Oskar »Ossi« Rohr – der Torjäger, der ins Ausland ging
Berlin, 19. März 1933, Grunewaldstadion. Frankreich führt nach 22 Minuten, dann ist Oskar Rohr dran. In der 28. Minute gleicht er aus, nach Vorarbeit von Willi Lindner. In der 45. Minute trifft er zum 2:1, wieder nach Vorarbeit des gerade eingewechselten Richard Hofmann. Nach der Pause schlägt er dem französischen Torwart den Ball aus der Hand, und Ludwig Lachner macht das 3:1. Am Ende steht es 3:3. Das »Darmstädter Tagblatt« findet Rohr in der ersten Halbzeit »ganz ausgezeichnet«, später lasse er nach.
Es war sein viertes und letztes Länderspiel. Rohr war 20 und Deutscher Meister. Im Oktober 1933 zog er nach Zürich.
»Mit diesem jungen Mann steht und fällt das Spiel.«
Das jüngste von sechs Kindern
Oskar Kurt Rohr, genannt »Ossi«, kommt am 24. April 1912 in Mannheim zur Welt. Dieses Datum nennen die deutsche und englische Wikipedia, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 und Schulze-Marmeling; die französische Wikipedia schreibt einmal 24. und einmal 27. März. Die Familie führt nach der deutschen Wikipedia eine Gastwirtschaft, er ist das letzte von sechs Kindern; seine vier älteren Brüder Philipp, Karl, Heinrich und Otto spielen beim FC Phönix 02 Mannheim, Schwester Paula ist Handballerin beim VfR.
Rohr beginnt bei Phönix und setzt die Jugend beim VfR Mannheim fort. 1930 wechselt er zum FC Bayern München. Nach Schulze-Marmeling ist er 18 und tritt im Mittelsturm die Nachfolge von Josef Pöttinger an.
Meister mit zwanzig
In seiner ersten Saison verpasst Bayern als Dritter der süddeutschen Meisterschaft die Endrunde. 1931/32 wird der Verein Zweiter und ist dabei. Trainer ist der Österreicher Richard Dombi. Rohr schießt in vier Endrundenspielen fünf Tore, so zählt es die Torschützenliste der Wikipedia. Bayern schlägt Minerva 93 Berlin 4:2, den Chemnitzer PSV 3:2 und den 1. FC Nürnberg 2:0.
Schon im Süden hatte es gegen die Frankfurter Ärger gegeben. Das Endspiel um die Süddeutsche Meisterschaft, am 1. Mai 1932 in Stuttgart vor 20.000 Zuschauern, führte die Eintracht durch zwei Tore von Walter Dietrich 2:0, als der Schiedsrichter die Partie in der 83. Minute wegen Zuschauertumulten abbrach. Rohr stürmte dabei im Mittelsturm neben Franz Krumm und Josef Bergmaier. Beide Mannschaften waren für die Endrunde ohnehin qualifiziert. Dort trafen sie sich im Finale wieder.
Am 12. Juni 1932 steht im Nürnberger Stadion das Endspiel gegen Eintracht Frankfurt, 55.000 Zuschauer, Schiedsrichter Alfred Birlem aus Berlin. Der »Kicker« (14. Juni 1932, Hans Stoll) sah Rohr, Krumm und Welker anfangs nervös. Dann, nach einem Eckball und einem Gedränge im Frankfurter Strafraum, rettete Verteidiger Hans Stubb mit der Hand. Strafstoß, und Rohr verwandelte, in der 35. Minute nach dem »Kicker« und der Torfolge im Eintracht-Archiv, in der 36. nach der Wikipedia. Nach einer Schilderung, die sich auf den Mitspieler Sigmund Haringer beruft, sollte eigentlich Kapitän Konny Heidkamp schießen, dem aber die Nerven versagten, weshalb der 20-jährige Rohr antrat. Haringer erinnerte sich, Rohr habe zuerst den Boden getroffen, die Kreide der Strafraumlinie sei aufgestaubt, und der Ball habe dadurch eine andere Richtung genommen; direkt getroffen, hätte er ihn Torwart Ludwig Schmitt »vor den Bauch gesetzt«. Das ist eine Erzählung aus späterer Zeit, nicht aus dem Spielbericht. Der »Kicker« schrieb nur: Rohr verwandelte den Elfer. Von der 60. Minute an, so Stoll, kamen Rohr und Krumm »auf volle Tourenzahl«. In der 75. Minute macht Franz Krumm das 2:0. Auf Frankfurter Seite läuft unter anderem Rudolf Gramlich auf, mit dem Rohr danach mehrfach in der Nationalelf steht. Es ist Bayerns erste deutsche Meisterschaft, Rohr ist 20 Jahre alt.
