Hugo Mantel – der Läufer der Frankfurter Eintracht

In der 29. Minute musste Georg Knöpfle im Frankfurter Waldstadion verletzt vom Platz, und für ihn kam ein Mann von der Eintracht ins Spiel: Hugo Mantel. Es war der 2. März 1930, mehr als 45.000 Zuschauer sahen Deutschland gegen Italien, und auf der anderen Seite wartete Mumo Orsi, den das Tagblatt einen »als äußerst gefährlich gepriesenen« Linksaußen nannte. Mantel hatte keine Zeit zum Eingewöhnen. Sein erstes und bisher einziges Länderspiel lag zweieinhalb Jahre zurück.

Hugo Mantels Laufbahn · von Bövinghausen über Dresden und Frankfurt bis zum Kriegstod, 1925–1942
Hugo Mantels Laufbahn · von Bövinghausen über Dresden und Frankfurt bis zum Kriegstod, 1925–1942

»Auch die deutsche Läuferreihe war bis auf Mantel schwach.«

— Schiedsrichter Paul Ruoff nach dem 0:2 gegen Italien, Darmstädter Tagblatt, 3. März 1930

Vom Ruhrgebiet nach Dresden

Hugo Mantel wird am 14. Mai 1907 in Bövinghausen bei Dortmund geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn einen Kaufmann und setzt ihn auf den linken Läuferposten. Nach der Wikipedia führt der Weg über den TuS Bövinghausen und den TuS Duisburg 99 im Jahr 1925 nach Sachsen zum Dresdner SC. Dort wird er sofort Teil einer Mannschaft, die etwas gewinnt: Am 25. April 1926 schlägt der DSC im mitteldeutschen Endspiel Fortuna Leipzig 3:0. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft ist im Mai gegen den Breslauer SC 08 mit 0:1 Schluss. Das DFB-Datencenter führt Mantel in diesem Spiel am 16. Mai 1926.

Zwölf Nationalspieler zählt das Lexikon 1939 beim DSC auf, darunter Arno Neumann, Richard Hofmann und Mantel. Mantel spielte, schreibt die Wikipedia, zumeist als Außenläufer, ein Techniker mit gutem Stellungsspiel. Am 6. März 1927 gehörte er mit Eduard Pendorf und Rudolf Berthold der Läuferreihe der mitteldeutschen Auswahl an, die im Bundespokal in Altona Norddeutschland 1:0 schlug. Am 2. Oktober 1927 wurde er in Kopenhagen zum ersten Mal Nationalspieler. Am 4. März 1928 gewann er mit dem DSC das Pokalfinale gegen Guts Muts Dresden 2:1, knapp sieben Wochen später verlor er das Endspiel um die mitteldeutsche Meisterschaft 0:1 gegen den Halleschen FC Wacker.

Frankfurt: die Eintracht der frühen Dreißiger

Zur Runde 1928/29 wechselte er zur Eintracht nach Frankfurt, gleichzeitig mit dem jungen Trainer Paul Oßwald. Die Wikipedia zählt in den Jahren 1929 bis 1932 vier Meisterschaften der Bezirksliga Main und zwei süddeutsche Titel auf, 1930 und 1932. Der Höhepunkt kam im Mai und Juni 1932: Im Halbfinale der Endrunde schlug die Eintracht am 29. Mai in Dresden den FC Schalke 04 mit 2:1, im Endspiel am 12. Juni in Nürnberg unterlag sie dem FC Bayern München 0:2. Mit Mantel standen unter anderem Rudolf Gramlich und Franz Schütz auf dem Platz. Ein Jahr später war im Halbfinale Schluss, am 28. Mai 1933 in Berlin mit 0:4 gegen Fortuna Düsseldorf. Nach der Wikipedia bestritt Mantel von 1928 bis 1936 für die Eintracht 110 Rundenspiele, 58 Spiele um die süddeutsche Meisterschaft, elf Endrundenspiele und vier im Tschammer-Pokal. Das DFB-Datencenter stimmt bei den Endrundenspielen überein: elf, sieben davon gewonnen. Das Eintracht-Archiv, das die Einsätze Saison für Saison auflistet, kommt auf 110 Meisterschaftsspiele mit drei Toren, 60 Spiele um die süddeutsche Meisterschaft (die Wikipedia nennt 58) und elf Endrundenspiele, verteilt auf 1929/30 (zwei), 1930/31 (zwei), 1931/32 (vier) und 1932/33 (drei). Sein erstes Eintracht-Jahr 1928/29 brachte ihm 15 Rundenspiele, sein Spitzenjahr in der Bezirksliga war 1932/33 mit 16 Spielen und einem Tor. Auch in seiner zweiten Frankfurter Zeit, 1934/35 bis 1936/37, standen 11, 16 und 11 Einsätze zu Buche, dazu je ein Tor 1935/36 und 1936/37.

