Anton Kreß – ein Flügel aus Pforzheim, einmal in Budapest
Am 5. Juni 1921 stehen in Budapest zwei Männer aus Pforzheim im deutschen Sturm. Der eine, Fritz Schnürle, spielt in Frankfurt. Der andere, Anton Kreß, spielt beim 1. FC Pforzheim. Sechs Wochen vorher hat sein Verein das Halbfinale um die Süddeutsche Meisterschaft verloren, 0:1, und ist damit nicht bei der Endrunde um die deutsche Meisterschaft dabei. Kreß ist einer von sechs Neulingen in einer Notelf. Es bleibt sein einziges Länderspiel.
Ein Flügel aus dem Brötzinger Tal
Anton Kreß wird am 8. Juni 1899 in Pforzheim geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Pforzheim als Heimatort, den 1. FC Pforzheim als Verein, Rechtsaußen als Stammposten und als Beruf Angestellter. Die Wikipedia schreibt, er habe alle Stürmerpositionen spielen können, und führt ihn von Beginn der 1920er Jahre an als feste Größe der Pforzheimer. Das Stadion des Klubs liegt im Brötzinger Tal, und die Wikipedia nennt ihn den »Mann aus dem Brötzinger Tal«.
Der 1. FC Pforzheim war ein altes Gewächs. 1896 gegründet, 1906 deutscher Vizemeister (1:2 gegen den VfB Leipzig), in den 1920er Jahren in der höchsten Spielklasse der Region. Nach dem Ersten Weltkrieg spielt er eine beachtliche Rolle im Kreis Südwest. 1920/21 gewinnt der Verein diesen Kreis mit 16 Siegen, einem Remis und einer Niederlage bei 88:18 Toren, vor dem Freiburger FC. In der Südgruppe der Süddeutschen Meisterschaft setzt er sich vor Wacker München und den Stuttgarter Kickers durch. Im Halbfinale am 24. April 1921 verliert er dann 0:1 gegen Phönix Ludwigshafen. Süddeutscher Vertreter bei der Endrunde um die deutsche Meisterschaft ist am Ende der 1. FC Nürnberg.
Der große Tag: Budapest, 5. Juni 1921
Die Endrunde läuft, als Deutschland in Budapest gegen Ungarn spielen soll. Aus dem Kreis der Halbfinalisten reist nur Torwart Heiner Stuhlfauth mit. Sechs Spieler debütieren: Henry Müller, Arthur Marohn, Karl Höger, Emil Gröner, Kreß und Fritz Schnürle. Den Sturm führt Adolf Jäger. Das DFB-Datencenter nennt Kreß als vierten Stürmer der Aufstellung. Wo er genau spielt, bleibt offen: Das Lexikon führt ihn als Rechtsaußen, bei der Wikipedia heißt es Flügelstürmer.
30.000 Zuschauer sind an der Hungária körút, der Österreicher Heinrich Retschury pfeift. Imre Schlosser trifft in der 10. Minute, Béla Guttmann in der 29., József Braun in der 47. Minute zum 3:0. Ein deutsches Tor fällt nicht. Das Buch »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« nennt die Niederlage »hochverdient«. Über Kreß' eigenen Auftritt berichten die zugänglichen Quellen nichts. Den ganzen Verlauf erzählt der Spielbericht.
Kreß wird nicht mehr berufen. Von den sechs Neulingen sehen nur Müller und Höger die Nationalmannschaft wieder. Ein anderer Spieler des 1. FC Pforzheim schreibt dafür Geschichte: Im April 1922 schießt Viktor Weißenbacher in Wien den deutschen Siegtreffer gegen Österreich, bei seinem einzigen Länderspiel.
Acht Spiele für Süddeutschland
Beim Verband bleibt Kreß ein gefragter Mann. Am 9. Oktober 1921 spielt er in Mönchengladbach im Bundespokal für Süddeutschland gegen Westdeutschland, auf Linksaußen, und trifft einmal. Süddeutschland gewinnt 6:0, drei Tore schießt Sepp Herberger. Im Endspiel am 5. März 1922 in Hamburg, einem 7:0 über Norddeutschland, stellt der Süden eine Kombination aus Spielern der SpVgg Fürth und des 1. FC Nürnberg. Am linken Flügel stehen Heinrich Altvater und Ludwig Hofmann, die Rivalen von Kreß. Nach dem Lexikon von Jürgen Bitter, auf das die Wikipedia verweist, kommt er insgesamt auf acht Spiele für Süddeutschland.
Pforzheim, Pokal und das Ende der Quellen
Der Verein bleibt erfolgreich. 1922/23 gewinnt der 1. FC Pforzheim den Kreis Südwest zum zweiten Mal und besiegt im Bezirksendspiel die Stuttgarter Kickers, 3:0 und 1:1. In der Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft wird er Vierter, hinter der SpVgg Fürth, Phönix Ludwigshafen und Borussia Neunkirchen. Am 22. Juni 1924 scheitert Pforzheim im Halbfinale des Süddeutschen Pokals mit 1:5 am 1. FC Nürnberg. Das ist das letzte Spiel aus seiner Zeit, das die Wikipedia nennt. Über das Ende seiner Spielerzeit und seinen Beruf nach dem Fußball sagen die Quellen nichts.
Nach den Angaben des Bundesarchivs, die die Wikipedia und der Zeit-Artikel von Armin Jäger vom 24. Juli 2024 wiedergeben, trat er zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Er stirbt am 3. Januar 1957. Den Sterbeort nennt keine der Quellen.
Anton Kreß – und der andere Kreß
Wer »Kreß« und »Nationalspieler« sucht, landet meist bei Willibald Kreß, dem Frankfurter Torwart mit 16 Länderspielen zwischen 1929 und 1934. Das Lexikon von 1939 führt beide getrennt: Willy Kreß, geboren 1906 in Frankfurt, und Anton Kreß, geboren 1899 in Pforzheim. DFB-Datencenter und Lexikon geben Anton Kreß dieses eine Spiel, Budapest 1921, und Willibald Kreß die übrigen.
Anton Kreß auf einen Blick
Geboren: 8.6.1899 in Pforzheim
Gestorben: 3.1.1957 (Ort nicht angegeben)
Verein: 1. FC Pforzheim
Position: Flügelstürmer, laut Lexikon 1939 Rechtsaußen
Beruf: Angestellter (Lexikon 1939)
Erfolge: Meister Kreis Südwest 1921 und 1923, Süddeutscher Pokal: Halbfinale 1924 (Vereinserfolge)
Auswahl: 8 Spiele für Süddeutschland (Bitter), Bundespokal 1921 mit einem Tor
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), kein Tor (1921)
Länderspiele
- 05.06.1921 Ungarn – Deutschland 3:0 – Debüt und einziges Länderspiel, Budapest
Quellen
- Wikipedia: Anton Kreß
- Wikipedia (englisch): Anton Kreß
- DFB-Datencenter: Ungarn – Deutschland 3:0, 5. Juni 1921
- Wikipedia: 1. FC Pforzheim
- Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1920/21
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1920/21
- Wikipedia: Süddeutscher Pokal
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Armin Jäger: NS-Geschichte im Fußball, Die Zeit, 24. Juli 2024
- Jürgen Bitter: Deutschlands Fußball-Nationalspieler. Das Lexikon, Berlin 1997, S. 261 (nach der Wikipedia)
- Gernot Otto: Eine »Pforzheimer Nationalelf«, in: Neue Beiträge zur Pforzheimer Stadtgeschichte, Bd. 4, 2014, S. 183 (Literaturangabe der Wikipedia)