Willi »Knölle« Rutz – ein Kopfball in Helsinki

Helsinki, 1. Juli 1932, 77. Minute. Es steht 1:1, Finnland spielt überraschend gut mit. Dann fliegt ein Ball in den finnischen Strafraum, und Willi Rutz, Stürmer aus Stuttgart, köpft ihn ins Tor. »Erst in der 77. Minute köpfte Rutz zum 2. deutschen Treffer ein«, meldet das »Darmstädter Tagblatt« am nächsten Tag, und mehr Aufhebens macht die Zeitung nicht darum. Sie hat auch keinen Anlass: Drei Minuten später beginnt Richard Hofmann seinen Auftritt, zwei Tore in zwei Minuten. Rutz ist der Mann, der die Tür aufgemacht hat.

Es war sein einziges Länderspiel. Deutschland gewann 4:1.

Willi Rutz' Laufbahn · von Stuttgart über Frankfurt zurück zum VfB, 1925–1944
Willi Rutz' Laufbahn · von Stuttgart über Frankfurt zurück zum VfB, 1925–1944

»Erst in der 77. Minute köpfte Rutz zum 2. deutschen Treffer ein, dem Rich. Hofmann in den letzten zehn Minuten noch zwei weitere Bomben anfügte.«

— Darmstädter Tagblatt, 2. Juli 1932

Von Cannstatt zum VfB

Willi Rutz wird am 7. Januar 1907 in Cannstatt geboren, heute ein Stadtteil von Stuttgart. Sein Spitzname ist »Knölle«. Von 1925 bis 1929 gehört er nach der Wikipedia der ersten Mannschaft des VfB Stuttgart an, der damals in der Bezirksliga Württemberg/Baden spielt. In seiner zweiten Saison, 1927, gewinnt er mit dem VfB den württembergischen Meistertitel, den ersten regionalen Titel seiner Laufbahn.

1929 wechselt er nach Frankfurt zu Rot-Weiß. Zwei Spielzeiten lang belegt der Klub in der Gruppe Main der Bezirksliga Main/Hessen jeweils den zweiten Platz, beide Male hinter Eintracht Frankfurt. Es sind keine Jahre mit Pokalen, aber sie haben ein Nachspiel.

Gesperrt, dann Trainer

Nach dem Wechsel, so erzählt es die Wikipedia, sagte man Rutz nach, er sei der erste Profi des VfB gewesen, weil er in einer Anwaltskanzlei beschäftigt war. Der Verband sperrte ihn, denn Profifußball war damals verboten.

1931 kehrt Rutz nach Stuttgart zurück, bleibt aber gesperrt. Er arbeitet als Trainer, in Calw, in Tübingen und zuletzt bei den Stuttgarter Kickers. Von seinen Einkünften, so die Wikipedia, lebte er, dazu von einer Weinstube, die ihm der VfB vermittelt hatte. Das DFB-Datencenter führt ihn für den VfB ab Juli 1931. Mit der Aufhebung der Sperre spielt er ab 1932 wieder für die Stuttgarter. Im Sommer desselben Jahres steht er in der Nationalelf.

Der große Tag: Helsinki, 1. Juli 1932

Die Reise geht nach Finnland, wo die deutsche Elf nach dem Bericht des Tagblatts in der stärksten Aufstellung antritt. Im Tor steht Hans Jakob, davor spielen Franz Schütz und Hans Stubb. Im Sturm stehen Erich Fischer, Richard Hofmann, Rutz, Ernst Kuzorra und Stanislaus Kobierski. In welcher Rolle Rutz spielte, geben die Quellen verschieden an: Die Aufstellung der Berichtsseite führt ihn in der Mitte der Sturmreihe, die englische Wikipedia nennt ihn Halblinken. Den Schiedsrichter stellt Schweden, John Andersson.

