Luitpold Popp – der Poidl, der nicht umzubringen war

Es gibt Fußballer, über die man Statistiken erzählt, und solche, über die man Geschichten erzählt. Luitpold Popp, genannt »Poidl«, liefert beides. 870 Pflichtspiele für den 1. FC Nürnberg, vier deutsche Meisterschaften, fünf Länderspiele auf drei verschiedenen Positionen. Und dazu Anekdoten über Kalbshaxen, Zigarren und eine Hühnerfarm ohne Hühner. Sein größter Tag war ein Juni-Sonntag 1921 in Düsseldorf, an dem er im Endspiel dreimal traf. Sein zähester Tag kam ein Jahr später, als er in einem Endspiel einfach umfiel.

Luitpold Popps Laufbahn · 1910–1935
Luitpold Popps Laufbahn · 1910–1935

»Er ist der Patriarch unter den deutschen Gauligaspielern gewesen, denn mit seinen 43 Jahren spielte er noch in der ersten Mannschaft seines Vereins.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Pfeil zum Club

Luitpold Popp wird am 7. März 1893 in Nürnberg geboren. Mit 17 fängt er beim FC Pfeil an, einem Nürnberger Verein, aus dem in den Kriegsjahren auch Heiner Stuhlfauth und Carl Riegel zum 1. FC Nürnberg wechseln. Das Lexikon von 1939 nennt die drei »das Kleeblatt«.

Sein erstes Spiel für den Club bestreitet Popp laut der Fan-Chronik glubberer.de am 1. Juli 1917 beim FC Schweinfurt 05. Nürnberg gewinnt 12:0, Popp schießt vier Tore. Geld bekommt er für den Wechsel nicht, Profis gibt es nicht. Stattdessen, so die Chronik, verhilft ihm der Club unter der Hand zu einem Tabakwarenladen, den er mit Ludwig Wieder am Weißen Turm betreibt. Sein bester Kunde sei er allerdings selbst gewesen, und an der Tür habe meist ein Schild gehangen: »Komme gleich wieder!« Von Beruf ist er Briefträger. In Nürnberg reimt man darauf: »Wisst ihr, warum der Popp den Kasten so gut findet? Weil er in Zivil Briefträger ist!«

Der Scharfschütze

Popp spielt halbrechts, und er schießt. Das Lexikon lobt »seine Beidfüßigkeit und sein schnurgerader Schuß«, die ihn »zu einem Scharfschützen vom Rang« gemacht hätten. Auf glubberer.de heißt es: »Er brauchte sich den Ball nicht zurechtlegen, er schoss ihn, wie er kam.«

Im Endspiel um die Meisterschaft 1920 in Frankfurt, gegen den Erzrivalen Fürth, trifft er nach zwölf Minuten zum 1:0. Nürnberg gewinnt 2:0 und ist zum ersten Mal Deutscher Meister. Vier Monate später steht Popp in Berlin in der Nationalelf, halblinks beim 1:0 gegen Ungarn. Der Sportjournalist Gerd Krämer urteilte später: »Es wurde die größte Partie des Neulings Poldi Popp.« Im zweiten Länderspiel, im Mai 1921 in Dresden gegen Österreich, schießt er nach sechs Minuten das 1:0. Es bleibt sein einziges Länderspieltor.

Der große Tag: Endspiel in Düsseldorf (Juni 1921)

Nürnberg ist 1921 wieder im Endspiel. Im Halbfinale in Halle hat Popp beim 5:1 gegen Wacker zweimal getroffen. Das Finale steigt am 12. Juni 1921 in Düsseldorf, auf dem Platz des Sport-Clubs 1899. Gegner ist Vorwärts 90 aus Berlin, das sich im Halbfinale in der Verlängerung gegen Duisburg durchgesetzt hat. »Libero« nennt 27.000 Zuschauer, der Kicker 22.000. Schiedsrichter ist wie im Vorjahr Peco Bauwens.

Popp braucht 13 Minuten. 1:0. Eine Minute später erhöht Heinrich Träg, in der 35. Minute trifft Träg noch einmal. 3:0 zur Pause, das Spiel ist entschieden. Aber Popp ist noch nicht fertig. In der 76. Minute schießt er das 4:0, in der 87. das 5:0.

Drei Tore in einem Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Der Club ist zum zweiten Mal Meister, und es ist Popps Tag.

