Emil Gröner – Stuttgarts Mittelstürmer in der Notelf von Budapest
Am 5. Juni 1921 steht in Budapest ein 29-jähriger Stuttgarter im deutschen Sturm, der nach der Wikipedia schon seit 1901 für denselben Verein spielt, anfangs unter dem Namen FC Union, dann als Stuttgarter SC. Emil Gröner ist einer von sechs Neulingen in einer Notelf, und das Spiel gegen Ungarn geht 0:3 verloren. Es bleibt sein einziges Länderspiel. Seine Geschichte ist damit nicht zu Ende: Er wird in Offenbach zum Publikumsliebling, über den im Vorstand gestritten wird, und später Cheftrainer des VfB Stuttgart.
»Der Publikumsliebling Emil Gröner war es, der im Sommer das Reizthema darstellte.«
Ein Stuttgarter von Union
Emil Konrad Gottfried Gröner wird am 25. März 1892 geboren. Die Wikipedia nennt Zuffenhausen als Geburtsort, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt Stuttgart als Heimatort und als Beruf einen Zigarrenhandel. Seine Vereinsjahre beginnt er nach der Wikipedia 1901 beim FC Union Stuttgart, da ist er neun. Das Vereinsporträt des Stuttgarter SC erzählt den Rest: Union spielt vor und im Ersten Weltkrieg in der Südkreisliga, meist in der hinteren Tabellenhälfte, erreicht aber im letzten Kriegsjahr in einem ausgedünnten Teilnehmerfeld das Finale der Süddeutschen Meisterschaft und unterliegt dort dem 1. FC Nürnberg. Im August 1919 schließt sich Union mit dem SV 1908 Gablenberg zum Stuttgarter SC zusammen. In den Spielerstationen der Wikipedia steht dafür das Jahr 1913, das passt nicht zum Vereinsartikel.
Der neue Klub hat gleich Erfolg. Im September 1919 steht der SC im Finale des Süddeutschen Pokals und verliert in Nürnberg 2:5 gegen den 1. FC Nürnberg. 1920 wird er in der Kreisliga Württemberg Meister, und im Pokal geht es diesmal bis ganz nach oben: Im Finale schlägt der SC in Stuttgart den SV Waldhof Mannheim 5:3. Das »Libero« verzeichnet für das Halbfinale am 20. Juni 1920 ein 2:0 gegen den TV 1847 Augsburg, beide Tore von Gröner, in der 75. und 86. Minute. Dass er auch im Finale spielt, belegt keine der Quellen ausdrücklich.
Angriffsmitte mit trockenem Schuss
Das Lexikon von 1939 führt ihn als Mittelstürmer. Auch das Lexikon von Jürgen Bitter beschreibt ihn nach der Wikipedia als begabten Offensivspieler, meist in der Angriffsmitte zu finden, mit einem »trockenen Schuss«, und vergleicht ihn in Stuttgart mit Eugen Kipp, dem Stuttgarter Torjäger der Vorkriegszeit. Für 1920/21 hat der SC allerdings keine große Saison: In der Kreisliga Württemberg wird er mit 37:22 Toren Dritter hinter den Stuttgarter Kickers und dem SV Feuerbach. Die Süddeutsche Meisterschaft spielen andere aus.
Genau das macht die Berufung möglich.
Der große Tag: Budapest, 5. Juni 1921
Am 5. Juni 1921 läuft die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Eine Woche später steht in Düsseldorf das Endspiel, und die Spitzenspieler sind nicht abkömmlich. Aus der Spitze der Endrunde reist nur Torwart Heiner Stuhlfauth nach Budapest. Sechs Spieler debütieren: Henry Müller, Arthur Marohn, Karl Höger, Fritz Schnürle, Anton Kreß und Gröner. Der Sturm wird von Adolf Jäger geführt. Gröner steht in der DFB-Aufstellung als erster Stürmer, eine Position nennen die Quellen nicht.
30.000 Zuschauer kommen an die Hungária körút, der Österreicher Heinrich Retschury pfeift. Imre Schlosser trifft in der 10. Minute, Béla Guttmann in der 29., und kurz nach der Pause, in der 47. Minute, macht József Braun das 3:0. Ungarn wechselt in der 28. Minute einmal aus, Dezső Gencsy kommt für György Orth. Ein deutsches Tor fällt nicht. Das Buch »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« nennt die Niederlage »hochverdient«. Wie Gröner spielte, melden die zugänglichen Quellen nicht, und eine niederländische Zeitung berichtet nur das Ergebnis. Den vollständigen Verlauf erzählt der Spielbericht.
