Kurt Stössel – ein Hamburger im Dresdner Trikot und der Läufer von Amsterdam
Am 20. April 1931 steht Kurt Stössels Name nicht in der Zeitung. Das »Darmstädter Tagblatt« meldet die Elf, mit der der DFB gegen die Niederlande antreten will, in der Läuferreihe Kauer, Münzenberg und Knöpfle. Sechs Tage später, am 26. April, spielt in Amsterdam ein anderer Dresdner Läufer: Kurt Stössel. Es war sein erstes und sein einziges Länderspiel.
»Sehr nett spielte die Läuferreihe, deren bester Mann der unermüdliche Schaffer Knöpfle war …«
Vom Elbkreis nach Dresden
Kurt Stössel wird am 26. Dezember 1907 geboren. Die Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennen Hamburg, das Archiv des Dresdner SC nennt genauer Stellingen und den vollen Namen Kurt Hermann Heinrich. Die Schreibweise schwankt: Das Lexikon und die Wikipedia schreiben »Stössel«, das DSC-Archiv »Stößel«, das DFB-Datencenter »Stossel«.
Fußball spielt er zunächst in Altona. Nach der Wikipedia gehört er von 1925 bis 1928 dem FC Union 03 Altona an, der in der Bezirksliga Groß-Hamburg dreimal Zweiter wird. Dann zieht er nach Dresden. Das Lexikon nennt als Beruf Ingenieur, die Wikipedia schreibt, er habe neben dem Fußball ein Ingenieurstudium absolviert. Beim Dresdner SC spielt er als Mittelfeldspieler, das Lexikon nennt ihn rechten Läufer. Das Datencenter führt ihn schon ab dem 1. Juli 1926 beim DSC, die Wikipedia bis 1928 bei Union Altona. Beides geht nicht zusammen, und die Quellen lösen es nicht auf.
Er kommt zu einem Verein, der in Mitteldeutschland dominiert. Nach der Wikipedia gewinnt er mit dem DSC den mitteldeutschen Pokal 1928 und 1933, die mitteldeutsche Meisterschaft 1929, 1930 und 1931 und 1934 die Gauliga Sachsen. Die Wikipedia zählt sieben Titel, beim siebten nennt sie das Jahr 1935, verlinkt aber die Saison 1932/33; welches stimmt, bleibt offen. Als Meister steht der DSC immer wieder in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft, nach dem DFB-Datencenter bestreitet Stössel dort 14 Spiele und schießt ein Tor.
Zweimal gegen Kiel
In der Endrunde 1930 gewinnt Dresden am 18. Mai in Halle 8:1 gegen den VfB Königsberg, am 1. Juni im heimischen Stadion 5:4 nach Verlängerung gegen die SpVgg Fürth, nach einem 4:4 in der regulären Zeit. Am 15. Juni steht im Halbfinale im Duisburger Wedaustadion Holstein Kiel gegenüber. Der DSC verliert 0:2. In allen drei Spielen führt das Datencenter Stössel. Auf der Kieler Seite spielt Werner Widmayer, der eine Woche später das Endspiel gegen Hertha BSC erreicht.
Im Jahr darauf kommt der DSC wieder bis ins Viertelfinale, und wieder wartet Kiel. Am 10. Mai 1931 gewinnen die Dresdner in Königsberg 8:1, am 17. Mai führen sie zu Hause gegen Kiel zur Pause 3:1 und verlieren 3:4. Das ist drei Wochen nach Amsterdam, auch hier führt das Datencenter Stössel und Widmayer.
Der große Tag: Amsterdam, 26. April 1931
Aus der Meldung des Tagblatts vom 20. April geht hervor: Der DFB plante mit Kreß im Tor, Schröder und Weber in der Abwehr, einer Läuferreihe Kauer, Münzenberg (Aachen) und Knöpfle und einem Sturm mit Albrecht, Lachner und drei Dresdnern, Schlösser, R. Hofmann und Müller. Stössel ist nicht dabei. Im Spiel stehen nach dem DFB-Datencenter Kauer, Georg Knöpfle und Stössel in der Läuferreihe, Reinhold Münzenberg fehlt. Warum, sagt keine der benutzten Quellen. Das DSC-Archiv zeigt ein Foto der fünf Dresdner im Aufgebot, Stößel, Karl Schlösser, Richard Hofmann, Friedrich Müller und Georg Köhler. Köhler kommt nicht zum Einsatz, vier Dresdner spielen.