Die Wikipedia beschreibt seine Spielweise als geprägt von Flach- und Kurzpässen. Sie verträgt sich mit den Urteilen der Presse. Das Tagblatt schrieb nach dem 3:3 gegen Frankreich im März 1933 über die beiden Frankfurter Außenläufer Gramlich und Mantel, sie bestächen durch technisch gutes Spiel und gute Unterstützung des Angriffs. Mantels Spiel sei aber nicht so zweckmäßig gewesen wie das seines Klubkameraden.

Fünf Länderspiele, kein Sieg

Debütiert hat Mantel am 2. Oktober 1927 in Kopenhagen, beim 1:3 gegen Dänemark mit neun Debütanten, zusammen mit dem Berliner Verteidiger Hans Brunke. Dann kam zweieinhalb Jahre lang kein Länderspiel mehr für ihn.

Auf Italien folgte am 10. Mai 1930 das 3:3 gegen England in Berlin, das erste Spiel gegen die A-Auswahl des Mutterlandes. Alle drei deutschen Tore schoss Richard Hofmann. Hinter ihm arbeitete eine Läuferreihe, von der das Tagblatt schrieb, sie habe mit Heidkamp, Leinberger und Mantel »ein Gesamtlob« verdient: »Sie arbeiteten unermüdlich.« Am 7. September 1930 spielte er in Kopenhagen wieder, es war das 3:6 gegen Dänemark bei Sturm und Regen. Das Tagblatt fand: »Nur Mantel gefiel noch einigermaßen.« Am selben Sonntag trat die Eintracht bei Fechenheim 03 zum Punktspiel an, obwohl sie, wie dieselbe Zeitung vermerkte, in Mantel und Stubb zwei Spieler an die Nationalelf abgegeben hatte, und gewann 4:0.

Das letzte Spiel folgte am 19. März 1933 im Berliner Stadion, ein 3:3 gegen Frankreich. Deutschland führte 3:1, dann trafen die Franzosen in der 81. und 83. Minute. Das Tagblatt machte vor allem die Abwehr verantwortlich. Beim 8:1 gegen Belgien im Oktober stand von den Berliner Spielern nach der Berichtsseite nur noch Stanislaus Kobierski in der Elf. Vom ersten bis zum letzten Länderspiel waren fast fünfeinhalb Jahre vergangen.

Der große Tag: Frankfurt, 2. März 1930

Die Italiener waren zehn Monate nach dem deutschen 2:1 in Turin wiedergekommen, das Tagblatt überschrieb sein Spiel mit »Die Revanche für Turin«. Schon lange vor dem Anpfiff um 15 Uhr war das Waldstadion voll, Schiedsrichter war der Schweizer Paul Ruoff. Für Heiner Stuhlfauth war es das 21. und letzte Länderspiel. In der ersten Halbzeit sah das Blatt Deutschland leicht im Vorteil. In der 24. Minute schoss Orsi einen Elfmeter, den Hans Hagen mit der Hand verschuldet hatte, meterhoch über das Tor. In der 29. Minute musste Georg Knöpfle aufgeben, Mantel kam.

Er hatte es nicht leicht. Das Tagblatt berichtet, Orsi sei wieder und wieder angespielt worden, doch Mantel sei schnell im Bilde gewesen und habe ihn gehalten. Später wurde das Spiel schwerer: Nach acht Minuten der zweiten Halbzeit ging Italien in Führung, der DFB nennt die 53. Minute und Adolfo Baloncieri als Torschützen, das Tagblatt einen Kopfball Magnozzis. In der 30. Minute der zweiten Hälfte (DFB: 75.) täuschte Orsi dann Mantel, spielte steil zu Giuseppe Meazza, und Meazza schoss das 2:0. Das Tagblatt nannte es einen »verdienten Sieg der Italiener« und zählte zu den Überraschungen Fritz Szepan und Mantel.