Hofmann bringt die Gäste in der 5. Minute in Führung, das Tagblatt nennt die 7. Gunnar Åström gleicht in der 14. Minute aus, nach dem Tagblatt zehn Minuten später. Nach der Pause greifen die Finnen scharf an, die deutsche Abwehr hält. Der Zeitung gefällt das Spiel der Finnen: Sie seien »schnell, fleißig und auch technisch sehr gut« gewesen. Der deutsche Sieg sei »in erster Linie dem Abwehr-Dreieck Jakob–Schütz–Stubb zuzuschreiben«, die Stürmer seien »mit Ausnahme von Rich. Hofmann recht schwach« gewesen. Das ist ein Urteil über die ganze Reihe, in der Rutz stand; für ihn persönlich nennt die Zeitung nur das Tor.

Finnland – Deutschland 1:4 in Helsinki · Rutz' Tor zum 2:1, danach drei Hofmann-Tore
Finnland – Deutschland 1:4 in Helsinki · Rutz' Tor zum 2:1, danach drei Hofmann-Tore

Dann kommt die 77. Minute. Rutz köpft das 2:1. In der 80. und 81. Minute trifft Hofmann zweimal, es sind seine Länderspieltore 22 bis 24. Rutz' Kopfball hatte das Spiel gedreht, den Rest erledigte der Dresdner.

Nach diesem Spiel steht Rutz nicht mehr in der Elf. Den Angriff baut Nerz zum Heimspiel gegen Schweden im September fast ganz um, nur Hofmann und Kobierski bleiben. Mit einem Länderspiel, einem Tor und einem Sieg endet Rutz' Zeit in der Nationalmannschaft.

Pokal, Meisterschaft und Finale

Der VfB ist da gerade wieder sein Verein. Im Juli 1933 ist Rutz kurzfristig auch Spielertrainer, und der VfB gewinnt unter ihm den Süddeutschen Pokal. Auf sein Trainerhonorar verzichtet er, weil der Verein knapp bei Kasse ist. Von 1933/34 an spielt er in der Gauliga Württemberg, der neuen höchsten Spielklasse. Der VfB wird 1935, 1937 und 1938 Gaumeister, 1935 und 1937 spielt er die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft.

Der Höhepunkt ist das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 23. Juni 1935 in Köln, vor 70.000 Zuschauern. Der VfB trifft auf den FC Schalke 04 und liegt zur Pause 0:3 zurück. Am Ende steht es 4:6. In der 86. Minute schießt Rutz das vierte Stuttgarter Tor zum 4:6. Insgesamt kommt er in der Endrunde auf 14 Spiele und sechs Tore. Das DFB-Datencenter führt für 1934/35 acht Einsätze und sechs Tore, für 1936/37 sechs Einsätze ohne Treffer.

Späte Jahre

Bis 1941 bleibt er beim VfB. In der Saison 1943/44 spielt er nach der Wikipedia als »Kriegsgastspieler« für den Heeressportverein Groß Born in Pommern und bestreitet für ihn drei Spiele in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Nach dem DFB-Datencenter waren es zwei Siege und eine Niederlage. Nach der Wikipedia scheitert die Mannschaft am 4. Juni 1944 mit 2:3 am Luftwaffen-Sportverein Hamburg.

Nach der Wikipedia, die sich auf die Karteikarte des Bundesarchivs und eine Recherche der »Zeit« von 2024 beruft, trat Rutz zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Er starb am 20. November 1993, den Sterbeort nennt keine der benutzten Quellen.

Willi Rutz auf einen Blick

Geboren: 7.1.1907 in Cannstatt
Gestorben: 20.11.1993 (Ort unbekannt)
Vereine: VfB Stuttgart (1925–1929, ab 1932 bis 1941; DFB-Datencenter ab 1931), Rot-Weiß Frankfurt (1929–1931), HSV Groß Born (1943/44)
Position: Stürmer
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), 1 Tor (1932)
Erfolge: Württembergischer Meister 1927, Süddeutscher Pokalsieger 1933, Gaumeister Württemberg 1935, 1937 und 1938, Zweiter der Deutschen Meisterschaft 1935
Als Trainer: Calw, Tübingen, Stuttgarter Kickers (Sperrjahre 1931/32), VfB Stuttgart (Spielertrainer 1933)

Länderspiele

Quellen