Hans Sutor – der elegante Aramis des Clubs
Im Juni 1920 verliert Hans Sutor das Endspiel um die deutsche Meisterschaft, mit der SpVgg Fürth gegen den 1. FC Nürnberg. Ein Jahr später gewinnt er es, mit dem 1. FC Nürnberg. Dazwischen liegen eine Hochzeit und ein Vereinswechsel, der in Fürth als Verrat galt. Sutor wird dreimal Deutscher Meister, trifft gleich in seinem ersten Länderspiel und hört auf, als er auf der Höhe seines Ruhms steht. Das Lexikon von 1939 nennt ihn den besten Linksaußen, den die deutsche Nationalelf bis dahin hatte.
»Wenn man behauptet, daß Sutor der beste Linksaußen der deutschen Ländermannschaft gewesen war, so hat man nicht zuviel gesagt.«
Ein Nürnberger in Fürth
Hans Sutor kommt am 28. Juni 1895 in Nürnberg zur Welt. Fußball spielt er aber zunächst auf der anderen Seite der Stadtgrenze: 1908 beim FC Franken Fürth. 1914, kurz nach der ersten Meisterschaft der Spielvereinigung, entdeckt ihn deren englischer Trainer William Townley und holt ihn ans Kleeblatt. 1917 gewinnt Sutor mit Fürth die Meisterschaft des Ostkreises.
1920 erreicht die Spielvereinigung die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Das Viertelfinale gegen Mönchengladbach gewinnt sie 7:0, auch das Halbfinale gegen die Breslauer Sportfreunde übersteht sie ohne Gegentor. Mit dem 23-jährigen Leo Fiederer rechts und »dem 24jährigen Hans Sutor als Linksaußen« seien die Franken auf den Flügeln gut besetzt gewesen, schreibt die Statistikzeitschrift »Libero«. Im Endspiel am 13. Juni in Frankfurt wartet der Nachbar aus Nürnberg. Der Club gewinnt 2:0.
Die Hochzeit und der Wechsel
Ein Wechsel zwischen Fürth und Nürnberg war damals eigentlich undenkbar, so groß war die Rivalität. Sutor wagt ihn trotzdem, im Sommer 1920. Den Grund nennen Wikipedia und das Clubmagazin des FCN übereinstimmend: Er hatte eine Nürnbergerin geheiratet. In Fürth, so das Clubmagazin, wurde ihm daraufhin »der Respekt aufgekündigt«, bei den Mitspielern und im Verein.
Beim Club ist gerade ein Platz frei. Dort hat der ungarische Linksaußen Peter Szabó den Verein verlassen, »als der wanderlustige Ungar Szabo sein Bündel schnürte«, wie das Lexikon von 1939 schreibt. Sutor übernimmt die linke Seite, neben ihm stürmt Heiner Träg. Mit keinem, so das Lexikon, verstand sich Träg besser. Träg liebte weite Vorlagen, und laut dem Lexikon bekam ein weniger geschickter Ersatzmann auf Linksaußen von ihm manchmal »nicht einen einzigen Ball«. Mit Sutor war das anders.
Im September 1920 debütiert Sutor in der Nationalelf, in Wien gegen Österreich. In der 56. Minute schießt er das 0:1, sein erstes Länderspieltor im ersten Länderspiel. Deutschland verliert trotzdem 2:3. Ein Jahr nach dem verlorenen Finale mit Fürth steht er dann wieder in einem Endspiel, am 12. Juni 1921 in Düsseldorf, diesmal im Nürnberger Trikot. Der Club schlägt Vorwärts Berlin 5:0. »Libero« vermerkt trocken, Sutor habe ein Jahr zuvor schon im Finale gestanden, »nur auf Seiten des Verlierers«.
Der elegante Aramis
Eine Geschichte der Nationalmannschaft zählt ihn zu den Nürnberger und Fürther Spielern, die damals »zu den Besten auf dem Kontinent« gehörten. Hans Hofmann verglich in einem Artikel über »Den linken Flügel« den Nürnberger Sturm mit den drei Musketieren: Träg sei Athos, Riegel d'Artagnan, »womit ohne weiteres Sutor die Rolle des eleganten Aramis zukommt«. So zitieren es die Fanseite glubberer.de und das Clubmagazin. Der Kicker soll 1924 geschrieben haben: »Sutor spielt zum Küssen schön!«
Das Lexikon von 1939 wird konkreter. Es nennt ihn »den fairsten und schnellsten Spieler seiner Elf, mit allen Feinheiten der Ballbehandlung ausgerüstet«, und lobt »seine genau angesetzten Flankenbälle« und seinen »kraftvollen Torschuß«.
1922 erlebt er ein Endspiel ohne Ende. Gegen den Hamburger SV steht es am 18. Juni in Berlin nach Verlängerung 2:2, gespielt wird weiter bis zum nächsten Tor. Es fällt keins. Nach 189 Minuten bricht der Schiedsrichter wegen Dunkelheit ab. Auch die Wiederholung im August in Leipzig endet ohne Sieger. Sutor ist beide Male dabei.
