Otto Martwig – der Läufer, der nach dem Debüt nie mehr verlor

Das erste Länderspiel verlor Otto Martwig, danach nie mehr. Am 21. Juni 1925 stand der 22-jährige Läufer in Stockholm auf dem Platz, Deutschland unterlag 0:1. Es folgten fünf Einsätze mit vier Siegen und einem Remis, der letzte am 23. Oktober 1927 in Altona, als aus einem 0:2 gegen Norwegen noch ein 6:2 wurde. Tore schoss er dabei keine, das war nicht sein Geschäft.

Otto Martwigs Laufbahn · von Union Oberschöneweide über Tennis Borussia bis zu sechs Länderspielen, 1919–1945
Otto Martwigs Laufbahn · von Union Oberschöneweide über Tennis Borussia bis zu sechs Länderspielen, 1919–1945

»Nicht ganz so gut war Martwig, der nach seiner Verletzung durch den Nürnberger Geiger vollwertig ersetzt wurde.«

— Darmstädter Tagblatt, 1. November 1926, über das Länderspiel in Amsterdam

Aus Oberschöneweide ins Endspiel

Otto Emil Helmut Martwig kommt am 24. Februar 1903 zur Welt. Beim Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Die deutsche Wikipedia nennt Bernstein in der Neumark (heute Pełczyce in Polen), die englische Berlin, und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 gibt als Heimatort Berlin-Oberschöneweide an. Auch beim Beruf stimmen sie nicht überein: Kaufmann nach dem Lexikon, Dreher nach der Wikipedia. Sein Posten ist der des linken Läufers.

Mit 16, im Jahr 1919, fängt er beim SC Union Oberschöneweide an und bleibt bis 1925. Nach der Wikipedia wird die Mannschaft in dieser Zeit Berliner Meister, 1920 und 1923. Die zweite Meisterschaft bringt ihn, den 20-Jährigen, in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft, und der Weg dorthin ist zäh. Am 6. Mai 1923 endet das Viertelfinale in Bochum 0:0 nach Verlängerung gegen Arminia Bielefeld. Im Wiederholungsspiel in Berlin gewinnt Union am 20. Mai 2:1, wieder nach Verlängerung, eine Woche später schlägt sie in Halle die SpVgg Fürth 2:1. Das DFB-Datencenter führt Martwig in allen vier Spielen der Endrunde.

Am 10. Juni 1923 steht Union im Berliner Deutschen Stadion dem Hamburger SV gegenüber. Die Berliner spielen mit Müller im Tor, Standke und Klautzsch in der Verteidigung, August Hamann, Otto Splittgerber und Martwig in der Läuferreihe, vorn Dietz, Hermann Franke, Lux, Max Franke und Jachmann, so die Aufstellung bei Wikipedia. Schiedsrichter ist Brucker, beim HSV sitzt der Engländer A. W. Turner auf der Trainerbank. Den Titel holt Hamburg, 3:0. Tull Harder trifft in der 34. Minute zum 1:0, Ludwig Breuel in der 70., Karl Schneider in der 90. Die Zuschauerzahl ist umstritten: Die Wikipedia nennt 64.000, das Darmstädter Tagblatt meldete am nächsten Tag per Telegramm »mindestens 50.000«. Sportlich, so die Zeitung, habe das Spiel den Erwartungen nicht entsprochen, »weil Berlin versagte«. Mit Harder wird Martwig gut zwei Jahre später im Nationaltrikot spielen, auf derselben Seite.