Im August 1933 gewinnt die Bayern-Auswahl im Gauauswahlwettbewerb, der damals Adolf-Hitler-Pokal heißt, das Wiederholungsspiel gegen Berlin-Brandenburg 6:1. Rohr trifft in der 53. und 56. Minute. Wie viele Spiele er für Bayern bestritt, geben die Quellen verschieden an: Die deutsche Wikipedia nennt 90 Tore in 84 Spielen bis zum 1. Oktober 1933, die englische und die französische 57 Tore in 57 Spielen.
Vier Länderspiele
Das Debüt gibt er am 6. März 1932 in Leipzig, 19 Jahre alt. Deutschland schlägt die Schweiz 2:0, Richard Hofmann schießt beide Tore. Rohr beginnt als Halbrechter neben Ernst Kuzorra, beide auf ungewohnten Plätzen. Reichstrainer Otto Nerz stellt um, Rohr rückt in die Mitte, und das Spiel wird besser. Das »Darmstädter Tagblatt« nennt ihn die »erwartete Enttäuschung«, der junge Spieler sei aber »unbedingt begabt«.
Am 25. September 1932 in Nürnberg schießt er seine ersten beiden Länderspieltore. Am 1. Januar 1933 trifft er in Bologna nach vier Minuten zum 1:0 (das Tagblatt zählt die 3.), dann verliert Deutschland 1:3 gegen Italien. Das Tagblatt findet ihn dort »viel zu langsam«; der österreichische Rekordnationalspieler Gustav Wieser sagt dagegen, Rohr habe »gute Momente« gehabt. Im März folgt Berlin.
Der große Tag: Nürnberg, 25. September 1932
Es ist das erste Länderspiel der Saison 1932/33. Nerz hat den Angriff gegenüber dem Spiel in Helsinki fast komplett umgebaut: Rohr in der Mitte, Josef Bergmaier und Franz Krumm rechts, links Stanislaus Kobierski. Nach dem DFB-Datencenter kommen 30.000 Zuschauer, das Tagblatt zählt 45.000. Schweden ist stärker als erwartet.
In der 10. Minute führt Rohr, Kobierski hat die Vorarbeit geliefert. Kobierski selbst macht in der 17. Minute das 2:0, Krumm in der 41. das 3:1. Nach der Pause kommt Schweden auf 3:2 heran. In der 64. Minute stellt Rohr nach einer Vorlage Kobierskis den Zwei-Tore-Abstand wieder her, 4:2. Das 4:3 fällt in der 78. Minute. Wer es schoss, bleibt strittig: Das DFB-Datencenter nennt Erik Persson, das Tagblatt John Nilsson.
Das Tagblatt lobt Kobierski, »der Düsseldorfer Linksaußen«, der »angenehm überrascht« habe. Rohr nennt es »nicht das Ideal eines Angriffsführers«, und der Sturm, den die Nationalelf brauche, sei »noch zu suchen«. Zwei Tore hatte der Mittelstürmer trotzdem geschossen.
Von Berlin nach Zürich
Nach dem 3:3 in Berlin spielt Rohr nicht mehr für die Nationalelf. Seine Länderspielzeit endet vor seinem Wechsel ins Ausland, und die Gründe für das Ende liefern die Quellen nicht. Schulze-Marmeling schreibt, Rohr sei nach dem Wechsel ins Berufsspielerausland für die Auswahl gesperrt und in Deutschland als »Vaterlandsverräter« geächtet worden.
Der DFB kannte damals keinen Profifußball und gab Spieler nur aus besonderem Grund frei, etwa bei einem beruflich bedingten Umzug. Nach der deutschen Wikipedia verdiente Rohr als Mechaniker 180 Mark im Monat, der Grasshopper Club Zürich bot rund 500. Um die Freigabe zu bekommen, habe er angegeben, sich in Zürich verlobt zu haben und im Geschäft der Familie zu arbeiten. Im Oktober 1933 kommt er an. Die Schweizer Behörden verweisen ihn des Landes, weil er keine Arbeitsbewilligung habe, und Rohr lässt sich zunächst im elsässischen Straßburg nieder.