»Man darf ihn als die gefährlichste Waffe der Vorderreihe bezeichnen.«

— Kasseler Post, April 1926 (zitiert nach glubberer.de)

189 Minuten und ein Zusammenbruch

1922 steht Nürnberg zum dritten Mal in Folge im Endspiel, gegen den Hamburger SV. Am 18. Juni in Berlin trifft Popp zur 2:1-Führung für den Club, es endet 2:2. Nach 189 Minuten bricht Schiedsrichter Bauwens ab, weil es dunkel wird. In der Wiederholung am 6. August in Leipzig verliert Nürnberg Spieler durch Platzverweise und Verletzungen. Nach dem ersten Abschnitt der Verlängerung bricht Popp zusammen.

Bauwens' Spielbericht, zitiert auf glubberer.de, beschreibt das Ende nüchtern: »Ich ließ einige Zeit verstreichen, damit er sich erhole. Es wurde mir dann von Riegel erklärt, Popp könne nicht mehr weiterspielen. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich das Spiel abbrechen müsse, da weniger als acht Mann auf dem Spielfelde seien.« Er bricht ab. Der DFB erklärt den HSV zum Meister, die Hamburger verzichten.

Vom Stürmer zum Verteidiger

In der Endrunde 1924 ist Popp noch einmal Torschützenkönig, gemeinsam mit dem Leipziger Erich Roßburg. Im Endspiel fehlt er. Dann schult der Club ihn um. Die Vereinszeitung hatte im März 1924 gespottet, der »Poldl« komme »vor lauter Fummeln vor dem Kasten nicht mehr zum Schießen«. Nun wird er Verteidiger, und zwar einer mit Auslauf: »Zu unserem Schrecken treibt sich Popp überall herum, auf seinem Platze ist er selten.« Er macht es trotzdem gut genug für zwei weitere Meisterschaften, 1925 und 1927.

Das Lexikon von 1939 hebt hervor, dass er in der Nationalelf »auf den drei grundverschiedenen Stellen« berufen wurde: 1920 und 1921 im Sturm, 1923 in Stockholm als Mittelläufer, 1924 in Budapest und 1926 in Nürnberg als Verteidiger. Das letzte Länderspiel, ein 3:3 gegen Schweden, findet in seiner Heimatstadt statt.

Glubberer.de hat einige Vereinsgeschichten gesammelt, die man mit Vorsicht genießen sollte. Popp habe vor dem Spiel mühelos eine Kalbshaxe verdrückt. Auf einer Spanienreise 1922 habe er ein Sieben-Gänge-Menü als Einziger geschafft und am nächsten Tag »wie ein Gott« gespielt. Und von seiner Hühnerfarm soll er gesagt haben: »Ach wo! Die hab ich scho fast alle gfressen.«

Mit 41 im Endspiel

Im Dezember 1933 bestreitet Popp sein 800. Spiel für den Club. Am 24. Juni 1934 steht er, 41 Jahre alt, im Endspiel gegen Schalke 04. Vorher tönt er laut glubberer.de: »Der Club gewinnt! Das ist doch klar wie Kloßbrühe!« Nürnberg führt, doch Fritz Szepan und Ernst Kuzorra drehen das Spiel in der 88. und 90. Minute. 1:2. Nach dem Schlusspfiff hat Popp seine eigene Erklärung: »Mit zehn solchen Anfängern!«

Es ist sein letztes großes Spiel. 1935 endet die Zeit beim Club. Die Berliner Fußballwoche schreibt zum Abschied: »Noch immer unverwüstlich, elastisch und routiniert. Einfach nicht umzubringen.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht Popp nach Wolnzach in Oberbayern, wo er ein Haus geerbt hat. Am 30. August 1968 stirbt er bei einem Autounfall. Im Nürnberger Stadion trägt heute Block 41 seinen Namen.

Luitpold Popp auf einen Blick

Geboren: 7.3.1893 in Nürnberg
Gestorben: 30.8.1968 (Autounfall)
Spitzname: »Poidl«
Vereine: FC Pfeil Nürnberg (1910–1917), 1. FC Nürnberg (1917–1935)
Position: Halbstürmer, später Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1920, 1921, 1925, 1927; Endspiele 1922 (abgebrochen) und 1934; Süddeutscher Meister 1918, 1920, 1921, 1924, 1927, 1929; Gaumeister Bayern 1934
Bilanz: 5 Länderspiele, 1 Tor (1920–1926); 870 Pflichtspiele für den 1. FC Nürnberg
Beruf: Briefträger, Tabakwarenhändler
Nationalspieler Nr.: 124 (Debüt 24. Oktober 1920 in Berlin)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Luitpold Popp · glubberer.de: Luitpold Popp · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 6/7 (IFFHS) · Libero 38 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Kicker 1959