Kurt Voß – Holsteins Rechtsaußen und der Torschütze von Helsinki
Zwei Länderspiele, zwei Tore: Kurt Voß hat die perfekte Quote, und sie hat ihm nichts genützt. Am 29. März 1925 traf der Kieler Rechtsaußen in Amsterdam zum 1:2, am 26. Juni 1925 in Helsinki in der 87. Minute zum 5:3. Danach war Schluss, nach nur drei Monaten. Er gehörte zu denen, die der DFB nach der Nordlandreise nie wieder aufstellte. Voß spielte weiter, noch sechs Jahre in Kiel, und stand dabei sogar in einem Endspiel um die deutsche Meisterschaft.
»… dass aus dem Saargebiet das gelobte Land gewinnsüchtiger Fußballer geworden sei.«
Ein Talent aus Kiel und seine Umwege
Kurt Voß wird am 8. Juli 1900 in Kiel geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn einen Rechtsaußen und Kaufmann, die Wikipedia schreibt, er habe schon früh als riesiges Talent gegolten. Er gehört von 1916 an Holstein Kiel an, so wie die späteren Nationalspieler Franz Esser und Werner Widmayer, die ebenfalls schon als Junge zum Verein kamen.
1921 geht er nach Bremen zum ABTS, mit dem er 1922 Westkreismeister wird. Noch im selben Jahr wechselt er zu Borussia Neunkirchen im Saarland. Der Wechsel macht Schlagzeilen: Ein zeitgenössischer Pressebericht machte daraus nach der Wikipedia ein »Sportpolitikum«, weil er zeige, dass das Saargebiet zum gelobten Land gewinnsüchtiger Fußballer geworden sei. Voß war in Neunkirchen bei einem Industrieunternehmen angestellt.
Im Februar 1925 ist er zurück. Das Fachblatt »Kicker« meldet seine Rückkehr zu Holstein Kiel in der Ausgabe vom 17. Februar 1925, mitten in der Saison. Fünf Tage später steht er in einem Endspiel.
Bundespokal und Nationalelf, 1925
Am 22. Februar 1925 gewinnt die norddeutsche Auswahl in Hamburg das Endspiel um den Bundespokal 2:1 gegen die Süddeutschen. Voß erzielt in der 58. Minute das 1:0, Tull Harder macht in der 80. Minute per Elfmeter den Siegtreffer. Im norddeutschen Team stehen auch Ali Beier vom Hamburger SV, Henry Müller und Carl Hartmann von Victoria Hamburg.
Fünf Wochen später steht Voß in der Nationalmannschaft. Am 29. März 1925 spielt Deutschland in Amsterdam gegen die Niederlande, bei kaltem, zeitweise strömendem Regen vor rund 30.000 Zuschauern. Nach der Utrechtschen Courant kommen die Deutschen zunächst zu den besseren Chancen: Sepp Herberger trifft den Pfosten, Harder vergibt aus bester Position nach einer Vorlage von Voß. Die Niederländer gehen kurz vor der Pause nach einem Zusammenprall mit Torwart Karl Zolper durch ein Tor in Führung, das die Zeitung »zweifelhaft« nennt, und legen nach der Pause nach. Das Anschlusstor erzielt Voß vier bis fünf Minuten vor Schluss nach einer Ecke von links, das DFB-Datencenter nennt die 78. Minute. Zum Ausgleich reicht es nicht mehr. Die Quellen sind sich über Zeitpunkt und Publikum nicht einig: Die Münchner Neuesten Nachrichten schreiben am 30. März 1925, der Ehrentreffer sei »10 Minuten vor Schluß« gefallen, und halten Deutschland nach dem 0:1 für »erheblich im Vorteil«. Die Coburger Zeitung nennt am 31. März »ca. 35 000 Zuschauer«. Die niederländischen Berichte fallen für die Deutschen auffallend freundlich aus, sie lobten Feldspiel und Kopfballspiel und beklagten nur den Mangel an guten Schützen im Sturm. Voß selbst taucht in ihnen häufig auf: Mehrere Zeitungen berichten von einem glänzenden Lauf von Voß, von einem harten Schuss, der vom Pfosten zurücksprang, und von einem Kopfball, der vom Kreuzeck zurück ins Feld sprang. Wie das Tor selbst fiel, schildern sie unterschiedlich: Die einen sprechen von einem sauberen Schuss in die untere linke Ecke, nachdem der Ball zweimal weggeräumt worden war, die anderen von einem harten Schuss ins verlassene Tor, nachdem Torwart Van der Meulen einen hohen Schuss von Sobek nur mit der Faust hatte abwehren können (niederländische Tageszeitungen vom 30. März 1925, übersetzt). Dass der Treffer von Voß kam, bestreitet keine der Fassungen.