Deutschland – Italien 0:2 in Frankfurt · Mantel ersetzt in der 29. Minute den verletzten Knöpfle
Deutschland – Italien 0:2 in Frankfurt · Mantel ersetzt in der 29. Minute den verletzten Knöpfle

Die Stimmen nach dem Spiel gingen in dieselbe Richtung. Ruoff sagte, die Läuferreihe sei bis auf Mantel schwach gewesen. Ein Dr. P. Bauwens, den das Tagblatt ebenfalls befragte, nannte Mantel den besten Mann in der Halbreihe. Am Ergebnis änderte das nichts. Zwei Monate später stand Mantel gegen England in der Startelf.

Mailand und die späten Jahre

Im Februar 1934 zog Mantel nach Mailand, um eine pharmazeutische Vertretung zu übernehmen. Ambrosiana, der Vorgänger von Inter, warb um ihn, bekam für ihn als »Nicht-Italiener« aber keine Spielgenehmigung. Zehn Monate später war er wieder in Frankfurt und spielte ab Dezember 1934 erneut für die Eintracht. In seiner letzten Saison, 1936/37, wurde sie in der Gauliga Südwest hinter Wormatia Worms Vizemeister. Ab 1938 war er Spielertrainer beim VfL Germania 1894 Frankfurt, bei dem ihn das Lexikon 1939 schon als Spieler führt. Das Eintracht-Archiv nennt dagegen 1937 als Beginn der Zeit bei Germania 94.

Hugo Mantel starb im Krieg. Nach der deutschen Wikipedia wurde er im Januar 1942 an der Ostfront schwer verwundet und starb wenig später in einem Lazarett an Fleckfieber, am 3. Februar 1942. Die englische Wikipedia nennt unter Berufung auf die Kriegsgräberfürsorge den 11. Februar 1942 und Berdytschiw in der Ukraine als Sterbeort. Dort habe er als Gefreiter der Wehrmacht gedient. Einen zeitgenössischen Nachruf überliefert das Eintracht-Archiv, die Warschauer Zeitung vom 15. Februar 1942, Meldung aus Berlin: Der deutsche Fußballsport beklage den Tod eines seiner besten Spieler. Im Alter von nur 35 Jahren sei der frühere Nationalspieler Hugo Mantel »im Osten an den Folgen einer schweren Krankheit« gestorben. Im Rheinland geboren, habe er seine ersten sportlichen Sporen beim Essener Turnerbund Schwarz-Weiß verdient, dann beim Dresdner SC und später bei der Frankfurter Eintracht gespielt, wo er »als einer der technisch besten Spieler« gegolten habe. Er habe zwischen 1927 und 1933 an fünf Länderspielen teilgenommen, darunter in Frankfurt gegen Italien und in Berlin gegen England. Das Blatt passt zu den späteren Angaben nur teilweise: Es nennt ihn 35 Jahre alt, er wäre im Mai 34 geworden, und lässt ihn im Rheinland geboren sein statt im westfälischen Bövinghausen. Der Essener Turnerbund taucht in den heutigen Vereinsangaben nicht auf, dort stehen TuS Bövinghausen, TSV Duisburg 1899 und Rheinhausen. Das Datum des Nachrufs bestätigt zumindest, dass er Mitte Februar 1942 bereits tot war, ob am 3. oder am 11. Februar, kann es nicht entscheiden. Auch beim Geburtstag weichen die Angaben ab: den 14. Mai 1907 nennen das DFB-Datencenter, die deutsche Wikipedia und das Lexikon 1939, die englische Wikipedia den 4. Mai.

Hugo Mantel auf einen Blick

Geboren: 14.5.1907 in Bövinghausen bei Dortmund (englische Wikipedia: 4.5.1907)
Gestorben: Februar 1942 im Krieg (3.2. nach deutscher, 11.2.1942 in Berdytschiw nach englischer Wikipedia)
Vereine: TuS Bövinghausen, TuS Duisburg 99, Dresdner SC (1925–1928), Eintracht Frankfurt (1928–1934 und von Dezember 1934 bis 1937), Germania 94 Frankfurt (ab 1938, Spielertrainer)
Position: Linker Läufer (Außenläufer)
Beruf: Kaufmann (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 5 Länderspiele (2 Unentschieden, 3 Niederlagen), keine Tore (1927–1933)
Endrunde um die deutsche Meisterschaft: 12 Spiele (DSC 1926, Eintracht 1930–1933)
Titel: Mitteldeutscher Meister 1926 und Sieger im Pokalfinale gegen Guts Muts Dresden 1928 (Dresdner SC); Süddeutscher Meister 1930 und 1932, Deutscher Vizemeister 1932 (Eintracht Frankfurt)

Länderspiele

Quellen