Georg Köhler – der ruhige Mittelläufer aus Dresden
»Köhler der beste Mann im Felde«, steht in der Überschrift des Darmstädter Tagblatts vom 19. April 1926. Vor einer Rekordkulisse hatte Deutschland in Düsseldorf die Niederlande 4:2 geschlagen, und gelobt wurde nicht der Torschütze, sondern der Mittelläufer aus Dresden. Georg Köhler war 26, spielte sein zweites Länderspiel und tat, was ein Mittelläufer tun soll: Er hielt die Elf zusammen. Es blieb bei fünf Einsätzen. Seine größeren Erfolge feierte er später an der Seitenlinie.
»… seine ruhige, sachliche Art, das Spiel zu dirigieren, sein unauffälliges Sich-geben hat dieser patenten Sportsmann überall viel Sympathie eingetragen.«
Ein Dresdner durch und durch
Georg Friedrich Köhler kommt am 1. Februar 1900 in der Königlichen Frauenklinik in Dresden zur Welt, als Sohn der unverheirateten Wäscherin Ernestine Bertha Köhler. Das steht nach der Wikipedia im Geburtsregister. Fußball lernt er beim VTB Dresden, 1917 rückt er in den Seniorenbereich auf und spielt für den Dresdner SC, damals noch im Ostragehege. Den Spitznamen »Schorsch« nennen die Wikipedia und das DSC-Archiv. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn als Mittelläufer und nennt als Beruf »Geschäftsführer«.
Der Weg in die Nationalelf führt über die Auswahlmannschaften. Am 4. Oktober 1925 steht Köhler in Leipzig für Mitteldeutschland auf dem Platz, 1:2 gegen Süddeutschland vor 30.000 Zuschauern. Drei Wochen später ist er Nationalspieler. In der Saison 1925/26 steht der DSC nach der Wikipedia zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Die Wikipedia zählt für Köhler elf Endrundenspiele, ohne sie einzeln aufzuführen. Was der DSC in diesen Jahren erlebte, steht weiter unten.
Fünf Länderspiele in drei Jahren
Am 25. Oktober 1925 debütiert Köhler in Basel. Deutschland gewinnt 4:0 gegen die Schweiz, Tull Harder schießt drei Tore, Georg Hochgesang das vierte. Die Wikipedia schreibt, Köhler habe überzeugt.
Dann folgen Düsseldorf (siehe unten) und am 20. Juni 1926 in Nürnberg ein 3:3 gegen Schweden. Das Tagblatt überschreibt seinen Bericht: »Mittelläufer Köhler versagt!« Dem Dresdner seien noch die Folgen einer Erkrankung anzumerken gewesen, Harder habe unter dem schwachen Nebenmann gelitten. Mehr Pech als Schuld kann man darin sehen, mehr verlangt die Quelle nicht.
Am 12. Dezember 1926 verliert Deutschland in München 2:3 gegen die Schweiz. Das Tagblatt nennt es eines der schlechtesten Spiele der Nationalelf und kritisiert Köhler und seinen Nebenmann Hans Geiger für mangelhaftes Zuspiel. Es erzählt aber auch, wie die deutsche Elf nach dem 0:1 erst wieder Leben bekam, als sich Köhler »energisch ins Zeug« legte und den Angriff nach vorn warf.
Dann folgt eine Pause von fast zwei Jahren. Reichstrainer Otto Nerz baut in dieser Zeit um, in der Mitte spielt Hans Kalb. Warum Köhler nicht mehr gefragt ist, sagen die Quellen nicht. Die Wikipedia behauptet ohne Beleg, Nerz sei seine offensive Spielweise zu riskant gewesen. Das Lexikon von 1939 beschreibt dagegen einen ruhigen, sachlichen Dirigenten und sagt, er habe »eine Zeit hindurch das Erbe von Hans Kalb übernommen«.
Am 30. September 1928 steht er in Stockholm noch einmal in der Elf, 0:2 gegen Schweden bei Regen und glattem Boden. Das Tagblatt lobt ihn als »sehr brauchbar«, er sorge für gute Vorlagen auf die Außenstürmer, habe aber in der ersten Halbzeit die rechte Seite zu stark beschäftigt und sei deshalb früher müde geworden. Nach einer Ecke und einer Hereingabe von Ernst Albrecht schießt er dem schwedischen Verteidiger Alfredsson an die Hand, einen Elfmeter gibt es nicht. Es ist sein letztes Länderspiel. Im April 1931 gehört er laut Fotounterschrift des DSC-Archivs noch einmal zum Aufgebot für das Länderspiel in Amsterdam, eingesetzt wird er nicht.
