Rudolf Berthold – ein Dresdner Läufer in Bern

Sechs Wochen vor dem olympischen Turnier probiert Reichstrainer Otto Nerz in Bern seine Läuferreihe aus. Am 15. April 1928 stehen dort neben Georg Knöpfle und Ludwig Leinberger ein Mann aus Dresden: Rudolf Berthold. Er spielt gut, so steht es im Tagblatt. Und er wird nie wieder aufgestellt.

Rudolf Bertholds Laufbahn · Dresdner SC, Länderspiel in Bern, Berlin und Trainer, 1903–1976
Rudolf Bertholds Laufbahn · Dresdner SC, Länderspiel in Bern, Berlin und Trainer, 1903–1976

»In der deutschen Mannschaft waren gerade die Leute, von denen man ein Versagen befürchtet hatte, sehr gut.«

— Darmstädter Tagblatt, 16. April 1928 (Presseurteil nach dem Länderspiel in Bern)

Ein Dresdner aus Oschatz

Rudolf Berthold kommt am 1. April 1903 zur Welt. Die Wikipedia nennt als Geburtsort Oschatz, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 als Heimatort Dresden. Er stirbt am 28. Dezember 1976, einen Ort nennen die Quellen nicht. Das Lexikon führt ihn als »Läufer und Halbstürmer« und als Versicherungsagenten.

Nach der Wikipedia, die sich auf Fritz Tauber stützt, spielt er von 1913 bis 1934 beim Dresdner SC, im Seniorenbereich seit der Saison 1922/23, als linker und rechter Außenläufer. Schon im Oktober und November 1923 steht er mit 20 Jahren in der Auswahl des Verbands Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine im Bundespokal. Bis 1931 kommt er auf 13 Einsätze in dieser Auswahl. Dreimal erreicht er das Finale, 1925, 1927 und 1931, gewonnen hat er es nur einmal: am 6. März 1927 in Altona, 1:0 gegen Norddeutschland. In der Läuferreihe spielen mit ihm Hugo Mantel und der Leipziger Eduard Pendorf, im norddeutschen Tor steht Hans Wentorf, dem er ein gutes Jahr später im Nationaltrikot wiederbegegnet.

Mit dem DSC gewinnt er nach der Wikipedia fünf Mal die Mitteldeutsche Meisterschaft (1926, 1929, 1930, 1931 und 1933), 1928 und 1933 den mitteldeutschen Pokal und 1934 die erste Meisterschaft der Gauliga Sachsen. Sein erstes Endrundenspiel um die Deutsche Meisterschaft bestreitet er am 16. Mai 1926 mit 23 Jahren, eine 0:1-Niederlage gegen den Breslauer SC 08.

Der große Tag: Bern, 15. April 1928

Nerz nutzt die Länderspielpause, um möglichst viele Spieler für sein System zu erproben, so beschreibt es Dietrich Schulze-Marmeling. Das Tagblatt spricht vor dem Spiel von Befürchtungen. Deutschland tritt im Stadion Neufeld mit der vorgesehenen Elf an, ersetzt wird während des Spiels niemand. Die Deutschen beherrschen die Deutschen mit »flachem, planvollem Spiel«, während die Schweizer halbhoch arbeiten. Richard Hofmann trifft in der 18. Minute zum 0:1, kurz nach der Pause fällt das zweite Tor, und Ernst Albrecht läuft später allein durch und macht das 3:0. Dann drehen die Schweizer in den Schlussminuten auf und verkürzen auf 2:3. Wer das zweite deutsche Tor schoss, ist strittig: der DFB nennt Josef Pöttinger, das Tagblatt Josef Hornauer.

Schweiz – Deutschland 2:3 · Berthold in der Läuferreihe neben Knöpfle und Leinberger
Schweiz – Deutschland 2:3 · Berthold in der Läuferreihe neben Knöpfle und Leinberger

Berthold steht in der Läuferreihe, zu der nach der Wikipedia auch die ebenfalls debütierenden Knöpfle und der erfahrenere Leinberger gehören. Das Tagblatt urteilt nach dem Spiel: »In der deutschen Mannschaft waren gerade die Leute, von denen man ein Versagen befürchtet hatte, sehr gut.« Es nennt Hornauer, den Düsseldorfer Albrecht »und den Dresdener Berthold«, sie alle hätten »ein technisch reifes Spiel mit voller Hingabe ihres Könnens und ihrer Kraft« geliefert. Leinberger, schreibt die Zeitung, sei zwar kein Mittelläufer großen Formats und werde in Technik und Ideenreichtum von seinen Nebenleuten übertroffen, arbeite aber in der Zerstörung mit letzter Hingabe. Mit den Nebenleuten sind wohl die beiden Außenläufer gemeint, also Knöpfle und Berthold.

Es ist sein einziges Länderspiel. Zum Olympiakader gehörte er nach der Aufgebotsliste nicht, und im Länderspielprogramm taucht sein Name danach nicht mehr auf. Warum, geben die Quellen nicht her.

Hogan, Halbfinale, Abschied

Am 8. Juli 1928 spielt der DSC als mitteldeutscher Pokalsieger in München gegen den süddeutschen Qualifikanten Wacker München. Es wird das einzige Endrundenspiel des DSC in dieser Saison, nach der Verlängerung heißt es 0:1. Berthold bestreitet nach den DFB-Daten in dieser Endrunde genau ein Spiel, es kann nur dieses sein. Auf der Gegenseite spielt Josef Weber, der im November 1927 sein einziges Länderspiel bestritten hatte.

Am Ende der 1920er Jahre trainiert der Engländer Jimmy Hogan den DSC, nach der Vereinsliste der Wikipedia von 1928 bis 1932. Der Klub erreicht 1930 das Halbfinale und verliert am 15. Juni in Duisburg 0:2 gegen Holstein Kiel. Zu seinen Mitspielern zählen Georg Köhler und Richard Hofmann, später auch Willibald Kreß. Mit 30 Jahren ist Berthold noch einmal bei der Endrunde 1933/34 dabei und bestreitet alle sechs Spiele. Das letzte Gruppenspiel gegen den 1. FC Nürnberg im Ostragehege am 13. Mai 1934 geht vor 46.000 Zuschauern verloren, damit scheidet der DSC wegen des schlechteren Torverhältnisses aus. Es ist die letzte Endrunde seiner Dresdner Zeit.

Berlin und Trainer

Aus beruflichen Gründen geht er 1934 für zwei Jahre als Versicherungsvermittler der Allianz nach Berlin und spielt dort für den Betriebssportverein Allianz Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt er nach Dresden zurück, betreut mehrere unterklassige Vereine und trainiert nach der Wikipedia ab Oktober 1952 in der DDR-Oberliga Rotation Dresden.

Zum 1. Mai 1933 trat er nach Angaben der Wikipedia, die sich auf das Bundesarchiv und einen Zeit-Artikel von Armin Jäger vom 24. Juli 2024 stützt, der NSDAP bei.

Rudolf Berthold auf einen Blick

Geboren: 1.4.1903 in Oschatz (Wikipedia; Lexikon 1939: Heimatort Dresden)
Gestorben: 28.12.1976 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Dresdner SC (1913–1934), SV Allianz Berlin (1934–1936)
Position: Außenläufer, auch Halbstürmer
Beruf: Versicherungsagent (Lexikon 1939)
Erfolge: Mitteldeutscher Meister 1926, 1929, 1930, 1931, 1933; mitteldeutscher Pokalsieger 1928 und 1933; Meister der Gauliga Sachsen 1934; Bundespokalsieger 1927
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), keine Tore (1928); 15 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft (1926–1934)

Länderspiele

Spiele nach April 1934 sind nicht bekannt, RSSSF, DFB-Datencenter und das Lexikon von 1939 führen nur dieses eine.

Quellen