Karl Auer – der Kleinste, der Holland schlug
Zwei Männer springen derselben Flanke entgegen. Der eine ist Hollands Torwart, der andere, so erzählt es das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939, »unser ›Kleinster‹ am rechten Flügel«. Karl Auer von der SpVgg Fürth spannt sich in der Luft, ein Ruck, ein Kopfstoß, der Ball sitzt. Es ist der 21. April 1924, Ostermontag in Amsterdam, und Deutschland schlägt die Niederlande zum ersten Mal. Es bleibt Auers berühmtestes Tor, in einer kurzen Länderspielkarriere, die zwei Jahre später endet.
»Dieses Tor, eines der schönsten unserer Länderspielgeschichte, entschied den Kampf.«
Klein, flink, links wie rechts
Wann Karl Auer geboren wurde, ist nicht sicher. Das Lexikon von 1939 und die Kleeblatt-Chronik nennen den 12. August 1898 und Fürth als Heimatort, das Statistikheft Libero den 18. August 1898. Die Chronik fügt hinzu, andere glaubwürdige Quellen sprächen vom Jahr 1903. Wikipedia nennt dagegen den 12. August 1903 und Markt Taschendorf als Geburtsort. Gesichert ist der Rest: Seit Juli 1917 spielte er in der Jugend der SpVgg Fürth, ab Juli 1920 gehörte er zur ersten Mannschaft. Von Beruf war er Kaufmann.
Er war klein und schnell, und er konnte auf beiden Flügeln spielen. Libero beschreibt ihn als kleinen, kraftvollen und torgefährlichen Rechtsaußen. Die Fürther Chronik zählt für die ersten beiden Jahre kaum mehr als ein paar Einsätze: vier Spiele in der Kreisliga Nordbayern 1920/21, drei 1921/22. Den Durchbruch schaffte er 1922/23, mit 20 Spielen und 12 Toren in der Kreisliga. Die Chronik schreibt, er habe auf dem rechten Flügel mit Andreas »Resi« Franz und Lony Seiderer bestens harmoniert.
Zu den größten Spielen dieser Jahre zählt ein Freundschaftsspiel im Ronhof: Die Fürther fertigten den Hamburger SV mit 10:0 ab. Auf dem Platz standen laut Chronik Lohrmann, Wellhöfer, Müller, Löblein, Lang, Hagen und im Angriff Auer, Franz, Seiderer, Ascherl und Karl Höger auf dem Platz. Das Datum ist umstritten: Die Chronik nennt den 7. Januar 1922, Wikipedia den 7. Januar 1923.
Meister des Südens, Pokal im Riederwald
In dieser Saison 1922/23 wird Fürth Süddeutscher Meister. Am 25. Februar 1923 steht Auer im Frankfurter Finale um den Bundespokal, dem Wettbewerb der Regionalverbände. Süddeutschland schlägt den Westen 2:1, Franz und Willy Ascherl schießen die Tore vor der Pause. Auer spielt, so Wikipedia, am linken Flügel, neben ihm stürmen Seiderer, Franz, Ascherl und der Stuttgarter Georg Wunderlich. Im Tor steht der Nürnberger Heiner Stuhlfauth.
Die Endrunde um die deutsche Meisterschaft beginnt für Fürth am 13. Mai 1923 im Nürnberger Zabo. Gegen die Vereinigten Breslauer Sportfreunde gewinnt die Spielvereinigung vor 10.000 Zuschauern 4:0, Ascherl und Franz treffen je zweimal. Zwei Wochen später, am 27. Mai, folgt in Halle das Halbfinale gegen Union Oberschöneweide, auf dem Platz des VfL 1896 am Zoo, wieder vor 10.000. Die Berliner stellen ihren Mittelläufer Hermann Lux als Sturmtank auf, eine Variante, die die Franken nach Libero überrascht. Fürth verliert 1:2. Auer steht auch in diesem Spiel, nach der Aufstellungsreihenfolge bei Libero wieder am linken Flügel. Für die Spielvereinigung ist es das Ende der Saison, für ihn die erste Endrunde.
Debüt mit der Franken-Elf
Karl Auer wurde Nationalspieler in einer Elf aus lauter Franken. Am 13. Januar 1924 stellte der DFB im Nürnberger Zabo gegen Österreich eine Elf auf, die ausschließlich aus Spielern des 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth bestand. Nach dem Darmstädter Tagblatt stand diese Kombination »bereits seit langer Zeit« fest. Im Tor Stuhlfauth, vor ihm Anton Kugler und Josef Müller, in der Läuferreihe Hans Schmidt, Hans Kalb und Hans Hagen. Im Angriff spielten Hans Sutor, Ludwig Wieder, Seiderer, Franz und Auer, der Rechtsaußen.
