Franz Schütz – der Frankfurter Abwehrrecke

Zwei Zeugen, zwei Bilder. Dietrich Schulze-Marmeling zählt ihn in der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« zum »erweiterten Kreis« der Nationalelf und nennt ihn »Frankfurts bulliger Abwehrrecke Schütz«. Das Darmstädter Tagblatt lobte nach seinem zweiten Länderspiel seine »Ruhe und Eleganz«. Beides kann stimmen. Franz Schütz, in Offenbach geboren und bei der Frankfurter Eintracht zu Hause, war ein Verteidiger, der selten im Mittelpunkt stand und von 1929 bis 1932 elfmal im deutschen Trikot spielte. Die Wikipedia beschreibt ihn als bescheiden und zurückhaltend, einen, der kaum auffiel. Für einen Abwehrspieler kann das ein Kompliment sein.

Franz Schütz' Laufbahn · von Offenbach über Köln nach Frankfurt, 1920–1934
Franz Schütz' Laufbahn · von Offenbach über Köln nach Frankfurt, 1920–1934

»In der Mannschaft arbeitete das Frankfurter Schlußdreieck Kreß, Schütz, Stubb ohne Tadel.«

— Darmstädter Tagblatt, 28. September 1931, über das 4:2 gegen Dänemark in Hannover

Von Offenbach über Köln nach Frankfurt

Franz Schütz kommt am 6. Dezember 1900 in Offenbach am Main zur Welt. Er spielt bis 1920 beim BSC 99 Offenbach, 1920 bei den Offenbacher Kickers, so die Wikipedia, und siedelt im selben Jahr nach Köln über. Dort schließt er sich zuerst dem BSC Köln an und spielt von 1920 bis 1925 beim Mülheimer SV 06. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn mit den Vereinen »SV Köln-Mülheim« und Eintracht Frankfurt, als Stammposten Verteidiger, als Beruf Kaufmann. Mülheim gehört nicht zur Spitze der Rheingauliga. Trotzdem darf der robuste Verteidiger am 9. November 1924 im Halbfinale des Bundespokals in Kiel für Westdeutschland spielen. Norddeutschland gewinnt 3:2.

Zur Saison 1925/26 geht er zur Eintracht. Das Riederwald-Team holt in dieser Zeit den Schweizer Nationalstürmer Walter Dietrich und das Talent Karl Döpfer. Ab 1926/27 spielt der Verein oben mit in der Bezirksliga Main-Hessen. Mit dem jungen Trainer Paul Oßwald und den Zugängen Hugo Mantel und Hans Stubb kommt 1928/29 ein neuer Zuschnitt in die Mannschaft. Mit Stubb bildet Schütz mehrere Jahre ein erstklassiges Verteidigerpaar. Die Eintracht wird 1930 und 1932 Süddeutscher Meister, 1931 setzt sich Fürth mit einem Punkt Vorsprung durch. Nach der Wikipedia bestreitet Schütz zwischen 1925 und 1934 für die Eintracht 130 Ligaspiele mit drei Toren (das Eintracht-Archiv zählt 129), dazu 78 Spiele um die süddeutsche Meisterschaft mit einem Tor, zehn Endrundenspiele und drei im süddeutschen Pokal. Das Eintracht-Archiv führt ihn als Ehrenspielführer.

Nicht zu verwechseln ist er mit den Schulz-Spielern der Nationalelf, etwa mit Carl Schulz, der am 20. Oktober 1929 beim 4:0 gegen Finnland Mittelläufer war.

Eintracht, Saison für Saison

Das Eintracht-Archiv führt Schütz' Einsätze nach Wettbewerben getrennt. Danach spielt er in seiner ersten Saison 1925/26 in 14 Ligaspielen und schießt ein Tor. 1926/27 sind es 17 Ligaspiele mit zwei Toren plus acht Spiele in der Süddeutschen Meisterschaftsrunde, 1927/28 22 Ligaspiele und 14 Spiele um die Süddeutsche Meisterschaft mit einem Tor. 1928/29 kommt er auf 17 und 13 Einsätze, 1929/30 auf 9 Liga-, 7 Meisterschafts- und zwei Endrundenspiele. 1930/31 stehen 13 Liga- und 12 Meisterschaftsspiele zu Buche, dazu ein Endrundenspiel. 1931/32 sind es 16 Liga- und 8 Meisterschaftsspiele und vier Endrundenspiele, 1932/33 11 Liga-, 16 Meisterschafts- und drei Endrundenspiele, 1933/34 noch zehn Ligaspiele. Zusammen sind das 129 Ligaspiele (3 Tore), 78 in der Meisterschaftsrunde (1 Tor) und zehn Endrundenspiele.