1924 wird der Club wieder Meister, und Sutor trifft auf dem Weg dorthin zweimal, im Halbfinale gegen Duisburg sogar ausgerechnet am Ronhof in Fürth. Im Finale in Berlin wird der Hamburger SV 2:0 geschlagen. Eine Woche später zieht sich Sutor im Länderspiel in Kristiania, dem heutigen Oslo, eine schwere Beinverletzung zu und muss in der 68. Minute raus. Vorher hat er noch ein Tor geschossen.
Der große Tag: Endspiel in Frankfurt (Juni 1925)
Trotz der Verletzung ist er in der nächsten Saison wieder dabei. 1925 steht Sutor zum vierten Mal mit dem Club im Endspiel. Im Halbfinale in Duisburg vor 35.000 Zuschauern macht Sutor in der 74. Minute das 3:0.
Das Finale steigt am 7. Juni 1925 im Frankfurter Waldstadion, vor 40.000 Zuschauern. Schiedsrichter ist Willi Guyenz aus Essen. Der Gegner ist der FSV Frankfurt, dessen »kometenhaften Aufstieg« »Libero« hervorhebt, und er hat Heimvorteil. Auf Sutors Seite verteidigt Adolf Reitz. »Libero« schreibt, Reitz habe »den Nürnberger Ballvirtuosen Hans Sutor am linken Franken-Flügel« gebändigt. Auch Georg Hochgesang in der Mitte kommt kaum zur Geltung.
Das Spiel bleibt lange torlos. Nürnberg hat leichte Vorteile, doch FSV-Torwart Jean Koch hält fast alles. In der 53. Minute sogar einen Elfmeter von Carl Riegel. Es geht in die Verlängerung. Dann, nach einer Ecke für den FSV, der Konter: Mittelläufer Hans Kalb leitet ihn blitzschnell ein, Ludwig Wieder läuft allein aufs Tor und trifft in der 108. Minute zum 0:1.
Es ist Sutors dritter Meistertitel mit dem Club und sein letzter. Kein glanzvoller Tag für den Linksaußen, sein Gegenspieler hat gewonnen. Das Endspiel aber gewinnt der Club.
»Oft und gern erinnern sich die Nürnberger ihres nie versagenden Außenstürmers.«
Abschied auf der Höhe des Ruhms
Im Oktober 1925 bestreitet Sutor in Basel sein zwölftes und letztes Länderspiel, ein 4:0 gegen die Schweiz. Nach der Saison 1925/26 ist Schluss, nach sechs Jahren und 204 Spielen für den Club.
Warum, darüber gehen die Quellen auseinander. Wikipedia und glubberer.de machen die Beinverletzung von Oslo verantwortlich. Das Lexikon von 1939 dagegen schreibt, er habe »auf der Höhe seines Ruhms« aufgehört, »geschäftliche Rücksichten zwangen ihn dazu«. Auch Hans Hofmann erinnert sich, Sutor habe den Beruf höher gestellt als das Spiel. Von Beruf war er Kaufmann.
Hans Sutor stirbt am 9. März 1976. Seit der Saison 2006/07 trägt ein Block im Nürnberger Stadion seinen Namen, Block 16.
Hans Sutor auf einen Blick
Geboren: 28.6.1895 in Nürnberg
Gestorben: 9.3.1976
Vereine: FC Franken Fürth (ab 1908), SpVgg Fürth (1914–1920), 1. FC Nürnberg (1920–1926)
Position: Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1921, 1924, 1925 (1. FC Nürnberg); Vizemeister 1920 (SpVgg Fürth); Ostkreismeister 1917
Bilanz: 204 Spiele für den 1. FC Nürnberg; 12 Länderspiele, 2 Tore (1920–1925)
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 120 (Debüt 26. September 1920 in Wien)
Länderspiele
- 26.09.1920 Deutschland – Österreich 2:3
- 05.05.1921 Deutschland – Österreich 3:3
- 23.04.1922 Deutschland – Österreich 2:0
- 01.01.1923 Deutschland – Italien 1:3
- 03.06.1923 Deutschland – Schweiz 2:1
- 29.06.1923 Deutschland – Schweden 1:2
- 12.08.1923 Deutschland – Finnland 1:2
- 04.11.1923 Deutschland – Norwegen 1:0
- 13.01.1924 Deutschland – Österreich 4:3
- 15.06.1924 Deutschland – Norwegen 2:0
- 21.09.1924 Deutschland – Ungarn 1:4
- 25.10.1925 Deutschland – Schweiz 4:0
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 77 · Wikipedia: Hans Sutor · Libero 36 · Libero 38 · DFB-Datencenter: Finale 1925 · DFB-Datencenter: Österreich – Deutschland 1920 · RSSSF: Hans Sutor · glubberer.de: Hans Sutor · FCN-Clubmagazin: Hans Sutor (PDF) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft