Emil Oberle – der Linksaußen, den es an den Bosporus zog
Karlsruhe, Breslau, Stockholm, Istanbul. Emil Oberle hat als Fußballer eine erstaunliche Strecke zurückgelegt. Er war der Linksaußen des Karlsruher FC Phönix, als der Klub 1909 Deutscher Meister wurde. Er stand im ersten Siegerteam der Nationalelf, spielte bei Olympia 1912 und schoss dort ein Tor beim 16:0 gegen Russland. Dann zog er an den Bosporus, arbeitete als Bankier und stürmte für Galatasaray. Sein größter Tag aber war ein Sonntag im Mai 1909 in Breslau.
»Nichts schien die Karlsruher aufhalten zu können, sie waren wie ein Phönix aus der Asche emporgestiegen und deutscher Meister geworden.«
Ein Flügel für Phönix
Emil Josef Oberle wird am 16. November 1889 in Karlsruhe geboren. Wikipedia nennt ihn »Mile«. In der Saison 1907/08 rückt er aus der Jugend in die erste Mannschaft des FC Phönix auf, als Linksaußen. Das ist seine Position, ein Fußballerleben lang. Das Nationalspielerlexikon von 1939 notiert knapp: »Stammposten: Linksaußen«.
Karlsruhe ist in diesen Jahren eine Fußballhochburg, schreibt das Stadtarchiv, mit zwei Spitzenvereinen. In Oberles erster Saison bestimmt noch der Karlsruher FV das Bild. Doch 1908/09 gehört Phönix. Die »Blau-Schwarzen« gewinnen den Südkreis mit einem Punkt Vorsprung vor den Stuttgarter Kickers, dann die süddeutsche Meisterschaft vor dem 1. FC Nürnberg.
Mitten in diese Saison fällt Oberles erstes Länderspiel. Am 4. April 1909 spielt eine süddeutsche Auswahl in Karlsruhe gegen die Schweiz, auf dem Platz des KFV, und Oberle steht auf Linksaußen. Er ist 19 und spielt in seiner Heimatstadt. Kipp trifft kurz vor der Pause, Deutschland gewinnt 1:0. Es ist der erste Sieg der deutschen Länderspielgeschichte. Danach wird Oberle fast drei Jahre lang nicht mehr berufen.
In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft ist Phönix nicht zu bremsen. Im Viertelfinale am 2. Mai in Duisburg wird der FC Mönchengladbach 5:0 geschlagen. Im Halbfinale am 23. Mai in Frankfurt geht der SC Erfurt 1:9 unter. Oberle trifft in der 9. Minute zum 2:0 und in der 78. zum 8:1. Die Statistiker der IFFHS beschreiben Jahrzehnte später, was Phönix so stark machte:
»… die ein betontes Flügelspiel praktizierten und in dem 21jährigen Karl Wegele als Rechtsaußen und dem 19jährigen Emil Oberle als Linksaußen auch über ideale Spieler dazu verfügten, die dribbelstark und flink waren und zu flanken verstanden.«
Der große Tag: Meister in Breslau (Mai 1909)
Das Endspiel steigt am Sonntag, dem 30. Mai 1909, auf dem Platz des SC Schlesien in Breslau. Gegner ist der Titelverteidiger Viktoria 89 Berlin, mit Kapitän Paul Hunder, Verteidiger Paul Fischer und dem Sturm um Willi Worpitzky und Helmut Röpnack. Schiedsrichter ist Gottfried Hinze aus Duisburg, nebenbei amtierender DFB-Präsident. Nur 1.500 Zuschauer sind gekommen. Libero findet, das Spiel hätte »mehr Zuschauer verdient gehabt«.
Phönix läuft auf mit Michaelis im Tor, Karth und Neumaier in der Verteidigung, Heger, Kapitän Arthur Beier und Schweinshaut in der Läuferreihe. Im Sturm: Wegele, Reiser, Leibold, Noë und Oberle. Beier ist Kapitän und Spielertrainer zugleich.
Die Berliner gehen in Führung. In der 16. Minute köpft Worpitzky das 0:1 und verletzt sich dabei. Er spielt angeschlagen weiter. Nach einer halben Stunde gleicht Beier aus, vier Minuten später bringt Wilhelm Noë Phönix in Führung. 2:1 zur Pause.
Nach dem Wechsel machen die Karlsruher alles klar. Hermann Leibold trifft in der 55. Minute, Noë in der 65. zum 4:1. Röpnacks Treffer kurz vor Schluss ist nur noch Ergebniskosmetik. Phönix Karlsruhe ist Deutscher Meister. Emil Oberle ist 19 Jahre alt.
Ein eigenes Tor gelingt ihm im Endspiel nicht. Aber die Endrunde 1909 zeigt, was er ist: der linke Flügel einer Mannschaft, die über die Außen kommt. Zwei Tore im Halbfinale, drei Spiele, drei Siege.