Der große Tag: Düsseldorf, 18. April 1926
Schon am Morgen ziehen die Menschen ins Rheinstadion. Das DFB-Datencenter zählt 60.000, das Tagblatt 65.000 Zuschauer, mehr als je zuvor bei einem Fußballspiel in Deutschland. Vor dem Anpfiff drückt die Menge die beiden Eingangstore ein und besetzt Laufbahn und Tribünendach, erst mit berittener Polizei wird der Rasen geräumt. Um 16.05 Uhr, mit 35 Minuten Verspätung, pfeift der Däne Lauritz Andersen an.
Deutschland spielt mit Ertl im Tor, Kutterer und Müller hinten, Nagelschmitz, Köhler und Lang in der Läuferreihe. Im Angriff stehen Schröder, Gedlich, Tull Harder, Josef Pöttinger und Ludwig Hofmann. Es ist Hofmanns erstes Länderspiel. Köhler nimmt gleich zu Beginn einen Ball auf und legt ihn steil vor, er verschuldet vor dem 1:0 auch einen Freistoß. Dann bricht Harder durch, und Pöttinger schießt in der 17. Minute das 1:0. Nach der Pause drückt die deutsche Elf. Das Spiel entscheidet sich in den letzten Minuten: 3:2, dann 4:2.
Das Tagblatt urteilt am nächsten Tag: »In der deutschen Elf war der Mittelläufer Köhler der beste Mann, der beste Spieler auf dem Felde überhaupt.« Die niederländische Zeitung De Courant sah in der Läuferreihe, in der Köhler eine große Antriebskraft gewesen sei, die Stärke der Deutschen. Auf der Karte steht Pöttingers zweites Tor in der 58. Minute, der 13. nach dem Wechsel laut Tagblatt. Das DFB-Datencenter nennt die 43., obwohl alle Quellen 1:1 zur Pause melden. Das 3:2 schreiben DFB und niederländische Presse Harder zu, das Tagblatt Pöttinger. Mehr dazu in dessen Biografie. Im Gedächtnis blieb auch das Gedränge: Die Zeitung Algemeen Handelsblad sprach von einer Verhöhnung des Organisationstalents.
Der DSC und die Endrunde
Köhlers Dresdner SC schafft es in diesen Jahren mehrfach in die Endrunde und bleibt doch ohne Titel. Einzeln dokumentiert ist nur, was die Tabellen und das Darmstädter Tagblatt über die Mannschaft sagen.
- 16. Mai 1926: 0:1 beim Breslauer SC 08. Das Tagblatt meldet am 17. Mai den Endstand 1:0 für Breslau, Halbzeit 0:0.
- 8. Juli 1928: 0:1 nach Verlängerung bei Wacker München. Nach dem Tagblatt (9. Juli 1928) waren zwei Verlängerungen nötig, erst nach 136 Minuten köpfte der Münchner Nebauer das Tor. Es sei ein Glückssieg gewesen: Die Sachsen seien technisch und taktisch mindestens ebenbürtig gewesen und hätten lange mehr vom Spiel gehabt, »weil ihre Läuferreihe unter der glänzenden Führung von Köhler besser arbeitete«. Der beste Mann auf dem Platz sei der Dresdner Gedlich gewesen.
- 16. Juni 1929: 0:3 in München beim FC Bayern. Das Tagblatt schreibt am 17. Juni, der DSC habe die Erwartungen nicht erfüllt.
- 1. Juni 1930: 5:4 nach Verlängerung gegen den Deutschen Meister SpVgg Fürth, vor 30.000 Zuschauern in Dresden. Drei Spieler wurden des Feldes verwiesen, einer von Fürth, zwei vom DSC. Karl Schlösser schoss drei Tore, die Verlängerung war nach dem Tagblatt (2. Juni 1930) nach einer Minute entschieden.