In der 22. Minute, so das DFB-Datencenter (die englische Wikipedia nennt die 24.), schoss er das 1:0. Zur Pause stand es 3:0, Franz traf dreimal. Nach der Pause fiel die Läuferreihe nach den Worten des Tagblatts »vollständig« ab, Österreich verkürzte bis auf 3:4, aber Deutschland rettete das 4:3 vor 20.000 Zuschauern ins Ziel. Das Tagblatt lobte per Telegramm besonders den Sturm: Er habe »ein glänzendes wuchtiges Spiel« geliefert, und ohne den Einbruch der Läufer wäre das Ergebnis besser ausgefallen.
Fünf Wochen später gewinnt Auer mit Süddeutschland in Frankfurt zum zweiten Mal den Bundespokal. Am 17. Februar 1924 schlägt der Süden im Riederwaldstadion den Norden 4:2, nach Wikipedia vor 25.000 Zuschauern und unter Schiedsrichter Peco Bauwens. Auer schießt das 1:0, in der 14. Minute, wie das Darmstädter Tagblatt schreibt (Wikipedia: 15.), nach einer Ecke und »kurzem Hin und Her«. Dann dreht der Norden das Spiel: Adolf Jäger gleicht aus, Tull Harder schießt nach dem Tagblatt vier Minuten später die Führung, die Torminuten weichen bei Wikipedia ab (18. und 35.). Nach der Pause treffen Ascherl, Franz und noch einmal Ascherl. Das Tagblatt urteilt am 18. Februar 1924, die süddeutsche Elf habe »ein Ganzes« gebildet, jeder Mann sei gut gewesen. »Überragende Glanzleistungen« vollbrachten nach seinem Bericht Hagen, Kalb, Auer und Stuhlfauth.
Der große Tag: Ostermontag in Amsterdam
Die Niederlande waren ein Gegner, gegen den Deutschland noch nie gewonnen hatte. Sechs Länderspiele hatte es seit 1910 gegeben: zwei Niederlagen, drei Unentschieden, zuletzt im Mai 1923 ein 0:0 in Hamburg, keinen Sieg. Das Lexikon schreibt von einer »14jährigen Freundschaft«, in der es nie gelungen sei, den Nachbarn eine Niederlage beizubringen. Und es erzählt, wie die Mannschaft anreiste: auf Umwegen um das besetzte Rheinland herum, über Rheine, »ins Land der Tulpen«.
Wieder war es eine rein fränkische Elf, mit Stuhlfauth im Tor, Kalb in der Mitte, Seiderer als Kapitän und neu im Angriff Ascherl und Heinrich Träg. 26.000 Zuschauer kamen, das Stadion füllten sie nicht. Anstoß war nach der Zeitung De Amstelbode um 14.37 Uhr, die Niederländer wählten bei der Seitenwahl, gegen die Sonne zu spielen. Sie begannen schwungvoll. Aber das Tor fiel auf der anderen Seite, und es fiel nach einem Fehler: Der Verteidiger Hans Tetzner klärte einen Ball unsauber, er kam zu Ascherl, der scharf flankte. Torwart Jan de Boer stand nach dem Gooi- en Eemlander am falschen Pfosten und erreichte den Ball laut Amstelbode nur mit den Fingerspitzen. Auer köpfte ihn nahe am Pfosten ins Tor.
Wann, ist offen: Das DFB-Datencenter und die englische Wikipedia nennen die 14. Minute, der Amstelbode die 13., der Gooi- en Eemlander etwa eine Viertelstunde vor der Pause, die deutsche Wikipedia die 26.
Der Rest war Verteidigung. Der Gooi- en Eemlander zählte, dass die Deutschen vor der Pause 14-mal und danach 13-mal im Abseits standen, weil Tetzner den Raum vor der Mittellinie immer wieder verließ. Der Amstelbode fand das Niveau »buitengewoon slecht«, eine Viertelstunde vor Schluss gingen schon Zuschauer. Die Zeitung überschrieb ihren Bericht: »Een verdiende nederlaag«, eine verdiente Niederlage. Sie lobte die deutsche Abwehr, besonders Hans Schmidt in der Läuferreihe und Ascherl als gefährlichsten Flügel. Auer wird dort als Rechtsaußen genannt. Schiedsrichter war der Schweizer Félix Herren, den der Gooi- en Eemlander einen ausgezeichneten Leiter nannte. Das Darmstädter Tagblatt meldete den Ausgang am 22. April 1924 in einer Zeile unter den weiteren Ergebnissen: »Holland – Deutschland 0:1«.