Im Olympiastadion zählt das DFB-Datencenter 32.000 Zuschauer, die »Nieuwe Tilburgsche Courant« »ruim 31.000«, mehr als 6.000 davon aus Deutschland. Die Niederländer sind schneller, schreibt das Tagblatt, und bei den Deutschen hapert es anfangs sehr an der Zusammenarbeit von Läuferreihe und Sturm. Wim Tap schießt in der 29. Minute, nach dem Tagblatt in der 30. oder 31., das 1:0 für die Niederlande. Nach der Pause drängt Deutschland, in der 73. Minute trifft Schlösser zum 1:1, ein zweites Tor von Ludwig Lachner pfeift der Schiedsrichter wegen Abseits zurück. Das Spiel ist im Spielbericht ausführlich erzählt.
Über Stössel selbst steht in den Zeitungen kein Wort. Das Tagblatt lobt den »unermüdlichen Schaffer« Knöpfle als besten Läufer, insgesamt habe die Läuferreihe »sehr nett« gespielt. Die niederländischen Blätter, die das Tagblatt am 29. April zitiert, loben Kreß, Knöpfle, Weber und Richard Hofmann, der Amsterdamer »Telegraf« nennt das deutsche Kurzpassspiel technisch vollendet, aber »zu weich«. Stössel fällt in keiner Liste. Was bleibt, ist das Unentschieden, das das Tagblatt ein »durchaus ehrenvolles« nennt.
Nach Amsterdam
Es bleibt bei dem einen Spiel, das Lexikon von 1939 verzeichnet »1 Länderspiel: 1931 Holland«. Beim DSC spielt Stössel weiter. 1933 scheidet der DSC im Achtelfinale 1:2 nach Verlängerung gegen Arminia Hannover aus, 1934, als Meister der Gauliga Sachsen, kommt der DSC in einer Gruppenrunde auf vier Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage und wird hinter dem 1. FC Nürnberg Zweiter. Stössel bestreitet alle sechs Spiele. Das letzte, am 13. Mai 1934 in Dresden, geht 0:1 gegen Nürnberg verloren, es ist sein letztes Endrundenspiel im Datencenter.
Nach dem Ende seines Studiums wechselt er nach der Wikipedia aus beruflichen Gründen zur Saison 1935/36 zu Holstein Kiel, in die Gauliga Nordmark. Das Lexikon von 1939 nennt Kiel als dritten Verein neben Union Altona und dem DSC. Seine Laufbahn endet nach der Saison 1939/40. Zum 1. Mai 1933 war er nach der Wikipedia und dem DSC-Archiv in die NSDAP eingetreten, das gründet auf Unterlagen des Bundesarchivs.
Wann und wo Kurt Stössel stirbt, ist unklar. Die deutsche Wikipedia und das DSC-Archiv nennen 1945, das DSC-Archiv führt ihn unter den Weltkriegstoten. Die englische Wikipedia gibt den 15. Mai 1978 an. Mit den benutzten Quellen lässt sich das nicht entscheiden.
Kurt Stössel auf einen Blick
Geboren: 26.12.1907 in Hamburg (DSC-Archiv: Stellingen)
Gestorben: 1945 (deutsche Wikipedia, DSC-Archiv) oder 15.5.1978 (englische Wikipedia)
Vereine: FC Union 03 Altona (1925–1928), Dresdner SC (1928–1935), Holstein Kiel (1935–1940)
Position: rechter Läufer (Lexikon 1939), Mittelfeld (Wikipedia)
Beruf: Ingenieur (Lexikon 1939)
Erfolge: mitteldeutscher Meister 1929, 1930 und 1931, mitteldeutscher Pokalsieger 1928 und 1933, Meister der Gauliga Sachsen 1934; Endrunde: 14 Spiele, 1 Tor (DFB-Datencenter)
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Unentschieden), kein Tor (1931)
Länderspiele
- 26.04.1931 Niederlande – Deutschland 1:1 – Debüt und einziges Länderspiel, Läuferreihe
Quellen
- Wikipedia: Kurt Stössel
- Wikipedia (englisch): Kurt Stössel
- DSC-Archiv: Kurt Stößel
- DFB-Datencenter: Kurt Stossel, Spielerprofil
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1930/31
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 20. April 1931
- Darmstädter Tagblatt, 27. April 1931
- Darmstädter Tagblatt, 29. April 1931
- Nieuwe Tilburgsche Courant, 27. April 1931 (Delpher)
- Armin Jäger: NS-Geschichte im Fußball, Die Zeit, 24. Juli 2024