Debütiert hatte er am 2. August 1925 in einem Freundschaftsspiel gegen Kurhessen Kassel, einem 4:2. Der Bericht führt ihn als neuen »westdeutschen Verteidiger«, so steht es im Eintracht-Archiv. Beim Saisonauftakt in der Bezirksliga Main am 6. September 1925 stand er noch im Sturm, bei Germania 94 Frankfurt, und schoss nach dem Spielbericht das dritte Tor durch Weiterleiten eines Strafstoßes. Erst danach rückt er nach hinten.

Das Paar Pfeiffer–Schütz

Der Durchbruch kommt in der Saison 1926/27, mit Willi Pfeiffer an seiner Seite. Die Spielberichte, die das Eintracht-Archiv wiedergibt, loben das Paar fast jede Woche. Nach dem 2:1 gegen Union Niederrad am 3. Oktober 1926 sieht der Berichterstatter in »Pfeiffer–Schütz Verteidigerklasse«, am 10. Oktober, beim 2:0 in Hanau, ist von der »glänzenden Eintrachtverteidigung Schütz–Pfeiffer« die Rede. Im Derby gegen Rot-Weiß Frankfurt am 24. Oktober 1926 liegt Eintrachts Stärke »in der Verteidigung Schütz, Pfeiffer und Trumpp im Tor«. Am 31. Oktober schießt Schütz beim 2:0 gegen die Offenbacher Kickers das zweite Tor, in der 77. Minute, fünf Minuten nach Karl Döpfers Führungstreffer. Hinter dem Sturm, so der Bericht, stünden in Pfeiffer und Schütz Verteidiger, »wie man sie sich nur wünschen kann«.

Am 2. Januar 1927 fordert ein Spielbericht, das Paar solle im Verband zum Einsatz kommen: Der Süddeutsche Verband sei mit der Eintrachtverteidigung Pfeiffer–Schütz sicher nicht schlecht bedient, schon um dem DFB möglichst viel »Olympiadematerial« anzubieten. In diesem Spiel bei Rot-Weiß schiebt sich Schütz in der letzten Viertelstunde selbst in den Sturm und rettet einen verloren geglaubten Sieg. Am 20. Februar, beim 1:1 gegen den FV Saarbrücken in der »Runde der Zweiten«, ruft die Menge nach dem Spiel auf Schütz: »Schütz vor!!!«. Er hatte ja im Verbandsspiel gegen Rot-Weiß die Punkte gerettet. Diesmal schickte man ihn vergebens, denn hinten war er unentbehrlich. Am 3. April 1927 schießt er gegen 1860 München ein Eigentor, es ist die Kehrseite des Vorstoßens.

Ein Berichterstatter des Fußball schreibt nach dem Derby gegen den FSV am 30. Oktober 1927 (Bericht vom 1. November): »Besonders zu loben bleibt Schütz, den ich hiermit SFV. und DFB. für Repräsentativ- und Länderspiele, ja sogar als Olympiakandidat angelegentlichst empfehle.« Andernorts im selben Bericht heißt es: »Schütz als Verteidiger ist ein Mordskerl, der wohl einmal unter den Olympiakandidaten genannt werden dürfte«, und im Eintrachttorraum sei ein »Verteidiger ganz großen Formats« gestanden, »der einfach alles zunichte machte«. Nach Amsterdam kam Schütz nicht, doch den Weg zur Nationalelf hatte die Frankfurter Presse damit früh gebahnt. Am 1. Januar 1928 trat er gegen Bayern verletzt an, der Berichterstatter nennt ihn »sonst das Vorbild eines Verteidigers«.

Zwei Frankfurter hinten: Weber und Stubb

Am 10. Februar 1929 debütiert Schütz in Mannheim beim 7:1 gegen die Schweiz. Es herrscht Frost, 30.000 sehen zu, das Feld ist vom Schnee geräumt. Mit dem Kasseler Heinrich Weber bildet er das Verteidigerpaar, im Tor debütiert der Frankfurter Willibald Kreß, als linker Läufer spielt der Frankfurter Georg Knöpfle. Das Tagblatt findet die Verteidigung weniger stark als den Rest, aber ausreichend. »Schütz erwies sich im allgemeinen als sicherer«, schreibt es.

