Peco Bauwens – der Mittelstürmer, der zum mächtigsten Pfeifenmann wurde

Peco Bauwens hat im deutschen Fußball fast alles gemacht, was man machen kann. Er war Stürmer beim Kölner FC 1899 und einmal Nationalspieler, am 16. Mai 1910 gegen Belgien, ein Spiel, das er verletzt verlassen musste. Er wurde der bekannteste deutsche Schiedsrichter seiner Zeit, pfiff fünf Endspiele um die Deutsche Meisterschaft und das olympische Finale 1936. Von 1950 bis 1962 führte er den DFB. Sein berühmtestes Spiel ist eines, das nie zu Ende gespielt wurde: das Endspiel-Wiederholungsspiel von 1922 in Leipzig. Und über seine Rolle in der NS-Zeit wird bis heute gestritten.

Peco Bauwens' Lebensweg · 1886–1963 (Peco Bauwens)
Peco Bauwens' Lebensweg · 1886–1963

»Und Dr. Bauwens gilt heute als der sachlichste Mann der Pfeife, und sein Ruf ging durch alle Fußball-Länder.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Das Bein, das nicht amputiert wurde

Peter Joseph Bauwens kommt am 24. Dezember 1886 in Köln zur Welt, in einer bürgerlichen, musisch geprägten Familie, wie Wikipedia schreibt. Der Vater führt ein Bauunternehmen. Gerufen wird der Junge Peco. Als Kind nannten ihn laut dem IFFHS-Magazin Libero »alle nur ›Dick‹«.

Mit elf Jahren gerät er mit dem Fahrrad unter ein Pferdefuhrwerk. Das linke Bein wird »regelrecht zermalmt«, so Libero. Die Ärzte raten zur Amputation, die Mutter lehnt ab. Nach langen Mühen kann der Junge wieder gehen. Ein Arzt verordnet Bewegung: Wandern, Radfahren, Schwimmen, Tennis. Wikipedia erzählt es etwas anders: Die Eltern hätten auf dringende ärztliche Empfehlung den Sohn Fußball spielen lassen, obwohl die Familie eher zum Tennis neigte und Fußball als »Proletensport« galt.

Mit 14 beginnt Bauwens zu kicken. An der Kölner Oberrealschule ist er laut Libero der einzige Fußballer, und fast fliegt er von der Schule, weil er trotz Verbots bei einem Spiel in Paris mitgemacht hat. Wikipedia nennt ihn außerdem einen der Pioniere des SC Brühl, dem er ein Leben lang verbunden bleibt.

Verteidiger, Mittelstürmer, Student

Mit 18 geht Bauwens zum Kölner FC 1899, so Libero, und bleibt bis 1921 in der ersten Mannschaft. Zum Sommersemester 1907 beginnt er ein Jurastudium, in Bonn wird er Mitglied des Corps Saxonia.

Sein erstes großes Spiel ist schon 1906 überliefert. Am 6. Mai treten die Kölner als westdeutscher Meister im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft in Mannheim gegen den 1. FC Pforzheim an. Bauwens spielt Verteidiger. Köln führt 2:0, verliert aber nach Verlängerung 2:4. Libero notiert, Pforzheims Stürmer »Kuß« Maier habe »den gegnerischen Verteidiger ›Peco‹ Bauwens vor schwierige Aufgaben« gestellt, und schiebt nach: »Der Kölner wurde später ein weltberühmter Referee.«

Später rückt Bauwens nach vorn. Das Lexikon von 1939 nennt als Stammposten Mittelstürmer. Er spielt laut Libero oft in der Kölner Stadtauswahl und in der westdeutschen Auswahl.

Duisburg 1910: Nationalspieler bis zur Pause

Am 16. Mai 1910 spielt Deutschland in Duisburg gegen Belgien. Am Vortag war in Köln das Endspiel um die Meisterschaft, die vorgesehenen Karlsruher Spieler sagen nach Verlängerung und Feier ab. Wie Bauwens in die Elf kommt, erzählen die Quellen unterschiedlich. Nach Wikipedia wurde er, wie mehrere Duisburger, aus dem Publikum geholt. Der Journalist Udo Muras dagegen schreibt, Bauwens sei »ein beabsichtigter Debütant, sein Einsatz war vorgesehen«.

Sicher ist: Bauwens führt als Mittelstürmer den Angriff, zwischen Christian Schilling und Otto Reislant. Kurios ist ein Blick auf die Gegenseite. Bei den Belgiern steht in der Läuferreihe ebenfalls ein Bauwens, Charles vom Daring Club Brüssel.

