Fritz Retter – ein Stuttgarter Rechtsaußen auf dem Frankfurter Riederwald
Am 26. März 1922 läuft Fritz Retter, 25 Jahre alt, Kaufmann aus Stuttgart, auf dem Frankfurter Riederwald an der rechten Außenlinie auf. Rund 40.000 Zuschauer sind gekommen, neben ihm stürmen mit Andreas Franz und Heinrich Altvater zwei weitere Debütanten. Es wird sein einziges Länderspiel.
»… so gut wie irgend ein anderer Torwart seinen Mann …«
Ein Stuttgarter bei den Sportfreunden
Fritz Retter wird am 2. Juli 1896 in Stuttgart geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn Rechtsaußen und Kaufmann, die Wikipedia einen schnellen Flügelstürmer. Nach der Wikipedia, die sich auf den Vereinschronisten Tauber beruft, gehört er den Stuttgarter Turn- und Sportfreunden von 1905 bis 1923 an. Er ist also noch ein Kind, als er dem Verein beitritt, und bleibt 18 Jahre.
Die Sportfreunde spielen in der Kreisliga Württemberg, der höchsten Spielklasse im Süddeutschen Verband. Der größte Erfolg fällt in Retters Zeit: 1921/22 wird die Mannschaft Bezirksmeister, mit zwei Siegen gegen die Stuttgarter Kickers (1:0 und 3:2). In der Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft ist im Halbfinale gegen Borussia Neunkirchen Schluss, 0:1. Im selben Spieljahr, im März 1922, steht Retter in der Nationalelf.
Der große Tag: Frankfurt, 26. März 1922
Deutschland spielt zum ersten Mal in Frankfurt ein Länderspiel. Als der Sonderzug mit den Schweizern am Hauptbahnhof einläuft, muss die Halle eineinhalb Stunden lang gesperrt werden, so voll ist sie. Das Waldstadion gibt es noch nicht, gespielt wird auf dem Platz der Eintracht am Riederwald. Der 1. FC Nürnberg ist auf Spanienreise, und so stellt der DFB eine Elf mit sieben Fürthern auf: Torwart Theodor Lohrmann, Hans Hagen, Kapitän Lony Seiderer und andere.
Er spielt rechts außen. Neben ihm debütieren im Angriff Franz und Altvater, Seiderer führt den Sturm als Mittelstürmer, Halblinker ist der Mannheimer Willi Hutter bei seinem zweiten Länderspiel. Die Schweiz beginnt, so die niederländischen Berichte, stärker, Deutschland verteidigt gut. In der 26. Minute trifft Franz zum 1:0, in der 34. Seiderer zum 2:0. Nach der Pause verletzt sich Lohrmann, nach der Wikipedia ab der 62. Minute, und Seiderer geht ins Tor. Das bringt die Elf durcheinander: Paul Sturzenegger verkürzt in der 72. Minute, Oskar Merkt gleicht in der 86. zum 2:2 aus. Wer die deutschen Tore geschossen hat, wird nicht überall gleich überliefert; der Kicker von 1959 schreibt beide Franz zu.
Wie Retter selbst gespielt hat, überliefern die Berichte nicht. Das Lexikon lobt dafür den Mann im Tor: Seiderer habe »so gut wie irgend ein anderer Torwart seinen Mann« gestanden. Für Retter bleibt es bei diesem einen Tag.
Berlin, Dresden, Stuttgart
Im Juni 1922 wird in Berlin der Kampfspielpokal ausgespielt. Retter kommt in allen drei Spielen für Süddeutschland zum Einsatz, auch beim 4:1 gegen Westdeutschland am 23. Juni. Der süddeutsche Angriff spielt dreimal in derselben Besetzung: Retter, Franz, Seiderer, Fritz Neubauer und Altvater.