Vier Monate später, am 1. Juni 1929 in Berlin, steht es 1:1 gegen eine schottische Profiauswahl. Das Tagblatt vergleicht die beiden Verteidiger, Schütz und den Berliner Hans Brunke, und gibt dem Frankfurter den Vorzug. Bei ihm lobt es »… durch seine Ruhe und Eleganz. Sein Abspiel war sehr fein.« Brunke spiele »etwas massiver, aber nicht so rein«. Drei Wochen später, am 23. Juni, schlägt Schütz beim 3:0 gegen Schweden in Köln einen Freistoß auf Franz Horn und leitet damit die erste klare Chance des Spiels ein. Die Verteidigung Schütz–Weber, schreibt das Tagblatt, »verstand sich gut und stand wie eine Mauer«.

Im Mai 1930 folgt Zürich. Am 4. Mai gewinnt Deutschland dort 5:0 gegen die Schweiz, das Tagblatt spricht von einer »sehr angenehmen Überraschung« und nennt Kreß, Schütz und Stubb ein »unschlagbares Abwehrbollwerk«. Sechs Tage später kommt England.

Der große Tag: Berlin, 10. Mai 1930

Zum ersten Mal tritt die deutsche Nationalmannschaft gegen die A-Auswahl Englands an. Im Deutschen Stadion im Grunewald sind es nach dem DFB 50.000 Zuschauer, das Tagblatt spricht von einem ausverkauften Haus und meldet 47.000 verkaufte Karten. In der zweiten Halbzeit regnet es leicht, der Boden ist glatt.

Die Engländer beginnen stark. In der 8. Minute trifft Joe Bradford zum 0:1, in der 21. Minute gleicht Richard Hofmann aus, der elf Wochen nach einem schweren Autounfall zurückgekehrt ist, doch Bradford stellt in der 31. Minute die Führung wieder her. Mit 1:2 geht es in die Pause. Nach dem Wechsel dreht Hofmann die Partie. In der 49. Minute fällt das 2:2, in der 60. das 3:2. Danach muss die Abwehr halten. Nach dem Tagblatt »paradieren« Stubb und Schütz »prachtvoll«, Kreß hält ausgezeichnet, und Kuzorra und Bergmaier vergeben ihre Chancen. In der 83. Minute gleicht England aus, nach dem DFB durch David Jack, nach dem Tagblatt durch Vic Watson.

Deutschland – England 3:3 in Berlin · Richard Hofmann schießt alle drei Tore, Schütz bildet mit Stubb die Verteidigung
Deutschland – England 3:3 in Berlin · Richard Hofmann schießt alle drei Tore, Schütz bildet mit Stubb die Verteidigung

Das Tagblatt überschreibt seinen Bericht mit »Die Prüfung bestanden«. Schon in der ersten Halbzeit heißt es dort: »Das deutsche Hintertrio ist bombensicher.« Über Schütz urteilt die Zeitung im Einzelnen, er habe in der ersten Halbzeit »einige schwache Momente« gehabt, sei aber nach der Pause zu bester Form aufgelaufen. Die Läuferreihe Heidkamp–Leinberger–Mantel verdiene ein »Gesamtlob«. Bei der Aufstellung stimmen die Quellen nicht überein. Tagblatt und Wikipedia führen Schütz und Stubb als Verteidigerpaar, eine andere Aufstellungsangabe nennt Heidkamp als Verteidiger und Stubb als Läufer.

Dresden, Paris und die Neuordnung

Auch an schlechten Tagen steht Schütz auf dem Platz. Am 28. September 1930 liegt Deutschland in Dresden gegen Ungarn nach 40 Minuten 0:3 zurück. In dieser Phase, schreibt das Tagblatt, fallen nur Schütz und Heidkamp, Kreß im Tor und im Sturm der Kieler Johannes Ludwig positiv auf. Nach der Pause dreht Deutschland das Spiel und gewinnt 5:3.

Am 15. März 1931 verliert Deutschland in Paris 0:1, durch ein Eigentor von Reinhold Münzenberg in der 14. Minute. Das Tagblatt nennt Schütz etwas langsam, er habe einige Zeit gebraucht, »um sich zu finden«, sei dann aber gut gewesen, und er habe unter dem Versagen seines Vordermanns Münzenberg gelitten. Als er einmal umspielt wird, rettet Kreß.

