Otto »Tull« Harder – Mittelstürmer, SS-Mann, verurteilter Kriegsverbrecher

Otto Harder war der erste große Star des Hamburger SV. 1,90 Meter groß, schnell, kaum zu stoppen, und in den Kabaretts sang man Lieder über ihn. In 15 Länderspielen schoss er 14 Tore, mit dem HSV wurde er 1923 und 1928 Deutscher Meister. Das ist die eine Hälfte seines Lebens. Die andere: Harder trat 1932 der NSDAP und 1933 der SS bei, tat ab 1939 Dienst in Konzentrationslagern und leitete im letzten Kriegswinter das Außenlager Hannover-Ahlem, in dem Hunderte Häftlinge starben. 1947 verurteilte ihn ein britisches Militärgericht als Kriegsverbrecher. Beide Hälften gehören in diese Biografie.

Otto Harder · Fußballer, SS-Mann, verurteilter Kriegsverbrecher · 1908–1956
Otto Harder · Fußballer, SS-Mann, verurteilter Kriegsverbrecher · 1908–1956

»Er war der Kommandant. Wer anders sollte es gesehen haben?«

— Stellvertretender Generalstaatsanwalt der britischen Rheinarmee, 13. Juni 1947 (übersetzt von Arthur Heinrich, 1996)

Vom Leonhardtsplatz nach Hamburg

Otto Fritz Harder wird am 25. November 1892 in Braunschweig geboren. Nach Arthur Heinrich, der Harders Leben 1996 in den »Gewerkschaftlichen Monatsheften« aufgearbeitet hat, wird er 1908 beim Kicken auf dem Leonhardtsplatz entdeckt und vom FC Hohenzollern angeworben. Ein Jahr später geht er zur Eintracht. Eine Biografie von 1940 schreibt: »Im Nu reißt er bei der Eintracht die Führerschaft an sich.«

Woher der Name »Tull« kommt, ist nicht ganz geklärt. Die gängige Erklärung: Er habe einem Stürmer von Tottenham Hotspur geglichen, dem Schwarzen Walter Tull, und die Braunschweiger hätten den Namen auf ihn übertragen. Wikipedia hält das für eine Legende. Das fragliche Gastspiel war im Mai 1911, als Harder noch in der zweiten Mannschaft spielte. »Tull« oder »Tulle« war zudem eine plattdeutsche Koseform von Otto.

1913 wechselt er zum Hamburger FC 1888, einem der Vorgänger des HSV. Im Februar 1914 stürmt er schon für Norddeutschland im Kronprinzenpokal und schießt im Finale in Berlin das 1:0 gegen Mitteldeutschland. Sechs Wochen später, am 5. April 1914, spielt er in Amsterdam sein erstes Länderspiel. Beim 4:4 gegen die Niederlande trifft er in der 66. Minute zum 3:2. Es ist das letzte Länderspiel vor dem Ersten Weltkrieg. Harder meldet sich freiwillig, kommt im Januar 1915 an die Westfront und erhält das Eiserne Kreuz beider Klassen.

Der König der Mittelstürmer

Nach dem Krieg wird Harder Mittelstürmer des neuen Hamburger SV, und er bleibt es ein Jahrzehnt lang. Die Zeitgenossen beschreiben einen Sturmlauf auf kürzestem Weg. Die »Fußball-Woche« nannte ihn 1928 »die verkörperte Wucht und Stoßkraft«. Kicker-Chef Friedebert Becker verglich ihn später mit dem Altonaer Adolf Jäger: »Adolf Jäger führte seine Elf mit Raffinesse, wie Schachfiguren, Harder dagegen bot, so schnell wie es ging, Schach!« Es gab auch Kritik. Die »Frankfurter Zeitung« bemängelte 1924, er kämpfe »kaum um den Ball. Er wartete.«

1922 steht der HSV im Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Zweimal endet es ohne Sieger: Das erste Spiel pfeift Schiedsrichter Peco Bauwens nach endlosen Verlängerungen wegen Dunkelheit ab, das zweite beim Stand von 1:1, weil Nürnberg nur noch sieben Spieler auf dem Platz hat. Nürnbergs Anton Kugler verliert im Zweikampf mit Harder mehrere Zähne. Der HSV verzichtet schließlich auf den zugesprochenen Titel.

