Willi Lindner – 40 Minuten Nationalelf und das Urteil »besser als Hofmann«

Vierzig Minuten Nationalelf, mehr bekam Willi Lindner nicht. Am 19. März 1933 stand der Frankfurter im Berliner Grunewaldstadion als Halblinker in der deutschen Mannschaft, legte das 1:1 vor und musste kurz vor der Pause vom Platz, weil das Publikum nach Richard Hofmann rief. Das Darmstädter Tagblatt fand die Maßnahme falsch. Genützt hat ihm das Lob nichts: Lindner blieb bei einem Länderspiel.

Willi Lindners Laufbahn · von Niederrad über Eintracht Frankfurt bis 1943/44
Willi Lindners Laufbahn · von Niederrad über Eintracht Frankfurt bis 1943/44

»Denn Lindner war besser als Hofmann; von ihm sah man wenigstens gute Schüsse.«

— Darmstädter Tagblatt, 20. März 1933, S. 5, zum Länderspiel gegen Frankreich

Ein Frankfurter mit Umwegen

Willi Lindner wird am 27. Juni 1910 in Frankfurt am Main geboren. Das Eintracht-Archiv nennt ihn Willi Alfred und den Spitznamen »Etsche«. Er beginnt 1921 bei Union Niederrad und wechselt 1928 zu Rot-Weiss Frankfurt. Von 1931 bis September 1932 spielt er für Tennis Borussia Berlin, dann holt ihn Eintracht Frankfurt zurück in die Heimatstadt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn einen Linksaußen und Reichsbahnangestellten. In der Länderspielaufstellung steht er auf dem halblinken Posten, so schreibt es auch das Tagblatt. Beide Angaben passen zu einem Angreifer der linken Seite.

Ein Frühjahr 1933

In seiner ersten Eintracht-Saison bestreitet Lindner nach der Wikipedia und dem Eintracht-Archiv 15 Spiele in der süddeutschen Meisterschaft und schießt dabei 11 Tore. Dazu kommen nach der Wikipedia drei Spiele mit drei Toren in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft.

Im März 1933 wird daraus die Einladung zur Nationalelf. Am Sonntag, 12. März, spielt in Mannheim eine süddeutsche Auswahl gegen Südwestfrankreich, vor 10.000 Zuschauern und bei idealem Wetter. Es ist die Revanche für ein 3:4 im Vorjahr in Bordeaux, und sie gelingt: 10:0. Lindner schießt nach dem Tagblatt vom 13. März vier Tore, das erste in der 30. Minute, dazu einen Strafstoß, den die Zeitung eine »unheimlich scharf geschossene 30-Meter-Bombe« nennt. Mit dem Wormatia-Stürmer Josef Fath bildet er den linken Flügel, und genau der, so das Tagblatt, »könnte sich auch in der Nationalelf sehen lassen«. Danach nominiert der Spielausschuss des DFB die Elf für Berlin. Lindner steht darin, Richard Hofmann vom Dresdner SC nur auf der Ersatzliste.

Der große Tag: Berlin, 19. März 1933

Der Sonntag in Berlin beginnt mit Sonne, nach der Pause kommt Regen. Das DFB-Datencenter nennt 55.000 Zuschauer, das Tagblatt 45.000. Gegner ist Frankreich, das zwei Jahre zuvor in Paris 1:0 gewonnen hatte. Reichstrainer Otto Nerz setzt neben Lindner auf Hans Jakob im Tor, Sigmund Haringer und Josef Wendl in der Abwehr, Rudolf Gramlich, Heinrich Hergert und Hugo Mantel in der Läuferreihe. Im Angriff spielen Erich Fischer aus Pforzheim, Ludwig Lachner, Oskar Rohr und Stanislaus Kobierski. Gramlich und Mantel sind Lindners Vereinskameraden von der Eintracht. Die Eintracht tritt am selben Sonntag mit Ersatz für Mantel, Gramlich, Lindner und August Möbs an und schlägt die Stuttgarter Kickers trotzdem 4:0.