- 15. Juni 1930: 0:2 im Halbfinale in Duisburg gegen Holstein Kiel, vor 25.000. Das Tagblatt (16. Juni 1930) sah einen »durchaus reellen Erfolg« der Kieler, die Richard Hofmann nicht zum Schuss kommen ließen.
- 17. Mai 1931: 3:4 gegen Holstein Kiel in Dresden vor 35.000 Zuschauern. Der DSC führte zur Pause 3:1, die zweite Halbzeit, so das Tagblatt (18. Mai 1931), nahm einen »sensationellen Verlauf«.
- 7. Mai 1933: 1:2 nach Verlängerung gegen Arminia Hannover.
Dazu kommen die beiden Siege in der ersten Runde 1930 (8:1 gegen VfB Königsberg am 18. Mai) und 1931 (8:1 in Königsberg am 10. Mai). Mit den neun Spielen der Tabellen lässt sich die Zahl elf der Wikipedia nicht nachrechnen. Wer in welchem Spiel auf dem Platz stand, geben die Quellen für die meisten dieser Spiele nicht her.
Am 19. April 1931, eine Woche vor dem Länderspiel in Amsterdam, steht Köhler noch einmal in einer Auswahl: Mitteldeutschland verliert im Bundespokal im Dresdner Ostragehege vor 30.000 Zuschauern 3:4 nach Verlängerung gegen Süddeutschland. Zehn der elf Mitteldeutschen kommen nach der Wikipedia vom DSC, im Tor steht der Leipziger Menzel. Köhler spielt Mittelläufer, neben ihm Stössel und Hartmann, im Angriff Hofmann und Schlösser. Hofmann trifft zweimal, Schlösser einmal, das 3:4 fällt in der 104. Minute durch Willi Kund vom 1. FC Nürnberg.
Köhler, nicht Köhl
Der Name führt gern in die Irre. Im Pokalfinale vom 1. Dezember 1940 stand auf der Dresdner Trainerbank Georg Köhler, im Nürnberger Tor aber Georg Köhl. Köhl, Torwart des 1. FC Nürnberg, bestritt laut Wikipedia 1937 sein einziges Länderspiel. Beide haben nichts miteinander zu tun. Köhler ist der Dresdner.
Der Trainer der Meistermannschaft
Spielen und Trainieren liegen bei Köhler nah beieinander, die Quellen tragen es nicht ganz sauber ein. Die Wikipedia nennt ihn von 1935 bis 1941 als Spieler beim VfB Dresden und gleichzeitig von 1935 bis 1944 als Trainer des Dresdner SC. Das Lexikon von 1939 kennt ihn nur beim DSC, als Geschäftsführer und Trainer, und lobt den Einfluss auf Kameraden und Nachwuchs. Ob und wie lange er in diesen Jahren noch für den VfB spielte, bleibt offen.
Die Mannschaft, die Köhler betreut, gehört zu den stärksten im Reich: Willibald Kreß im Tor, Richard Hofmann und Helmut Schön im Angriff. 1940 fängt die Pokalsaison für den DSC im August mit einem 4:0 beim NSTG Graslitz an, es folgen unter anderem ein 6:0 gegen Reichsbahn TuSV Frankfurt, ein 8:0 in Königsberg und ein 3:1 gegen Rapid Wien. Am 1. Dezember 1940 gewinnt der DSC im Berliner Olympiastadion den Tschammerpokal, 2:1 nach Verlängerung gegen den 1. FC Nürnberg, auf gefrorenem, schneebedecktem Boden vor 60.000 Zuschauern. Am 2. November 1941 verteidigt er den Titel, wieder 2:1, gegen Schalke 04, den Zweiten der Meisterschaft 1941; der DSC war Dritter. Nach dem Wikipedia-Artikel schickt Köhler die Mannschaft mit der Devise aufs Feld, die Schalker Abwehr mit langen Pässen auf die Außenläufer auszuspielen. Das Rezept geht früh auf, Heiner Kugler schießt das 1:0. Nach der Pause gleicht Ernst Kuzorra aus, zwei Minuten später trifft der Gastspieler Gustav Carstens vom Hamburger SV zum 2:1 (die Minutenangaben der Wikipedia weichen zwischen Spielübersicht und Fließtext um bis zu drei Minuten ab). Die Wikipedia nennt für das Endspiel im Fließtext 70.000, in der Spielübersicht 65.000 Zuschauer. 1940 war die Mannschaft zudem Vizemeister geworden: Nach einem 2:1 nach Verlängerung im Halbfinale bei Rapid Wien verlor sie das Endspiel am 21. Juli 1940 vor 95.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion 0:1 gegen Schalke, Kalwitzki traf in der 27. Minute.