In der Nationalelf kommt Harder bis 1926 auf 15 Spiele und 14 Tore, in acht Spielen ist er Kapitän. Im Oktober 1925 trifft er in Basel dreimal beim 4:0 gegen die Schweiz, im Juni 1926 in Nürnberg dreimal beim 3:3 gegen Schweden. 1926 entscheidet das Reichsgericht, dass er eine Person der Zeitgeschichte ist; ein Hamburger Unternehmer darf Zigarettenpackungen mit seinem Bild verkaufen. 1927 läuft ein Stummfilm über einen Stürmer namens »Tull Harper«. Und in Hamburg singt man: »Wenn spielt der Harder Tull, dann heißt es drei zu null.«

Der große Tag: Das erste Meisterstück (Juni 1923)

Nach dem Endspielchaos von 1922 steht der HSV ein Jahr später wieder im Finale. Am 10. Juni 1923 geht es im Berliner Grunewald-Stadion gegen den SC Union Oberschöneweide. 64.000 Zuschauer kommen, Schiedsrichter ist Philipp Brucker aus Stuttgart. Der HSV spielt mit Martens im Tor, dem Norweger Asbjørn Halvorsen als Mittelläufer und Harder in der Mitte des Sturms.

In der 34. Minute trifft Harder zum 1:0. Mit diesem Vorsprung geht es in die Pause. Ludwig Breuel erhöht in der 70. Minute, Karl Schneider macht in der Schlussminute das 3:0. Der Hamburger SV ist zum ersten Mal Deutscher Meister.

Fünf Jahre später, 1928, gewinnt Harder mit dem HSV den zweiten Titel. Olympia im selben Sommer findet ohne ihn statt, Reichstrainer Otto Nerz nimmt ihn nicht mit. Am 4. Januar 1931 bestreitet er sein Abschiedsspiel beim HSV und spielt danach noch für den SC Victoria.

»Das Hamburger Spiel stand unter dem Bann der phänomenalen Leistung Harders als Mittelstürmer.«

— »Fußball«, 24. April 1924, über das 3:0 des HSV gegen Corinthians London, zitiert nach Heinrich 1996

SS-Mann und Lagerleiter

Am 1. Oktober 1932 tritt Harder in die NSDAP ein, am 10. Mai 1933 in die SS. Am 24. August 1939 erhält er den Einberufungsbefehl der Waffen-SS, Dienstort ist das KZ Sachsenhausen. Nach eigener späterer Aussage wollte er lieber an die Front, seine Gesuche seien abgelehnt worden. Im November 1939 lässt er sich auf eigenen Wunsch in das KZ Neuengamme bei Hamburg versetzen. Dort steht er zunächst Wache, ab April 1940 arbeitet er in der Lagerverwaltung.

Am 30. November 1944 übernimmt Harder, so Heinrich nach den britischen Prozessakten, das Neuengammer Außenlager Hannover-Ahlem, als Lagerkommandant. Andere Darstellungen setzen den Beginn früher an. Die Häftlinge sind ganz überwiegend polnische Juden aus dem Ghetto Lodz, die über Auschwitz nach Hannover gebracht wurden. Sie müssen in Stollen arbeiten, in denen die Continental-Werke ihre Kriegsproduktion unterbringen wollen. Nach Aussagen im Prozess gibt es morgens ein Brot für 17 Menschen und nach zwölf Stunden Arbeit ein Brot für sechs. Prügel mit einem Gummiknüppel sind an der Tagesordnung. Der Häftlingsarzt Dr. Leon Fajlowicz sagte aus, die Todesursache vieler Toter seien »Schläge« gewesen.

Die britische Anklage zählte allein aus dem ersten Transport von rund 1.000 Menschen 373 Tote, insgesamt wurden 617 Leichen aus dem Lager zum Friedhof oder ins Krematorium gebracht. Von den etwa 1.000 Häftlingen hätten nur 250 überlebt, berichtete der Deutschlandfunk 2023. Am 30. Januar 1945 wird Harder zum SS-Untersturmführer befördert, bis Anfang März 1945 bleibt er formal Lagerleiter.

