Johannes Schneider – der Torjäger, der ins Tor ging

Johannes Schneider hat für den VfB Leipzig ein Endspiel erzwungen, bevor er überhaupt Torwart war. Mit 16 schoss er als Mittelstürmer in der 132. Minute das Siegtor im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft. Danach stellte er sich ins Tor und blieb dort bis 1914, mit Brille. Zwei Meistertitel, zwei Länderspiele, 14 Endrundenspiele. Im Mai 1914 hielt er im Halbfinale noch einmal ein 1:0 fest. Vier Monate später war er tot.

Johannes Schneider · Leipzig 1887 bis Vitry-le-François 1914
Johannes Schneider · Leipzig 1887 bis Vitry-le-François 1914

»Großen Anteil am Leipziger Erfolg hatten Torhüter ›Johannes‹ Schneider, der bereits 114 Tage später zu den ersten Kriegsopfern zählte, und der noch junge ›Edy‹ Pendorf.«

— Libero (IFFHS) über das Halbfinale vom 17. Mai 1914

Ein Gymnasiast mit Decknamen

Johannes Schneider kommt am 5. August 1887 in Leipzig zur Welt, als Sohn eines Konservenfabrikanten. Er besucht das Nikolai-Gymnasium, und mit neun Jahren spielt er schon in der Jugend des VfB Leipzig. Wegen des Fußballs droht ihm laut Wikipedia Ärger mit der Schule. Also spielt er unter anderem Namen. Wie genau, darüber sind die Quellen uneins. Laut der Fußballstatistiker-Zeitschrift Libero hieß er eigentlich Hans und spielte als »Johannes«. Laut Wikipedia nannte er sich erst »John«, dann »Johannes« und ließ sich zuweilen Hans rufen. Einig sind sich beide im Grund: Die Schule sollte nichts merken.

Mit 16 ist er in der ersten Mannschaft, und zwar im Sturm. Der VfB ist amtierender Meister. Am 12. Mai 1904 empfängt er im Halbfinale den Duisburger Spielverein, 350 Zuschauer sind da. Die Duisburger führen zweimal. Leipzig gleicht fünf Minuten vor Schluss zum 2:2 aus. Die Verlängerung bringt nichts, also wird noch einmal verlängert. In der 132. Minute schießt der junge Mittelstürmer Schneider das 3:2. Das Endspiel gegen Britannia Berlin findet dann nie statt: Der DFB sagt es wegen eines Protests des Karlsruher FV ab und annulliert die ganze Endrunde.

Der Brillenträger im Tor

Zwei Jahre später steht Schneider im Tor. Warum er gewechselt hat, verraten die geöffneten Quellen nicht. Libero fasst es knapp: »anfangs als Stürmer und später als Torhüter«. In der Endrunde 1906 bestreitet er alle drei Spiele. Am 27. Mai 1906 schlägt der VfB in Nürnberg den 1. FC Pforzheim 2:1. Heinrich Riso trifft fünf Minuten vor Schluss. Schneider ist mit 18 Jahren Deutscher Meister.

Er bleibt die Nummer eins, auch in der Auswahl Mitteldeutschlands, wo er Ernst Raydt beerbt. Libero nennt ihn den »unverwüstlichen Brillenträger«. 1913 wird der VfB wieder Meister, 3:1 im Endspiel gegen Duisburg in München. Beruflich ist Schneider laut Libero Kaufmann, laut dem Nationalspieler-Buch von 1939 Bankbeamter.

Im Herbst 1913 holt ihn der DFB ins Nationaltor. Am 26. Oktober spielt Deutschland in Hamburg an der Hoheluft gegen Dänemark, vor 15.000 Zuschauern und bei strömendem Regen. Der Däne Poul Nielsen trifft in der 2. und 5. Minute, dann noch vor der Pause und kurz vor Schluss. Viermal. 1:4. Im Feld stehen zwei weitere Debütanten, Josef Schümmelfeder und Karl Zilgas. Vier Wochen später in Antwerpen wird es noch schlimmer: 2:6 gegen Belgien, zur Pause steht es schon 0:4. Das ist Schneiders letztes Länderspiel.

Im Kronprinzenpokal läuft es besser. Am 9. November 1913 gewinnt Mitteldeutschland in Nürnberg das Halbfinale gegen die starke Süd-Auswahl 2:1 nach Verlängerung. Im Finale im Februar 1914 in Berlin verliert Schneider mit den Mitteldeutschen 1:2 gegen den Norden.

Der große Tag: Das Halbfinale von Connewitz (Mai 1914)

Im Frühjahr 1914 ist der VfB wieder in der Endrunde. Am 17. Mai kommt es im Halbfinale zur Neuauflage des Endspiels vom Vorjahr: VfB Leipzig gegen den Duisburger Spielverein. Gespielt wird in Leipzig, im Sportpark der Sportfreunde in Connewitz. 8.000 Zuschauer kommen, Schiedsrichter ist Richard Hebak aus Berlin.

Die Duisburger haben laut Libero die spielerisch geschlossenere Mannschaft. Mittelläufer ist Heinz Ludewig, vorn stürmen Sebastian Quatram, Anton Bongartz, Hermann Steinhauer und Walter Fischer. Die Leipziger halten dagegen. Kurz vor der Pause, in der 41. Minute, trifft Johannes Völckers zum 1:0. Danach fällt kein Tor mehr. Libero spricht von einem »hart umkämpften Sieg«. Und es nennt die zwei Männer, die ihn möglich machten: den jungen Mittelläufer »Edy« Pendorf und den Torwart Schneider.

Zwei Wochen später steht der VfB in Magdeburg im Endspiel gegen die SpVgg Fürth. Erst in der 153. Minute schießt Karl Franz Fürth zum 3:2. Für Schneider ist es das 14. Endrundenspiel seiner Laufbahn, 13 davon im Tor.

»… den unverwüstlichen Brillenträger ›Johannes‹ Schneider im Tor …«

— Libero (IFFHS) über die Leipziger Meisterelf von 1913

September 1914

Anfang August 1914 beginnt der Erste Weltkrieg. Schneider wird eingezogen. Am 8. September 1914 fällt er bei Vitry-le-François in Frankreich, 27 Jahre alt. So steht es bei Libero, bei Wikipedia und schon im Nationalspieler-Buch von 1939. Libero hat die Tage gezählt: Vom Halbfinale gegen Duisburg bis zu seinem Tod waren es 114.

Auch beim Endspielgegner Fürth fehlen nach dem Krieg Spieler. Karl Franz, der Schütze des Siegtors von Magdeburg, fällt im selben Monat wie Schneider.

Johannes Schneider auf einen Blick

Geboren: 5.8.1887 in Leipzig
Gestorben: 8.9.1914 bei Vitry-le-François (Frankreich), gefallen
Spitzname: »Hans« (Vorname umstritten, s. oben)
Vereine: VfB Leipzig (von der Jugend bis 1914)
Position: Torwart, anfangs Mittelstürmer
Titel: Deutscher Meister 1906 und 1913; Mitteldeutscher Meister 1906, 1907, 1911, 1913
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1913)
Beruf: Kaufmann, laut DNS 1939 Bankbeamter
Nationalspieler Nr.: 101 (Debüt 26. Oktober 1913 in Hamburg gegen Dänemark)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Johannes Schneider (Fußballspieler) · Libero 36 · Libero D3 · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter: Deutschland – Dänemark 1913 · DFB-Datencenter: Belgien – Deutschland 1913 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1913/14 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1903/04 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1913/14 · Victoria Post 3/2014