Im März 1934 darf er für die Grasshoppers spielen. Sein erstes Pflichtspiel ist am 2. April 1934 das Pokalfinale in Bern: 2:0 gegen Servette Genf. Trainer der Grasshoppers war Izidor »Dori« Kürschner, mit Rohr spielten unter anderem der deutsche Mittelläufer Fritz Engel und der Schweizer Star André »Trello« Abegglen. In den elf verbleibenden Meisterschaftsspielen schießt er elf Tore, Grasshoppers wird Vizemeister. Im September 1934 weist die Schweiz ihn erneut aus, wegen unrichtiger Angaben in seiner Steuererklärung (so die Wikipedia nach der »Tribune de Lausanne« vom 10. September 1934).
Straßburgs Rekordschütze
Im Oktober 1934 unterschreibt Rohr beim Racing Club Straßburg, dem Aufsteiger in die französische Erstklassigkeit. Er soll, so erzählt es sein Großneffe Gernot in einem Interview mit »11 Freunde«, ein Citroën-Cabriolet als Handgeld bekommen haben. Seine erste Saison endet mit 20 Toren in 22 Spielen, Racing wird einen Punkt hinter dem FC Sochaux Zweiter. 1935/36 schießt er 28 Tore, nur Roger Courtois von Sochaux trifft öfter. 1936/37 wird er mit 30 Toren in 29 Spielen Torschützenkönig. Im Halbfinale des Pokals schießt er beim 3:1 gegen den FC Rouen alle drei Straßburger Tore, im Finale gegen Sochaux trifft er nach einer halben Stunde zum 1:0, aber Sochaux gewinnt noch 2:1.
Auch in der Heimat blieb er im Blick. Als Racing im Juni 1935 bei den Bayern gastierte (4:4 vor 8.500 Zuschauern), schrieb der »Völkische Beobachter« nach der Wikipedia über »Rohr begeistert 8.000 Zuschauer« und lobte, wie er trotz Manndeckung durch Ludwig Goldbrunner seine Mitspieler in Szene setzte. Am Neujahrstag 1936 gewannen die Bayern in Straßburg 4:2. 1937/38 wurde Rohr mit 25 Toren in 30 Spielen Zweiter der Torjägerliste, einen Treffer hinter Jean Nicolas von Rouen, 1938/39 schoss er für den auf Rang zehn abgerutschten Verein noch 15 Tore in 27 Spielen. Zwölfmal spielte er für die Elsass-Auswahl; im Februar 1938 erzielte er alle drei Tore beim 3:4 gegen eine Auswahl aus Baden und Württemberg.
Mit 118 Treffern in 136 Erstligaspielen ist Rohr nach der deutschen Wikipedia bis heute Racings erfolgreichster Torschütze. Schulze-Marmeling und die englische Wikipedia nennen 117 Tore. Das Lexikon von 1939 führt ihn als Mittelstürmer von Racing Straßburg, Beruf: Fußballspieler.
Krieg und Nachkrieg
Was über diese Jahre belegt ist, ist wenig, und die Quellen widersprechen sich. Anfang September 1939 wird Straßburg evakuiert, Racing zieht ins Périgord. Im Februar 1940 tritt Rohr nach der deutschen Wikipedia, die sich auf »Le Petit Parisien« vom 1. Februar 1940 stützt, freiwillig in die französische Fremdenlegion ein. Von Kampfeinsätzen ist nichts bekannt. Die französische Wikipedia nennt 1939. Im Oktober 1940 geht er zum FC Sète in der unbesetzten Zone.
Für die folgende Zeit zeichnen die Quellen verschiedene Bilder. Die deutsche Wikipedia nennt als Quelle Simon Kitson, nach dem ihn sein früherer Trainer Karl Rumbold für den deutschen Geheimdienst angeworben habe, und merkt an, dass man für das Weitere weitgehend auf vage und widersprüchliche Angaben Rohrs selbst angewiesen sei. Schulze-Marmeling schreibt dagegen, Rohr habe sich in Sète dem Widerstand angeschlossen. Die Rezension der Graphic Novel über Rohr in der »Jungle World« (2020) schreibt, das Vichy-Regime habe ihn wegen »Verbreitung kommunistischer Propaganda« verhaften und nach Deutschland abschieben lassen; die deutsche Wikipedia nennt als oft angegebenen Grund antifranzösische oder kommunistische Umtriebe und hält die Angaben für vage. Einigkeit besteht darüber, dass er 1942 in deutsche Hand geriet und ins Durchgangslager Kislau bei Karlsruhe kam: Die Wikipedia nennt den 20. Oktober 1942, Schulze-Marmeling den November, die Entlassung nach elf Tagen beziehungsweise auf Intervention von Fußballfans. Danach wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Nach Berichten kam er an die Ostfront; im Juli 1944 meldet der »Kicker«, er habe in Landau in einer Soldatenelf zwei Tore geschossen.