Lange hält der deutsche Bauwens nicht durch. Um die Pause muss er raus. Wikipedia spricht von einem Sehnenanriss, die Chronik der Nationalmannschaft von einem Muskelriss, Libero von einer Sehnenzerrung. Der Duisburger Generalanzeiger schrieb damals, er sei »einer alten Verletzung wegen« ausgeschieden. Ersatz kommt in der 55. Minute, wieder von der Tribüne: der Olympialäufer Andreas Breynck. Deutschland verliert 0:3. Es bleibt Bauwens' einziges Länderspiel.

Der Mann mit der Pfeife

Nach dem Ersten Weltkrieg macht Bauwens als Schiedsrichter Karriere. Laut Libero hat er schon vor dem Krieg gepfiffen. Das Lexikon von 1939 hebt hervor, dass er noch in der ersten Mannschaft seines Vereins stand, als er im Frühjahr 1921 das große Spiel Süddeutschland gegen Norddeutschland in Karlsruhe leitete. 1913 ist er, inzwischen promoviert, in die väterliche Baufirma eingestiegen, so Libero. Den Doktortitel hat der Politikwissenschaftler Arthur Heinrich später angezweifelt.

Die Liste seiner Spiele ist lang. Er leitet die Endspiele um die Deutsche Meisterschaft 1920 und 1921, beide Male gewinnt der 1. FC Nürnberg. 1922 pfeift er das Endspiel gleich zweimal. 1929 folgt ein fünftes Finale, Fürth schlägt Hertha BSC 3:2. Am 30. April 1922 leitet er in Budapest sein erstes Länderspiel, Ungarn gegen Österreich. Am 15. August 1936 pfeift er im Berliner Olympiastadion das olympische Finale zwischen Italien und Österreich, 2:1 nach Verlängerung, vor 85.000 Zuschauern. Das Lexikon von 1939 rühmt, er habe als erster kontinentaler Schiedsrichter ein Länderspiel auf britischem Boden geleitet, Wales gegen Irland. Wikipedia kommt insgesamt auf 76 Länderspiele und nennt ihn damit den europäischen Schiedsrichter mit den meisten Länderspielen.

Der große Tag: Das Endspiel ohne Ende (August 1922)

Das Finale 1922 zwischen dem Hamburger SV und dem 1. FC Nürnberg beginnt am 18. Juni im Berliner Deutschen Stadion. 30.000 sehen ein 2:2 nach 90 Minuten, dann eine Verlängerung ohne Tor, dann wird weitergespielt, bis zum nächsten Treffer. Er fällt nicht. Nach 189 Minuten bricht Bauwens die Partie wegen der einbrechenden Dunkelheit ab.

Die Wiederholung steigt sieben Wochen später, am 6. August 1922, im VfB-Stadion in Leipzig-Probstheida. 50.000 Zuschauer kommen, wieder pfeift Bauwens. Diesmal geht es härter zur Sache. Früh stellt er den Nürnberger Willi Böß vom Platz, laut Libero in der 25. Minute, laut Wikipedia in der 18. Trotzdem führt der Club nach der Pause durch Heinrich Träg, Karl Schneider gleicht in der 69. Minute aus. Bei Nürnberg scheiden Luitpold Popp und Anton Kugler verletzt aus. Wieder Verlängerung.

In der 100. Minute schickt Bauwens auch Träg vom Feld. Nun hat Nürnberg nur noch einen Torwart und sechs Feldspieler. In der Pause der Verlängerung bricht Bauwens das Spiel ab.

Endspiel-Wiederholung 1922 in Leipzig: Hamburger SV gegen 1. FC Nürnberg 1:1, Abbruch durch Schiedsrichter Bauwens (Peco Bauwens)
Endspiel-Wiederholung 1922 in Leipzig: Hamburger SV gegen 1. FC Nürnberg 1:1, Abbruch durch Schiedsrichter Bauwens

Die Folgen sind ein Politikum. Wikipedia begründet den Abbruch damit, dass Nürnberg nur noch sieben statt der vorgeschriebenen acht Spieler hatte. Das IFFHS-Heft Libero 36 sieht das anders und geht mit dem Schiedsrichter hart ins Gericht:

»Dr. Peco Bauwens aber hätte wissen müssen, daß nach den FIFA-Regeln erst dann abgebrochen werden muß, wenn ein Team aus weniger als sieben Akteuren besteht. Dies war jedoch nicht der Fall. Damit benachteiligte der Schiedsrichter den HSV.«

— Libero 36 (IFFHS)

Der DFB erklärt den HSV zum Meister, laut Libero 36 auf dem Bundestag in Jena im November 1922 mit 53:35 Stimmen. Der HSV verzichtet auf den Titel, nach eigener Darstellung auf Druck des Verbands. 1922 bleibt ohne Deutschen Meister.