In der Saison 1922/23 reicht es für die Sportfreunde nur zum fünften Platz, und weil die zwei Staffeln zu einer zusammengelegt werden, steigen sie in die Zweitklassigkeit ab. Retter ist da schon weg. Im Sommer 1923 wechselt er aus beruflichen Gründen nach Dresden und schließt sich dem Dresdner SC an. Dort wird der DSC im Gau Ostsachsen in den zwei Runden bis 1925 Zweiter und Dritter, an Retters Seite spielen unter anderem Georg Köhler, Rudolf Berthold und Richard Gedlich. Am 12. Oktober 1924 spielt er in Leipzig im Bundespokal für Mitteldeutschland gegen Süddeutschland, wieder auf Rechtsaußen.
1925 kehrt er nach Schwaben zurück, zum VfB Stuttgart. Mit ihm kommen Willi Rutz und Karl Strehle. Gleich im ersten Jahr wird der VfB Vizemeister der Bezirksliga Württemberg-Baden, Retter bestreitet 14 Spiele. Im süddeutschen Pokal schlägt der VfB München 1860 nach Verlängerung 3:2 und steht im Finale, das er am 1. August 1926 gegen die SpVgg Fürth ebenfalls nach Verlängerung 2:3 verliert. 1926/27 wird der VfB Meister der Bezirksliga vor dem Karlsruher FV und den Stuttgarter Kickers, Retter steuert in 21 Spielen vier Tore bei. In der Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft ist Platz fünf das Ende, was die Wikipedia mit der trainerlosen Zeit seit dem Abgang von Edward T. Hanney im Februar 1927 erklärt. 1927/28 wird der VfB unter Lajos Kovacs Dritter, Retter spielt wieder 14 Ligaspiele. Insgesamt führt ihn der Vereinschronist Hardy Grüne von 1925 bis 1928 mit 63 Liga- und Pokalspielen und vier Toren. Von 1928 bis 1930 spielt Retter noch beim SC Stuttgart, dann endet seine Laufbahn.
Fritz Retter stirbt am 2. Januar 1965 in Stuttgart. So steht es nach der Wikipedia in der Todesanzeige der Stuttgarter Zeitung vom 5. Januar 1965; die englische Wikipedia nennt den 1. Januar.
Fritz oder Erich?
Wer »Retter« und »VfB Stuttgart« sucht, stößt auch auf Erich Retter. Der Verteidiger, geboren 1925 in Plüderhausen, spielte von 1944 bis 1962 für den VfB und nach der englischen Wikipedia zwischen 1952 und 1956 14-mal für die westdeutsche Nationalmannschaft. Auch das Personenregister bei Schulze-Marmeling führt beide Retters. Ob die beiden verwandt waren, sagen die Quellen nicht. Fritz Retter hat nur das eine Länderspiel von 1922.
Fritz Retter auf einen Blick
Geboren: 2.7.1896 in Stuttgart
Gestorben: 2.1.1965 in Stuttgart (englische Wikipedia: 1.1.)
Vereine: Stuttgarter Sportfreunde (1905–1923), Dresdner SC (1923–1925), VfB Stuttgart (1925–1928), SC Stuttgart (1928–1930)
Position: Rechtsaußen
Beruf: Kaufmann
Erfolge: Bezirksmeister Württemberg/Baden 1922 und 1927, Süddeutscher Pokalfinalist 1926, Kampfspielpokal 1922 in Berlin mit der Auswahl Süddeutschlands (drei Einsätze, 4:1 gegen Westdeutschland)
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Unentschieden), kein Tor (1922)
Länderspiele
- 26.03.1922 Deutschland – Schweiz 2:2 – Debüt und einziges Länderspiel, Frankfurt am Main
Quellen
- Wikipedia: Fritz Retter
- Wikipedia (englisch): Fritz Retter
- Wikipedia (englisch): Erich Retter
- DFB-Datencenter: Fritz Retter, Spielerprofil
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Hardy Grüne: Mit dem Ring auf der Brust. Die Geschichte des VfB Stuttgart, Göttingen 2007, S. 270 (Literaturangabe der Wikipedia)
- Todesanzeige in der Stuttgarter Zeitung vom 5. Januar 1965 (Angabe der Wikipedia)
- Länderspielbericht Deutschland – Schweiz 1922 auf rasenpoesie.de mit Eintracht Frankfurt Museum, Schweizerischem Fussballverband und niederländischen Zeitungen