Der Weg zum Titel 1943 führt über ein 2:1 in Dessau, ein 4:0 gegen Eintracht Braunschweig, ein 4:0 in Danzig und ein 3:1 gegen Holstein Kiel im Halbfinale in Hannover. Am 27. Juni 1943 wird der DSC im Olympiastadion Deutscher Meister, 3:0 gegen den FV Saarbrücken. Die Zuschauerzahl schwankt: 80.000 in der Tabelle, 90.000 im zeitgenössischen Zeitungsbericht, den die Wikipedia zitiert. 1944 siegt er in der Endrunde unter anderem 9:2 in Fulda, 3:2 gegen First Vienna und im Halbfinale am 4. Juni in Erfurt 3:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Am 18. Juni 1944 folgt der zweite Titel, 4:0 gegen den LSV Hamburg vor 70.000 Zuschauern. Köhler ist laut Wikipedia Trainer und Geschäftsführer in einer Person.
Nach dem Krieg
Der Dresdner SC wird 1945 verboten und aufgelöst. Nach der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg trainiert Köhler laut Wikipedia noch kurz den Arbeiterverein Stahl Zschachwitz, kann sich aber nicht mehr für den Fußball begeistern. Eine Quelle dazu nennt die Wikipedia nicht. Georg Köhler stirbt am 27. Januar 1972 in Dresden, so die Wikipedia nach dem Sterberegister und das DSC-Archiv (im Fließtext der Wikipedia steht dagegen »Februar 1972«). Eine Würdigung führt das DSC-Archiv auf: einen Georg-Köhler-Sportplatz.
Georg Köhler auf einen Blick
Geboren: 1.2.1900 in Dresden
Gestorben: 27.1.1972 in Dresden (Fließtext der Wikipedia: Februar 1972)
Vereine: VTB Dresden (Jugend), Dresdner SC (ab 1917; nach der Wikipedia 1935–1941 VfB Dresden, nach dem Lexikon 1939 nur DSC)
Position: Mittelläufer
Beruf: Geschäftsführer (Lexikon 1939)
Trainer: Dresdner SC (1935–1944): Pokalsieger 1940 und 1941, Deutscher Meister 1943 und 1944
Bilanz: 5 Länderspiele (2 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen), 13:10 Tore, kein eigenes Tor (1925–1928)
Länderspiele
- 25.10.1925 Schweiz – Deutschland 0:4
- 18.04.1926 Deutschland – Niederlande 4:2
- 20.06.1926 Deutschland – Schweden 3:3
- 12.12.1926 Deutschland – Schweiz 2:3
- 30.09.1928 Schweden – Deutschland 2:0
Quellen
- Wikipedia: Georg Köhler (Fußballspieler)
- DSC-Archiv: Georg Köhler
- Wikipedia: Georg Köhl (Fußballspieler)
- Wikipedia: Dresdner SC
- Wikipedia: Bundespokal (Fußball)
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1928/29 · 1930/31 · 1932/33 · 1939/40
- Wikipedia: Tschammerpokal 1940 · Tschammerpokal 1941
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1942/43 · 1943/44
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26 · 1927/28 · 1929/30
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 19. April 1926
- Darmstädter Tagblatt, 21. Juni 1926
- Darmstädter Tagblatt, 13. Dezember 1926
- Darmstädter Tagblatt, 1. Oktober 1928
- Darmstädter Tagblatt, 17. Mai 1926
- Darmstädter Tagblatt, 9. Juli 1928
- Darmstädter Tagblatt, 17. Juni 1929
- Darmstädter Tagblatt, 2. Juni 1930
- Darmstädter Tagblatt, 16. Juni 1930
- Darmstädter Tagblatt, 18. Mai 1931
- De courant Het nieuws van den dag, 19. April 1926 (Delpher)
- RSSSF: (West) Germany International Results