Funktionär, NS-Zeit und Vorwürfe

Parallel steigt Bauwens in der FIFA auf. Ab 1925 arbeitet er in deren Gremien mit, 1932 wird er ins Exekutivkomitee gewählt, dazu gehört er dem International Board an, das über die Fußballregeln wacht.

Nach der Machtübernahme 1933 stellt Bauwens einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP. Wikipedia nennt als Eintrittsdatum den 1. Mai 1933 und die Mitgliedsnummer 2.103.982, gestützt auf die Kartei im Bundesarchiv. Er sei wohl ein Jahr später ausgeschlossen worden, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Arthur Heinrich und die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« schreiben dagegen, der Antrag sei wegen der Ehe abgelehnt worden, die Mitgliedschaft nie zustande gekommen.

Seine Frau Elisabeth, geborene Gidion, stammte aus einer jüdischen Kölner Kaufmannsfamilie. Laut Wikipedia hatte die Familie viele Repressalien zu erdulden. Am 16. September 1940 nahm sich Elisabeth Bauwens das Leben, aufgrund der zunehmenden Schikanen der Nationalsozialisten.

Nach 1945 verwies Bauwens bei Kritik stets auf das Schicksal seiner Frau. An FIFA-Präsident Jules Rimet schrieb er, zitiert im Tagesspiegel: »Wäre ich nicht der schlechteste Mensch der Welt, wenn ich auch nur die kleinsten Handlangerdienste für diejenigen getätigt hätte, die meine Frau auf dem Gewissen haben?«

Die Forschung zeichnet ein anderes Bild. Bauwens war Präsidialmitglied im Fachamt Fußball des NS-Reichsbundes für Leibesübungen. Ab 1940 versuchte er laut Heinrich, die FIFA zugunsten der Achsenmächte umzubauen. In einem Brief schrieb er: »Wenn wir geschickt vorgehen, so können wir die heutige FIFA ganz unter den Einfluss der Achse(nmächte) bringen und England noch mehr vereinsamen.« Seine Baufirma betrieb laut Wikipedia ein Zwangsarbeiterlager mit 100 Insassen und stand auf einer alliierten Liste von 2.500 »Sklavenhaltern«. Heinrichs Fazit im Tagesspiegel: Bauwens sei »weniger Opfer als Nutznießer der NS-Diktatur« gewesen. In der ZEIT bezweifelte Heinrich 2006 zudem Bauwens' Darstellung der Todesumstände seiner Frau.

Präsident des Wunders von Bern

1950 wird Bauwens erster DFB-Präsident der Nachkriegszeit. Unter ihm wird Deutschland 1954 Weltmeister. Bei der Feier im Münchner Löwenbräukeller hält er eine Rede, die der Bayerische Rundfunk nach wenigen Minuten aus der Übertragung nimmt. Bauwens nennt die Elf eine »Repräsentanz besten Deutschtums« und spricht vom »Führerprinzip im guten Sinne des Wortes«. Bundespräsident Theodor Heuss missbilligt die Rede öffentlich.

Ein Jahr später, am 30. Juli 1955, verbietet der DFB-Bundestag seinen Vereinen den Frauenfußball. Bauwens hatte schon vorher erklärt: »Fußball ist kein Frauensport.« 1962 gibt er das Amt ab und wird Ehrenpräsident. Peco Bauwens stirbt am 17. November 1963 in Köln. Er liegt auf dem Melaten-Friedhof.

Peco Bauwens auf einen Blick

Geboren: 24.12.1886 in Köln
Gestorben: 17.11.1963 in Köln
Spitzname: Peco; als Kind »Dick«
Vereine: SC Brühl; Kölner FC 1899 (bis 1921)
Position: Mittelstürmer, früher Verteidiger
Titel: als Schiedsrichter: fünf Endspiele um die Deutsche Meisterschaft (1920, 1921, 1922 zweimal, 1929), Olympia-Finale 1936
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: Jurist, Bauunternehmer; DFB-Präsident 1950–1962
Nationalspieler Nr.: 61 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg)

Quellen

Wikipedia: Peco Bauwens · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1921/22 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1919/20 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1920/21 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1928/29 · Wikipedia: Olympia 1936, Fußball · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 6/7, 1993 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Sport1 (Udo Muras): Das peinlichste deutsche Länderspiel · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · Duisburger Spielverein: Historie 1908–1918 · Tagesspiegel: Vergangenheit, die vergehen soll (2003) · Wikimedia Commons: Peco Bauwens (1928)