Gröner wird nicht wieder berufen. Auch Marohn, Kreß und Schnürle bleiben bei diesem einen Spiel. Nur Müller und Höger kommen wieder.
Offenbach, Stuttgart, die Trainerbank
1923 verlässt Gröner den SC für zwei Spielzeiten und geht zu Kickers Offenbach in die Bezirksliga Main. 1924/25 wird der Verein hinter dem FSV Frankfurt Vizemeister. Das Buch zum hundertjährigen Bestehen der Kickers beschreibt die Stimmung: Der Altinternationale habe dem Verein in den Jahren zuvor sehr geholfen, drei Monate vor seinem Abschied habe er noch siebenmal gegen Phönix Karlsruhe getroffen. Dann hätten seine Leistungen den hohen Erwartungen nicht mehr entsprochen, junge Spieler drängten nach, und im Vorstand habe es zwei Parteien gegeben. Die Anhänger der Jugend setzen sich durch. Gröner kehrt zum SC zurück und spielt dort bis 1927.
Als Trainer taucht er wieder auf. Die Wikipedia führt ihn von 1934 bis 1935 als Cheftrainer des VfB Stuttgart. Der VfB wird in dieser Saison Meister der Gauliga Württemberg, zwei Punkte vor dem 1. SSV Ulm und den Stuttgarter Kickers, und erreicht dann das Endspiel um die deutsche Meisterschaft, das er 4:6 gegen Schalke 04 verliert. Wer die Mannschaft in der Endrunde betreute, sagen die benutzten Quellen nicht. Zum Kader zählen nach der Wikipedia Otto Bökle, Willi Rutz und Franz Seybold. Außerdem trainiert Gröner den SV 1908 Gablenberg. Sein Sohn trägt Anfang bis Mitte der 1930er Jahre das Trikot der Stuttgarter Kickers.
Seit Anfang der 1950er Jahre lebt Gröner als Kaufmann in München, zuletzt in Untermenzing. Beim Todesdatum widersprechen sich die Quellen. Die deutsche Wikipedia nennt den 12. März 1969 in München und stützt sich auf die Todesanzeige in der »Süddeutschen Zeitung« vom 15. März 1969 und Fritz Tauber. Die englische Wikipedia nennt den 12. Dezember 1944.
Emil Gröner auf einen Blick
Geboren: 25.3.1892 in Zuffenhausen (laut Wikipedia; Heimatort Stuttgart laut Lexikon 1939)
Gestorben: 12.3.1969 in München (deutsche Wikipedia); die englische Wikipedia nennt den 12.12.1944
Vereine: FC Union Stuttgart und Stuttgarter SC (ab 1901, 1923 weg), Kickers Offenbach (1923–1925), Stuttgarter SC (1925–1927)
Position: Mittelstürmer, Angriffsmitte
Beruf: Zigarrenhändler (Lexikon 1939), später Kaufmann in München
Erfolge: Südkreismeister 1918, Württembergischer Meister 1920, Süddeutscher Pokalsieger 1920 (Vereinserfolg), Vizemeister Bezirksliga Main 1925
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), kein Tor (1921)
Als Trainer: VfB Stuttgart (1934–1935), SV 1908 Gablenberg
Länderspiele
- 05.06.1921 Ungarn – Deutschland 3:0 – Debüt und einziges Länderspiel, Budapest
Quellen
- Wikipedia: Emil Gröner
- Wikipedia (englisch): Emil Gröner
- DFB-Datencenter: Ungarn – Deutschland 3:0, 5. Juni 1921
- Wikipedia: Stuttgarter SC
- Wikipedia: Süddeutscher Pokal
- Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1920/21
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1920/21
- Wikipedia: Gauliga Württemberg 1934/35
- Wikipedia: Navigationsleiste Cheftrainer des VfB Stuttgart
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Libero spezial deutsch: »Der deutsche Fußball (1900–1920)«, Abschnitt »Süddeutscher Pokal (1917–1920)«
- Jürgen Bitter: Deutschlands Fußball-Nationalspieler. Das Lexikon, Berlin 1997, S. 151 (nach der Wikipedia)
- Hardy Grüne: Mit dem Ring auf der Brust. Die Geschichte des VfB Stuttgart, Göttingen 2007, S. 43 (nach der Wikipedia)
- OFC Kickers 1901 (Hrsg.): 100 Jahre Kickers Offenbach, Hanau 2001, S. 27 (nach der Wikipedia)