Hermann Lux – der Riese aus Oberschöneweide

Sonntag, 10. Juni 1923, Deutsches Stadion in Berlin. 64.000 Zuschauer sehen das Endspiel um die deutsche Meisterschaft, und im Sturm der Gäste von Union Oberschöneweide steht ein Berliner Beamter namens Hermann Lux. So führt ihn die Aufstellung in der Wikipedia. Der Hamburger SV gewinnt 3:0, das erste Tor schießt Tull Harder. Für Lux ist es das größte Spiel seiner Vereinskarriere, und es geht verloren. Knapp fünfzehn Monate später steht er zum ersten Mal im Nationaltrikot, jetzt als Läufer. Und 1925 schreibt eine niederländische Zeitung über den deutschen Mittelläufer, er sei »een reus van een vent«, ein Riese von einem Kerl.

Hermann Lux' Laufbahn · von Oberschöneweide zu Tennis Borussia, 1893–1962
Hermann Lux' Laufbahn · von Oberschöneweide zu Tennis Borussia, 1893–1962

»Lux beherrscht im Feld mit seiner gewaltigen Gestalt das Spiel, immer wieder setzt er die Stürmer in Szene.«

— Het Volk, 30. März 1925, über das Länderspiel in Amsterdam (aus dem Niederländischen übersetzt)

Von Kiel nach Oberschöneweide

Hermann Lux kommt am 20. September 1893 in Berlin zur Welt, so nennt es die Wikipedia. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt Berlin als Heimatort, als Beruf Beamter, als Stammposten Mittelläufer. Zum ersten Mal fußballerisch in Erscheinung tritt er laut Wikipedia bei Union 08 Kiel. Wann er dort spielte, ist nicht überliefert.

Bekannt wird er in der Saison 1922/23 bei Union Oberschöneweide. Die Mannschaft gewinnt die Gruppe A der Berliner Meisterschaft mit zehn Vereinen und das Finale gegen Vorwärts 90, nach Hin- und Rückspiel mit 4:2. Das öffnet die Tür zur deutschen Meisterschaft. Und in dieser Endrunde, vier Spiele lang, ist Lux der Mann, auf den es ankommt.

Das Viertelfinale beginnt am 6. Mai 1923 in Bochum gegen Arminia Bielefeld mit einem Fehlschuss. In der 85. Minute wird Lux ein Elfmeter zugesprochen, und er verwandelt ihn nicht. Es bleibt 0:0, auch nach der Verlängerung. Die Wiederholung am 20. Mai im Poststadion in Berlin sieht 12.000 Zuschauer und wird noch zäher. Bielefeld führt in der 80. Minute durch Pohl, Max Franke gleicht in der 90. Minute aus, und dann wird weitergespielt. In der 125. Minute, fünf Minuten nach dem erneuten Anpfiff, trifft Lux zum 2:1. Das »Libero«-Heft nennt den damals 29-Jährigen einen »stämmigen und kampfstarken« Mittelläufer, bekannt für seine langen Diagonalpässe, und vermerkt ihn als Kapitän der Mannschaft.

Im Halbfinale am 27. Mai in Halle gegen die SpVgg Fürth setzt Union den sonstigen Mittelläufer in den Sturm, als »Sturmtank«, wie »Libero« schreibt, eine taktische Variante, die die Franken überrascht habe. Sie geht auf: Dietz trifft in der 23. Minute, Lux in der 29. zum 2:0, am Ende heißt es 2:1 vor 10.000 Zuschauern. Dem Süden Deutschlands, so »Libero«, sei der Fürther Ausscheiden ein Schock gewesen, wobei die Fürther ihren Mittelläufer Hans Lang wegen eines Beinbruchs nicht zur Verfügung hatten. Im Tor der Franken steht Theodor Lohrmann.

Die Wikipedia führt Lux in der Torschützenliste der Endrunde mit vier Spielen, im Text über ihn selbst steht »drei Spielen«. Das DFB-Datencenter und die Aufstellungen in »Libero« zählen vier Einsätze: am 6. und 20. Mai, am 27. Mai und im Finale. Seine zwei Tore sind damit identifiziert, das 2:1 von Berlin und das 2:0 von Halle.

Das Endspiel am 10. Juni, im Deutschen Stadion (»Libero« nennt es Grunewald-Stadion), leitet Philipp Brucker aus Stuttgart. Lux steht wieder im Sturm, als Kapitän. Nach Harder (34.) und Breuel (70.) macht Schneider in der 90. Minute das 3:0 für den HSV. Für Lux ist es nach 90 Minuten vorbei.