Drei Monate später folgt die Reise in den Norden. Der DFB schickt nach Schulze-Marmeling 25 Spieler nach Skandinavien, von denen anschließend 15 nie wieder im Nationaltrikot stehen. Am 21. Juni verliert Deutschland in Stockholm 0:1, Voß spielt nicht mit.
Der große Tag: Helsinki, 26. Juni 1925
Fünf Tage später, im Töölön Pallokenttä in Helsinki, zählen 3.500 Zuschauer. Schiedsrichter ist der Schwede Sigfrid Benzer. Deutschland spielt mit Georg Ertl im Tor, im Sturm stehen Voß, Otto Montag, Karl Schulz, Paul Pömpner und Hans Ruch. Gegen Finnland hatte die Nationalelf noch nie gewonnen: 3:3 im September 1921, 1:2 im August 1923.
Es sieht lange danach aus, dass es dabei bleibt. Hjalmar Kelin bringt die Finnen nach der englischen Wikipedia in der 28. Minute in Führung, Aulis Koponen erhöht kurz nach der Pause per Elfmeter auf 2:0. Dann dreht Pömpner das Spiel. Er verkürzt in der 52. Minute, gleicht in der 71. aus, Ruch verwandelt in der 75. einen Elfmeter zum 3:2, Pömpner macht in der 79. das 4:2. Koponen verkürzt noch einmal auf 3:4 aus finnischer Sicht (83.). Und Voß, der Mann von der rechten Seite, trifft in der 87. Minute zum 5:3.
Die Münchner Neuesten Nachrichten feiern am 28. Juni 1925, die deutsche Vertretung habe »nach langer Pause endlich einmal wieder« in einem Länderkampf gesiegt, und finden die Mannschaft diesmal »in allen Reihen entsprechend besetzt« (Presseurteil). Das Tor entscheidet nichts mehr, es ist der Schlusspunkt. Die niederländischen Zeitungen bringen von dem Spiel nur Kurzmeldungen, der Telegraaf meldet aus Helsingfors das Ergebnis. Für Pömpner, der dreimal getroffen hat, ist das Spiel der Höhepunkt, für Voß der Abschied: Es ist sein letztes Länderspiel.
Zurück in Kiel: sechs Jahre Endrunde
Voß bleibt Holsteiner. Von 1924/25 bis 1931 gehört er wieder zu Holstein Kiel, mit dem er, so die Wikipedia, dreimal norddeutscher Meister wird (1926, 1927 und 1930). Von 1925/26 bis 1930/31 spielt der Verein jedes Jahr in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft, Voß bestreitet nach dem DFB-Datencenter 15 Endrundenspiele und schießt dabei vier Tore. Sein erstes Endrundenspiel macht er am 16. Mai 1926 in Kiel, beim 8:2 gegen den Stettiner SC. Das erste Tor folgt am 30. Mai 1926 in Berlin: In der 90. Minute erzielt er den Endstand beim 4:0 gegen den SV Norden-Nordwest.
Mit der norddeutschen Auswahl verliert er danach noch zwei Bundespokal-Endspiele, 1927 in Altona 0:1 gegen Mitteldeutschland und 1928 in Breslau 0:2 gegen Südostdeutschland.
