Karl Uhle – »Karlchen«, der Rechtsaußen des VfB Leipzig
Karl Uhle war Rechtsaußen, fast zwei Jahrzehnte lang beim VfB Leipzig. Man nannte ihn »Karlchen«. Mit 18 wurde er Deutscher Meister, mit 23 stand er noch einmal in einem Endspiel. Sein einziges Länderspiel war das berühmteste der Frühzeit: 16:0 gegen Russland, Stockholm 1912. Nur ein einziges Mal traf er in einer Endrunde um die Meisterschaft, an einem Aprilsonntag 1910. Gewonnen hat der VfB an diesem Tag trotzdem nicht.
»… zeigte sich, daß die Leipziger mit dem 23jährigen ›Karlchen‹ Uhle als Rechtsaußen und ›Bert‹ Friedrich als Linksaußen zwei sehr gute Flügelstürmer besaßen …«
Ein Leipziger Junge
Heinrich Karl Uhle kommt am 16. Juli 1887 in Leipzig zur Welt. Mit elf Jahren, so Wikipedia, tritt er dem VfB Leipzig bei. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 erzählt es etwas anders: 1905 habe er kurz bei Britannia Leipzig gespielt, seitdem »ununterbrochen« beim VfB. Beruflich ist Uhle Justierer, einer, der Messinstrumente einstellt.
Der VfB ist damals schon der erste deutsche Meister, Titelträger von 1903. Uhle wächst in eine große Mannschaft hinein, mit Heinrich Riso, Edgar Blüher und Camillo Ugi.
Meister mit 18
Im Frühjahr 1906 steht Uhle in der Endrunde. Am 22. April bestreitet er sein erstes Endrundenspiel, ein 9:1 gegen Norden-Nordwest Berlin. Am 27. Mai steht er in Nürnberg im Endspiel, Rechtsaußen gegen den 1. FC Pforzheim. Nur 1.100 Zuschauer kommen an die Ziegelgasse. Fünf Minuten vor Schluss schießt Heinrich Riso das 2:1. Der VfB ist Deutscher Meister, und Karl Uhle ist 18 Jahre alt. Ein Foto dieser Elf vor dem Finale ist erhalten, Uhle steht als Zweiter von links.
Ein Jahr später ist im Halbfinale Schluss, 2:3 gegen den späteren Meister Freiburger FC. Seine nächste Endrunde spielt Uhle erst 1910.
Der große Tag: Das Tor gegen Phönix (April 1910)
Sonntag, 17. April 1910, Wacker-Platz am Debrahof in Leipzig. Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft. Der mitteldeutsche Meister VfB empfängt den Titelverteidiger, den FC Phönix Karlsruhe. 4.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Paul Neumann aus Berlin. Phönix hat laut Libero überhaupt nur als Titelverteidiger mitspielen dürfen, denn im eigenen Südkreis war der Stadtrivale KFV besser.
Nach einer halben Stunde bringt Karl Uhle den VfB in Führung. Wie das Tor fiel, beschreibt Wikipedia, gestützt auf eine Phönix-Chronik: Der Ball landete beim Rettungsversuch des Karlsruher Verteidigers Robert Neumaier hinter der Linie. In den Statistiken steht es als Tor von Uhle. Fünf Minuten später gleicht Otto Reiser aus.
Dann verletzt sich Mittelstürmer Hermann Leibold. Beinbruch, Phönix ist nur noch zu zehnt. Wann das passiert, darüber streiten die Quellen: nach 25 Minuten laut Wikipedia, in der 60. laut Libero. Einig sind sie über das Ende. Leipzig drückt, Libero spricht von »optischer Überlegenheit«. Doch in der 84. Minute gibt es Handelfmeter für Karlsruhe. Emil Oberle verwandelt. 1:2, und der VfB ist raus.
»Als in der 60. Minute der Karlsruher Mittelstürmer Hermann Leibold mit einer Beinfraktur ausschied, erlangten die Nordwestsachsen eine optische Überlegenheit, doch die numerisch unterlegenen Badener erzielten per Elfmeter das siegbringende Tor.«
Es bleibt Uhles einziges Tor in acht Endrundenspielen.
Vor Rekordkulisse in Dresden
1911 kommt der VfB noch einmal ins Endspiel. Unterwegs schlägt er Askania Forst und im Halbfinale den Karlsruher FV mit 2:0. Am 4. Juni 1911 in Dresden warten 12.000 Zuschauer und Viktoria 89 Berlin. Libero lobt die Leipziger Flügel, den »23jährigen ›Karlchen‹ Uhle« rechts und »Bert« Friedrich links. Aber der Innensturm habe »nicht die Durchschlagskraft« der Berliner gehabt. Viktoria gewinnt 3:1.
Im Herbst 1911 und 1912 spielt Uhle auch im Kronprinzenpokal für Mitteldeutschland. Zweimal heißt der Gegner Süddeutschland, zweimal verliert Mitte, einmal in Leipzig, einmal in Fürth.
Sechzehn Tore und ein Rechtsaußen
Dann Stockholm. Der DFB reist mit zwei kompletten Mannschaften zum olympischen Turnier. Uhle ist dabei, aber im ersten Spiel, dem 1:5 gegen Österreich, spielt Karl Wegele auf rechts. Zwei Tage später, am 1. Juli 1912, kommt Uhle laut Wikipedia als Ersatz für Wegele zum Einsatz. Gegner ist Russland.
Was folgt, ist Rekord. Gottfried Fuchs schießt zehn Tore, Fritz Förderer vier, Karl Burger und Emil Oberle je eins. 16:0, bis heute der höchste Sieg einer deutschen Nationalelf. Uhle steht als Rechtsaußen neben Förderer auf dem Platz. Ein Tor ist ihm nicht vergönnt. Laut Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft bestand das russische Team vornehmlich aus fußballerisch ungeübten Leichtathleten, und am Abend vor dem Spiel hatten beide Mannschaften gemeinsam gefeiert.
Es bleibt Uhles einziges Länderspiel. Nach Olympia kommt der Generationswechsel. Beim VfB spielt er noch bis 1918.
Späte Jahre
Über Karl Uhles Leben nach dem Fußball ist wenig bekannt. Wikipedia verweist auf eine Karteikarte in den SS-Unterlagen des Bundesarchivs, die ihn 1945 vermutlich als SS-Mann in der Verwaltung des KZ Buchenwald verortet. Weitere Einzelheiten sind laut Wikipedia bisher nicht bekannt.
Karl Uhle starb am 12. Oktober 1969 in seiner Geburtsstadt Leipzig.
Karl Uhle auf einen Blick
Geboren: 16.7.1887 in Leipzig
Gestorben: 12.10.1969 in Leipzig
Spitzname: »Karlchen«
Vereine: VfB Leipzig (bis 1918; laut Lexikon 1939 kurz Britannia Leipzig 1905)
Position: Rechtsaußen
Titel: Deutscher Meister 1906; Deutscher Vizemeister 1911
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1912)
Beruf: Justierer
Nationalspieler Nr.: 91 (Debüt 1. Juli 1912 in Stockholm)
Länderspiele
Quellen
Wikipedia: Karl Uhle (Fußballspieler) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1909/10 · Olympedia: Karl Uhle · Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 80 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft