Karl Schlösser – ein Dresdner schiebt in Amsterdam ein
Amsterdam, 26. April 1931, die 73. Minute. Im Olympiastadion liegt die deutsche Elf seit gut 40 Minuten 0:1 zurück, 32.000 Zuschauer sind da, rund 6.000 davon aus Deutschland. Dann kommt ein Angriff über die linke Seite, ein Schuss oder ein Querpass, die Zeitungen erzählen es verschieden, und der Ball landet bei einem Stürmer im weißen Hemd mit gesticktem Adler: Karl Schlösser, 19 Jahre alt, Dresdner SC. Er schiebt ihn ins Tor. Es war sein erstes Länderspiel, sein einziges, und sein einziges Tor.
»Müller spielte sich auf dem linken Flügel durch und schoß. Sein Schuß wurde zwar abgewehrt, aber Schlösser nahm den Ball wieder auf und jagte ihn placiert und mit Wucht zwischen die Pfosten.«
Ein Dresdner beim DSC
Karl Schlösser wird am 29. Januar 1912 geboren, so führen es das DFB-Datencenter, die Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 übereinstimmend. Das Lexikon nennt Dresden als Heimatort und den Beruf: kaufmännischer Vertreter. Einen Geburtsort nennen die anderen Quellen nicht. Auch als Sterbejahr gibt die Wikipedia nur 1982 an, ohne Monat und Ort.
Sportlich gehört er von 1929 an dem Dresdner SC. Das DFB-Datencenter führt ihn dort ab 1. Juli 1929, die Wikipedia nennt die Zeit bis 1939, das Datencenter bis 1938. Das Lexikon gibt als Stammposten Mittelstürmer und Rechtsaußen an. Es ist die Zeit, in der der DSC im Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine nahezu unschlagbar ist. Die Wikipedia zählt für Schlösser Gaumeisterschaften in Ostsachsen von 1930 bis 1933, dazu mitteldeutsche Meistertitel 1930, 1931 und 1933. In der Gauliga Ostsachsen 1930/31 gewinnt der DSC 16 von 18 Spielen bei 89:16 Toren.
Schon mit 18 steht er in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Das Datencenter führt ihn 1930 in drei Spielen: dem 8:1 in Halle gegen den VfB Königsberg am 18. Mai, dem 5:4 nach Verlängerung gegen die SpVgg Fürth am 1. Juni in Dresden und dem 0:2 gegen Holstein Kiel am 15. Juni in Duisburg, dem Halbfinale.
## Drei Dresdner im Sturm
Am 20. April 1931 meldet das »Darmstädter Tagblatt« die Elf, mit der der DFB in Amsterdam antreten will. Im Sturm stehen Ernst Albrecht aus Düsseldorf und Ludwig Lachner aus München, dann folgt eine Zeile, die auffällt: »Schlösser, R. Hofmann, Müller alle Dresdener S.C.« Drei Vereinskameraden bilden also die Sturmmitte und den linken Flügel, Richard Hofmann ist der bekannteste von ihnen, der dritte ist nach der DFB-Aufstellung Friedrich Müller. Nach der Reihenfolge der Zeitung spielt Schlösser im Sturmzentrum, Hofmann links neben ihm. Das passt zum Lexikon von 1939, das ihn als Mittelstürmer und Rechtsaußen führt.
Die Erwartungen sind gering. Das Tagblatt spricht nach dem Spiel von der »schwachen deutschen Mannschaftsaufstellung« und davon, dass von der »auf verschiedenen Posten recht schwach gestellten Mannschaft« ein so günstiges Ergebnis gar nicht erwartet worden sei.
Der große Tag: Amsterdam, 26. April 1931
Das DFB-Datencenter zählt 32.000 Zuschauer, die niederländische »Nieuwe Tilburgsche Courant« »ruim 31.000«, und nach dem Tagblatt sind 6.000 deutsche Schlachtenbummler dabei. Der Schwede Axel Bergqvist pfeift. Den ganzen Spielverlauf mit Aufstellungen und beiden Pressestimmen erzählt der Spielbericht; hier geht es um Schlösser.
Er beginnt auffällig. Das Tagblatt erwähnt in der ersten Halbzeit einen Lattenschuss von ihm. Dann fällt um die 30. Minute das 0:1 (DFB: 29., Tagblatt: 30. oder 31.): Wim Tap findet in einem Gedränge eine Lücke. Dass es nicht mehr Tore werden, liegt am Frankfurter Torwart Willibald Kreß: Mit einem anderen Torwart, schreibt das Tagblatt, hätte Deutschland »die Partie sicher glatt verloren«. In der zweiten Halbzeit drängt die deutsche Elf, ist aber vor dem Tor nach dem Tagblatt »zu unsicher«.
Dann kommt der Ausgleich. Wie er entsteht, beschreiben die Quellen verschieden. Die niederländische Zeitung erzählt es so: Nach einem Vorstoß über die linke Seite will Hofmann schießen, der Torwart läuft heraus, Hofmann spielt quer, und Schlösser schießt in das verlassene Tor. Das Tagblatt dagegen schreibt, Müller sei auf dem linken Flügel durchgekommen und habe geschossen, der Schuss sei abgewehrt worden, und Schlösser habe den Ball wieder aufgenommen und »mit Wucht« zwischen die Pfosten gejagt. Wer den letzten Pass oder Schuss lieferte, bleibt also offen. Dass der Ball bei Schlösser endete, sagen alle Quellen. Das DFB-Datencenter nennt die 73. Minute, das Tagblatt die 28. der zweiten Halbzeit, das passt dazu. Die Wikipedia nennt dagegen die 49. Minute.
Zwei Minuten später, so das Tagblatt, trifft Lachner nach Vorarbeit von Schlösser und Albrecht noch einmal, aber der Schiedsrichter erkennt auf Abseits. Die Entscheidung nennt das Blatt »sehr zweifelhaft«, und auch die niederländischen Zeitungen, die es zitiert, halten sie für falsch. Gegen Schluss vergibt Schlösser noch selbst eine sichere Chance. Es bleibt beim 1:1. Das Tagblatt zieht am nächsten Tag ein vorsichtiges Fazit: Die Mannschaft habe »nicht enttäuscht«, nur im Sturm habe es gehapert, wo die rechte Seite schwach gewesen sei und »eigentlich nur Richard Hofmann genügte«. Ein ausdrückliches Urteil über Schlösser enthalten die beiden Tagblatt-Artikel nicht.
Nach Amsterdam
Weitere Länderspiele folgen nicht. Nach den Quellen, die hier vorliegen, gibt es dafür keine Begründung. Beim DSC geht es weiter, und zwar erst einmal mit ihm. In der Endrunde 1931 schlägt der DSC am 10. Mai den VfB Königsberg in Königsberg 8:1 und scheitert eine Woche später im Viertelfinale vor heimischem Publikum 3:4 an Holstein Kiel, nach einer 3:1-Halbzeitführung. Das Datencenter führt Schlösser in beiden Spielen. 1933 spielt er in der Endrunde gegen Arminia Hannover, die Dresdner verlieren am 7. Mai 1933 nach Verlängerung 1:2.
Mit der Gauliga Sachsen wird der DSC 1934 Meister und in der Endrunde Zweiter seiner Gruppe hinter dem 1. FC Nürnberg, das 0:1 gegen die Nürnberger am 13. Mai 1934 in Dresden ist Schlössers letztes Endrundenspiel im Datencenter. Im Tschammerpokal sieht ihn die Wikipedia nur zweimal: am 5. Dezember 1937 beim 2:5 gegen Fortuna Düsseldorf im Halbfinale und am 9. Oktober 1938 beim 0:3 gegen 1860 München im Achtelfinale. Später spielt er noch für den Planitzer SC, den auch das Lexikon von 1939 als zweiten Verein nennt.
Nach dem Krieg wird er Trainer. Die Wikipedia nennt Union Ohligs und den VfL Oldenburg, dort bis zum November 1949, dann wieder von 1952 bis 1954 in der niedersächsischen Amateuroberliga. Sie stützt sich auf einen Bericht der »Nordwest-Zeitung« vom 14. November 1949: »Nationalspieler Schlösser ging«. Er stirbt 1982.
Karl Schlösser – und die anderen
Wer »Karl Schlösser« sucht, findet bei der Wikipedia eine Begriffsklärung mit fünf Namensträgern: einen Politiker (1747–1822), einen Augenarzt (1857–1925), einen Politiker der SPD, USPD und KPD (1878–1954), einen Maler (1934–2018) und den Fußballer. Gemeint ist hier der Fußballer, 1912 geboren. Im Spielbericht, im DFB-Datencenter und im Lexikon von 1939 steht durchgehend die Schreibweise mit K. Eine Variante »Carl« begegnet in den benutzten Quellen nicht, auch keine Schreibweise ohne Umlaut.
Karl Schlösser auf einen Blick
Geboren: 29.1.1912 (Heimatort Dresden laut Lexikon 1939)
Gestorben: 1982 (nach der Wikipedia, Monat und Ort nicht genannt)
Vereine: Dresdner SC (1929–1938/39), Planitzer SC
Position: Mittelstürmer, Rechtsaußen
Beruf: kaufmännischer Vertreter (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Unentschieden), 1 Tor (1931)
Erfolge: Mitteldeutscher Meister 1930, 1931 und 1933, Gaumeister Sachsen 1934 (nach der Wikipedia), Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 1930
Als Trainer: Union Ohligs, VfL Oldenburg (bis 1949, 1952–1954)
Länderspiele
- 26.04.1931 Niederlande – Deutschland 1:1 – Debüt, Tor zum 1:1 (73.)
Quellen
- Wikipedia: Karl Schlösser (Fußballspieler)
- Wikipedia: Karl Schlösser (Begriffsklärung)
- Wikipedia (en): Karl Schlösser
- DFB-Datencenter: Karl Schlösser, Spielerprofil
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1930/31
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1932/33
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1930/31
- Wikipedia: Tschammerpokal 1937
- Wikipedia: Tschammerpokal 1938
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 20. April 1931
- Darmstädter Tagblatt, 27. April 1931
- Darmstädter Tagblatt, 29. April 1931