Der Höhepunkt kommt 1930. Am 22. Juni steht Holstein im Düsseldorfer Rheinstadion im Endspiel gegen Hertha BSC. Kiel führt nach acht Minuten 2:0, Hertha dreht das Spiel, am Ende heißt es 4:5 aus Kieler Sicht. Voß spielt Rechtsaußen, nach der Wikipedia-Aufstellung, ein Tor schießt er nicht. Die Tore für Kiel erzielten Werner Widmayer, Oskar Ritter (zweimal) und Johannes Ludwig. Das Endspiel ist ausführlich in der Biografie von Hanne Sobek erzählt, die Kieler Seite in der von Johannes Ludwig.
Rückkehr nach Neunkirchen
1931 verlässt Voß Kiel ein zweites Mal und geht nach Neunkirchen. Dort spielt er in der Saison 1932/33 in der Bezirksliga Rhein/Saar des Süddeutschen Fußball-Verbands. Von 1933 bis 1936 kommt er in der Gauliga Südwest zum Einsatz. Weitere Stationen nennen die Quellen nicht.
Nach Angaben des Bundesarchivs, die die Wikipedia nach dem Zeit-Artikel von Armin Jäger vom 24. Juli 2024 wiedergibt, beantragte Voß am 9. August 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen. Er stirbt am 8. April 1978, den Ort nennen die Quellen nicht.
Voß oder Voss?
Bei den Endrundenspielen der späten zwanziger Jahre führt Libero (Band 38) außerdem einen Altonaer Spieler gleichen Namens, den »Appi« Voß. Er ist ein anderer Mann; dieser Text bezieht sich nur auf den Kieler Nationalspieler.
Das Lexikon von 1939 schreibt »Voß«, das DFB-Datencenter »Voss«. Gemeint ist derselbe Mann. Nicht zu verwechseln ist er mit anderen Trägern des Namens, die die Wikipedia in der Begriffsklärung nennt: dem Journalisten Kurt Voß (1896–1939), dem Maler Kurt Voss (1892–1967) und dem Unternehmer Kurt Ernst Nikolaus Voss (1897–1976). Als Nationalspieler ist in den Listen nur er verzeichnet.
Kurt Voß auf einen Blick
Geboren: 8.7.1900 in Kiel
Gestorben: 8.4.1978 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Holstein Kiel (1916–1921, 1925–1931), ABTS Bremen (1921/22), Borussia Neunkirchen (1922–1924, ab 1931)
Position: Rechtsaußen
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939)
Erfolge: Bundespokalsieger 1925, norddeutscher Meister 1926, 1927 und 1930, Deutscher Vizemeister 1930
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Sieg, 1 Niederlage), 2 Tore (1925)
Länderspiele
- 29.03.1925 Deutschland – Niederlande 1:2 – Tor zum 1:2 (78.)
- 26.06.1925 Deutschland – Finnland 5:3 – Tor zum 5:3 (87.)
Quellen
- Münchner Neueste Nachrichten (BSB digiPress): 30.3.1925, 28.6.1925; Coburger Zeitung, 31.3.1925
- DFB-Datencenter: Kurt Voss
- Wikipedia: Kurt Voß (Fußballspieler)
- Wikipedia: Kurt Voß (Begriffsklärung)
- Wikipedia (englisch): Kurt Voß
- DFB-Datencenter: Kurt Voss, Spielerprofil
- Wikipedia: Bundespokal
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Wikipedia: Holstein Kiel
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Armin Jäger: NS-Geschichte im Fußball, Die Zeit, 24. Juli 2024
- Delpher: niederländische Tageszeitungen vom 30. März 1925, u. a. Zeitung 1, Zeitung 2 und Zeitung 3
- Libero (IFFHS), Band 38: Endrunden 1926–1932
- Utrechtsche Courant und weitere niederländische Zeitungen, Ende März und Ende Juni 1925 (zitiert nach den Berichtsseiten der Länderspiele auf rasenpoesie.de)