Nach dem 0:5 in Wien ordnet Reichstrainer Otto Nerz im September 1931 die Mannschaft neu. In Hannover steht gegen Dänemark ein Block aus Frankfurtern: Kreß, Schütz, Stubb, Knöpfle und Gramlich. Deutschland gewinnt 4:2, und Kreß, Schütz und Stubb, schreibt das Tagblatt, arbeiten »bis zur letzten Minute vorbildlich«. Im März 1932 gewinnt das Team 2:0 in Leipzig gegen die Schweiz, die Verteidigung mit Schütz und Stubb wird erneut gelobt, und am 1. Juli 1932 siegt es in Helsinki 4:1 gegen Finnland. Der Erfolg sei »in erster Linie dem Abwehr-Dreieck Jakob–Schütz–Stubb zuzuschreiben«, schreibt die Zeitung, mit Torwart Hans Jakob, der nach langer Pause wieder im Tor steht.

Der Endspieltag von Nürnberg

Zwischen diesen Spielen liegt der Höhepunkt seiner Vereinslaufbahn. Die Eintracht erreicht 1932 die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft: ein 6:0 in Königsberg gegen Hindenburg Allenstein, ein 3:1 über Tennis Borussia, im Halbfinale in Dresden ein 2:1 gegen Schalke 04. Am 12. Juni steht das Endspiel in Nürnberg an, vor 55.000 Zuschauern, Gegner ist der FC Bayern München. Schütz und Stubb spielen hinten, Rudolf Gramlich, Leis und Mantel in der Läuferreihe. Im Tor steht Ludwig Schmitt, im Sturm Schaller, Trumpler, Ehmer, Dietrich und Möbs, Trainer ist Paul Oßwald. Die Bayern, trainiert vom Ungarn Richard Dombi, treten mit Sigmund Haringer, Heidkamp, Beindel, Ludwig Goldbrunner, Naglschmitz, Bergmaier, Franz Krumm, Oskar Rohr, Schmid und Welker an. Schiedsrichter ist Alfred Birlem. Die Eintracht verliert 0:2, nach einem Elfmeter von Oskar Rohr (35. Minute) und einem Tor von Franz Krumm (75.). Das Eintracht-Archiv gibt aus einem Spielbericht wieder: »Die famose Frankfurter Abwehr Schütz–Stubb fuhr bei allen Bayernattacken oft mit spielender Leichtigkeit dazwischen.« Später steht dort, nur Stubb und Schütz hätten durch weite Schläge dafür gesorgt, dass der Eintrachtsturm überhaupt ins Spiel kam. Ein Jahr später ist im Halbfinale in Berlin gegen Fortuna Düsseldorf Schluss, nach dem DFB-Datencenter bestreitet Schütz in dieser Endrunde drei Spiele.

Ein Abschied ohne Datum

Sein letztes Länderspiel bestreitet Schütz am 4. Dezember 1932 in Düsseldorf. Deutschland verliert 0:2 gegen die Niederlande. Das Tagblatt urteilt streng über die Verteidiger: Stubb sei schnell, aber mit unsauberen Abschlägen, Schütz habe »anscheinend mit dem etwas glatten Boden« nicht zurechtgefunden und nur zeitweilig an seine großen Tage erinnert. Es ist sein elftes Länderspiel, danach steht er nicht mehr in der Elf.

Einen förmlichen Abschied nennen die Quellen nicht. Als Nerz im Oktober 1933 gegen Belgien eine neue Mannschaft aufbietet, fehlen nach Schulze-Marmeling mehrere Stammspieler: Leinberger, Knöpfle, Schütz und andere hätten »aus unterschiedlichen Gründen ihren Abschied von der Nationalmannschaft verkündet – bzw. verkündet bekommen«.

Nach dem Fußball

Bei der Eintracht spielt er bis 1934. Später, so die Wikipedia, arbeitet der ehemalige Lagerverwalter in Baden-Württemberg als Generalvertreter für einen Sportschuhproduzenten. Er stirbt am 22. März 1955, mit 54 Jahren, an einem Herzinfarkt, als er auf dem Weg nach Stuttgart seinen Wagen anschieben will. Einen Sterbeort nennt die Wikipedia nicht. Von seinen späteren Jahren ist darüber hinaus wenig überliefert.

Franz Schütz auf einen Blick

Geboren: 6.12.1900 in Offenbach am Main
Gestorben: 22.3.1955 (Ort nicht angegeben)
Vereine: BSC 99 Offenbach (bis 1920), Kickers Offenbach (1920), BSC Köln (1920), Mülheimer SV 06 (1920–1925), Eintracht Frankfurt (1925–1934)
Position: Verteidiger
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939), später Generalvertreter für Sportschuhe
Erfolge: Süddeutscher Meister 1930 und 1932, Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1932, Ehrenspielführer der Eintracht
Bilanz: 11 Länderspiele (7 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen, Torverhältnis 34:14), kein Tor, 1929–1932

Länderspiele

Quellen