Nach der Auer-Version des Lexikons war das Tor ein Kopfballduell in der Luft, nach den niederländischen Zeitungen vor allem ein Fehler der Gastgeber. Vermutlich stimmt beides. Gewonnen hatte Deutschland jedenfalls.
Ein ruhiges Jahr und ein Pokal
Auf Amsterdam folgt für Auer eine lange Pause in der Nationalelf, bis zum Sommer 1926. Warum, sagt keine der gelesenen Quellen. In Fürth läuft es unterdessen nicht schlecht, aber unauffälliger: 1924/25 verzeichnet die Chronik für ihn 13 Ligaspiele mit einem Tor, dazu vier Pokalspiele mit einem Tor. Der Süddeutsche Pokal geht 1925 und 1926 nach Fürth. 1925/26 sind es 14 Ligaspiele und sechs Tore, und dazu kommt die Endrunde.
Meister 1926
1925/26 wird Fürth Zweiter der Süddeutschen Meisterschaft und ist trotzdem in der Endrunde dabei, die mit 16 Mannschaften beginnt. Aufgestellt wird die Elf vom Österreicher Adolf Riebe, im Finale nach Libero mit dem 23-jährigen Georg Kießling auf Linksaußen anstelle von Leonhard Weiß. Der Weg zum Titel führt über vier Spiele:
- Am 16. Mai 1926 schlägt Fürth im Ronhof den FC Viktoria Forst 5:0, vor 10.000 Zuschauern.
- Am 30. Mai folgt im Leipziger VfB-Stadion in Probstheida ein 4:0 gegen den Breslauer SC 08. Auer schießt das 3:0, kurz vor der Pause, in der 45. Minute.
- Am 6. Juni besiegt die Spielvereinigung im Düsseldorfer Rhein-Stadion Holstein Kiel 3:1, vor 16.000 Zuschauern.
- Am 13. Juni steht sie im Frankfurter Stadion im Endspiel gegen Hertha BSC, vor etwa 40.000 Zuschauern. Schiedsrichter ist Fritz Spranger aus Glauchau.
Hertha ging in der 9. Minute in Führung. Wenige Sekunden nach dem Anstoß, der auf das Berliner Führungstor folgte, erzielte Auer nach dem Darmstädter Tagblatt ein Tor, das nicht gegeben wurde. Nach dem Ausgleich durch Seiderer fiel in der 34. Minute das 2:1: Ascherl schoss platziert, Torwart Götze wehrte schlecht ab, »Auer berührt den Ball«, wie das Tagblatt es nennt. Libero führt das Tor in der 35. Minute und schreibt es Auer zu, die Kleeblatt-Chronik und Wikipedia ebenfalls. Zwei Minuten später rollte nach dem Tagblatt ein Rückpass von Otto Leuschner an Götze vorbei ins eigene Tor, 3:1. Nach der Pause beschränkte sich Fürth auf die Verteidigung, und Ascherl erhöhte auf 4:1 (Libero: 68. Minute). Die Spielvereinigung war zum zweiten Mal Deutscher Meister, zwölf Jahre nach dem ersten Titel. Das Tagblatt sah in ihr den »verdienten Sieger« und schrieb, die Fürther hätten sich durch Einzelleistungen und Zusammenspiel »im Flug die Herzen der Zuschauer« gewonnen. Der beste Mann sei Krauß gewesen. Mittelstürmer Seiderer hatte sich im Spiel verletzt, ohne diese Verletzung, so das Blatt, hätte Fürth noch höher gewonnen.
Sieben Tage später, am 20. Juni 1926, spielte Auer sein drittes und letztes Länderspiel. In Nürnberg endete es gegen Schweden 3:3. Tull Harder schoss alle drei deutschen Tore, Auer blieb ohne Treffer. Den Angriff bildeten Auer, Franz, Harder, Josef Pöttinger und Ludwig Hofmann. Das Tagblatt fand, Deutschland hätte gewinnen müssen, und machte vor allem das Spiel des Mittelläufers Georg Köhler für das Unentschieden verantwortlich. Warum Auer danach nicht mehr aufgestellt wurde, nennt keine Quelle. In der Saison darauf traf er in der Liga so oft wie nie zuvor.
1927: Vier Tore gegen die Kickers
1926/27 wurde Auers beste Saison. In der Liga schoss er 21 Tore in 27 Spielen, so die Chronik, dazu kamen drei Endrundenspiele mit vier Toren. Die Mannschaft trainierte nun der Engländer William Townley. Fürth wurde in der Süddeutschen Meisterschaft wieder Zweiter und war wieder dabei.