Sechs Länderspiele, eine Niederlage

Im Februar 1925 verlässt Martwig Union, das DFB-Datencenter führt ihn ab dem 1. März bei Tennis Borussia Berlin. Als TeBe-Spieler debütiert er am 21. Juni 1925 in Stockholm. Der DFB hat für diese Nordlandreise 25 Spieler nominiert, nach Schulze-Marmeling werden 15 von ihnen anschließend nie wieder eingesetzt. Martwig gehört nicht dazu. Im Olympiastadion sind etwa 10.000 Zuschauer, nach niederländischen Meldungen die gesamte schwedische Königsfamilie. Der Däne Lauritz Andersen pfeift, und schon in der 22. Minute muss Ali Beier verletzt vom Platz, für ihn kommt August Werner. Filip Johansson trifft früh für Schweden, in der 9. Minute nach dem DFB-Datencenter, schon in der 5. nach den niederländischen Berichten, weitere Tore fallen nicht. Martwig spielt nach dem Kicker-Almanach neben Hans Lang und Max Niederbacher in der Läuferreihe, vorne stehen unter anderem Hans Ruch und Otto Montag.

Fünf Tage später, am 26. Juni, geht es in Helsinki gegen Finnland, und diesmal gelingt die Wende. Vor nur 3.500 Zuschauern auf dem Pallokenttä liegt Deutschland zur Pause 0:1 hinten und zwischenzeitlich 0:2, gewinnt aber 5:3, Paul Pömpner schießt drei Tore. Martwig spielt mit Hans Lang und Hermann Lux, den er aus dem Endspiel von 1923 kennt und der inzwischen wie er für Tennis Borussia spielt. Am 25. Oktober 1925 folgt auf dem Basler Rankhof ein 4:0 gegen die Schweiz (12.000 Zuschauer nach dem DFB, 18.000 nach Schweizer Angaben), Tull Harder schießt drei Tore, Georg Hochgesang das vierte. Das Kicker-Almanach führt Martwig in diesem Spiel ausnahmsweise nicht in der Läuferreihe, sondern im Sturm. Das Lexikon von 1939 nennt ihn linken Läufer, das DFB-Datencenter gibt keine Position an. Welche Angabe stimmt, lässt sich nicht klären.

Am 20. Juni 1926 gibt es in Nürnberg ein 3:3 gegen Schweden, vor 25.000 Zuschauern nach dem DFB, 28.000 nach dem Tagblatt, wieder mit drei Toren von Harder. Das Darmstädter Tagblatt macht den Dresdner Mittelläufer Georg Köhler verantwortlich, dem noch die Folgen einer Erkrankung anzumerken gewesen seien. Auch Martwig, im Tagblatt als »Marwig« gedruckt, sei dadurch benachteiligt worden, er habe viel in der Mitte aushelfen müssen. Der Scan ist an dieser Stelle lückenhaft.

Am 31. Oktober 1926 spielt Deutschland in Amsterdam gegen die Niederlande, und es ist ein Datum für die Geschichte: Nach Schulze-Marmeling bekommt die Nationalelf an diesem Tag zum ersten Mal einen Trainer, den 34-jährigen Otto Nerz. Das Spiel endet 3:2 für Deutschland. Martwig verletzt sich, nach dem DFB-Datencenter wird er in der 70. Minute ausgewechselt, für ihn kommt Geiger vom ASV Nürnberg. Das Tagblatt fasst sein Urteil in dem Satz zusammen, der oben zitiert ist. Dann ruht der Länderspielbetrieb zehn Monate, vom 12. Dezember 1926 bis zum 2. Oktober 1927.

Der große Tag: Altona, 23. Oktober 1927

Als es weitergeht, ist Martwig noch einmal dabei. Im Altonaer Stadion sind 30.000 Zuschauer, der Däne Lauritz Andersen pfeift, Hans Kalb führt die Elf als Kapitän aufs Feld. Die Norweger legen los, so das Tagblatt, mit einem »Feuereifer« und einem fast unheimlichen Tempo. Ein früher Treffer wird wegen Abseits aberkannt. Dann fallen die gültigen, und es steht 0:2 zur Pause: nach dem DFB-Datencenter treffen Gunnar Dahl (3. Minute) und Einar Gundersen (24.). Das Tagblatt nennt als ersten Schützen Berstad, innerhalb der nächsten Viertelstunde nach dem aberkannten Tor.