Berlin, 31. August 1924: Debüt in der Notelf

Als Lux zum ersten Mal für Deutschland aufläuft, fehlen die Stars. Die Spieler des 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth wollen wegen unüberbrückbarer Streitigkeiten ihrer Vereine nicht gemeinsam antreten, und der DFB muss die Elf für das Länderspiel gegen Schweden im Deutschen Stadion umbauen. Das Darmstädter Tagblatt schreibt von der »Disqualifizierung der Nürnberg-Fürther Spieler«. Sechs Debütanten stehen auf dem Platz, darunter Lux. In der Läuferreihe spielt er mit Albert Eschenlohr und dem Hamburger Hans Lang. Vorn stürmen unter anderem Carl Hartmann, Tull Harder und Paul Pömpner, über den es eine eigene Seite gibt.

Zur Pause steht es 1:1, Harder hat in der 28. Minute ausgeglichen. Dann zerfällt die Elf. In den letzten zehn Minuten fallen drei schwedische Tore, es endet 1:4. Über Lux sagt das Tagblatt nichts, es lobt die Schweden als tadellos und außerordentlich fair und tadelt den deutschen Torwart.

Ein Widerspruch bleibt beim Verein. Der Spielbericht der Seite nennt Lux und Eschenlohr beide von Union Oberschöneweide. Die Wikipedia lässt Lux aber schon 1923 zu Tennis Borussia wechseln und nennt ihn in ihrem Eschenlohr-Artikel dessen Vereinskameraden dort. Das Lexikon von 1939 führt beide Vereine, ohne Jahre.

Der große Tag: Amsterdam, 29. März 1925

Sieben Monate später, am 29. März 1925, ist Lux wieder dabei: Amsterdam, Nederlandsch Sportpark, Regen auf glattem Rasen, nach niederländischen Zeitungen 30.000 Zuschauer (das DFB-Datencenter führt 3.000). Schiedsrichter ist der Schweizer Félix Herren. Lux spielt in der Mitte der Läuferreihe, neben Hans Hagen und Lang. Im Sturm stehen Sepp Herberger, Harder und Hanne Sobek.

Niederlande – Deutschland 2:1 in Amsterdam · Hermann Lux als Mittelläufer, Tor durch Kurt Voß
Niederlande – Deutschland 2:1 in Amsterdam · Hermann Lux als Mittelläufer, Tor durch Kurt Voß

Die niederländischen Reporter sehen ihn. Het Volk nennt ihn »de Duitsche spil«, die deutsche Spindel, und fügt hinzu: »een reus van een vent«. Als er den Holländer De Haas umklammert, kostet das nach der Utrechtschen Courant einen Freistoß gegen Deutschland. Die Utrechtsche Courant erzählt, wie er einen abgewehrten Ball aufnimmt und »bliksemsnel«, blitzschnell, einen »formidabelen« Schuss abgibt, den Torwart Van der Meulen aber sicher hält. Ihr Gesamturteil: Bei den Deutschen seien die Außenläufer und die Flügelstürmer die Besten gewesen, »hoewel ook de spil een goede partij speelde«, also auch der Mittelläufer habe gut gespielt.

Es hilft nichts. De Haas schiebt vor der Pause einen Ball ins leere Tor, nach dem Zusammenprall mit Torwart Karl Zolper berührt er ihn offenbar mit der Hand, die Utrechtsche Courant spricht vom »twijfelachtige« Treffer. Wim Volkers erhöht nach der Pause. Kurt Voß verkürzt vier bis fünf Minuten vor Schluss, das DFB-Datencenter nennt die 78. Minute. Das Presseurteil fällt freundlich aus: Nach der Utrechtschen Courant war das deutsche Feldspiel überlegen, im Sturm fehlte es an Schützen.

Eine kleine Pointe der Aufstellung: In der Zeitung heißt der deutsche Linksaußen »Paulsen«. Gemeint ist Paul Pömpner, den auch das Darmstädter Tagblatt und die Lexika unter diesem Namen kennen. Die Torminuten weichen übrigens ab: Das DFB-Datencenter nennt die 34. und die 51. Minute für die Gegentore, die Zeitung die 42. und etwa die 70.