Das Urteil

Nach Kriegsende nehmen britische Soldaten Harder fest. Am 16. April 1947 beginnt im Hamburger Curiohaus der Prozess gegen ihn und vier weitere SS-Männer. Die Anklage lautet auf Tötung und Misshandlung von Häftlingen in Ahlem. Harder bekennt sich nicht schuldig. Außergewöhnliche Vorkommnisse habe er nicht bemerkt, es habe allenfalls »bestimmte geringfügige Zwischenfälle und Reibungen« gegeben. Peco Bauwens, früherer Nationalspieler und später erster Nachkriegspräsident des DFB, schreibt ihm ein Leumundszeugnis: Harder habe sich »stets als ein vorbildlicher Sportsmann gezeigt«.

Am 6. Mai 1947 spricht das Gericht ihn schuldig. Die Strafe: 15 Jahre Haft, später auf zehn Jahre verringert. Zwei Mitangeklagte werden zum Tod verurteilt. Direkte Beweise für Taten Harders selbst gebe es wenige, hielt der britische Anklagevertreter nach dem Urteil fest, doch die Gesamtheit der Vorgänge im Lager lasse seine Verantwortung klar erscheinen. Der Stellvertretende Generalstaatsanwalt der Rheinarmee meinte später, Harder sei einem Todesurteil wohl entgangen, weil er ein bekannter Sportsmann gewesen sei.

Kurz vor Weihnachten 1951 kommt Harder aus dem Gefängnis in Werl frei, nach rund viereinhalb Jahren. Der HSV hatte ihn nach dem Urteil kurz ausgeschlossen. Als er im Februar 1952 zum ersten Mal wieder ein Spiel besucht, begrüßen ihn Zuschauer und Stadionsprecher begeistert. Otto Harder stirbt am 4. März 1956 in Hamburg. Jugendspieler des HSV halten Ehrenwache, eine Vereinsfahne liegt auf dem Sarg. 1974 nennt eine Broschüre des Hamburger Senats zur Weltmeisterschaft ihn noch als Vorbild für die Jugend; die Seite wird aus allen 100.000 Exemplaren herausgetrennt. Heute sagt der Leiter des HSV-Museums, Niko Stövhase, es stehe für ihn »absolut außer Frage, dass er um die Verbrechen wusste und durch sein Handeln dazu beigetragen hat«.

Otto Harder auf einen Blick

Geboren: 25.11.1892 in Braunschweig
Gestorben: 4.3.1956 in Hamburg
Spitzname: »Tull«
Vereine: FC Hohenzollern Braunschweig (1908), Eintracht Braunschweig (1909–1913), Hamburger FC 1888 / Hamburger SV (1913–1931), SC Victoria Hamburg (ab 1931)
Position: Mittelstürmer
Titel: Deutscher Meister 1923, 1928; Kronprinzenpokal 1914
Bilanz: 15 Länderspiele, 14 Tore (1914–1926), 8-mal Kapitän
Beruf: Versicherungsmakler
NS-Zeit: NSDAP 1932, SS 1933; ab 1939 Dienst in den KZ Sachsenhausen und Neuengamme, ab Ende 1944 Leiter des Außenlagers Hannover-Ahlem; 1947 von einem britischen Militärgericht zu 15 Jahren Haft verurteilt, 1951 entlassen
Nationalspieler Nr.: 108 (Debüt 5. April 1914 in Amsterdam)

Länderspiele

Quellen

Arthur Heinrich: Tull Harder – Eine Karriere in Deutschland, GMH 7/1996 (PDF) · Wikipedia: Otto Harder · Wikipedia: KZ-Außenlager Hannover-Ahlem · KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Lernwerkstatt: Otto Harder · Deutschlandfunk Kultur: Vom Fußballidol zum KZ-Kommandanten (2023) · hsv1887.de: Otto »Tull« Harder · DFB-Datencenter: Niederlande – Deutschland 1914 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero D 6-7, 1993 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996