Nach dem Krieg spielt er in der Oberliga: 1945 sieben Spiele für den VfR Mannheim, 1946 fünfzehn für Schwaben Augsburg, 1947/48 einundzwanzig für den FK Pirmasens, den er als Spielertrainer in die Oberliga Südwest führt, 1948/49 siebzehn für Waldhof Mannheim. Anfang September 1946 verhaften ihn Militärbehörden in Augsburg und bringen ihn nach Straßburg; Zeitungsberichte sprechen von einer Spionageangelegenheit im Zusammenhang mit Rumbold, für den 10. Dezember 1946 wird seine Entlassung angekündigt.
Später arbeitet Rohr bei der Mannheimer Stadtverwaltung und trainiert von 1958 bis 1960 TuRa Ludwigshafen. Er ist Ehrenmitglied des FC Bayern. Er stirbt am 8. November 1988 in Mannheim, sein Urnengrab liegt auf dem Hauptfriedhof.
Erinnerung
2020 erschien im Carlsen Verlag die Graphic Novel »Ein Leben für den Fußball. Die Geschichte von Oskar Rohr« von Julian Voloj (Text) und Marcin Podolec (Zeichnungen), 152 Seiten. Martin Krauss bespricht sie in der »Jungle World« (2020/13) und stellt Rohr, den früh gewechselten »Nurfußballer«, in den Zusammenhang der jüdischen Bayern-Köpfe jener Jahre: Präsident Kurt Landauer, Trainer Richard Dombi (geboren als Richard Kohn) und Jugendtrainer Otto Albert Beer. Nach der Rezension endet das Buch damit, dass ein Offizier und Bayern-Fan Rohr an der Ostfront einen Platz in einem Verletztentransport verschaffte und er so den Krieg überlebte. Andere Quellen erwähnen das nicht.
Ossi, Fips und Gernot
Verwechseln sollte man Ossi nicht mit seiner Verwandtschaft. Philipp »Fips« Rohr (1918–2007), Ossis Neffe, spielte für den VfR Mannheim und wurde Trainer. Gernot Rohr, Fips' Sohn und Ossis Großneffe, wurde Amateurnationalspieler und später Trainer unter anderem von Girondins Bordeaux und afrikanischen Nationalmannschaften. Nationalspieler war von den dreien nur Ossi.
Oskar Rohr auf einen Blick
Geboren: 24.4.1912 in Mannheim (französische Wikipedia: März)
Gestorben: 8.11.1988 in Mannheim
Vereine: Phönix Mannheim, VfR Mannheim, FC Bayern München (1930–1933), Grasshopper Club Zürich (1933/34), Racing Straßburg (1934–1939), FC Sète (1940/41), VfR Mannheim (1945), Schwaben Augsburg (1946), FK Pirmasens (1947/48), Waldhof Mannheim (1948/49)
Position: Mittelstürmer
Bilanz: 4 Länderspiele (2 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage), 5 Tore (1932–1933)
Erfolge: Deutscher Meister 1932 mit Bayern, Schweizer Pokalsieger 1934, Torschützenkönig der französischen Liga 1937
Als Trainer: FK Pirmasens (Spielertrainer), TSV Handschuhsheim, TuRa Ludwigshafen (1958–1960)
Länderspiele
- 06.03.1932 Deutschland – Schweiz 2:0 – Debüt
- 25.09.1932 Deutschland – Schweden 4:3 – zwei Tore (10., 64.)
- 01.01.1933 Italien – Deutschland 3:1 – Tor zum 1:0 (4.)
- 19.03.1933 Deutschland – Frankreich 3:3 – zwei Tore (28., 45.)
Quellen
- Wikipedia: Oskar Rohr
- Wikipedia (en): Oskar Rohr
- Wikipedia (fr): Oskar Rohr
- Eintracht-Archiv: Endspiel 12.6.1932, mit Kicker-Bericht vom 14.6.1932
- Eintracht-Archiv: Süddeutsches Endspiel 1.5.1932
- Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1931/32
- Die legendäre erste deutsche Meisterschaft des FC Bayern (leinetal24.de)
- Jungle World 2020/13: »Einer wie Ossi«
- Wikipedia: Philipp Rohr
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1931/32
- Wikipedia: Adolf-Hitler-Pokal 1933
- RSSSF: Oskar »Ossi« Rohr – Goals in International Matches
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 7. März 1932
- Darmstädter Tagblatt, 26. September 1932
- Darmstädter Tagblatt, 2. Januar 1933
- Darmstädter Tagblatt, 20. März 1933