Helsinki: das letzte Spiel

Der dritte Einsatz folgt am 26. Juni 1925 in Helsinki. Der DFB ist zu einer Nordlandreise mit 25 Spielern aufgebrochen. Nach Schulze-Marmeling kommen 15 von ihnen später nie wieder zum Einsatz, Lux gehört dazu. Das Spiel in Stockholm fünf Tage zuvor, ein 0:1, steht er nach der Aufstellung der Seite nicht auf dem Platz. In Helsinki steht er in der Startelf, mit August Werner, Lang, Otto Montag und Karl Schulz aus Kiel.

Es wird ein Spiel der zweiten Hälfte. Finnland führt 2:0, dann dreht die deutsche Elf in gut einer halben Stunde alles, Pömpner schießt drei Tore, Hans Ruch einen Elfmeter, Voß macht in der 87. Minute das 5:3. Für Lux ist es der einzige Sieg im Nationaltrikot und, wie sich herausstellt, der letzte Auftritt.

Tennis Borussia und die Jahre danach

Nach 1925 spielt Lux weiter bei Tennis Borussia. Von 1923 bis 1932 führt ihn die Wikipedia dort. In den Spielzeiten 1927/28 bis 1930/31 gewinnt TeBe jeweils seine Gruppe, scheitert aber im Berliner Finale an Hertha BSC, der Mannschaft von Hanne Sobek. Erst in seiner letzten Saison gewinnt er mit TeBe die Finalrunde des Berliner Verbands.

Für die Berliner bestreitet er fünf Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft. Das DFB-Datencenter führt sie, »Libero« liefert die Aufstellungen, in denen er meist als Mittelläufer und mehrfach als Kapitän steht, als Trainer nennt »Libero« zunächst Lorenz Polster, dann den Engländer William Stanton:

  • 8. Juli 1928, Achtelfinale in Hamborn: Preußen Krefeld – TeBe 1:3. Herberger trifft in der 5., Martwig in der 15. Minute. Im Sturm führt Sepp Herberger Regie, Lux' früherer Mitspieler Otto Martwig steht in der Läuferreihe.
  • 15. Juli 1928, Viertelfinale auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen: TeBe – Wacker München 1:4, vor 20.000 Zuschauern. Nach einer frühen Führung hielt TeBe laut »Libero« nur eine halbe Stunde stand.
  • 16. Juni 1929, Achtelfinale auf dem Preußen-Platz in Tempelhof: TeBe – Titania Stettin 3:2 nach Verlängerung, vor 6.000 Zuschauern. Raue entscheidet in der 105. Minute.
  • 18. Mai 1930, Achtelfinale in Nürnberg: SpVgg Fürth – TeBe 4:1, vor 12.000 Zuschauern auf dem Club-Platz. Der Titelverteidiger ist früh durch, bei 3:0 ist alles entschieden, und gegen das spielerische Übergewicht der Franken seien selbst die erfahrenen Berliner wie Lux (36 Jahre) und Herberger (33) machtlos gewesen, schreibt »Libero«.
  • 8. Mai 1932, Achtelfinale im Stadion des SC Charlottenburg am Bahnhof Eichkamp: TeBe – Viktoria Stolp 3:0, vor 3.000 Zuschauern. Lux ist mit 38 Jahren noch Mittelläufer und Kapitän, als Trainer führt »Libero« Josef Herberger.

Zu den Jahren danach gibt es wenig. Nach der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und einen Bericht der »Zeit« vom 24. Juli 2024 stützt, trat Lux zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein und war Blockwart der Partei. Er starb am 3. Januar 1962, ein Sterbeort wird nicht genannt.

Nicht zu verwechseln

Es gibt einen zweiten Hermann Lux, geboren 1904 in Karlsruhe, gestorben 1999: den Münchner Chemiker, nach dem das Lux-Flood-Konzept der Säuren und Basen in Salzschmelzen benannt ist. Mit dem Fußballer hat er nichts zu tun.

Hermann Lux auf einen Blick

Geboren: 20.9.1893 in Berlin
Gestorben: 3.1.1962 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Union 08 Kiel, Union Oberschöneweide, Berliner Tennis-Club Borussia (1923–1932)
Position: Mittelläufer
Beruf: Beamter (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 3 Länderspiele (1 Sieg, 2 Niederlagen), keine Tore (1924–1925); 9 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft (4 mit Union, 5 mit TeBe), 2 Tore (DFB-Datencenter)
Titel: Berliner Meister 1923 (Union), 1932 (TeBe); Deutscher Vizemeister 1923

Länderspiele

Quellen