Nach der Pause kippt das Spiel. Hochgesang verkürzt (55. Minute, DFB), Josef Pöttinger gleicht aus und erzielt in der Folge insgesamt drei Tore, Kalb trifft zum 4:2, Ludwig Hofmann zum 5:2. Das Kicker-Almanach schreibt Pöttinger zwei Tore zu und Hochgesang zwei, DFB und Tagblatt kommen auf drei und eins. In der Läuferreihe, so das Tagblatt, hatte Kalb in der ersten Halbzeit kaum aufgefallen und lief nach dem Wechsel zu einer »ganz großen Form« auf. Über Martwig selbst steht im lesbaren Teil des Berichts nichts. Die Norweger, urteilt die Zeitung, hätten nach der Pause stark abgebaut, vor allem in der Läuferreihe.

Deutschland – Norwegen 6:2 in Altona · Otto Martwig im Läuferdreieck neben Köpplinger und Kalb
Deutschland – Norwegen 6:2 in Altona · Otto Martwig im Läuferdreieck neben Köpplinger und Kalb

Schulze-Marmeling nimmt das Spiel später als Beleg für Nerz' Arbeit: Beim 6:2 über Norwegen und beim 3:2 in der Schweiz im April 1928 »bot die DFB-Auswahl eine Leistung, wie man sie von einer deutschen Nationalelf nie zuvor gesehen hatte«. Für Martwig ist es das letzte Länderspiel. Warum danach Schluss ist, sagen die Quellen nicht.

Tennis Borussia und der Mai 1945

Für Tennis Borussia spielt Martwig bis 1932. Das DFB-Datencenter führt ihn in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft in neun Spielen, verteilt auf die Jahre 1928 bis 1932. Ein Tor gelingt ihm dabei, am 8. Juli 1928 in Hamborn beim 3:1 gegen den Crefelder FC Preußen. Nach dem »Libero« trifft der spätere Reichs- und Bundestrainer Sepp Herberger in der 5. Minute zum 1:0, Martwig in der 15. zum 2:0. Im Viertelfinale folgt ein 1:4 gegen Wacker München, am 12. Juli nach dem DFB-Datencenter, am 15. nach dem »Libero«. Es folgen Endrunden 1929 (3:2 n. V. gegen Titania Stettin, 1:3 in Nürnberg), 1930 (1:4 gegen Fürth), 1931 (6:1 gegen Liegnitz, 0:1 gegen 1860 München) und 1932. In diesem Jahr wird Tennis Borussia unter Trainer Herberger Berliner Meister und scheidet in der Endrunde nach einem 3:0 gegen Viktoria Stolp mit 1:3 bei Eintracht Frankfurt aus. Danach führt das DFB-Datencenter Martwig nicht mehr.

Über sein Leben nach der Laufbahn nennen die Quellen nichts. Zum Ende gibt es eine einzige Angabe: Nach der Wikipedia fiel Martwig im Mai 1945 in den letzten Kriegstagen in der Schlacht um Berlin. Wo und unter welchen Umständen, steht dort nicht.

Otto Martwig auf einen Blick

Geboren: 24.2.1903 (Bernstein/Neumark nach der deutschen Wikipedia; Berlin nach der englischen; Heimatort Berlin-Oberschöneweide nach dem Lexikon 1939)
Gestorben: Mai 1945, nach der Wikipedia gefallen in der Schlacht um Berlin (Ort nicht angegeben)
Vereine: SC Union Oberschöneweide (1919–1925), Tennis Borussia Berlin (1925–1932)
Position: linker Läufer (Lexikon 1939)
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939), Dreher (Wikipedia)
Erfolge: Deutscher Vizemeister 1923 mit Union Oberschöneweide; Berliner Meister 1920 und 1923 (Union), 1932 (Tennis Borussia) nach der Wikipedia
Bilanz: 6 Länderspiele (4 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage, Tore 21:11), kein Tor (1925–1927)
Endrunde um die deutsche Meisterschaft: 4 Spiele für Union (1923), 9 für Tennis Borussia (1928–1932), 1 Tor (DFB-Datencenter)

Länderspiele

Quellen