Am 8. Mai 1927 gewann die Spielvereinigung im Breslauer Sportpark Grüneiche bei den Vereinigten Breslauer Sportfreunden 3:1, vor 18.000 Zuschauern. Das Viertelfinale am 22. Mai im Nürnberger Zabo wurde Auers Nachmittag: Fürth schlug Kickers 1900 Berlin 9:0. Franz schoss in der 8., 18. und 25. Minute die ersten drei Tore, danach traf Auer in der 32., 45., 53. und 80. Minute, vier Tore also. Georg Frank und Ascherl sorgten für den Rest, Seiderer fehlte trotz der Torflut. Die Endrunden-Statistik von Libero führt Auer für 1923 bis 1927 mit neun Spielen und sechs Toren.
Im Halbfinale am 29. Mai in Leipzig vor 25.000 Zuschauern endete der Weg. Franz brachte Fürth in der 35. Minute in Führung, aber Willi Kirsei drehte das Spiel in der 55. und 76. Minute für Hertha. Das 1:2 bedeutete die Revanche für das Endspiel des Vorjahres. Hertha stand danach im Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg und verlor 0:2.
Der kleine Bruder, Würzburg und der Krieg
Danach wurde es leiser. 1927/28 kam Auer auf 21 Ligaspiele und zwei Tore, 1928/29 auf zehn Spiele und ein Tor, 1929/30 steht in der Chronik kein Einsatz mehr. Sein Platz gehörte inzwischen seinem jüngeren Bruder Heinrich. Libero nennt das »kurioserweise« und schreibt, Karl sei von seinem jüngeren Bruder aus dem Team verdrängt worden. Als Fürth am 28. Juli 1929 in Nürnberg im Endspiel gegen Hertha BSC 3:2 gewann und zum dritten Mal Meister wurde, stürmte auf Rechtsaußen wieder ein Auer: Heinrich. Das 1:0 schoss er nach Libero in der 14. Minute.
Karl wechselte 1930 zum Würzburger FV, wo er seine Laufbahn ausklingen ließ. Über sein Leben nach dem Fußball ist wenig bekannt. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Soldat. Nach der Chronik starb er auf sowjetischem Gebiet, Libero schreibt, er sei an der Ostfront gefallen. Das Datum und der Ort sind nicht eindeutig: Die Kleeblatt-Chronik und Libero geben den 21. Februar 1945 an, die englische Wikipedia den 22., die deutsche den 23. Februar bei Greiffenberg in Schlesien, dem heutigen Gryfów Śląski.
Karl Auer auf einen Blick
Geboren: 12.8.1898 in Fürth (Lexikon 1939, Kleeblatt-Chronik; Libero: 18.8.1898; Wikipedia: 12.8.1903 in Markt Taschendorf)
Gestorben: Februar 1945 als Soldat (21., 22. oder 23.2., je nach Quelle)
Verein: SpVgg Fürth (Jugend ab 1917, erste Mannschaft 1920–1930), danach Würzburger FV
Position: Rechtsaußen, auch links einsetzbar
Titel: Deutscher Meister 1926; Süddeutscher Meister 1923; Süddeutscher Pokalsieger 1925 und 1926; Bundespokal mit Süddeutschland 1923 und 1924
Endrunde: 9 Spiele und 6 Tore, 1923 bis 1927
Bilanz: 3 Länderspiele, 2 Tore (1924–1926)
Beruf: Kaufmann
Familie: jüngerer Bruder Heinrich Auer, ebenfalls Rechtsaußen der SpVgg Fürth
Länderspiele
- 13.01.1924 Deutschland – Österreich 4:3 (1 Tor)
- 21.04.1924 Niederlande – Deutschland 0:1 (1 Tor)
- 20.06.1926 Deutschland – Schweden 3:3
Quellen
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Lexikon-Eintrag »Auer, Karl«
- kleeblatt-chronik.de: Karl Auer
- Wikipedia: Karl Auer (Fußballspieler)
- Wikipedia (en): Karl Auer (footballer)
- Wikipedia: Bundespokal (Finals 1923 und 1924)
- DFB-Datencenter: Deutschland – Österreich 4:3 und Niederlande – Deutschland 0:1
- RSSSF: (West) Germany – International Results
- Libero 36 (IFFHS): Deutsche Meisterschaft 1903–1923 (Endrunde 1923)
- Libero 38 (IFFHS): Deutsche Meisterschaft 1923/24–1931/32 (Endrunden 1926, 1927, 1929)
- Libero D 6/7 (IFFHS 1993): Deutschland 1920–1933
- Darmstädter Tagblatt, 14. Januar 1924, 18. Februar 1924, 22. April 1924 und 14. Juni 1926
- Delpher: De Gooi- en Eemlander, 22. April 1924 und De Amstelbode, 22. April 1924
- Länderspielberichte auf rasenpoesie.de zu den drei Spielen