei den Farbwerken. Dort bringt er den Sport mit, den er in Heidelberg kennengelernt hat. Mit Kollegen trainiert er auf dem Sportplatz am Höchster Stadtpark Hockey, 1913 wird daraus der Höchster Hockey Club. Die Gründungsversammlung tagt am 30. Mai 1913 im Höchster Brauhaus, Nicodemus übernimmt das Amt des Spielwarts. Der Krieg legt den Club lahm. »Erst im Herbst 1921«, so die Vereinschronik, »begann Dr. Otto Nicodemus mit zwei Kollegen aus der Vorkriegszeit, den Club mühsam wiederaufzubauen.« Seine Geschichte bewahrt heute der Höchster Tennis- und Hockey-Club.

In den 1930er Jahren taucht er als Erfinder in Patentnachweisen der I.G. Farben auf. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei. So steht es bei Wikipedia, gestützt auf seine Mitgliedskarte im Bundesarchiv und auf Stephan Lindners Studie über das Werk Hoechst im Dritten Reich. Das Lexikon von 1939 führt ihn als »Laboratoriumsleiter«. 1950 erscheint von ihm eine Schrift mit dem Titel Technischer Acetylenbaum.

Seine dritte Leidenschaft sind Briefmarken, und auch dort bringt er es weit. Der Bund Deutscher Philatelisten verleiht ihm 1953 die Verdienstnadel in Gold, 1956 erhält er die Hans-Wagner-Medaille, 1964 die Richard-Renner-Medaille.

Otto Nicodemus stirbt am 29. November 1966 in Bad Soden am Taunus, 80 Jahre alt. Die englische Wikipedia nennt den 2. Dezember.

Otto Nicodemus auf einen Blick

Geboren: 21.6.1886 in Biebrich am Rhein (heute Wiesbaden)
Gestorben: 29.11.1966 in Bad Soden am Taunus (abweichend: 2.12.1966)
Vereine: SV Wiesbaden, Freiburger FC (laut Wikipedia 1914/15)
Position: Verteidiger
Titel: Kronprinzenpokal 1910 (mit Süddeutschland)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1909)
Beruf: Chemiker (Promotion Freiburg 1907), 1939 Laboratoriumsleiter
Nationalspieler Nr.: 39 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · Libero D 3/1992 · Wikipedia: Otto Nicodemus · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Stadtlexikon Wiesbaden: SV Wiesbaden · Höchster THC: Gründung des Höchster Hockey Clubs 1913 · DFB-Datencenter: Deutschland – Schweiz 1:0 · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster Länderspiel-Sieg · ka-news: Der erste Länderspielsieg vor 100 Jahren