Ein Jahr später ist er noch einmal der Mann des Tages. Im Viertelfinale am 17. April 1910 in Leipzig bricht sich Mittelstürmer Leibold in der 60. Minute das Bein, Phönix spielt zu zehnt. In der 84. Minute gibt es Elfmeter. Oberle verwandelt, 2:1 in Leipzig. Im Halbfinale ist dann gegen den Stadtrivalen KFV Schluss, 1:2 vor 8.000 Zuschauern.
»Traumhaft schöne Kombinationen über die schnellen und trickreichen Wegele und Oberle brachten eine Torchance nach der anderen.«
Zwolle, St. Gallen, Stockholm
Im Frühjahr 1912 wird Oberle wieder gebraucht. Am 24. März in Zwolle spielt Deutschland 5:5 gegen Holland. Auf den Flügeln stehen die beiden Phönix-Männer Wegele und Oberle, innen das Karlsruher KFV-Trio Förderer, Fuchs und Hirsch. Julius Hirsch trifft viermal. Am 5. Mai in St. Gallen bilden Wegele und Oberle wieder das Flügelpaar, Deutschland gewinnt 2:1 gegen die Schweiz.
Damit fährt Oberle zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Im ersten Spiel gegen Österreich am 29. Juni fehlt er, Hirsch muss auf Linksaußen, Deutschland verliert 1:5 und ist raus aus dem Hauptturnier. Es folgt die Trostrunde. Am 1. Juli wartet Russland, eine Mannschaft, die laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« vor allem aus fußballerisch ungeübten Leichtathleten besteht. Oberle spielt diesmal halblinks. Es wird ein 16:0. Gottfried Fuchs trifft zehnmal. Das 13:0 in der 58. Minute schießt Emil Oberle, sein einziges Länderspieltor.
Zwei Tage später verliert Deutschland 1:3 gegen Ungarn, Oberle wieder auf Linksaußen. Es ist sein letztes Länderspiel. Fünf Einsätze, ein Tor.
Bankier am Bosporus
Nach Olympia bricht die Mannschaft auseinander. Die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« zählt die Abgänge auf und notiert dazwischen: »… während es Linksaußen Oberle zum Bau der Bagdad-Bahn in die Türkei zog.« Oberle ist Bankfachmann. Laut Wikipedia arbeitet er ab 1912 im Zuge der Bagdadbahn-Projekte als Bankier in Istanbul. Olympedia verlegt den Umzug in die Türkei allerdings erst in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Das Fußballspielen lässt er nicht. Er stürmt für Galatasaray, zusammen mit seinem Bruder Joseph. In zwei Derbys gegen Fenerbahçe trifft er 1913 laut Wikipedia jeweils doppelt. Die türkische Wikipedia nennt Galatasaray mit Oberle als Sieger der Istanbuler »Cuma Ligi« (Freitagsliga) 1915/16. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrt er nach Deutschland zurück.
Im Herbst 1921 kommt Galatasaray auf Europareise. Am 4. September spielen die Türken in Karlsruhe gegen Phönix und verlieren 0:1. Am 20. September in Hamburg verletzt sich ihr Stürmer Bekir Refet schwer. Die Brüder Oberle besuchen ihn im Krankenhaus. Sie sprechen Türkisch, und sie überreden ihn: Refet unterschreibt bei Phönix Karlsruhe. Er gilt als erster türkischer Fußballer im Ausland. Später wird er beim KFV Ehrenspielführer, er bleibt bis zu seinem Tod in Baden.
Oberle selbst lebt laut Wikipedia später wieder in der Türkei und wird Direktor einer deutschen Bank in Istanbul; das Lexikon von 1939 führt ihn als »Bankdirektor«. Zum 1. November 1933 tritt er der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 3.391.317. So steht es bei Wikipedia, gestützt auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv und die Phönix-Chronik von Thomas A. Staisch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg führt er laut Olympedia einige Jahre seinen Heimatklub Phönix, bevor er wieder in die Türkei geht. Die Verbindung nach Karlsruhe reißt nicht ab: Im Mai 1951 bringt er eine Türkei-Reise des VfB Mühlburg auf den Weg. Emil Oberle stirbt am 25. Dezember 1955 in Karlsruhe, bei einem Besuch in der alten Heimat, an den Folgen einer Embolie.
Emil Oberle auf einen Blick
Geboren: 16.11.1889 in Karlsruhe
Gestorben: 25.12.1955 in Karlsruhe
Spitzname: »Mile« (laut Wikipedia)
Vereine: Karlsruher FC Phönix (1907/08–1912/13), Galatasaray Istanbul (etwa 1913–1918)
Position: Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1909; Süddeutscher Meister 1909
Bilanz: 5 Länderspiele, 1 Tor (1909–1912), Olympische Spiele 1912
Beruf: Bankfachmann, Bankdirektor in Istanbul
Nationalspieler Nr.: 44 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)
Quellen
Wikipedia: Emil Oberle · Wikipedia (türkisch): Emil Oberle · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1908/09 · Wikipedia: Bekir Refet · Olympedia: Emil Oberle · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D3 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster deutscher Länderspiel-Sieg