In Berlin fallen die Franzosen zuerst auf. In der 22. Minute trifft Roger Rio nach einem Konter, Jakob hätte den Schuss halten müssen. Dann kommt Lindner. In der 28. Minute gleicht Rohr aus, nach dem Tagblatt auf Vorlage des Frankfurters. Wenig später muss Lindner raus. Hofmann kommt, nach dem DFB-Datencenter in der 40. Minute, und das Tagblatt schreibt, der Bundes-Spielausschuss habe sich dazu von Zurufen aus dem Publikum bewegen lassen. Die Wikipedia nennt dagegen Nerz als den, der dem Publikum nachgab. Zwei Quellen, zwei Entscheider: Die Zeitung von 1933 schreibt dem Ausschuss die Entscheidung zu.

Deutschland – Frankreich 3:3 · Lindner legt das 1:1 vor und geht in der 40. Minute
Deutschland – Frankreich 3:3 · Lindner legt das 1:1 vor und geht in der 40. Minute

Die Auswechslung hat Folgen, wenn auch nicht die erhofften. In der 45. Minute köpft Rohr nach Vorarbeit des gerade eingetretenen Hofmann das 2:1, in der 65. Minute trifft Lachner mit einem Rückzieher zum 3:1. Dann kippt das Spiel: René Gérard erzielt in der 81. und in der 83. Minute das 3:2 und das 3:3. Das Tagblatt macht dafür vor allem die Abwehr verantwortlich und urteilt über den Wechsel, er habe keinen Erfolg gebracht. Hofmann blieb ohne Tor und bestritt dort sein letztes Länderspiel.

Danach

Nach dem 3:3 ruft der DFB Lindner nicht mehr. Die Quellen nennen keinen Grund. Bei der Eintracht geht es weiter: In der deutschen Endrunde besiegt die Mannschaft am 7. Mai 1933 den Hamburger SV 4:1 und am 21. Mai Hindenburg Allenstein 12:2, scheitert dann aber am 28. Mai im Halbfinale in Berlin mit 0:4 an Fortuna Düsseldorf, dem späteren Meister. In der Saison 1933/34 trifft Lindner nach dem Eintracht-Archiv in 20 Meisterschaftsspielen 18-mal.

Im Februar 1935 endet sein erster Abschnitt bei der Eintracht. Nach dem Eintracht-Archiv spielt er ab März für TuRa Leipzig, ab September für den SV Klettendorf und ab Februar 1936 wieder für Reichsbahn-Rot-Weiss in Frankfurt. 1938 kehrt er zur Eintracht zurück. Im Juli 1941 betreut er sie als ehrenamtlicher Trainer. Insgesamt kommt er nach dem Eintracht-Archiv auf 53 Meisterschaftsspiele und 27 Tore für den Verein.

Lindner stirbt im Krieg. Die Wikipedia schreibt, er sei am 5. März 1944 an der Ostfront gefallen. Das Eintracht-Archiv gibt den 29. November 1943 an und beruft sich auf »Kicker-Fußball« vom 25. Januar 1944. Weil die Nachricht nach dieser Angabe schon im Januar 1944 gedruckt wurde, spricht einiges für das frühere Datum. Entscheiden lässt es sich mit den benutzten Quellen nicht.

Willi Lindner auf einen Blick

Geboren: 27.6.1910 in Frankfurt am Main
Gestorben: 29.11.1943 (Eintracht-Archiv) oder 5.3.1944 (Wikipedia), im Krieg
Vereine: Union Niederrad (1921–1928), Rot-Weiss Frankfurt (1928–1931), Tennis Borussia Berlin (1931/32), Eintracht Frankfurt (1932–1935, 1938–1943), TuRa Leipzig und SV Klettendorf (1935), Reichsbahn-Rot-Weiss Frankfurt (1936–1938)
Position: Halblinker, laut Lexikon 1939 Linksaußen
Beruf: Reichsbahnangestellter (Lexikon 1939)
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Unentschieden), kein Tor (1933)

Länderspiele

Weitere Länderspiele gibt es nach der RSSSF-Liste, dem Lexikon von 1939 und der Wikipedia nicht, auch keines nach April 1934.

Quellen